Archiv für den Monat November 2008

Die Qualität von Führung und die europäischen Obamas

In diesen Tagen erleben wir viel. Zum einen können wir verfolgen, wie der neu gewählte Präsident der USA seine aktive Amtszeit konzeptionell und personell vorbereitet und welche Themen bei ihm eine entscheidende Rolle spielen werden. Dass die Wirtschaft wichtig sein wird, kann niemanden überraschen, dass ihm der Klimaschutz so unter den Nägeln brennt, konnten nur die vermuten, die von seiner strategischen Kompetenz überzeugt waren. Am interessantesten jedoch ist die Art und Weise, wie Barack Obama sein zukünftiges Regierungsteam zusammenzusetzen gedenkt. Neben den gesetzten grauen Eminenzen der Beratung, zu denen so geniale Regisseure wie David Axelrod weiter zählen werden, hat Obama bereits Sondierungsgespräche mit Hillary Clinton, John McCain und Sarah Palin geführt. Sollte es ihm gelingen, seine gestrigen Kontrahenten mit ihrer unterschiedlichen Fachkompetenz und ihrem spezifischen politischen Ansatz in die Regierungsverantwortung zu holen, dann wäre eine solch radikale Einbindung der Krokodile von gestern in die politische Agenda von morgen die erste dieser Art seit Abraham Lincoln. Dieser war ähnlich verfahren.

Das Wesen von Führung ist die Fähigkeit, Menschen für eine Vision zu mobilisieren. Neben der attraktiven Gestaltung der Idee muss das Zutrauen vermittelt werden, nicht nur den Traum artikulieren zu können, sondern auch die praktischen Fähigkeiten mitzubringen, den täglichen Weg zum Ziel auch organisieren zu können. Historisch erfolgreiche Führungspersönlichkeiten besaßen auch immer die innere Größe, sich mit Querdenkern und Oppositionellen zu umgeben, um die allgemeinen gesellschaftlichen und sozialen Tendenzen besser begreifen zu können. Die Beobachtung von Obamas gegenwärtigen Maßnahmen und Entscheidungen erlauben weiterhin eine günstige Prognose hinsichtlich seiner zu erwartenden Führungsqualität.

Zum anderen erleben wir hier in Europa rein metaphorisch eine Obamania, die nur aus den tiefen Quellen der Psychoanalyse zu erklären ist. Ehrlich gesagt, ein Typ wie Obama hätte derweil in den meisten Ländern Europas kaum eine Chance auf Avancement. Dafür ist er zu dynamisch, zu deutlich in seinen Aussagen und er verlangt zuviel von den Bürgern. Aber durch die Tatsache, dass sein Auftreten und seine Wahl weltweit in den jungen Gesellschaften für einen unbeschreiblichen Hype gesorgt haben, wollen viele jetzt auch ihren Obama. Was dabei angeboten wird, ist allerdings derartig aus der weiten Ferne geholt, dass es eher zu einer peinlichen Veranstaltung verkommt. So nennt man in Deutschland bereits von interessierter Seite Cem Özdemir den deutschen Obama, weil er ja auch ein Migrant sei. Das überzeugt, denn allein der Immigrantenstatus würde ca. 250 Millionen Amerikaner präsidentenfähig machen. Mr. Özdemir hingegen stach dadurch hervor, dass er als Bundestagsabgeordneter den Staat mit Den Boni von Miles & More übervorteilte und danach von seiner Partei zwecks beabsichtigtem kollektiven Gedächtnisschwundes nach Brüssel entsorgt wurde. Aus diesem Widerstandsnest kehrt er nun mit dem Charisma eines Eurokraten in die deutsche Politik als unser Obama zurück.

Aber auch in Frankreich drängt sich der Vergleich auf: Mr. Sarkozy ist bekanntlich Sohn ungarischer Immigranten und somit der natürliche französische Obama. Wenn der arme Junge ungarischer Einwanderer so weiter macht, wird er die Franzosen wohl derart traumatisiert haben, dass es über Generationen hinweg kein Immigrant mehr ins Präsidentenamt schafft. Soviel Großmannssucht und Chevalereskerie wie von diesem an den Tag gelegt, traut sich wirklich kein Franzose mehr, mit ins 21. Jahrhundert zu nehmen.

Um das Thema zu versachlichen und auf das bescheidene Maß der Vernunft zurück zu holen, seien folgende Fragen beantwortet:

• Welchem europäischen Politiker gestehen Sie derzeit die Fähigkeit zu, Menschen für eine Vision zu mobilisieren?
• Welchem europäischen Politiker trauen Sie derzeit zu, eine wie auch immer geartete politische Vision zielgerichtet und durch praktische Schritte zu verfolgen?
• Welcher derzeitige europäische Spitzenpolitiker umgibt sich mit unbequemen, aber qualitativ hoch stehenden Geistern, um seinen Blick für die Gesellschaft zu schärfen?

Sollten Sie Beispiele finden, wäre dem Autor an sachdienlichen Hinweisen sehr gelegen!

Die dritte Stufe der Expropriation

Indem der nicht über Produktionsmittel verfügende Mensch seine Arbeitskraft verkaufen muss, begibt er sich in ein Vertragsverhältnis, welches ihm die Reproduktion seiner Arbeitskraft sichert, in welchem er aber mehr Wert produziert, als das, was er braucht, um am Leben zu bleiben. Karl Marx leitete dies aus dem Doppelcharakter der Ware ab und nannte es Expropriation, weil es dem den Mehrwert nimmt, der ihn schafft. Es handelt sich dabei um eine Grundfeste des Kapitalismus, deren Funktionsbeschreibung bis heute keiner Revision bedurfte.

In der Geschichte des Kapitalismus gelangen dennoch Dinge, die Marx nicht in dieser Dimension prognostiziert hatte. Diejenigen, die die Werte schufen, konnten zwar nicht die Expropriateure expropriieren, wie im Kommunistischen Manifest politisch gefordert, aber sie schufen sich etwas, was man bis vor zwanzig Jahren noch guten Gewissens einen bescheidenen Wohlstand nennen konnte. Abhängig Beschäftigten gelang es durch gute Organisation ihrer Interessen und umsichtiges Wirtschaften, Geld beiseite zu legen und zu sparen, eine eigene Wohnung oder gar ein Haus zu kaufen. Und die Verfechter des beschriebenen Wirtschaftssystems straften all diejenigen Lügen, die von Verelendungstendenzen sprachen.

Der Staat übernahm in dieser Situation eine zentrale Rolle, bezeichnete sich als sozial und schuf aus den eingenommenen Steuern Stützungssysteme für diejenigen, bei denen es selbst zu dem bescheidenen Wohlstand nicht gereicht hatte. Bei Betrachtung der Bilanzen wurde vor allem in Deutschland klar, dass es auf der einen Seite signifikant steigende Ausgaben im Sozialbereich zu verzeichnen gab, auf der anderen Seite aber ein ebenso deutliches Ansteigen privater Rücklagen in Form von Sparvermögen und Zusatzrenten. In dieser Situation wurde die Illusion vom schnellen Geld aktiviert. Um an die vielen kleinen Privatbestände der Sicherung zu kommen, wurden großartige Kampagnen vom schnellen Geld gestartet, die den beschwerlichen Weg der Wertschöpfung ausblendeten.

Als eines der perfidesten Beispiele der zweiten Welle der Expropriation kann in der jüngeren Geschichte der Börsengang der Telekom bezeichnet werden. In aufdringlichen und vereinfachenden Werbekampagnen, für deren Mitwirkung sich mittlerweile namhafte Schauspieler öffentlich entschuldigten, wurde den potenziellen Investoren weisgemacht, bei schnellem Kauf mit atemberaubenden Renditen belohnt zu werden. Und die vielen legendären Kleinanleger kratzten ihre hart erarbeiteten Rücklagen zusammen und kauften sich in ein Unternehmen ein, dass durch seine wertbezogenen Bestände wie seine Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit der Börsentauglichkeit spottete. Verbrannt wurden Beträge in Milliardenhöhe und somit eine zweite Stufe der Expropriation von Volksvermögen erfolgreich vollzogen.

In der gegenwärtigen Finanzkrise nun kommen diejenigen aus dem Unternehmensbereich, die als Subjekte der wirtschaftlichen Konkurrenz versagt haben, weil sie notwendige Innovationen und Investitionen unterließen oder schlichtweg selbst beim großen Roulette mitgespielt haben, diese Unternehmen kommen nun auf den Staat zu und bitten um Rettungspakete, die aus dem Steueraufkommen finanziert werden sollen. Die Folge wäre die dritte Stufe der Expropriation, weil die Veräußerung der Steuergelder für privatwirtschaftliche Zwecke Lücken dort reißen würden, wo Leistungen für die eigentlichen Wertschöpfer der Zukunft dringend notwendig sind: Bei Bildung, bei Infrastruktur und bei der Kultur.
Gelingen konnten und können die beiden letzten Formen der Expropriation nur, weil diejenigen, die dabei übervorteilt werden, im Gegensatz zur ersten Stufe der Expropriation sich dagegen wehren könnten, dieses aber aufgrund illusionärer Vernebelung nicht taten. In beiden Fällen reichte Bildung in Form historischen Wissens und Entschlossenheit schon aus. Künftigen Ansinnen erneuter Enteignung wie dem Aktiengang der Deutschen Bundesbahn kann sich jedes Individuum durch eine bloße Willensentscheidung und ein Nein zum Kauf entziehen. Und bei der dritten Stufe, der Verstaatlichung schlechten Wirtschaftens, kann der politische Wille durch die Koalition von Interessen auch dies verhindern. Man muss nur wollen, können tut man dann auch.

Vom Mittelpunkt der Erde in die Weiten des Kosmos

Allein die Geschichte ist so legendär, dass sie als Fiktion übertrieben anmutete. Da werden einem Gitarristen vor nunmehr über vierzig Jahren zwei Musiker über eine Agentur zugeschustert. Die finden zusammen und vollbringen eine der atemberaubendsten Entwicklungen der Musikgeschichte, werfen der Welt ein ganzes Fass neuer Dimensionen so einfach vor die Füße. Der Gitarrist stirbt schon drei Jahre später und die beiden anderen, gerade mal Anfang Zwanzig, binden sich nie wieder fest an eine neue Band, weil ihnen bewusst ist, dass sie die Climax mit ihrem letzten Ensemble hinter sich gelassen haben.

Die Jimi Hendrix Experience bescherte der Welt einen Sound, der bis heute so mächtig ist, dass selbst Kenner und Hartgesottene nicht mehr als ein oder zwei Stücke dieser atemberaubenden Musik ohne Pause der seelischen Erholung vertragen können, weil ihnen ihre Vorstellungswelt und das Unbewusste wie Partikularteilchen um die Ohren fliegen.

Am Donnerstag, den 12. November 2008, starb an der amerikanischen Westküste der letzte dieser Experience, der englische Schlagzeuger Mitch Mitchell. Er wurde 61. Als Hendrix starb war er 23, danach jammte er, ging mit der einen oder anderen Formation ins Studio, aber er verpflichtete sich nie wieder zu einer Band. Nur jetzt, in den letzten Jahren, ging er für die Experience Hendrix Tour noch mal auf die Bühne.

Ist sich die Fachwelt über die gigantische Innovation eines Jimi Hendrix zu seinen Lebzeiten schon einig gewesen, so blieb das Urteil gegenüber dem Bassisten Noel Redding und dem Schlagzeuger Mitch Mitchell eher verhalten, wahrscheinlich, weil der eine Große mental schon kaum zum Aushalten war.

Mitch Mitchell kam in das Genre des Electric Blues mit klaren Vorprägungen aus dem Jazz, Max Roach und Elvin Jones waren diejenigen, die ihn am meisten beeinflussten. Zudem kannte er Märsche aus den frühen englischen Kinderensembles. Als Hendrix zu seinem Durchbruch nach London kam, erhielt er als Schlagzeuger den Vorzug vor Ansley Dunbar.

In den Jahren von 1967 bis 1970 produzierte dass Trio drei Alben, Are You Experienced?, Axis: Bold As Love und Electric Ladyland. In ihnen wurde alles auf den Kopf gestellt, was dem eingespielten Musikgeschmack des Rock und Blues als heilig galt. Und der Schlagzeuger Mitch Mitchell begleitete den maßlos innovativen Hendrix auf seinen psychedelischen Erkundungsreisen nicht nur auf dem Schlagzeug, sondern er forderte ihn heraus, er konterkarierte ihn, stoppte ihn und riss ihn wieder los, das alles in einer Weise, die in Genres kaum beschrieben werden kann. Rock, Blues, Swing, March, alles zauberte er hervor, immer dann, wenn es nicht zu determinieren war und dennoch verblüffend passte. Mitch Mitchell war der Beschleuniger der Innovation und wenn man sich heute Songs wie Fire, Manic Depression, Crosstown Traffic, Voodoo Chile, 3rd Stone from the Sun oder Moon turnes the Tides anhört, dann war es vor allem Mitchell, der uns das Herzrasen verordnete.

Nach drei Jahren Experimendum Mundi war es vorbei und Mitch Mitchell zog sich zurück, weil er mit 23 schon ein kluger Kopf war und wusste, dass so etwas nicht fortgesetzt werden konnte. Er sollte Recht behalten, weil diese Musik noch heute das Innovativste ist, was die Musikgeschichte der Moderne in ihren Annalen führt. Der Schlagzeuger Mitch Mitchell ist tot. Er wurde 61. Der traurige Anlass erinnert uns an eine aufregende und großartige Musik, und es ist ein Privileg, in seinem eigenen Leben Zeuge einer solchen Entwicklung gewesen sein zu können. Heute Abend, so habe ich mir vorgenommen, werde ich Fire und Moon turnes the Tides auflegen und besonders auf das Schlagzeug achten. Mehr werde ich nicht aushalten. Auch heute nicht, achtunddreißig Jahre später!