Archiv für den Monat Oktober 2008

Vom Unwillen, befugt zu sein, seinen Willen durchzusetzen

Es ist immer erfrischend zu sehen, wie kreativ die Torheit vorgeht, wenn sie dem Dogma der political correctness dient. Allenthalben wird nun von Bildungsferne geredet und der Begriff hat allerbeste Chancen, in der Hall of Fame des Dummdeutsch einen privilegierten Platz zu erhalten. Was damit gemeint ist, lässt sich folglich auch schwer deuten. Es soll wohl so etwas ausdrücken wie unterprivilegiert, sozial ausgegrenzt, proletarisch oder einfach auch nur ungebildet.

Es stellt sich die Frage, warum das Problem nicht so offen benannt wird, wie es sich stellt. Und die Antwort ist ebenso einfach wie die Darstellung des Problems. Obwohl wir in einer so genannten Wissensgesellschaft leben, d.h. es theoretisch und praktisch jedermann möglich wäre, sich über alles zu informieren, erwerben immer mehr Menschen immer weniger Wissen. Und, man soll es kaum für möglich halten, sie sind regelrecht ungebildet. Warum das so ist, darüber wird noch zu reden sein, aber dass es so ist, darf am Hofe der elektronischen Demokratie und des E-Government nicht laut ausgesprochen werden.

Und wieder einmal erwischen wir die Sprache des political correctness als eine vorbürgerliche, d.h. anti-aufklärerische Herrschaftssprache, die verbietet, Tatsachen beim Namen zu nennen und die eine Salonfähigkeit versprüht, die nach Puder und Schminke aus dem Ancien régime stinkt.

Nun stellen wir also fest, im Deutschland des dritten Jahrtausends sind viele Menschen ungebildet, weil sie mit wenig Erfolg in wenig erfolgreiche Schulen gegangen sind, vielleicht auch, weil sie zuhause nicht gelernt haben, warum und wie man lernt oder, und das ist der subversivste Grund, weil sie nicht einsehen, warum man überhaupt etwas lernen soll.

Letzteres ist, so scheint es, das große Problem. In der bundesrepublikanischen Realität stellen sich viele Menschen die Frage, was es bringt, ein wissender Mensch zu sein, eine gute berufliche Qualifikation zu haben und über einen kulturellen Horizont zu verfügen. Ob oder ob nicht, so denken immer mehr, es ändert nichts an dem Leben, das vor einem liegt.

O tempora! o mores! könnte da der alte Bildungsbürger schreien und ganz so falsch läge er da auch 2069 Jahre nach Catilina wirklich nicht. Das grassierende Techtelmechtel mit der kollektiven Verblödung hat nicht nur Ursachen in einer nicht mehr vermittelbaren Kausalität von wirtschaftlichem Erfolg und humaner Bildungsgüte, sondern es drängt sich der berechtigte Verdacht auf, dass es mit der Moral vorne und hinten nicht mehr stimmt. Und damit sei nicht die repressive Moral von Herrschaft gemeint, die den Opfern Werte auferlegt, die sie Opfer bleiben lassen, sondern es handelt sich um die desolate Moral derer, die durch ihr Aufbegehren Gesellschaften jung und am Leben halten. Die Moral der revolutionären Truppe ist völlig auf den Hund gekommen, weinerlich, verblödet und besoffen liegt sie im Dreck der Weltgeschichte und weiß nicht mehr weiter.

Und wundern darf es uns nicht. Die großen Illusionen der Befreiung sind längst ausgeträumt und damit ihre ureigensten Axiome. Der historisch vor allem in Deutschland verbreitete Slogan „Wissen ist Macht“, der hat sich für viele augenscheinlich nicht bewahrheitet, schließlich haben weder die erst-klassigen Universitäten des Arbeiter- und Bauernstaates noch die sozialdemokratische Bildungsreformen dazu beigetragen, mehr Demokratie im Sinne volksherrschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten hervorzubringen. Einzelne Individuen aus den unteren Schichten wurden befördert und ihr Glanz bestand darin, die Geschäfte der Herrschenden für begrenzte Zeit führen zu dürfen. Aber substantiell blieb es ein Spuk, der nun auch seit geraumer Zeit vorbei ist.

Diejenigen aber, die heute der Bildungsferne überführt werden, hatten archetypisch nie etwas mit denen zu tun, die sich in individuellen Befreiungsakten durch den Erwerb von Bildung auf ihre Weise emanzipieren konnten. Die Outcasts der Gesellschaft, deren Zahl wächst, waren schon immer skeptisch gegenüber der Weisheit, dass die Klugen weiter kommen. Auch die Unterschicht ist mannigfach ziseliert und so einfach klare Konturierungen aufs Bild zu werfen, ist trügerisch.

Aber der gemeinsame Geist, der durch das sozialdemokratische Bildungsideal eine zeitlang die Gesellschaft getragen hat, der ist mit dem Ende der Ost-West-Dichotomie und der Aufgehenden Sonne der Globalisierung dahin. Klassisch wäre es, jetzt die ökonomischen und sozialen Ursachen dafür freizulegen, aber es hülfe nichts. Daher sei erlaubt, den Begriff der kollektiven Traumatisierung zu vitalisieren, weil es aus Sicht des Autors bei der Sicht auf Deutschland weiterführt.

Ob es die Unfähigkeit zum Nationalstaat war, was in einer Stigmatisierung von außen durch die Formulierung des Volkes der Dichter und Denker seine Entsprechung fand, oder ob es in dem später anderen, asiatischen Völkern vorgeworfenen Plagiatentum im industriellen Zeitalter durch den Nachbau britischer Eisenbahnen seinen Ausdruck fand, was in der Sanktion endete, die Plagiatprodukte durch eine Made in Germany kennzeichnen zu müssen, es handelte sich bei jedem Großereignis deutscher Geschichte oder wirtschaftlichen Handelns um eine grandiose kollektive Umdeutung der Welt. Mit germano-zentristischer Subtilität wurde die Unfähigkeit, einen Nationalstaat zu gründen, in eine kulturelle Hegemonie deutscher Zunge verwandelt. Und mit der gleichen Chuzpe wurde aus dem Kainsmal des Plagiats ein Gütesiegel, auf das viele in der globalisierten Ökonomie noch stolz sind, obwohl es längst in die musealen Beinhäuser gehört.

Der verlorene Erste Weltkrieg war ein Dolchstoß, der Vertrag von Versailles eine Schmach, der Zweite Weltkrieg eine schlimme Sache, aber der eigentliche Sieger waren wir. Es ist ein Axiom der Geschichte, dass Völker Höhen und Tiefen erleben, dass die Sonne in manchen Ländern glänzt und dann wieder der kalte Mond sein mitleidsloses Licht auf das Schattenreich wirft. Und es ist keine Seltenheit, dass die Völker in ihren Ländern höchst wechselvoll auf ihr jeweiliges Schicksal reagieren. Mal empört, mal fatalistisch, mal manisch und mal depressiv. Aber in the long run kommen sie alle zu einer doch nicht ganz unrealistischen Einschätzung ihrer Rolle in der Weltgemeinschaft. Manche besitzen sogar die Weisheit, ihren Stellenwert kosmisch zu definieren.

In Deutschland ist das anders. Da leben nämlich die Weltmeister, dort ist die Wissenschaft und Hochtechnologie zuhause. Da wurden Aufgaben bewältigt, wie sie andere nicht haben schultern können. In dieser sowohl inszenierten als auch internalisierten Selbstwahrnehmung fällt es schwer, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln, dass Voraussetzung ist für das schwierige Unterfangen der Selbstbefreiung.

Das letzte große Trauma unseres Volkes wurde verursacht durch den Doppelschlag, zunächst große Schuld auf sich geladen zu haben und dann auch noch unterlegen zu sein. Wer nämlich Schuld auf sich lädt und herrscht, der kann es verkraften, wer guten Gewissens ist und unterliegt, der bleibt vor sich selbst unbeschadet, wer jedoch von einem schlechten Gewissen zersetzt wird und dann noch die Knute zu spüren bekommt, der muss sich in die phantastischen Welten flüchten. Aber subconscious, tief unten auf dem Seelengrund, da liegen die Requisiten des ganzen Debakels und keiner holt sie ab.

So sind wir es gewohnt, immer wieder in bestimmten Sequenzen mit donnerndem Getöse das Heldenepos zu inszenieren, freilich nur für uns, ganz klandestin, um es in der Öffentlichkeit empört von uns zu weisen, weil wir nicht den Mut besitzen, in einem Stück aufzutreten, in dem wir uns für eine Zeit wohl fühlen. Das wird verhindert durch das neue Dogma, die repressive Form der umgekehrten Freiheit, das Reservat für die Menschlichkeit, in dem dieselbe längst ausgestorben ist. Alles, was politisch korrekt ist, zerschneidet den ach so sympathischen Sensualismus mit rostiger Klinge.

Ein Volk, dessen bewusste Geschichte beginnt mit dem Nibelungenmythos, in dem der Held, dessen Trachten die Koexistenz von Geist und Materie, Herrschaft und Arbeit, Freiheit und Klugheit, Lust und Disziplin, Phantasie und Pragmatismus war, gemeuchelt wird von einem mediokren Lakaien der christlich-römischen Weltenzerteiler und dessen Gegenwart die Enttäuschung über das Ende der Teilung des eigenen Landes ausmacht, ein solches Volk hat es schwer, einen positiven Entwurf für die Zukunft zu formulieren.

Wem es einmal vergönnt war, über die mythologisch besetzten Areale in Asien zu schreiten, dem konnte auffallen, welche Erhabenheit ihn umstrahlt und mit welcher Demut er sein eigenes Individuum erlebt. Selbst die Affenschreie aus den benachbarten Dschungeln vermitteln das Gefühl einer Größe, in der sich das Kollektiv beheimatet fühlen kann. Die mythologischen Heldenfelder genießen den Schutz der Universalität des Erlebten, des ewigen Kampfes der Kreatur mit Herrschaft und Knechtschaft, Hass und Liebe, Depression und Hoffnung, Krieg und Frieden, Geist und Arbeit. Nicht, dass wir in der kalten Zone dieser Welt nicht auch den Zugang zu dieser Universalität hätten, aber das Zugeständnis, als Menschen ausnahmslos an diesem Kosmos teilzuhaben und darin eine respektierte Rolle zu genießen, dieses Zugeständnis fehlt mangels historischem Bewusstsein. Wie anders, bitte schön, sollen wir erklären, dass an dem Ort des Mordes an Siegfried heute eine Kläranlage der BASF steht? Selbst die schwärzeste Regie käme nicht auf die Idee, die materialisierte Geschichtslosigkeit in einer derartigen Skurrilität zu inszenieren.

Das Resultat einer derartigen historischen Abfolge von Debakeln, sowohl auf den dinglichen Feldern als auch in den seelischen Tiefen, konnte nicht ohne Folgen bleiben. Größe und Mut, Risikobereitschaft und vielleicht auch die manchmal nötige Tollheit, um die Welt zu verändern, all das wird nur noch in der Fieberwelt geduldet, da sind sich auch alle schnell einig, da baden wir nur allzu gern im Lustbad der Macht. Die großen Sympathien aus deutschen Landen reichen nicht umsonst vom Mackie Messer der Dreigroschenoper bis zum Mr. Wolf in Pulp Fiction.

Im so genannten wahren Leben aber, das regiert das Mittelmaß, die Garantie vor dem Risiko, da werden Versicherungs- und Haftungsfragen die alles dominierenden Themen, da leckt der Mainstream jede Wunde und das Verwegene hat keine Chance. Kein Wunder, dass so manch rebellischer Geist erheblich ins Schlingern gerät, bevor er mit diesem Licht- und Schattenspiel umzugehen versteht.

Die Handlungsmaximen einer jeden Generation werden aus dem historischen Bewusstsein abgeleitet, dessen sie sich zurechnet. Zum ersten Mal in der Geschichte stehen wir vor Situationen, in denen Generationen nicht mehr fähig sind, dieses notwendige und vielleicht auch verschwommene Etwas zu definieren. Sie wissen nicht mehr, woher sie kommen, wo sie stehen und wohin sie wollen. Sie kennen nicht ihre Relativität in dem großen geschichtlichen Zusammenhang. Sie haben sich noch nie die Frage gestellt, wofür es sich zu sterben und wofür es sich zu leben lohnt. Sie sind nicht in der Lage, sich zu fragen, was ihr heutiges Tun in der Zukunft zu bewirken vermag. Diese wenigen, jedoch essentiellen Fragen sind es, die einen Korridor zum historischen Bewusstsein öffnen, die Fähigkeit, zwischen Erinnerung und Zukunftsvision die eigene Existenz kritisch zu orten und zu reflektieren.

Ohne dieses Instrument degeneriert die Humanexistenz zum Amöbenhaften, wird das Sein beliebig und das Bewusstsein unerheblich. Wenn wir also die Zustände so besorgt zu sehen haben, wie dieses hier geschieht, dann müssen wir uns die Frage stellen, wie es dazu kommt. Zum Teil liegt die Erklärung vor, die psychologischen Ursachen sind in der perpetuierten Traumatisierung zu finden, die existentiellen im Verlust einer emanzipatorischen Vision, die ja gerade eine Folge dessen ist, was wir beklagen.

Das Problem ist der Unwille, Macht zu erwerben und auszuüben. Obwohl er dazu beitragen könnte, die miese Rezeption durch den Faschismus zu klären, sei der Name Nietzsche hier erst gar nicht bemüht, da die Corporate Identity des neudemokratischen Deutschland sich vor allem durch Tabus bestimmt.

Aber lassen wir doch einfach zu, dass Macht zumindest etwas positiv Ambivalentes in sich birgt. Etymologisch unverdächtig von Machen deriviert, ist es eine Beschreibung, die die Potenz zur Aktion erfasst, die das Individuum oder die Gruppe befähigt, etwas zu tun, wovon es oder sie überzeugt sind oder, besser noch im emanzipatorischen Kontext, eine Tat zu begehen, die von Repressivität befreit. Was kann schlecht sein, einen solchen Willen zu haben, außer dass er die Nebel einer ungeklärten Vergangenheit schnell vertreiben würde?

Fragen wir, um den Missklang an mögliche asiatische Despotien a priori auszuschließen, fragen wir angelsächsische Völker, ob sie der Auffassung wären, die Macht sei etwas schlechtes an sich, wir ernteten bestenfalls unverständliche Blicke. Der in Deutschland und im deutschen Gemüt beheimatete Unwille, die Macht als ein Werkzeug zu begreifen, dessen Besitz unter emanzipatorischen Gesichtspunkten erstrebenswert ist, ist der Schlüssel zu der Erklärung, warum die Kinder Germanistans keine Bücher mehr lesen wollen.

Der erwähnte, alte, aber immer noch zutreffende Slogan der Sozialdemokratie, Wissen ist Macht, im Sinne einer Möglichkeit, sich Zugang zu verschaffen, der erreicht die Menschen nicht mehr in der intellektuellen und psychischen Verfassung, in der sie sich befinden. Für sie ist es degoutant, sich um Macht zu bemühen, denn sie erleben die Macht nur repressiv und degeneriert. Und weil es so ist, darum sind auch die Zugänge zu den Arealen der Verwirklichung so suspekt.

Es herrscht eine pathologische Angst im Lande, wenn es darum geht, nach Macht zu streben und deshalb finden wir auch kaum noch einen Willen, Bildung zu erwerben. Denn Bildung ermöglicht es, sich zu einem historischen Bewusstsein aufzuschwingen, Bildung ermöglicht es, sein Leben aktiv gestalten zu können und emanzipatorische Schritte zu gehen.

Der Kampf, vor dem die Gesellschaft momentan steht, ist der entscheidendste der Neuzeit. Die Revolutionen und Kriege des letzten Jahrhunderts waren auch Zeichen großer Vitalität der Völker, sie folgten positiven Idealen wie verheerenden Irrwegen, aber sie besaßen – für sich – eine Definition ihrer selbst und eine Vision ihrer jeweiligen Zukunft. Sollte der Kampf um einen demokratisch begründeten Bildungszugang verloren werden, dann stehen wir vor einer langen Perspektive der Geschichtslosigkeit. Es wird Friedhofsruhe einkehren, die universalen Themen der Existenz werden ohne ihre antagonistischen Pendants auskommen müssen, Herrschaft und Hass, Krieg und Neid, Missgunst und Eifersucht werden die Existenz von Generationen vergällen.

In solchen Situationen bemühte Heinrich Heine den Olymp. Vor allem jene Szene scheint angebracht, in der die Götter bei viel Sinneslust und Kurzweil, bei Nektar und Ambrosia nackt durcheinander liegen. Nur eine Frau ist darunter, die mit einem Panzer bekleidet ist und Schwert und Schild bei sich trägt: Es ist die Göttin der Weisheit.

Vom Wesen des Bären

Um die eigenen Ideen umsetzen zu können, bedarf es eines realistischen Blicks auf die Welt und ihre Möglichkeiten. Um die Welt gestalten zu können, bedarf es einer gehörigen Portion Phantasie. Das Spannungsfeld zwischen erlebter Welt und den Potenzialen ihrer Gestaltung gehört zu den universalen Problemmustern des Individuums wie der Gesellschaft. Und die Geschichte musste mehr als einmal bezeugen, dass die Fähigkeit, die Welt klug und umfassend zu rezipieren wie die Genialität, kreativ gestaltend in sie einzugreifen nicht unabdingbar parallel zu ihrer eigenen Komplexität verläuft. Einfache Sachverhalte produzierten zuweilen grandiose Irrtümer, ausweglose Situationen wurden durch schlichte Chuzpe zu Highlights der Historiographie. So kam es, wie es kommen musste: Einfaltspinsel zelebrierten immer mit dem Unerwarteten die Mär von dem unvorhersehbaren Spiel.

Die Verwirrung der Gefühle wie die Ängstlichkeit, über das Popevent hinaus Flagge zu zeigen, mögen darauf hindeuten, dass wir vermutlich weit von kalkulierten Handlungssträngen entfernt sind. Andererseits können die besagten qualitativen Sprünge in den kognitiven Ketten der menschlichen Natur doch ab und an Effekte erzielen, die eine lineare Wahrscheinlichkeit eben ausschließt. Gesetzt den Fall, es findet sich eine Mehrheit, die die Auffassung mit sich trägt, dass das cultural gap, welches die rasante technische Entwicklung mit sich gebracht hat, mit allen Anstrengungen überwunden werden muss. Und schon stünden wir vor der Frage, in welcher Bewegungsrichtung denn die Veränderung zu vollziehen sei.

In die Richtung der Technik, die mit ihrer Eigendynamik das Tempo beschleunigt und die Menschen hinter sich her schleift wie ein Fahrzeug Passagiere, dessen Mäntel in den Türen festgeklemmt sind? Oder dorthin, wo die Menschen standen, als sie sich eine technische Hilfe ersonnen, die nun mit der Verve des Zauberlehrlings in Richtungen losgetobt ist, von denen die Vordenker nicht einmal etwas ahnten. Und wir stellen fest: Der Homo sapiens ist ein ziemliches Rindvieh, wenn er glaubt, voluntaristisch das Geschehen bestimmen zu können ohne je zu kalkulieren, dass es einen Determinismus des Unbestimmten geben könnte, obwohl historisch bis dato jedes Mal ein solcher auftrat.

Da ist dann guter Rat teuer, wenn die Beobachtung immer genau dort endet, wo die Intention zu Ende formuliert ist und nicht mehr weiter geht bis zu der Sphäre, wo die Welt mit ihrem facettenreichen Antlitz steht und geduldig wartet, um den längst überfälligen Dialog zu führen. Denn es mag glauben wer will, aber es gibt eine Sphäre des Nicht-Instrumentellen, in der die Hieroglyphen der Freiheit entschlüsselt werden müssen, um dorthin zu gelangen, wo der unwissend-wissend befreite Kleingeist spürt, dass mit dem Lösen der Fessel erst das Stadium beginnt, worin sich die Vorsehung der Natur mit der guten Intention der humanen Kreatur ein Stelldichein gibt.

Und gesetzt den Fall, der Mut wäre da, dieses sicherlich auch in vielen Punkten unangenehme Gespräch zu führen. Fehlte es nicht dann trotzdem an der gestalterischen Kraft, den Fluch von vielen tausend Jahren fremder Bestimmung und Disharmonie zu erlösen durch die Klänge einer Harmonie, die inspiriert zur gemeinsamen Tat und deren Ästhetik besticht durch das gefügte Unbekannte?

Wenn es kompliziert wird empfiehlt es sich, mit einfachen Beispielen den Charakter des Problems zu verdeutlichen. Die ganze Nation war kürzlich Zeuge einer Begebenheit, die die gesellschaftliche Rezeption der Natur, der Umgang mit der Natur wie der Rezeption und der Reflexion der Gesellschaft über sich selbst nicht besser hätte dargestellt werden können.

Es begann mit der Erscheinung eines Braunbären in Bayern. Endlich, so jubilierte die Republik in den Medien, endlich haben wir wieder einen richtigen, weil wilden Bären auf deutschem Boden. Es war ein Augenblick der Freude und nicht ein Menschlein auf weiter Flur, das nicht in Begeisterung ausbrach.

Die Euphorie wurde schnell gedämpft, als der Bär seiner Natur folgte und gemäß seiner Raubtierbestimmung Tiere riss, die sich in menschlichem Besitz befanden. Bei denen war es sofort aus mit dem gleichzeitig zur Fußballweltmeisterschaft inszenierten Slogan „Zu Gast bei Freunden“ und das Blut ihrer Lämmchen war noch nicht getrocknet, als der Schrei nach Abschuss schon durch die bayrischen Ebenen hallte. Der Ministerpräsident dieses Landes, seinerseits studierter Jurist und somit ständiger Kronprinz der Systemimmanenz, verschlug es gleich wieder die Stimme und er machte sich an eine neue Genealogie des Bären, indem er Kategorien wie Schad- und Problembär einführte. Er war es auch, der ungewollt die vorherrschende gesellschaftliche Mystifikation verkörperte. Denn zu seiner Empörung entpuppte sich das putzige Bild eines Raubtieres an sich zu einem gemeinen Raubtier für sich.

Besagter Ministerpräsident, der genau wusste, wovon er sprach, hatte er doch seiner Zeit promoviert zu dem Thema „Der Hausfriedensbruch im aktuellen Licht“, gab nach einem solchen des Bären in einen Hühnerstall der bayrischen Zivilisation den Meister Petz zum Abschuss frei. Daraufhin kam die Liga der militanten wie der spirituellen Tierschützer auf den Plan, die ihrerseits das Recht auf Raubtierexistenz proklamierten, aber letztendlich das Wesen des Raubtieres als Preis für den Genuss seiner Putzigkeit herunter zu spielen suchten.

Während dessen zog Bruno, so hieß der Braunbär jetzt im geschwätzigen Maul der Medientrommel, von hoher Intelligenz inspiriert, nach den schweren Menüs in Deutschland, wo er Lämmer und Hühner verspeiste, zum Dessert ins benachbarte Österreich, um sich an Honigstöcken und Wildbeeren zu laben und dem entspannten Müßiggang zu frönen.

Auf Intervention der Friedensbewegung wurde in Deutschland wiederum durchgesetzt, dass Bärenjäger mit Schlafspritzgeschossen aus Finnland eingeflogen wurden, um Bruno einen sedierenden Genickschuss zu verpassen, um sein Leben als Raubtier zu vernichten und ihn weiterhin animiert als putzige Hülle in einem Zoo umher torkeln zu lassen.

Doch obwohl der Braunbär zu seinen schweren Mahlzeiten immer wieder nach Bayern kam, die finnischen Bärenjäger fanden ihn nicht. Erst, nachdem diese völlig entnervt zurück ins sommerliche Mückenparadies ihrer Heimat zurückgekehrt waren, zogen die bayrischen Jagdschlawiner entschlossen ihre doppelläufigen Flobertstutzen aus den Eichenschränken und brauchten wie von Wunderhand nicht einmal eine Nacht, um Bruno zu stellen und ihm das Licht der Wildnis mit einem krachenden Schuss auszublasen und durch das ewige Dunkel zu ersetzen.

Die Lager empörten sich und huldigten gleichzeitig ihren apologetischen Systemen. Denn gelernt hat anscheinend niemand etwas. Die Tierfreunde und Putzebärenliebhaber waren empört, die Viehzüchter erfreut, die Vertreter der wehrhaften Demokratie fühlten sich ebenso bestätigt wie die Friedensbewegung. Mit diesen Reaktionen zeigten die pressure groups der republikanischen Gesellschaft, dass es wohl nicht nach einer größeren Veränderung in der nahen Zukunft aussieht. Als distanzierter Beobachter wurde man den Eindruck nämlich einfach nicht los, dass das Geschehene beliebig war und durch alles Mögliche hätte ausgetauscht werden können, weil es keine Basis für einen kritischen Diskurs mehr gibt.

Es ist, als warteten alle Gruppen von Relevanz nur auf ein Signal, um nach einer kurzen Justierung der Semantik ihren ideologischen Sermon repetitiv wie den Koran herunter zu rattern, um dem Ritual der Selbstreferenz zu frönen. Da ist nichts mehr von Aufklärung, Kritik, und Selbstkritik, Rede und Gegenrede, These und Antithese und dem Mut zum Eingeständnis eigener Fehler. Alle haben es schon immer gewusst und die versammelten Anderen tragen und trugen die Bürde des ewigen Irrtums.

Und was hätte das im WM-Fieber entnationalisierte, weil feminisierte neue Deutschland alles lernen können, wenn es den knisternden Schritten des Braunbären etwas unvoreingenommen gelauscht hätte. Ihm wäre vielleicht klar geworden, dass es archetypische Strukturen gibt, die man heute mit Wesen oder Charakter übersetzen muss. Zum Wesen eines Raubtieres gehört es, seine Existenz zu sichern durch den Raub, der einhergeht mit der Vernichtung anderer. Es gibt keinen Tag der Sättigung in einem Raubtierleben, an dem nicht das geronnene Blut der vernichteten Kreatur an den zufriedenen Lippen klebt. Und es gibt keinen Tag im Leben eines Raubtieres, an dem es nicht bereit wäre, bis zum Äußersten zu gehen, denn der Drang zu Mäßigung im Umgang mit den eigenen natürlichen Waffen wäre das Entree zum eigenen Untergang.

Man könnte auch sagen, dass das Wesen des Killers nicht nur darin besteht, die anderen ihn umgebenden Lebewesen ständig mit der Vision des Todes zu konfrontieren, sondern auch darin, in den anderen ihn Umringenden zu jeder Sekunde das Antlitz des eigenen Todes zu erspähen. Die Aggressivität des tierischen Räubers korreliert mit der Größe der eigenen Bedrohung.

Legt man nun das Verhalten Brunos vor diese Erkenntnis, dann muss man dem Bären auch noch eine unglaubliche Intelligenz bescheinigen: Kein Hochmut lullte ihn ein, sondern er hatte einen durchaus realistischen Blick für das ihn bedrohende Ensemble. Und sein Preis war hoch, für ein bisschen Coque au vin, Lammbraten und eine Honigspeise steht er als Lohn nun ausgestopft in einem dieser grässlichen Heimatmuseen, in einem Landstrich, wo man buchstäblich von der Erde essen kann und alles wie geleckt ist.

In seinem letzten Spartakusbrief schrieb Karl Liebknecht: Es gibt Niederlagen, die sind wertvoller als Siege und Siege, die sind verhängnisvoller als Niederlagen. Als er das schrieb, hatte er auch bereits den Tod vor Augen, ein Augenblick übrigens, der durch die Offenbarung der Weisheit bestechen soll.

Und da wir ja immer alles auf den Prüfstand der Freiheit legen und der zu ihrer Erlangung zu erfüllenden Notwendigkeiten achten, wenden wir den bewegenden Satz nun einmal auf Bruno, den Braunbären an:

Die Niederlage, die der Bär erlitt, entsprach einer axiomatischen Wahrheit, weil sie ihn nicht nur in seinem Bild von der Welt bestätigte, sondern die Welt wurde ihrerseits ebenfalls von ihrem Bild des Raubtieres bestätigt. Die Welt wie das Raubtier hatten an sich wie für sich nicht nur ein realistisches Bild erworben, sondern auch eine neue Erkenntnis hinzu gewonnen. Ein archaischer Charakter geht unter, selbst in einer vermeintlich geläuterten Postmoderne oder Tertiärzivilisation oder wie sich die Diktaturen der Prothesengötter sonst noch so nennen mögen. Ein genetisches Programm, das mit nur sehr geringen Modifikationen einige hunderttausend Jahre überlebt hat, gerät an dieser Stelle allerdings schon einmal ins Schmunzeln.

Die Machbarkeit und die Formbarkeit der Welt, wie sie uns seit dem Aufkommen der Technokratie immer wieder eingebläut wurde, stellen sich nach Betrachtung dieser kleinen Episode abermals als die großen Irrtümer des technischen Zeitalters heraus. Das ist nichts Neues und sein Erkenntniswert an sich hat keinen Rang von Bedeutung. Was allerdings in hohem Maße beunruhigt ist die Tatsache, dass es gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint, gar kein Interesse mehr an einem Lernprozess nach einer Irritation erwerben zu wollen. Oder anders ausgedrückt: Wir etablieren die Mystifikationen unserer Mikrokosmen und Subkulturen zu einer nicht mehr zu hinterfragenden Subjektrealität und blenden die durch einen jedermann zugänglichen Erkenntnisprozess erlebbare Wahrheit einfach aus.

Nun wissen wir seit der Mythenforschung, dass es immer wieder Gesellschaften gab, die sich in Geographie, Wirtschaft, zivilem Verkehr wie kulturell von der sie umgebenden Welt abschotteten, weil sie so in vermeintlichem Wohlbefinden und teils sogar in Glückszuständen schwebten, die durch keine Fremdeinwirkung gestört werden sollten. Sie labten sich am Mond, frönten der Sonne, blickten in sich oder umarmten die Natur als Ganzes. Egal welche Form sie wählten, sie wandten hohe spirituelle Energien auf, um ihren Zustand zu erreichen und – jetzt kommen wir zum großen Unterschied zu heute – sie waren überzeugt davon, sich auf dem Weg zur Wahrheit zu befinden.

Die gegenwärtige Gesellschaft unterscheidet sich wesentlich davon. In ritualisiertem Lagerdenken verhaftet, uninteressiert an der Wahrheit und größtenteils unglücklich, muss schon aufmerksam und lange gesucht werden, um Energien zu identifizieren, die sich in positive, gestaltende Prozesse bewegen. Ursache hierfür ist die Verweigerung der Erkenntnis, vor allem weil sie verbunden ist mit dem Horror vor der Verknüpfung mit einer praktischen Konsequenz. Oder anders ausgedrückt: Wer die Welt nicht ändern will, der will sie auch nicht erkennen.

Insofern tanzen wir erkenntnistheoretisch einen schaurigen Makabré, der nur auf Schiffen zuhause ist, die Steuerbord voraus auf Tsunamikurs gegangen sind. Diesen Gedanken weiter verfolgend, drängt sich die Frage auf, ob der Weg über die Bildung nicht vieles in Bewegung setzen könnte, das auf einen positiven Gestaltungswillen hinaus liefe.

Insofern hätte der Bär, der in diesem Sommer so unerwartet in ein Land kam, in dem man sich nach ihm sehnte, ohne sein Wesen zu begreifen und den man so schnell wieder los werden wollte, als man es begriff, etwas sehr Positives bewirkt. Bruno, der Braunbär, hat eine Anregung gegeben, die seinem Wesen entsprach, und die etwas auslöste, das ein ganzes Volk in Verwirrung warf.

Tanjung Priok

Ein Name, der für die Wucht der Veränderung steht. Ein Hafen, der aus den Wassern der Java See gespeist wird und dessen Vitalität für die Anarchie und die Explosivität gewaltiger gesellschaftlicher Veränderung steht. Im Norden Jakartas gelegen, ist dieser Hafen Zeuge ungesteuerter Veränderung. Dort, wo die großen Fähren mit tausenden Menschen überladen die millionenfache Stadtbevölkerung über die Meere zu den verschiedenen Inseln des Landes bringen, wenn der Fastenmonat Ramadan beginnt. Schwer beladen mit den kulinarischen Schätzen dieser ins uferlose wuchernden Metropole schwärmen sie aus in die Provinzen ihrer Herkunft, um die Daheimgebliebenen von der Früchten ihres Erfolges kosten zu lassen, so bescheiden der am Ende auch aussehen mag. Sie ziehen von allen Teilen der Fünfzehnmillionenmetropole durch das im Norden gelegene Chinesenviertel Glodok, wo sie die letzten Geschenke kaufen, die schon lange in keinen Koffer und in keine Tasche mehr passen. Vorbei an stinkenden Märkten und fauligen Supermärkten, an illustren Spielhöllen, an Bahngleisen entlang, wo die minderjährigen Huren ihre Freier in Fernsehkartons empfangen, vorbei an großen Displays, die mit riesigen Lauflettern das Glück in Form der neuesten Produkte verheißen, zu Fuß, mit Fahrradtaxen oder zu fünft auf dem Moped. Hier und da machen sie dann doch wieder Halt, um einem bärtigen Chinesen mit langem Nagel am kleinen, und einem in der feuchten Tropensonne matt glänzenden, mächtigen Rubin am anderen Finger ein letztes oleh-oleh, ein Geschenk von der Reise abzukaufen oder ein nasi goreng bei einer Tasse bittersüßem Tee zu verschlingen. Zeit bringen sie mit, denn die Schiffe sind immer ausgebucht, und manchmal springen sie noch auf, wenn es schon ausläuft, bedächtig tief liegend, stöhnend und schwer schnaubend.

In nur ein oder zwei Wochen werden sie zurück kommen nach Tanjung Priok, den Hafen Jakartas, in dem der größte Gong Asiens beherbergt ist, zu dem in der Silvesternacht Hunderttausende pilgern, wenn er geschlagen wird, um sich das Glück zu wünschen, in der jährlich mehr und mehr unter den Meeresspiegel sinkenden Metropole zu überleben. Und wenn sie zurückkehren, dann bringen sie noch Freunde und Verwandte mit aus ihrem Heimatdorf, junge Leute, die den Willen verloren haben, in den Dörfern der Reisernte oder dem Fischfang nachzugehen und auf die tropische Nacht zu warten. Was an Waren in den Provinzen geblieben ist, bekommen die Schiffe nun mit neuen Menschen in die vollen Bäuche gestopft und so schnaufen sie zurück in den Hafen Tanjung Priok und im Laufe weniger Tage nach dem lang ersehnten Fest Idul Fitri bringen sie jährlich eine halbe Millionen mehr Menschen nach Jaya Karta, die Große, die Siegreiche, und sie werden bleiben. Vom Tage Eins an werden sie sich dem Überlebenskampf stellen, die Batak, die Dayak, die Javaner, die Balinesen, die Papua, die Mindanao, die Molukker und Bugi. Aus allen Teilen des Inselreiches eilen sie herbei, um im Tiegel der südostasiatischen Kulturen gebrannt zu werden. Mit Kopftüchern geschmückt und anmutend wie Piraten aus der Vorzeit, stellen sie sich dem Kampf in einer der vitalsten Arenen der Globalisierung.