Archiv für den Monat Juni 2009

Ein Anruf aus der Vergangenheit

Kürzlich entdeckte ich auf meinem Handphone eine mir unbekannte Nummer unter der Rubrik „Anrufe in Abwesenheit“. Gewissenhaft wie ich bin, rief ich zurück. Es meldete sich eine Stimme, die mir vertraut war und die ich seit ungefähr zehn Jahren nicht mehr gehört hatte. Es war ein alter Bekannter, mit dem ich einmal im gleichen Viertel gewohnt hatte und mit dem ich öfters etwas unternommen hatte. Wir hatten uns aus den Augen verloren, wie man so metaphorisch sagt. Zunächst war ich für einige Jahre ins Ausland gegangen und wir hatten über die ganze Zeit über das Internet Kontakt gehalten. Als ich dann in meine Stadt zurückkehrte, kamen wir nicht mehr zusammen. Er war verschwunden und wir sahen uns nie wieder.

Jetzt erzählte er mir am Telefon, dass er durch Zufall mal wieder in der Stadt war und ihm ein gemeinsamer Bekannter quasi ins Auto gelaufen war. Dieser hatte ihm berichtet, dass er mich manchmal beim Schwimmen sah und wir uns immer gefragt hatten, was aus dem gemeinsamen Bekannten wohl geworden sei. Daraufhin hatte dieser dann gegoogelt und mich gefunden. Wir freuten uns beide und unterhielten uns, als hätte es die zehnjährige Pause gar nicht gegeben.

Peter, nennen wir ihn mal so, war, als ich ihn kennen lernte, Fernfahrer gewesen. Er pendelte regelmäßig zwischen den Fordwerken im rheinischen Köln und dem spanischen Valencia. Er schwärmte mir damals von Spanien vor und erzählte mir immer, dorthin wolle er einmal gehen, das Leben dort gefiele ihm einfach besser. Schon damals hasste er den Regelungswahn in Deutschland und die überbordende Bürokratie. Er blieb dann aber doch. Der eine Grund war eine Frau, der andere, dass er sich selbstständig gemacht und ein Unternehmen aufgebaut hatte.

Peter hatte geglaubt, ich sei noch im Ausland und war umso überraschter, mich hier anzutreffen. Eine seiner ersten Fragen war die, was ich denn zu der Entwicklung hier in Deutschland sagen würde. Ohne meine Antwort richtig abzuwarten, zog er mächtig vom Leder und sagte, der Weggang von hier sei für ihn aktueller denn je. Er hätte allerdings seinen Pass verbrannt, weil er alles, was auf dieses Land hinwiese, nicht mehr sehen könne. Schnell waren wir bei der gegenwärtigen Regierung, der Krise und deren Aktionen dagegen. Einen Plan sah Peter in keiner der Aktionen, denn alles, was dort geschehe, ließe Sachverstand vermissen, es gebe keine Führung, die wisse, wohin die Reise gehe und die Bundesrepublik sei von Staatsbürokraten aus der ehemaligen DDR längst übernommen worden. Spaß mache das alles nicht mehr und jeder sei gut beraten, der sich rechtzeitig aus dem Staub mache, um das Debakel hier nicht mehr miterleben zu müssen.

Begegnungen dieser Art häufen sich in der letzten Zeit. Es scheint, als suchten viele Menschen alte Kontakte, um noch jemanden anzutreffen, von dem sie ausgehen können, dass er ihr Entsetzen über die unerträglichen Entwicklungen teilt. Ob das helfen wird, weiß keiner, denn das Untermaß hat sich bereits gewaltig ausgebreitet. Aber man weiß ja nie. Jedenfalls werde ich mich demnächst mit Peter treffen. Und mir unbekannte Nummern rufe ich weiterhin zurück.

Das politische Personal versteht die Welt nicht mehr

Wenn es noch eines Beweises für das Unverständnis seitens der Politik für den Willen der Bevölkerung bedurft hätte, der nach der Europawahl am Sonntag lieferte genug, um das Verfahren gegen eine ganze Generation aufnehmen zu können. Sofern man dazu gewillt wäre. Sind die meisten aber schon nicht mehr. Und deshalb sammelt auch niemand mehr Material. Die Gleichgültigkeit in der Bevölkerung in Bezug auf die Denkfähigkeit vieler Politiker hat bereits die Sphären des Fatalismus erreicht. Nur endet dieser Niedergang nicht in Schicksalsergebenheit, sondern, so wie es aussieht, in eiskalter Rache am 27. September, wenn der neue deutsche Bundestag gewählt wird.

Nachdem bekannt war, dass die Konservativen mächtig verloren hatten und die Sozialdemokraten auf ihrem historischen Tief von 2004 bestätigt waren, und nachdem deutlich geworden war, dass die einzigen Zuwächse im Liberalismus und der Linksopposition zu verbuchen waren, zogen einige Protagonisten ihre Schlüsse.

Auf der konservativen Seite war die schnellste Reaktion die, dass nunmehr der Posten des EU-Kommissars aber an die Union falle. Und auf Seiten der Sozialdemokratie war man sich sicher, dass das Engagement für ein staatsmonopolistisches Krisenmanagement dem Wesen nach tiefes marktwirtschafliches Handeln verkörpert habe. Auch die Ökologisten sahen sich in ihrem Wert bestätigt, weil das Volk so dankbar sei für Ampelverpackungen und die Bannung der Glühbirne. Lediglich die Liberalen begriffen, wem sie den unaufhaltbaren Aufstieg zu verdanken hatten, nämlich der intellektuellen Begriffsstutzigkeit ihrer Mitkonkurrenten. Da man das nicht direkt sagt, zitierte deren Vorsitzender auch gleich Schiller, frisiert als äsopische Botschaft an die Wählerschaft, die es wohl verstand: Freude, schöner Götterfunken!

Nie wurde in Demokratien deutlicher, wie fern sich Politik von dem massenhaft Erlebten entfernt hat. Das, was gestern an Erklärungen für das Wahlverhalten in die Mikrophone gestammelt wurde, erinnerte in manchem Falle an die tragischen Sätze Marie Antoinettes, jener letzten traurigen Königin Frankreichs am Vorabend der Revolution. Als das Volk aufgrund einer schlimmen Hungersnot nach Brot schrie, fragte sie verwundert, warum die armen Kerle denn dann nicht zum Kuchen griffen, wenn das schnöde Brot halt mal knapp sei. Darauf, so wissen wir, formte sich einer der stechendsten Rufe der revolutionären Bewegung, „le pain est le droit du peuple“, sprich „das Brot ist das Recht des Volkes“ und schon kurz danach blinkte die Maschine des Doktor Guillotin bereits in der Pariser Morgensonne.

Was sagt uns das? Immer, wenn sich die Herrschaft mit dem Verstehen der Beherrschten schwer tut und dabei auch noch allzu viel dummes Zeug daher redet, kann es verdammt ungemütlich werden. Nur weil das alles so lange her ist, glaubt es keiner mehr. Das ist aber leichtsinnig, denn funktioniert hat es eigentlich immer, so weit man die Geschichtsbücher auch nach hinten schlägt.

Obamas globales Politik Design

Einen besseren Ort hätte sich der US-Präsident Barack Hussein Obama nicht aussuchen können. In der Universität Kairos, in der die großen Gelehrten des Islam Wissenschafts- und Philosophiegeschichte geschrieben haben und in einer Stadt, die einst als Blüte der islamischen Aufklärung galt, adressierte der neue Präsident der Vereinigten Staaten eine fundamentale Rede an die islamische Welt. Seine Worte waren Bahn brechend, weil sie alles, was in der Ost-West-Dichotomie als kulturell zementiert galt, zu Fall brachte. Die Authentizität, mit der Obama seinen Respekt an die islamische Welt formulierte, kam aus der Realität seiner eigenen Sozialisation. Als Sohn eines muslimischen Kenianers und als Kind in dem größten muslimischen Land der Erde, in Indonesien aufgewachsen, fand er die Worte, auf die man im Reiche Allahs hört.

Das Entree in einen ernst gemeinten Dialog mit Muslimen ist der Respekt. Ohne ihn geht es nicht, auch wenn die früheren US-Regierungen immer geglaubt hatten, ein Symbolik der Stärke vermöchte alle Türen zu öffnen, für die islamische Welt gibt es nur einen Schlüssel. Da Obama mit ihm die Tür öffnete, hörten ihm die Menschen im Einflussbereich des Islams auch noch zu, als er von den kulturellen, d.h. humanistischen Gemeinsamkeiten sprach, die in einem tiefen Sinne aufklärerischer Natur sind, was normalerweise schon dazu führt, dass sich die Ohren bei den verhärteten Positionen in der geostrategisch umkämpften Welt schließen. Und sie hörten sogar noch zu, als Obama begann diejenigen in der islamischen Welt zu kritisieren, die die Hoffnung der Menschen auf ein besseres Dasein missbrauchten, um eine der humanistischen Tradition zuwider laufende Politik durchzusetzen. Und sie atmeten erleichtert auf, als er auch die Kräfte nicht der Kritik entzog, die in der christlichen Hemisphäre eifrig dabei sind, eine Konkordanz mit der islamischen zu verhindern. Obama respektierte seine Zuhörer, sie nahmen ihm ab, dass er ihre Motive kannte und sie empfanden ihn als redlich. Das ist mehr, was je erreicht wurde und wurde nur möglich, weil dort ein Mensch stand, der mit seiner Biographie für die globale Gesellschaft bürgt.

Obama selbst und die Wirkung seiner Rede auf die islamische Welt machen deutlich, das der kulturell-zivilisatorische Purismus in der Politik nichts mehr zu bewegen imstande ist und der Vergangenheit angehört. Die zivilisatorisch multiple Sozialisation wird die biographische Eintrittskarte sein, um Politik in der globalen Interdependenz noch vermitteln zu können. Der kenianisch-muslimisch, indonesisch hawaiisch und nordamerikanisch beeinflusste Präsident, der in David Axelrod übrigens einen engsten Berater hat, der auf ein russisch-jüdisch-deutsches Sozialisationsszenario verweisen kann, verkörpert die Erkenntnis der zivilisatorischen Ungleichmäßigkeit dieser Welt und ist imstande, die komplizierten Mechanismen einer notwendigen Verständigung zu erkennen.

Und man hat ihn verstanden! Kurz darauf adressierten indonesische Menschenrechtler eine Botschaft an Obama, dass sie auf seine Unterstützung rechneten und Studenten im Iran verfassten eine Resolution an ihre Brüder und Schwestern in der islamischen Welt, dass die Zeit gekommen sei, die Welt als eine unteilbare zu begreifen, ohne den Anspruch auf Hegemonie. Die Zeiten eines globalen Politikdesigns sind bereits angebrochen, auch wenn das viele Monokulturen noch nicht bemerkt haben!