Archiv für den Monat April 2009

Denn sie können nicht, was sie tun…

Seit langem kursiert das nicht zum Schweigen zu bringende Gerücht, dass Wladimir Iljitsch Lenin, der Machtmensch, Stratege und geniale Reduzierer von Komplexität einmal erklärt haben soll: Wann haben wir einen revolutionären Zustand? Dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen! Und ob diese Kurzdefinition nun von Lenin daselbst gegeben wurde oder nicht, ist für die weitere Betrachtung unerheblich.

Tatsächlich nämlich ist die Kurzformel sicherlich eine sehr treffende Beschreibung für eine existenziell gesellschaftliche Krise. Wenn die Herrschenden, Mächtigen und Funktionsträger mit ihrem Latein am Ende sind, muss das noch lange nicht heißen, dass sich etwas ändert. Denn die große Masse kann dennoch dumpf dem Niedergang zuschauen, ohne dass sie sich bequemen würde das Vakuum, welches sich durch Unfähigkeit und Planlosigkeit auftut, mit Zorn und Unwillen zu füllen und nach Alternativen zu suchen. Und besonders der deutsche Michel ist seit jeher als Genosse Gleichmut und Bruder Wurstigkeit eine durchaus beständige Größe im Ablauf der Zeit.

Ist jedoch auch unten, dort, wo produziert und konsumiert wird und wo das Debakel in der Höhe seinen brutalen Niederschlag findet, ist dort der Wille angekommen, das Elend und die Demütigung nicht mehr hin zu nehmen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Unfähigen zum Teufel gejagt werden und der Geist des Aufstands für eine lange Nacht den Thron besteigt. Dann herrschen für eine Weile die Sterne, und wer wach bleibt und nach ihnen greift, der findet sich im eben noch gehassten Oben wieder.

Dass wir, die reunierte Nation der Deutschen, in einer Phase weltweiter Finanzkrise und Neuordnung der Welt, immer deutlicher so regiert werden, dass die Beschreibung zuträfe, die oben nicht könnten nicht mehr, muss nicht kontrovers diskutiert werden. Das schlichtweg Ideologische, Affirmative steht nur noch im Vordergrund, die Intelligenz befindet sich jedoch schon auf der Flucht und das Wohl der Regierten darbt schon lange im Exil. Es kann sich nur noch die Frage stellen, inwieweit es unten so aussieht, dass die Massen dort nicht mehr wollen.

Doch, damit wir nicht übermütig werden, dem ist nicht so. Denn die Empörung über das governmentale Desaster und die Chuzpe der Selbstbedienung wirkt nicht gegen das Sedativum, welches kalt berechnend gereicht wird in Form von Pendlerpauschalen und Abwrackprämien, deren wichtigste Nebenwirkung ein Delir ist, dass die Differenzierung zwischen Oben und Unten nicht mehr zulässt. Seit langem schon steht in der Anamnese, dass es Probleme beim Umgang von Statik und Dynamik gibt. Und jetzt noch das!

Die utopische Dimension der Heimat

Joseph O´Neill: Netherland

Mit dem Erscheinen seines Romans „Niederland“ wird der in Irland geborene, in den Niederlanden aufgewachsene und in New York City lebende irisch-türkische Anwalt Joseph O´Neill als Autor eines berechtigten Bestsellers gefeiert. Der Roman erschien erstmals 2008 bei Fouth Estate in Großbritannien, erstürmte sofort den englischsprachigen Buchmarkt und liegt nun in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Niederland“ vor.

Die Hauptfigur Hans van den Broek ist ein niederländischer Banker, der für sein Bankhaus im Ölgeschäft tätig ist und mit seiner Frau von London nach New York City geht, die dort einen Job bekommen hat wo er selbst schnell wieder in seiner Branche Fuß fasst. Mit seiner Frau und dem kleinen Sohn erlebt er dort das Drama des 11. September mit seinen psychologischen und politischen Folgen. Während seine Frau die Konsequenzen, die die Bush-Administration aus dem Terrorakt zieht, nicht einverstanden ist und sich nicht mehr wohl fühlt, hält van den Broek an New York fest, weil er sich aus unbestimmten Gründen von dieser Stadt nicht lösen kann. Während seine britische Frau mit dem Sohn zurück nach London geht und die Ehe eine lange Trennung und Krise durchlebt, bleibt van den Broek in New York City. Im Taxi lernt er dann einen Pakistani kennen, der ihn zum Cricket einlädt. Van den Broek, der diesen Sport in seiner niederländischen Heimat als Junge selbst gespielt hat, folgt der Einladung und trifft auf einem alten Gelände auf Gouvernor´s Island eine aus Einwanderern ehemaliger britischer Kolonien bestehende Gemeinde, die das Cricketspiel als eine Art der kulturellen Identität pflegt.

Dort lernt er auch Chuck Ramkissoon aus Trinidad kennen, der sich mit seiner neuen Heimat, den USA, identifiziert und sich und sein natives Erbe in die Neue Welt retten will. Im Laufe ihrer mehr als zweijährigen Bekanntschaft bemerkt van den Broek die vielen Seiten Ramkissoons, der nicht nur das Cricket kommerzialisieren will, sondern auch in dubiosen Wettgeschäften mit einem jüdisch-russischen Strohmann tätig ist und eigenartigen Immobiliengeschäften nachgeht. Trotzdem fasziniert van den Broek die Leidenschaft Ramkissoons und seine ungeschmälerte Begeisterungsfähigkeit, dessen Alltagsfinesse und Orientierungsstärke in einer Geographie der Intransparenz. Was den Westindie und den Niederländer verbindet, ist die Suche nach Identität, ohne die Wurzeln zu leugnen. Obwohl in unterschiedlichen Welten und Wertesystemen aufgewachsen, teilen sie die Suche nach Heimat und die Reflexion über die Frage, wie viel man aus der alten Lebenswelt als Gepäck in die neue nehmen kann, um das eigene Dasein nicht zur Tristesse verkommen zu lassen. Nachdem van den Broek nach London zu seiner Familie zurück gegangen ist, was ihn nicht glücklicher macht, erfährt er, dass Chuck Ramkinsoons Leiche in Ketten auf dem Grund eines New Yorker Kanals gefunden wurde, wo sie lange gelegen haben muss. Die genauen Umstände bleiben im Dunkeln, weil sie für die Botschaften des Buches unerheblich sind. Beide scheitern, der eine kehrt unglücklich in eine ihm ebenfalls fremde Welt zurück, der andere geht im wahrsten Sinne des Wortes unter.

Joseph O´Neill gelingt mit seinem Roman Netherland eine großartige Erzählung, die ohne das schwülstig-romantische von Heimat bezogenen Reflexionen auskommt. Vielmehr wird deutlich, dass das vertikale Spannungsfeld des Heimatbegriffs biographisch keine eindeutige Verlaufslinie von unten nach oben aufweist. Es sind nicht die Niederlande, aus denen van den Broek stammt, sondern es ist das fragmentarische Niederland, dass dem Konzept New Yorks zugrunde liegt und es ist nicht das traditionell akribische Reglement des Cricketspiels, das faszinieren kann, sondern seine zivilisatorische Botschaft, die den Reiz für die Überlebenseliten ausmachen kann. Van den Broek, dessen melancholische Erzählstimme man bei der Lektüre immer im Kopf hat, berichtet von der großen Reise des Alten Europa in eine Neue Welt und seiner Begegnung mit seiner eigenen kolonialen Vergangenheit. Es ist ein Epos von Abschied und Findung, wobei der Abschied immer dominiert. Der von der Utopie getragene Optimismus sorgt für eine Dynamik, die nicht ohne Trauer auskommt bei der Suche nach dem, wie Ernst Bloch es in seinem Prinzip Hoffnung ausdrückte, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

New York City V. Schweinebraten in Chelsea

Im Oktober 2008 herrschte Hochwahlkampf in den USA. Zudem war seit wenigen Tagen die Spekulationsblase mit lautem Knall geplatzt. Namen wie Lehman Brothers, Fanny May und Freddie Mac zischten durch die windigen Straßen Manhattans wie gruselige Ankündigungen des Satans. Die Zeitungen, die Newsmagazine, die Fernsehstationen und das Internet waren voll von sensationellen Enthüllungen über die Finanzverbrechen, die an der Wall Street begangen worden waren. Die Menschen auf der Straße bewegte nichts anderes. Puertoricanische Bananenverkäufer schimpften auf Bush, irische Maurer warfen mit ihren Miller Light Dosen nach fetten, schwarzen SUVs, in Little Italy gab es schon am ersten Tag des großen Knalls eine Pizza namens banca rotta und alles spielte verrückt. Banker ohne Krawatten huschten wie beim Ladendiebstahl erwischte Novizen schuldbewusst an den Fressständen der 5th Avenue vorbei, wobei sie von Afroamerikanern mit lautem Klatschen noch weiter gescheucht wurden. New York City war mal wieder Mittelpunkt der Welt, ohne dass es diesmal mit einem Gefühl des inneren Triumphes, sondern dem Empfinden tiefer Scham oder tief sitzender Wut wahrgenommen wurde. Es lag nicht etwas in der Luft, nein, es flimmerte, war siedend heiß und alle warteten darauf, dass es entflammte.

Gleichzeitig befanden sich die USA in dem wohl aufregendsten Wahlkampf seit dem II. Weltkrieg. Nachdem George W. Bush nach zwei Amtsperioden dem Land einen Scherbenhaufen hinterließ, auf dem unter anderem ein furchtbar teuerer und wenig erfolgreicher Krieg im Iran, wirtschaftlich am Boden liegende Schlüsselindustrien, eine große Schere von arm und reich, ein weltweites moralisches Legitimationsproblem einer Supermacht und eine an die Depression grenzende Perspektivlosigkeit zu finden waren, stieg der Stern von Barack H. Obama. Der Politiker aus Chicago war jung, afroamerikanisch, dynamisch und vor allem ideenreich. Er war aus Illinois hervorgeprescht und hatte mit seiner entfesselnden Rhetorik und seinem Charisma nicht nur das demokratische Establishment um Hillary Clinton hinweggefegt, sondern er machte sich nun auch daran, die Republikaner in die Flucht zu schlagen. Barack Obama galt als klug, fair und volksnah. Das wenige, was ihm die politisch ziemlich herab gewirtschaftete Gegenseite vorwerfen konnte, war seine Unerfahrenheit im politischen Weltgeschäft, was allerdings als eine Bedingung für die Eignung zur Führung als der globalen Supermacht galt. Seine Klugheit bestand darin, dass er mit Joe Biden einen Politiker als seinen potenziellen Vizepräsidenten hervorzauberte, der allen formulierten Kritikpunkten, die auf mangelnde Erfahrung zielten, den Boden entzog. Joe Binden war Anfang sechzig, weiß, ein Urgestein in der nationalen parlamentarischen wie in der Weltpolitik, stammte aus dem den Wind des Südens tragenden Delaware und stammt aus der Arbeiterklasse. Ein Grandseigneur der Politik mit Manschetten so steif wie die Atlantikbrise, den diverse Schicksalsschläge nicht aus der Bahn geworfen hatten.

Auf der anderen, der republikanischen Seite kandidierte John McCain, ein Vietnamkriegsheld, ein Veteran und Kriegsgefangener, der nach jugendlichem Abenteurertum den schweren Gang in die vietnamesische Kriegsgefangenschaft angetreten hatte, obwohl ihn Privilegien hätten davor bewahren können. Nach dem Kriege war er über Jahrzehnte in politischen Funktionen und Ämtern für die republikanische Partei, ein so genannter alter Hase, der alle Finten kannte, respektabel auch er, aber nach dem Desaster der Bush-Ära war er wohl nicht das Symbol für den Wandel, das sich die amerikanischen Wähler so wünschten. Was der junge, afroamerikanische Präsidentschaftskandidat mit seinem erfahrenen weißen Vize demonstriert hatte, versuchte nun auf republikanischer Seite der alte, erfahrene weiße Republikaner mit einer jungen, dynamischen Frau aus Alaska. Sie entpuppte sich schnell als ein attraktives Flintenweib, das der Wildnis trotzen konnte, stock konservativ, aber respektlos wehrhaft sein konnte. Sarah Palin war die Kandidatin der Republikaner für das Amt der Vizepräsidentin und das Gesamtarrangement machte den Wahlkampf neben seinen politischen Auseinandersetzungen auch noch durch seine personelle Besetzung besonders interessant. Jeden Tag befanden sich die Kandidaten auf Wahlkampftour und hielten Reden und im Fernsehen waren Duelle sowohl von Obama und McCain als auch Biden und Palin vorgesehen.

Wir befanden uns bereits seit drei Wochen im Land, hatten nach einer Woche New York City ein paar erholsame Tage auf Long Island gehabt und waren dann über Cape Cod nach Boston gefahren, uns dort von dem imperialen Einfluss der Iren überzeugen können und uns den europäisch-intellektuell geprägten Landstrich Neuenglands angesehen. Immer wieder waren wir Zeugen hitziger werdender Wahlkampfauseinandersetzungen geworden, hatten dennoch die insgesamt große Sachlichkeit genossen und es uns gut gehen lassen. Nun waren wir wieder nach New York City zu unseren Freunden zurückgekehrt und wir hatten noch einige Tage. Es handelte sich um Erin und Frank, die ihrerseits in Chelsea im Stadtteil Manhattan wohnten. Chelsea galt im ganzen 20. Jahrhundert als ein Hort der Boheme, was sich bis zum heutigen Tag nicht geändert hat. Zwei Straßen von dem Apartment unserer Freunde befand sich das Chelsea Hotel, in dem nicht nur Schriftsteller wie Arthur Miller, Behan Brendan, Thomas Wolfe, Truman Capote oder Dylon Thomas, sondern auch Musiker wie Jimi Hendrix, Bob Dylan und Janis Joplin gewohnt hatten. Irgendwie wirkte in Chelsea alles unprätentiös und normal, eine emotionale Nüchternheit, wie sie nur wahre Metropolen in der Lage sind, hervorzubringen.

Unsere letzten Tage in New York sollten eine Art Farewell Party beinhalten und Erin hatte vorgeschlagen, zu dem Fernsehduell zwischen Joe Biden und Sarah Palin noch ein befreundetes Paar einzuladen, gut zu kochen, einen guten Wein dazu zu trinken und sich dann anzusehen, wie Joe Biden Sarah Palin filettierte. Denn damit wurde gerechnet, vor allem von unserer Gastgeberin Erin, eine irisch-stämmige Journalistin und Demokratin reinsten Wassers. Frank, ihr Ehemann, war da eher liberal, zumal er ein Deutscher mit Mannheimer Wurzeln ist und tief in seinem Innern immer noch ein deutsches mit einem amerikanischen Uhrwerk konkurriert, obwohl er schon ein Dutzend Jahre in New York City lebt und arbeitet.

Da wir bei den beiden so herzlich aufgenommen worden waren und ich um Franks ausgeprägtes Heimweh nach deutscher Küche spätestens nach unserem halsbrecherischen Unterfangen wusste, 10 Dosen Pfälzer Leberwurst durch die strengen Zollkontrollen des John F. Kennedy Airports zu schleusen, schlug ich kurzerhand vor, ich könne ja etwas typisch Deutsches kochen. Vor allem Frank fand es sogleich großartig und er wünschte sich sogleich einen Schweinebraten. Meine Frau bot sich an, für Rotkraut und Knödel zu sorgen, während ich den Braten zur Chefsache erklärte.

Am Morgen des abendlichen Fernsehduells zog ich also zusammen mit Erin und meiner Frau zum Einkaufen los, während Frank sich zu seinem Arbeitsplatz in der 3rd Avenue auf den Weg machte. Und auch bei dem noch in der Morgenkühle stattfindenden Einkauf vernahmen wir wieder sehr schnell Anzeichen für die Dünnhäutigkeit der New Yorker in jenen Tagen. Als wir eine alte Dockhalle, die sich zu einem sehr schönen Markt entwickelt hatte betraten, wurden wir Zeugen eines Dialogs zwischen einem afroamerikanischen Wachmann und einem offensichtlich homosexuellen Hundeliebhaber. Der Hundeliebhaber wollte gerade die Markthalle betreten, als ihm der Mann der Security, der hinter einer Art Theke im Eingangsbereich residierte bedeutete:

„Sir, es tut mir leid, aber hier sind keine Hunde erlaubt!“
Worauf der Besucher, einen kleinen weißen, nach dem letzten Schrei der Mode getrimmten Pudel auf dem Arm antwortete,
„Entschuldigung, das kann nicht sein, ich habe bereits einen anderen Hund hier herum laufen sehen!“
Wohin gegen der Wachmann sein Eingangsstatement exakt wiederholte:
„Sir, es tut mir leid, aber hier sind keine Hunde erlaubt!“
„Das kann doch gar nicht sein, Sir“, so der Besucher, „wie ich schon sagte, ich habe bereits einen anderen Hund hier herum laufen sehen!“
Nun straffte sich der Vertreter der Ordnung und wurde etwas eindringlicher und lauter:
„Dieser Hund da, der kommt mir hier nicht rein!“
„Ja aber warum denn nicht, das macht doch keinen Sinn!“
„Doch, dieser weiße Hund kommt nicht in diesen Markt!“
„Ja, was hat denn jetzt die Farbe damit zu tun?“
„Ich sage es jetzt zum letzten Mal, diese weiße Schlampe hat hier nichts zu suchen!“
Letztendlich schüttelte der Pudelbesitzer nur noch den Kopf und verließ den Eingangsbereich.

Hatte ich so richtig Spaß an dieser Szene gehabt, so war Erin es ein wenig peinlich. Wir behielten aber unseren Einkaufszettel im Auge, kauften Salat und vor allem Rotkohl und sahen uns die diversen kulinarischen Angebote fasziniert an. An einem italienischen Stand mit Antipasti beobachtete ich, wie Erin sich angeregt mit dem Verkäufer unterhielt und plötzlich ein paar Dollarscheine von der irischen in die italienische Hand wanderten, sehr diskret, ohne dass etwas ge- oder verkauft worden war. Ich nahm es lediglich zur Kenntnis.

Als wir alles beisammen hatten, kamen wir zum letzten aber wichtigsten Einkauf. In der 8th Avenue befand sich ein Fleischerladen, den wir betraten. Es war ein sehr kleiner Raum mit einer Theke, in der zwei, drei große Stücke Fleisch und einige abgepackte Würste des deutschen Metzgers aus Yorkville, östlich des Central Parks lagen, tituliert als German Bratwurst and German Liverwurst. Mit unserem Eintreten erschien ein sympathisch aussehender Mann mittleren Alters aus dem Hinterraum, der eine große, weiße Plastikschürze vorgebunden hatte und ein blau-weiß gestreiftes Hemd trug. Erin und er kannten sich und begrüßten sich entsprechend herzlich.

Nachdem Erin ihm vorgetragen hatte, dass wir einen großen Schweinebraten suchten, weil ich anlässlich unseres Besuchs den nach deutscher Art zubereiten wolle, hellte sich sogleich sein Gesicht auf. Zunächst fragte er mich, was ich denn genau machen wolle und als ich ihm mein Rezept für einen Senfkrustenbraten beschrieb, schnalzte er lachend mit der Zunge und fragte scherzhaft, ob an der Tafel noch ein Platz frei sei. Danach fragte er, ob der Braten eher mager, oder durchwachsen sein solle. Meine mich begleitenden Frauen flöteten gleich die Magerkeitshymne, aber meinem skeptischen Gesicht sah der Mann gleich an, dass es auf etwas anderes hinauslief. Er bedeutete uns, dass er ins Kühlhaus gehen und uns zwei unterschiedliche Beispiele herausholen wolle.

Als er nach hinten verschwunden war, fragte ich Erin, woher der Mann denn käme, denn sein Akzent war sehr speziell. Dass er ein Italo war, hatte ich richtig erraten, aber seine spezielle sprachliche Provenienz war die Bronx. Der Mann kam heraus und legte uns einen sehr mageren, zu meinem erdachten Zwecke nicht geeigneten Braten und ein schön durchwachsenes Exemplar auf den Tisch. Als mich die Frauen halb fragend ansahen und schon ansetzten, um auf das magere Stück deuteten, zeigte ich unmissverständlich auf die aus ihrer Sicht fettere Variante, was unserem Fleischer gleich die Sonne ins Gesicht trieb. Das ist eine sehr gute Entscheidung, sagte er lachend und begann sogleich die ganz fetten Enden abzuschneiden und den Braten in ein gut aussehendes Paket zu verwandeln, indem er hier und da zurechtschnitt und alles schön mit einem Faden zusammenband. Wir verabschiedeten uns herzlich und wir hatten unsere Sympathie zueinander entdeckt. Als ich einige Tage später allein die 8th Avenue auf der anderen Straßenseite entlang schlenderte, kam der Mann sogar aus dem Laden gestürzt und winkte mir überschwänglich über die überaus breite und befahrene Straße zu, als seien wir alte Freunde, die sich ewig nicht gesehen hatten. So schnell finden ein Italo aus der Bronx und ein Westfale aus Mannheim zueinander!

Nach unseren Einkäufen brachten wir alles in die Wohnung in Chelsea, Erin hatte zu arbeiten und wir ließen sie am Nachmittag allein, um uns die Zeit ein wenig im Village zu vertreiben. Am späten Nachmittag kamen wir zurück und begannen zu kochen.

Irgendwann traf Frank ein, warf seine blaue Finanzuniform ab und eine gute Stimmung kam auf. Die ersten Biere wurden getrunken, es roch immer besser, der Tisch wurde gedeckt und via Internet ein Bebob-Sender kreiert, der uns sehr gute Musik lieferte. Während ich immer wieder in der Küche stand, um den Prozess der Reife des Bratens in dem amerikanisch überdimensionalen Gasbackofen zu beobachten, deckten die anderen den Tisch und alberten ziemlich herum. Irgendwann während dieser ausgelassenen Geschäftigkeit klingelte es und ich hörte aus der Küche heraus eine Frauenstimme.

Selbige tauchte plötzlich hinter mir auf. Als ich mich umdrehte, stand ein ultrablondes Wesen mit türkisfarbenen Augen und strahlend weißen Zähnen vor mir, lachte mich an und stellte sich mir vor mit, High, I´m Ann! Und noch bevor ich etwas aus meinem Senfkrustenteint antworten konnte, deutete sie, immer noch strahlend, auf den Boden und schob nach And that´s Rocky! Dort unten stand ein weißer, verkleideter Pudel, der um den Rumpf eine rot karierte Jacke trug und mich mit leuchtenden Augen ansah. Etwas überrascht brummte ich zurück, ich sei der Besuch aus Germany und freue mich, so zauberhafte Wesen zu treffen, als Ann gleich ablenkte und den Geruch des Bratens pries. Wir gingen zusammen, auch mit Rocky, auf den Freund hatte ich gleich ein skeptisches Auge geworfen, ins Wohnzimmer und Ann erzählte auf Nachfrage, Kirk suche noch einen Parkplatz und käme gleich.

Wir nahmen am Tisch Platz und ich erfuhr, dass Ann und Erin zusammen Journalismus studiert und ein gemeinsames Volontariat bei einem Provinzblatt in Massachusetts absolviert hatten und Ann mittlerweile in Los Angeles lebte. Dann klingelte es erneut und kurze Zeit später erschien laut polternd Anns Lebensgefährte Kirk, etwas klein und bullig, in einem weit aufgeknöpften Hawaiihemd, langhaarig und bärtig und mit zwei Flaschen Wein winkend. High, I´m Kirk from California, I´ve got some nice wine from there especially for you to get the taste of the sun. Auch Kirk setzte sich zu uns, stellte beide Flaschen neben sich und öffnete sogleich die erste und bediente sich. Nachdem er sich nach unserer Herkunft und Tätigkeit erkundigt hatte, stellte er sich als Director der Muppets Show vor, der bis Ende des Jahres in New York weile, um eine Weihnachtsgeschichte für diese Show zu arrangieren.

Irgendwann zog ich mich in die Küche zurück und als der mit vielen Vorschusslorbeeren angekündigte Senfkrustenbraten auf einer großen Platte den Tisch erreichte, hatte Kirk bereits die erste Flasche Rotwein geleert und griff gleich nach der Platte, die er bei sich postierte und von dort aus an alle anderen verteilte. Frank bekam auch reichlich zugeteilt, die Damen aßen mäßig, aber vollen Lobes und Kirk und Frank feierten die Mutter aller Schlachten. Sie langten hin, dass es einem warm ums Herz wurde und spülten kräftig mit Wein nach. Die Stimmung stieg und stieg und als die Teller und Töpfe leer waren und auf die Uhr schauten, wurde es auch schon Zeit, den Fernseher anzuschalten, um das Duell von Sarah Palin und Joe Biden anzusehen.

Nachdem die beiden mit viel Pomp eingeführt waren, legte die Gouverneurin von Alaska, die so genannte Trumpfkarte von John McCain, sogleich los und attackierte den Kandidaten Obama als einen Mann ohne Erfahrung und Format. Alles wirkte sehr einstudiert, sie sah ihren Kontrahenten Biden gar nicht an, sondern lachte immerzu in die Kamera, als hielt sie eine Fernsehansprache. Die Argumente wirkten sehr aufgesetzt und klangen nicht nach einem Konzept für eine Regierung, die das ruinöse Erbe der Bush-Ära auflösen wollte, was für eine republikanische Herangehensweise zugegebenermaßen auch nicht einfach war. Wer jetzt allerdings damit gerechnet hatte, dass Joe Biden dieser wie eine kokaingepuschte Laienschauspielerin vorkommende Akteurin mit gesalzener Polemik kontern würde, der lag falsch. Biden trat auf wie ein Grandseigneur. Zunächst wies er darauf hin, dass es ihm sehr eigenartig vorkomme, dass ein Duell der Vizepräsidentschaftskandidaten überhaupt stattfände. Denn, so Biden, der Vizepräsident habe laut Verfassung nur eine nach geordnete Rolle und nur in einem Fall, Gott bewahre, stehe er im Rampenlicht, nämlich beim plötzlichen Tod des gewählten Präsidenten. Ansonsten stehe er einigen unbedeutenden Ausschüssen vor, was ein Understatement par excellence war, aber Sarah Palin mit einem Schlag die Bedeutung nahm. Dann sezierte er die Schwachpunkte aus McCains Programm auf, ohne diesen nicht vorher überschwänglich für seine großen Verdienste um das Vaterland gelobt zu haben. Das war einfach großartige Diplomatie und Sarah Palin, die auf ein verbales Gemetzel programmiert worden war, zunehmend unsicherer machte. Immer, wenn sie dann in ihrer schnoddrigen Art ansetzte, schrie Kirk, der neben mir auf dem Sofa lag und vom Wein und Senfkrustenbraten sichtlich sediert war, laut auf, als erwache er aus einem Traum und rief immer nur den Satz: Honey, I made you a fine cookie!, womit er alles gesagt zu haben glaubte, was man Sarah Palin als Charakterisierung zukommen lassen müsste. Vielleicht arbeitete er auch schon an einer Version für die Muppets Show, wer weiß, und dabei verknotete er dem ihm zu Füßen liegenden Rocky immer die Ohren, was dieser ungläubig über sich ergehen ließ. Ann saß Kirk zu Füßen und nickte ebenfalls immer wieder ein, Frank folgte der Sendung ebenfalls nur noch sporadisch, nur Erin, selbst engagierte und eingefleischte Demokratin, war sehr aufmerksam. Als die vermeintliche Schlacht geschlagen und das offensichtliche Desaster der Sarah Palin ausgeblieben war, weil Joe Biden es als Gentlemen nicht zugelassen hatte, schien sie sogar ein bisschen enttäuscht und ich versuchte sie zu trösten, indem ich ihr meine Sichtweise darlegte und Joe Biden als eine Koryphäe ersten Ranges und mit Stil charakterisierte, was sie zu besänftigen schien.

Irgendwann weckten wir dann den Besuch und unter lautem Hallo verabschiedeten wir die leuchtende Ann, den immer verwirrter dreinschauenden Rocky und den polternden Kirk, den wir dann noch aus dem Treppenhaus immer wieder schreien hörten Darling, I made you a fine cookie! Alles in allem war es ein gelungener Abend und obwohl die Konzentration auf das Politische sehr unter dem Schweinebraten gelitten zu haben schien, wirkte er sich nicht negativ auf die Kampagne aus. Joe Biden blieb hellwach und hatte zivilisiert gepunktet. Das beruhigte mich. Sehr!