Archiv für den Monat Juli 2009

Die Notwendigkeit einer politischen Architektur

Zumindest in Zeiten des Wahlkampfes sollte man davon ausgehen können, eine Vorstellung der jeweiligen Parteien davon zu erhalten, wie sie die Zukunft gestalten wollen. Leider ist das nicht möglich. Egal bei welcher der Parteien man sich erkundigt, sie verfügen zumeist über einen Katalog von Einzelmaßnahmen, für die sie sich stark machen oder die sie verhindern wollen, aber eine Idee davon, wie die Gesellschaft, in der wir leben, in einem Jahrzehnt aussehen soll, die erhält man unmittelbar nicht. Mittelbar hingegen schon, nämlich dann, wenn man sich vorstellt, wohin es führt, wenn die geballte strategische Impotenz sich weiterhin in ihrem phantasielosen Pragmatismus und beklemmenden Populismus seiner letzten Kräfte beraubt.

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, einen weltweit agierenden Architekten und Stadtentwickler zu erleben, als er bestimmte Konzepte für Metropolen, deren Entwicklung er mit betreibt, vorstellte. Er sprach zunächst von der Vision, die dem Konzept zugrunde lag, dann entfaltete er die verschiedenen Ideen, die mit der Vision korrespondierten. Zeitachsen entstanden, an denen sich die verschiedenen Ideen an bestimmten Orten materialisierten. Diesen Prozessen wiederum lagen einzelne Drehbücher zugrunde, in denen die szenischen Abläufe wie die Protagonisten beschrieben wurden.

Da es sich um Metropolen handelte, war ich in sehr starkem Maße beeindruckt von der Kraft der zugrunde liegenden Strategien wie der Fähigkeit, das Ideelle, Spirituelle, welches der Strategie anhaftete, zu verwandeln in konkrete Handlungsfelder, zu zudem zusammenhingen und in ihrer Sinnhaftigkeit miteinander vernetzt waren. Und nicht umsonst fiel mir dabei die Geschichte von Ciceros griechischem Rhetoriklehrer ein, der seinen Schülern verbot, Aufzeichnungen zu machen, sondern sie dazu aufforderte, in ein interessantes Gebäude zu gehen, sich die Räume zu merken und nach deren Anordnung die geplante Rede räumlich im Kopf zu entwickeln. Die logische Stringenz der einer einem Leitgedanken folgenden Architektur besticht durch ihre Gegenständlichkeit, weil sie begreiflich macht, worum es geht und gleichzeitig dazu einlädt, die Nutzung der Räume kritisch an den Maßstäben der Vision zu reflektieren.

Ein wesentliches Manko an der gegenwärtig zu beobachtenden Politik ist das Fehlen einer Vision und entsprechender architektonischer Blaupausen. Warum das so ist, darüber könnte man Bücher schreiben, deren Lektüre ausschließlich eine wummernde Frustration zur Folge hätte. So wie es scheint, sind die Akteure auf dem politischen Feld in ihrer großen Mehrheit nicht gewillt und/oder nicht fähig, in Dimensionen der politischen Architektur zu denken. Es verlangt Abstraktion wie Konkretisierung, es bedeutet Abschied und Reise und es beinhaltet das Angebot, sich messen zu lassen. Angesichts der Herausforderungen, die an globale funktionierende Gesellschaften gestellt werden, sind das die Voraussetzungen der Gestaltung.

Die Substanz vitaler Literatur

Jörg Fauser. Rohstoff

Mit 38 Jahren hatte er begonnen, den Roman zu schreiben. Quasi zu seinem vierzigsten Geburtstag 1984 erschien Rohstoff, drei Jahre vor seinem unerwarteten, mysteriösen und viel zu frühen Tod. Jörg Fauser war zum Zeitpunkt der Erstauflage ein Autor in der damaligen Bundesrepublik, der es geschafft hatte, aus dem Nichts und ohne protegiert worden zu sein, sich einen Namen in der Literaturszene zu machen. Sein Roman Der Schneemann war bereits ein Erfolg, mit dem Gedichtband Trotzki, Goethe und das Glück hatte er der Lyrik des Undergrounds in Deutschland einen bleibenden Impuls gegeben. Mit Rohstoff griff er mit sicherer Hand in die eigene Asservatenkammer. Fauser enthüllte der Öffentlichkeit die Mechanismen seiner eigenen Produktion.

Die Handlung des Rohstoff beginnt in Istanbul, genauer gesagt dem Stadtteil Tophane, wo der Protagonist Harry Gelb zusammen mit einem schwäbischen Maler in einer Dachkammer haust und beide ihrer Sucht nachgehen. Istanbul als Mekka der Junkies der sechziger Jahre wird beschrieben als ein Panoptikum der Suchenden, die auf ihrem Weg in die Freiheit auf den Pfad der chemischen Träume gelandet waren. Ob Opium oder Heroin, der Stoff hatte sie reduziert auf den Rhythmus der Sucht. Brutal und bedrückend wird das Existenzielle der Junkies freigelegt und es bleibt nichts von dem platonischen Traum der Erfüllung. Harry Gelb beginnt, die Reduktion seiner selbst in einfachen Wachsheften zu verbalisieren und bemerkt beim Schreiben, dass dieses selbst das Eigentliche ist, nach dem er sucht. Das Schreiben wird der Weg zur Emanzipation, doch bis dahin ist es ein langer Weg.

Harry Gelbs Stationen sind eine Kommune in Berlin, eine Mansarde in Göttingen, erneute Zwischenstationen in Istanbul und Amsterdam, bis er sich auf Frankfurt einpendelt, woher er, wie der Autor selbst, auch kommt. Dort beteiligt er sich bei einer Hausbesetzung, schlägt in der besetzten Westend-Villa zusammen mit Kommunisten, Anarchisten und Rockern sein Zelt auf, ist zeitweilig liiert mit einer Französin aus dem Bildungsbürgertum, befreundet mit einem griechischen Regisseur, arbeitet als Wachmann für eine Security-Firma, arbeitet als Packer auf dem Frankfurter Flughafen, klappert unzählige Verlage mit einem fehlerhaften Typoskript seines ersten Romans, des Stamboul Blues ab, säuft mit Rockern und Wahnsinnigen herum, lässt alle Bindungen an eine bürgerliche Existenz sausen, kommt vom Stoff los, um sich in den Alkohol zu retten und erlebt den Abstieg der so genannten Gegenkultur.

Das Fixum, der rettende Schirm im freien Fall bleibt die Gewissheit, dass das Schreiben das Medium seiner Existenz ist und sein wird. Rohstoff ist ein erschütterndes Bekenntnis zur Literatur, das sich nicht deckt mit den Konstitutionsprinzipien einer bürgerlichen Bildung und Ästhetik. Sie kommt von unten, von der Straße und der Erkenntnis, dass das Unten das Normale, das Leben Bestimmende ist und sein wird. Jörg Fauser würde in der kommenden Woche 65 Jahre alt. Er ist seit 22 Jahren tot und wurde nicht nur deshalb zum Mythos. Seine Bücher bleiben vital und lassen das Blut gerinnen, weil sie aus der Substanz, dem Rohstoff gewoben sind, der das Leben dominiert.

Indonesien stabilisiert sich

So wie es aussieht, hat sch der amtierende Präsident der Republik Indonesien, Susilo Bambang Yudhoyono, bereits im ersten Wahlgang erneut durchgesetzt. Seine Gegenkandidaten waren Megawati Sukarnoputri, die Tochter des Staatsgründers Sukarno und Jussuf Kalla, der ehemalige Vizepräsident unter Susilo Bambang Yudhoyono (SBY). Das Votum der Bevölkerung ist ein klares Ja zu einer fortgesetzten Dezentralisierung des Landes, einer Stärkung der Rechtsstaatlichkeit, einer massierten Bekämpfung der Korruption und einer Zerschlagung islamistischer Terrorgruppen. Auf allen Gebieten hat SBY in der zurück liegenden Amtsperiode Erfolge zu verzeichnen, wiewohl vieles von dem, was auf seiner Agenda steht, noch Jahre in Anspruch nehmen wird.

Nach 32 Jahren der durch den blutigsten Putsch des 20. Jahrhunderts an die Macht gekommenen Suharto, wurde dieser 1998 durch einen Volksaufstand aus dem Amt gejagt. Ihm folgten in kurzen Abständen die Präsidenten Habibi und Gus Dur, der wiederum von Megawati Sukarnoputri abgelöst wurde. Letztere genoss als Tochter des Staatsgründers Soekarno einen mythischen Status, dem sie durch ihre Passivität niemals gerecht wurde. Das größte islamische Land der Erde mit nunmehr 240 Millionen Einwohnern und einer extrem jungen Bevölkerung strebte nach Aufbruch, Demokratie und Freiheit, es war die Schattenspiele der alten Mächte leid und erwartete einen großen Sprung in die Freiheit.

Megawati erhielt 2004 die Quittung für ihre politische Lethargie. SBY hingegen verfügte über genügend Autorität, um Veränderungen einzuleiten, die nicht mehr die Aura der Revolution verströmten, aber in hohem Maße wirksam waren. Er packte heiße Eisen wie die Dezentralisierung an, obwohl ihr das Stigma einer alten Kolonialpolitik anhaftete, er ersetzte die alte plutokratische Politik durch eine voran schreitende Rechtsstaatlichkeit, rückte einer bis heute aus dem niederländischen Erbe stammenden organisierten Korruption im Beamtenapparat auf den Leib und zog ins Feld gegen die militante Form des Islamismus und zerschlug deren stärkste Version. Das alles in einem Land, das sich über 13.000 Inseln auf einer Fläche, die vergleichbar ist mit der Strecke Paris – New York und von vielen Völkern und Kulturen mit ca. 200 unterschiedlichen Sprachen bewohnt wird. Indonesien befindet sich auf dem Weg in die Moderne und bringt vieles mit, was als Kompetenz in einem globalisierten Weltgefüge einzigartig ist. Vieles spricht dafür, dass mit dem bestätigten Präsidenten eine Entwicklung fortgesetzt werden kann, die dem Land gut tut und seine Stellung in der Welt verbessern wird.

Gegen SBY sahen die Gegenkandidaten eher blass aus, Jussuf Kalla trat mit dem ehemaligen General Wiranto als Vize an, der zwar 1998 ein Blutbad verhinderte, indem er sich vor die Studenten gegen Einheiten des blutrünstigen Prabowo stellte, der, um das alte Schattenreich zu retten, alles veranstaltet hätte. Und genau diese monströse Figur kandidierte zusammen mit Megawati, was letztere bis ans Ende ihrer Tage diskreditiert haben müsste, denn schlimmer kann man nicht fallen. Kurzum, es besteht weiter Hoffnung im Land der speienden Vulkane, der bebenden Erde, der schwarzen Nächte und der schönen Frauen…