Einen besseren Ort hätte sich der US-Präsident Barack Hussein Obama nicht aussuchen können. In der Universität Kairos, in der die großen Gelehrten des Islam Wissenschafts- und Philosophiegeschichte geschrieben haben und in einer Stadt, die einst als Blüte der islamischen Aufklärung galt, adressierte der neue Präsident der Vereinigten Staaten eine fundamentale Rede an die islamische Welt. Seine Worte waren Bahn brechend, weil sie alles, was in der Ost-West-Dichotomie als kulturell zementiert galt, zu Fall brachte. Die Authentizität, mit der Obama seinen Respekt an die islamische Welt formulierte, kam aus der Realität seiner eigenen Sozialisation. Als Sohn eines muslimischen Kenianers und als Kind in dem größten muslimischen Land der Erde, in Indonesien aufgewachsen, fand er die Worte, auf die man im Reiche Allahs hört.
Das Entree in einen ernst gemeinten Dialog mit Muslimen ist der Respekt. Ohne ihn geht es nicht, auch wenn die früheren US-Regierungen immer geglaubt hatten, ein Symbolik der Stärke vermöchte alle Türen zu öffnen, für die islamische Welt gibt es nur einen Schlüssel. Da Obama mit ihm die Tür öffnete, hörten ihm die Menschen im Einflussbereich des Islams auch noch zu, als er von den kulturellen, d.h. humanistischen Gemeinsamkeiten sprach, die in einem tiefen Sinne aufklärerischer Natur sind, was normalerweise schon dazu führt, dass sich die Ohren bei den verhärteten Positionen in der geostrategisch umkämpften Welt schließen. Und sie hörten sogar noch zu, als Obama begann diejenigen in der islamischen Welt zu kritisieren, die die Hoffnung der Menschen auf ein besseres Dasein missbrauchten, um eine der humanistischen Tradition zuwider laufende Politik durchzusetzen. Und sie atmeten erleichtert auf, als er auch die Kräfte nicht der Kritik entzog, die in der christlichen Hemisphäre eifrig dabei sind, eine Konkordanz mit der islamischen zu verhindern. Obama respektierte seine Zuhörer, sie nahmen ihm ab, dass er ihre Motive kannte und sie empfanden ihn als redlich. Das ist mehr, was je erreicht wurde und wurde nur möglich, weil dort ein Mensch stand, der mit seiner Biographie für die globale Gesellschaft bürgt.
Obama selbst und die Wirkung seiner Rede auf die islamische Welt machen deutlich, das der kulturell-zivilisatorische Purismus in der Politik nichts mehr zu bewegen imstande ist und der Vergangenheit angehört. Die zivilisatorisch multiple Sozialisation wird die biographische Eintrittskarte sein, um Politik in der globalen Interdependenz noch vermitteln zu können. Der kenianisch-muslimisch, indonesisch hawaiisch und nordamerikanisch beeinflusste Präsident, der in David Axelrod übrigens einen engsten Berater hat, der auf ein russisch-jüdisch-deutsches Sozialisationsszenario verweisen kann, verkörpert die Erkenntnis der zivilisatorischen Ungleichmäßigkeit dieser Welt und ist imstande, die komplizierten Mechanismen einer notwendigen Verständigung zu erkennen.
Und man hat ihn verstanden! Kurz darauf adressierten indonesische Menschenrechtler eine Botschaft an Obama, dass sie auf seine Unterstützung rechneten und Studenten im Iran verfassten eine Resolution an ihre Brüder und Schwestern in der islamischen Welt, dass die Zeit gekommen sei, die Welt als eine unteilbare zu begreifen, ohne den Anspruch auf Hegemonie. Die Zeiten eines globalen Politikdesigns sind bereits angebrochen, auch wenn das viele Monokulturen noch nicht bemerkt haben!
