Das politische Personal versteht die Welt nicht mehr

Wenn es noch eines Beweises für das Unverständnis seitens der Politik für den Willen der Bevölkerung bedurft hätte, der nach der Europawahl am Sonntag lieferte genug, um das Verfahren gegen eine ganze Generation aufnehmen zu können. Sofern man dazu gewillt wäre. Sind die meisten aber schon nicht mehr. Und deshalb sammelt auch niemand mehr Material. Die Gleichgültigkeit in der Bevölkerung in Bezug auf die Denkfähigkeit vieler Politiker hat bereits die Sphären des Fatalismus erreicht. Nur endet dieser Niedergang nicht in Schicksalsergebenheit, sondern, so wie es aussieht, in eiskalter Rache am 27. September, wenn der neue deutsche Bundestag gewählt wird.

Nachdem bekannt war, dass die Konservativen mächtig verloren hatten und die Sozialdemokraten auf ihrem historischen Tief von 2004 bestätigt waren, und nachdem deutlich geworden war, dass die einzigen Zuwächse im Liberalismus und der Linksopposition zu verbuchen waren, zogen einige Protagonisten ihre Schlüsse.

Auf der konservativen Seite war die schnellste Reaktion die, dass nunmehr der Posten des EU-Kommissars aber an die Union falle. Und auf Seiten der Sozialdemokratie war man sich sicher, dass das Engagement für ein staatsmonopolistisches Krisenmanagement dem Wesen nach tiefes marktwirtschafliches Handeln verkörpert habe. Auch die Ökologisten sahen sich in ihrem Wert bestätigt, weil das Volk so dankbar sei für Ampelverpackungen und die Bannung der Glühbirne. Lediglich die Liberalen begriffen, wem sie den unaufhaltbaren Aufstieg zu verdanken hatten, nämlich der intellektuellen Begriffsstutzigkeit ihrer Mitkonkurrenten. Da man das nicht direkt sagt, zitierte deren Vorsitzender auch gleich Schiller, frisiert als äsopische Botschaft an die Wählerschaft, die es wohl verstand: Freude, schöner Götterfunken!

Nie wurde in Demokratien deutlicher, wie fern sich Politik von dem massenhaft Erlebten entfernt hat. Das, was gestern an Erklärungen für das Wahlverhalten in die Mikrophone gestammelt wurde, erinnerte in manchem Falle an die tragischen Sätze Marie Antoinettes, jener letzten traurigen Königin Frankreichs am Vorabend der Revolution. Als das Volk aufgrund einer schlimmen Hungersnot nach Brot schrie, fragte sie verwundert, warum die armen Kerle denn dann nicht zum Kuchen griffen, wenn das schnöde Brot halt mal knapp sei. Darauf, so wissen wir, formte sich einer der stechendsten Rufe der revolutionären Bewegung, „le pain est le droit du peuple“, sprich „das Brot ist das Recht des Volkes“ und schon kurz danach blinkte die Maschine des Doktor Guillotin bereits in der Pariser Morgensonne.

Was sagt uns das? Immer, wenn sich die Herrschaft mit dem Verstehen der Beherrschten schwer tut und dabei auch noch allzu viel dummes Zeug daher redet, kann es verdammt ungemütlich werden. Nur weil das alles so lange her ist, glaubt es keiner mehr. Das ist aber leichtsinnig, denn funktioniert hat es eigentlich immer, so weit man die Geschichtsbücher auch nach hinten schlägt.