Archiv für den Monat April 2009

Y2K in Jakarta

Was war das für ein Hype im Vorfeld. In allen internationalen Projekten dominierte nur noch eine Frage. Was passiert um Null Uhr zur Jahrtausendwende? Unternehmens- und vor allem Softwareberatungen prophezeiten den totalen Kommunikationszusammenbruch, das informative Desaster an sich, den Absturz aller computergestützten Systeme, die Unterbrechung der Energieversorgung, den Ausfall der Verkehrssysteme, die plötzliche Erkaltung der Fischzuchtbecken, den Streik der Klimaanlagen, den Supergau von Nuklearanlagen, das Versagen der militärischen Überwachungsszenarien, den Crash der Börsen und die Agonie der internationalen Finanzinteraktionen und eigentlich das Ende der Zeit.

Kein Tag, an dem nicht die Zeitungen voll von apokalyptischen Reitern waren, die mit forciertem Ritt auf die Zivilisation von zwei Jahrtausenden zustürmten, um diese dem Erdboden gleichzumachen. Hier ein düsteres Szenario und dort eine böse Prophezeiung. Die Geschäfte ließen nicht auf sich lange warten. Kein großes Unternehmen, keine internationale Organisation, kein Ministerium und keine politische Vereinigung, die sich nicht Experten ins Haus holten, um das drohende Ende, welches unter dem Zeichen des Y2K auf ein digitales Akronym unheilvoll tituliert worden war, zu bekämpfen.

In Jakarta war das nicht anders. Vor allem im Golden Triangle, wie das Finanzviertel in Anspielung auf das Drogenmekka auf dem südostasiatischen Festland genannt wurde, rannte die Brokerseele Amok. Dort war das wahrhafte Y2K-Fieber ausgebrochen und die Emergency Taskforces arbeiteten seit Monaten rund um die noch laufende Uhr. Auch die Jakarta Post, das englischsprachige und qualitativ hoch stehende Tor Indonesiens zur internationalen Pressewelt, widmete täglich die wichtigsten Seiten diesem bevorstehenden Ereignis. In allen internationalen Projekten, derer es viele im Indonesien der Nach-Soeharto-Ära gab, wurde ebenfalls das laufende Geschäft fast komplett eingestellt und man widmete sich exklusiv der Frage, wie die Expertise den Institutionen des Landes zur Vermeidung des Desasters zur Verfügung gestellt werden könne.

In den genuinen Institutionen des Landes sah es allerdings etwas anders aus. Indonesier, und vor allem die alles dominierenden Javaner, ticken anders. Zum einen teilten sie die Ängste, dass etwas gehörig schief gehen könne. Allerdings sahen sie sich nicht in der Lage, dagegen etwas zu tun. Sie haben eine sehr schicksalsdeterminierte Weltsicht und die psychische Stabilität, ein bevorstehendes Unheil mit Haltung und innerer Sammlung zu erwarten. Zum anderen sahen sie doch die eine oder andere Möglichkeit, die internationalen Experten in ihre Arbeitshäuser einzuladen und das eine oder andere gewinnbringende Projekt gegen dieses Y2K ins Leben zu rufen. In solchen Fällen sprang immer etwas ab, also, warum nicht?

Wie die Menschen Jakartas insgesamt mit dieser Situation umgingen, entsprang sehr der seelischen Verfasstheit dieser Stadt. Es wurde immer mit einem Lächeln darüber geredet und man versuchte, Geschäfte damit zu machen. Es gab Y2K-Dinner, Kino- und Diskothekenereignisse, man lud zu Y2K-Fahrten ans Ende der Zeit, es gab T-Shirts, Journale, und Rabattaktionen in allen namhaften Kaufhäusern, Taxifahrer fragten nach einem Y2k-Bonus und man erzählte, dass selbst die Nachtschwärmer in den Bars von den Damen Y2K-Tarife genannt bekamen. Das Geschäft lief, und deshalb empfanden die meisten Bewohner der Stadt das bevorstehende Ereignis als eine insgesamt gute Sache.

In der indonesischen Regierungsinstitution, in der ich damals arbeitete, war man sehr gelassen geblieben und bis auf ein kleines Team, das sich wohl bei gesüßtem Tee und viel fettigem Gebäck in den Computerraum zurückzog, um sich die Sache in aller Ruhe anzusehen, hatte der Rest frei. Meine Kolleginnen und Kollegen planten, ganz traditionell im Kreise ihrer Familien die Jahreswende, und sei es auch eine Jahrtausendwende, zu Hause im Kreise der Familie zu verbringen. Die meisten internationalen Experten nutzten diese Zeit, um entweder in ihre Heimatländer zu fliegen oder Trips nach Australien oder Neuseeland zu unternehmen, um von Asien in eine westliche Zivilisation zu fliehen. Nur wenige blieben, manche, weil sie die unglückliche Karte gezogen hatten, in einem internationalen Projekt das Ereignis an flimmernden Bildschirmen verfolgen zu müssen, andere wiederum, weil sie sich in dem Land wohl fühlten und ihre Refugien gefunden hatten und nach Pelabuhan Ratu oder Pangandaran am indischen Ozean fuhren, um dort unter Palmen in den Nachthimmel der südlichen Halbkugel zu schauen und zu sehen, wie die Welt sich weiter drehte.

Meine Frau und ich hatten vor, in Jakarta zu bleiben, es uns gut gehen zu lassen und zu beobachten, was auf uns zukam. Meine Präferenz für den Sylvesterabend war das JAMZ, ein kleiner, exklusiver Jazzclub im Herzen der Stadt, in dem wir verschont sein würden von der ganzen Hysterie, etwas Gutes essen konnten und die Gewissheit hatten, bei exzellenter Musik eine unvergessliche Nacht zu erleben. Eine Freundin, Ann Madeleine, hatte Besuch von einem Freund aus Deutschland und bat uns, mitkommen zu dürfen, wogegen wir nichts hatten. Also bestellte ich einen Tisch für vier Personen.

Gegen 20.00 Uhr am Sylvesterabend fuhr uns Marsoudi, unser Fahrer, zu viert zum JAMZ. Das JAMZ war ein Jazzclub, den ich zu schätzen gelernt hatte. Von seiner Konzeption her hätte er auch in Los Angeles oder Boston beheimatet sein können. Es handelte sich um ein sehr exklusives Etablissement in Jakartas modernem, durch Hochhäuser geprägten Zentrum und gehörte einem Produzenten und Inhaber eines Fernsehsenders, der sich einen Platz geschaffen hatte, an dem er seinem Steckenpferd, dem Jazz, frönen konnte. Er selbst spielte sehr gut Klavier, hielt sich selbst jedoch, was die Bühne anbetraf, bis auf sehr seltene Gelegenheiten zurück. Stattdessen gab er den renommierten Musikern wie den Nachwuchskräften dieses Genres einen Platz, an dem es an nichts fehlte.

Ich selbst pflegte, wenn es meine Geschäftsreisen auf dem Archipel zuließen, montags dorthin zu gehen, weil immer dann der Musiker Kiboud Maulana, den die Indonesier selbst Raja Blues, den König des Blues nannten, mit seiner All Star Band auftrat, die aus den besten Musikern des Landes bestand und eine Stammformation von sieben Virtuosen hatte. Sie spielten dann immer von Neun bis Eins, zum Teil ihr eigenes Repertoire, zum anderen Teil Stücke, die das Publikum hören wollte und auf kleine Zettel schrieb, die auf die Bühne herauf gereicht wurden. Und immer wieder tauchten an jenen Montagabenden Musikerinnen und Musiker auf, die sich ins Publikum setzten und dann auf die Bühne gerufen wurden, um mitzuspielen. Das waren Highlights, wenn der Trompeter Riu Riu aus Bali, benannt nach einem Singvogel, die Sängerin Berta aus Kalimantan, oder die holländische Band Focus mit auf der Bühne standen und zusammen mit der All Star Band die Zeit stehen ließen. Für mich war das Heimat pur in diesem asiatischen Moloch, der jährlich um eine halbe Millionen Menschen wuchs, in dem ich für die zwölf Kilometer von meinem Haus zur Arbeit täglich zwei bis drei Stunden brauchte, in einer politisch unruhigen Zeit der Straßenschlachten und Plünderungen, der Krisen und immer wieder aufleuchtenden Hoffnungsschimmer. Das JAMZ bot eine feste Größe, hier wurde Musik gemacht, hier, in diesem kleinen Raum, der maximal sechzig bis siebzig Menschen Raum bot, traf man Leute aus allen Teilen des Landes und der ganzen Welt, Politiker, Finanzmogule, Straßenmädchen, internationale Experten, chinesische Händler, indische Köche, türkische Consultants, Leute aus dem Showgeschäft und Militärs. Hier saß man in seinem Ledersessel, nur wenige Meter von der Bühne entfernt, bekam zu einem fairen Preis ein gutes Essen oder einen exotischen Drink, und konnte ganz entspannt der Musik lauschen oder Gespräche führen. Mit der Zeit kannte man alle und hier und da spannen sich Fäden, die nützlich waren, denn in Indonesien ist der persönliche Kontakt alles und öffnet Wege, die formale Zugänge niemals auftun. Oft fuhr ich montags allein in JAMZ und wenn ich nachts zurück durch das niemals schlafende Jakarta zog, war ich wie neu geboren.

Als wir dort, in der kleinen Jalan Garnisun, einem Abzweig von der Residenzstraße Jalan Sudirman, ankamen, war bereits großer Betrieb, vor allem von Besuchern einer Diskothek, die im selben Komplex war. Als ich Marsoudi sagte, er könne auch nach Hause zurück zu seiner Familie, zog er es vor, dort zu bleiben und zu warten und mit all den anderen Fahrern das Treiben zu beobachten. Wir betraten das JAMZ, bekamen unseren Platz zugewiesen und stellten fest, dass das Publikum diesmal etwas weniger international und mehr traditionell javanisch war. Viele Damen trugen seidene Saris mit traditionellen Mustern und die Herren Sarongs. Man saß dort bei einem Fruchtsaft und wirkte sehr beherrscht.

Wir bestellten etwas zu essen, versanken in unseren schweren Ledersesseln und ließen es uns gut gehen. Als erstes spielte eine Rockband aus Yogyakarta, deren Interpretationen sehr lyrisch waren und uns weniger faszinierten. Danach, so gegen zehn, stand die Sängerin Berta auf der Bühne, eine schwergewichtige Balinesin, die einige Jazzstandards mit ihrer wuchtig zarten Stimme darbot und uns mehr in Stimmung versetzte.

Mit Fortschreiten des Abends blieb alles sehr verhalten, das Javanische dominierte und die traditionell gekleideten Gäste benahmen sich wie bei einer Zeremonie. Als dann gegen Elf die Kiboud Maulana All Star Band auf der Bühne erschien, änderte sich das schlagartig. Kiboud Maulana hatte einige traditionelle javanische Lieder verjazzt und vor allem das Stück Es Lilin versetzte das Publikum in Entzücken und alle sangen mit. Für eine Dreiviertelstunde bekamen wir eine Lektion darüber, dass der Jazz zur Weltmusik avanciert war. Maulana riss die traditionelle Fünftonmusik der javanischen Schule in ein Schema von Analogien der Blues Scales, ohne dass es gewalttätig wirkte, die Themen behielten ihre Identität, erhielten aber eine völlig neue Dynamik und die Variationen streiften die unterschiedlichsten Lebensgefühle. Zwinkernd standen er und sein Bruder Ireng auf der Bühne, als würden sie uns zu verstehen geben, dass wir doch alle dieses Geheimnis zu entschlüsseln vermöchten.

Eine Viertelstunde vor Mitternacht wurde eine Pause angekündigt und Kiboud teilte uns mit, dass wir jetzt alle zusammen die bösen Geister zu vertreiben hätten, um es uns danach im neuen Jahr und Jahrtausend gut gehen zu lassen. In der einsetzenden Pause wurden noch einmal Bestellungen aufgegeben und als es kurz vor Zwölf war, kramten alle hektisch in ihren Taschen und eigenartige Utensilien hervor.

Als das Zeichen gegeben wurde, sprangen plötzlich alle auf und bliesen in bunte Pappinstrumente, die von ihrem Klang her nicht anders als Tröten bezeichnet werden konnten. Ältere javanische Damen im Sari sprangen durch den Raum und bliesen was das Zeug hielt. An der Br stand ein Viersternegeneral in vollem Ornat und rotzte regelrecht wie ein wild gewordener Straßenbengel in ein rosa glitzerndes Hörnchen, das von seinem Klang an ein unreines Ferkel erinnerte. Und ein Mann mit einem Turban aus dem Sultanspalast zwitscherte durch ein giftgrünes Ding wie ein Rohrspatz. Und so plötzlich, wie das alles entstanden war, verstummte nach circa fünf Minuten wie auf ein Signal hin das kakophonische Konzert und die noble Gesellschaft saß wieder gesittet an ihren Tischen, als wäre nichts gewesen.

Wir amüsierten uns noch eine Weile über das Schauspiel, das wir soeben genossen hatten, zeigte es uns doch wie aus dem Lehrbuch, mit welchem Plan die Javaner ihre Rituale durchzogen. Um ca. halb Eins dann tauchte die All Star Band wieder auf, d.h. zunächst erschien der arabisch stämmige Schlagzeuger und der Bassmann, ein junger Mann, von dem ich wusste, dass er aus dem Stamme der Dayak kam, die sich auch als Kopfjäger in Kalimantan einen furchtbaren Namen gemacht hatten. Kahl geschoren, mit einem Stirnband und einer Feder als Kopfschmuck, erschien er drohend wippend allein vor seinem Schlagzeuger und begann in einem Funkrhythmus den Miles Davis Tune So What? Der Groove kam aus dem Innersten des geschundenen Menschen und war ein derartig gezielter und witziger Schlag ins Gesicht der Y2K-Hysterie-Profiteure, dass es uns allen die Sprache verschlug. Yayad, wie der Gift spuckende Bassist hieß, und Achmed am Schlagzeug dachten nicht daran, die Bühne für den Fortgang des Stückes frei zu geben. Drohend und unheilvoll wippte Yayad mit seinem Bass von einer Richtung in die andere, stets eine Partie der Schultern vorziehend, als hole er zum finalen Schlag aus.

Und immer wieder kam der Lauf von unten nach oben, um in einem temporär erlösenden Seufzer die ganze Vergeblichkeit von Spannung und Entspannung zu karikieren. Der drohende Blick und die Bewegungsabläufe dieses funkenden Dayaks hatten etwas animalisch Mortales und immer wieder, bevor der Seufzer mit dem Doppellauf ertönte, geschah es, dass sich erschrockene Zuhörer im Publikum weg duckten. Es war einer der wenigen, großen, bewegenden Momente, in denen offenbar wird, welche existenzielle, kosmische Kraft die Musik entwickeln kann, wenn Menschen ihre Urerfahrung und archetypische Existenzform vermögen in Schwingungen zu versetzen. Das war nicht Y2K, nein, das war das Universalthema überhaupt, was da über die Bühne groovte, und dieses unter dem Titel So What? zu inszenieren, war gigantische Ironie.

Als nach einer Viertelstunde die Band einsetzte, war alles ausgedrückt, was es zu diesem Ereignis zu sagen gab, sämtliche feinen Sarongs und Saris waren trotz der starken Klimaanlage durchgeschwitzt und eine kontemplative Erschöpfung machte sich breit. Wir verließen das JAMZ gegen drei Uhr morgens, kämpften uns durch unzählige Autokorsi nach Hause, von wo Marsoudi sich dann noch aufmachte, um nach Ancol zu fahren, wo der größte Gong Asiens an der javanischen See geschlagen wurde, um die bösen Geister zu vertreiben und sich Millionen versammelt hatten. Wir hingegen fielen in einen traumlosen Schlaf.

Morgens um Acht war Marsoudi immer noch nicht zurück und ich ging in den Garten, über dem bereits unbarmherzig die Tropensonne den neuen Tag zelebrierte und fütterte die Papageien. Dabei pfiff ich ihnen immer wieder den Basslauf des wütenden Dayak vor. Und sie ignorierten ihn. Und ich dachte mir: So What?

Das leere Klirren der Maschinerie

Don DeLillo: Falling Man

Der 11. September 2001 hat den Lebensnerv der Weltmetropole New York City aus heiterem Himmel getroffen. Die Attacken auf das World Trade Center waren ein geplanter Schlag gegen die Erfolgssymbolik des Westens. Sie trafen eine Stadt, die wie keine andere in der Welt für Offenheit und kulturelle Konkordanz steht und deren Strahlkraft den Preis oft in den Schatten stellt, den die zu bezahlen haben, die letztendlich reüssieren. Das wurde ihr zum Verhängnis, denn denjenigen, die New York attackierten, fehlte der aufgeklärte Blick, um die Ambivalenz des Erfolgreichen und Großen zu erkennen.

In seinem Roman Falling Man zeichnet Don DeLillo die psychologischen Wirkungen der Anschläge auf die Opfer, ob direkter oder indirekter Art. Eine der Hauptfiguren, Keith, erlebt den Einschlag im Südturm selbst mit, kommt aber mit dem Leben davon und landet unter Schock wie durch eine unsichtbare Hand getrieben bei seiner Frau und seinem kleinen Sohn, von denen er aber getrennt gelebt hat. Wie selbstverständlich nimmt die Frau ihn auf und sie finden in der Disparität des Schocks und seiner Sprachlosigkeit wieder zu sich. Seltsame soziale Fäden spinnen sich durch die Stadt, Keith findet eine ebenfalls betroffene Afroamerikanerin, bei der er einige Male wortlos und in trivialer Erotik verweilt. Lianne, seine Frau, betreut eine Gruppe von Menschen, die gegen ihre stärker werdende Demenz ankämpfen, obwohl sie weiß, dass alle letztendlich unterliegen und in das große Reich der Dunkelheit eintreten werden.

Seit den Anschlägen des 11. Septembers taucht unangekündigt an verschiedenen Stellen New Yorks ein Mann auf, der von einem Hochhaus, einem Gerüst, einer Brücke oder einer Rampe fällt, nur durch einen unelastischen Gurt gesichert, choreographisch nach dem Vorbild eines Opfers, das kopfüber aus einem der Türme sprang. Es handelt sich um den Performancekünstler Falling Man, der das Schockerlebnis kultiviert, ohne sich im Kulturbetrieb dieser Weltmetropole etablieren zu wollen. Die Entsetzensreminiszenzen, die er durch seine Aktionen hervorruft, wiegen schwerer als seine eigene, triviale Todesanzeige, die besagt, dass er starb, 39jährig, an Herzversagen, ohne Kausalität zu seinen spektakulären Aktionen. Das von DeLillo vermeintlich zufällig aufgenommene Gewebe sozialer Beziehungen zerfasert wieder, Lianne hat nur noch Telefonkontakt zu Keith, der als professioneller Pokerspieler tourt und in Las Vegas weilt. Die Kommunikation entbotschaftet sich, alles wirkt zunehmend irreal und das Einzige, was kontinuierlich läuft, sind die Fernsehsendungen, die Baseballspiele und Pferderennen und Werbespots. Die Menschen, die nichts mehr zu sagen haben, verlieren sich in einer tiefen Traurigkeit.

DeLillos Falling Man ist der Versuch, das durch den 11. September entstandene Trauma in seiner Sprachlosigkeit zu verbalisieren, was zwangsläufig scheitern muss. Dieser kluge und virtuose Schriftsteller hat nicht widerstehen können zu sprechen, obwohl das Schweigen weiser gewesen wäre, angesichts des Unsäglichen.

Das westfälische Abendmahl

Die klassische Deutsche Philosophie konnte sich durch das Einwirken der Aufklärung von der Universalität ihres Anspruchs nie ganz frei machen. Kant, der ursprünglich ganz vehement die systemische und systematische Universalität eines philosophischen Gebäudes reklamierte, hielt sein eigenes Postulat nur noch begrenzt durch. In der Dichotomie von reiner und praktischer Vernunft war er bereits auf Abwegen. Hegel löste das Schisma des in sich Geschlossenen wesentlich radikaler durch die dialektische Hermeneutik auf. Und Marx verweltlichte die göttliche-vernünftige Dialektik Hegels durch die Infusion der Materie. Geblieben war lange Zeit trotz allem die Vorstellung, mit dem gewählten philosophischen Ansatz die Welt in ihrer Komplexität erklären zu können. Das Anwachsen der Komplexität und die weltweit gesellschaftlich unterschiedlichen Entwicklungsstufen sorgten in der Moderne dafür, dass diese Vorstellung nicht mehr durchgehalten werden konnte.

Lange vor dem historischen Durchschlag der Moderne und als Zeitgenosse der großen Dialektiker sprengte der jüdisch-rheinische Schriftsteller Heinrich Heine in seinem Pariser Exil jedoch die Idee des philosophisch geschlossenen Systems, in dem er sich aus pädagogischen Gründen an eine Artikelserie machte, die in der Literaturgeschichte unter dem Titel „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ einging. Mit diesen Beiträgen beabsichtigte Heine, dem französischen Publikum einen Einblick in die deutsche Denkweise und Volkspsyche zu geben. In meisterhafter Art und Weise beschrieb Heine zum einen den Ursprung der klassischen Philosophie in Deutschland aus der Religion und ihre Transformation durch die luthersche Reformation in die Philosophie. Und er skizzierte die rasante Entwicklung der so entstandenen modernen Philosophie durch die investigative und emanzipatorische Dimension der Aufklärung.

Das Revolutionäre an Heines Aufzeichnungen indes ist in dem von ihm hergestellten Konnex zur Volkspsyche zu suchen, die sich in den Mythenbildungen finden lässt. In einzigartigen Metaphern illustriert Heine den ewigen Kampf zwischen Spiritualismus und Sensualismus, zwischen Kopf und Bauch im Denken, Handeln und Fabulieren des Volkes. Und es gelingt ihm, das Entstehen der philosophischen Schulen in diesen Mustern zu suchen. Heine endet in seinen Ausführungen bei der Dialektik und der sich daraus ableitenden Folge der bürgerlichen Revolution. Und anhand der dargestellten massenpsychologischen Befindlichkeiten der Deutschen warnt er die Franzosen in nahezu prophetischer Qualität vor den Eruptionen der Deutschen.

Als zu Beginn des 14. Jahrhunderts im westfälischen Soest der Beschluss gefasst wurde, die Wiesenkirche zu bauen, entwarfen die dortigen Baumeister ein Werk der Gotik, das als solides Produkt der Zeit betrachtet werden kann. Einzig der lokale Künstler, der den Auftrag bekam, das Abendmahl im Hauptschiff auf einer Bleiverglasung darzustellen, hielt er sich nicht an den Mainstream der herrschenden Mutterkirche. Es entstand ein ziemlich derbes Gelage und an der noch heute zu betrachtenden Tafel waren nicht die obligatorischen Brotstangen und Weinkrüge zu sehen, sondern ein Schinken, ein Schweinskopf, Pumpernickel und viel Bier und es wurde kräftig zugelangt.

Das unter dem Namen „Das westfälische Abendmahl“ eingegangene Gelage in der Soester Wiesenkirche ist eine mächtige Illustration der Bodenständigkeit, ohne deren Existenz die elaborierteste gedankliche Programmatik sich ins Nichts auflöst.