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Zweck und Wert

Kennst du deine Feinde, kennst du dich selbst, hundert Schlachten ohne Schlappe. Das Diktum der großen Strategen aus dem Reich der Mitte ist nicht nur ein Indiz dafür, dass wir es mit einem semantischen Archetypus zu tun haben, sondern es dokumentiert wieder einmal den Charme asiatischer Dialektik. Das Abschätzen von Kräften zweier miteinander streitender Parteien entscheidet darüber, welches Ziel formuliert und zu welchen Mitteln gegriffen wird. Wie weise. Und, andererseits, wie banal. Die neuzeitlichen Philosophen asiatischer Guerilla- und Befreiungskriege wie Mao Ze Dong und Ho Chi Minh griffen auf diese Weisheit zurück und waren damit erfolgreich. Auch gegen konventionelle Übermächte. Diese waren zumeist getrieben von der neuen Apotheose der technischen Machbarkeit. Sie hatten Strategien, die soziale und politische Dimensionen zur Grundlage legten, ersetzt durch den Glauben an die Technokratie. Das war fatal. Das blieb fatal, bis heute. Vielleicht handelt es sich dabei um die Tragödie des Westens schlechthin. Hatte er es doch vermocht, mit der Verwissenschaftlichung und Industrialisierung seiner Prozesse die alten Mächte dieser Erde an die Peripherie zu drängen und ungeheure Reichtümer zu schaffen, die alles erdrückten.

Im Rausch des Erfolgs blieben die sozialen und politischen Skills anscheinend auf der Strecke. Durch Technologie kann man herrschen, durch Reichtum auch. Zumindest innerhalb bestimmter Zeiträume. Doch die Perfektionierung eines Mittels wie der Dominanz eines sozialen Zustands sind keine Strategie. Beides hinterlässt ein Vakuum, das ausgefüllt werden will. Selbst oder gerade wenn man zurückgeht in die Welt der Mythen wird evident, dass menschliche Existenz nach Erklärungen für das Sein sucht, nach Mustern für den Sinn und nach Identitäten für das Zusammenleben. Das alles kann weder Konsum noch Wohlstand leisten. Und das scheint zunehmend das Defizit des so grandios daher kommenden Westens zu sein. Das große Paradigma der Demokratie, die ihrerseits sicherlich die formale Grundlage für das Florieren von Technologie und Reichtum war, ist ausgehöhlt durch eben ihre eigene Dialektik. Der Schein des Gelingens hat die Ursache desselben längst übertrumpft. Der Sinn der Demokratie ist nicht seine Degradierung zum Zweck. Technologie und Reichtum scheinen hingegen zum Sinn geworden zu seinen und die Demokratie ihr Zweck. Das kann nich gut gehen und das wird nicht gut gehen.

Das Gespenst der Systemtheorie, Niklas Luhmann, hatte trotz aller politischen Virulenzen, in denen er wirkte, zwei Termini geschaffen, die er aus dem Amalgam der Entwicklung gedeutet hatte. Er sprach von Wert- und von Zweckrationalität. Damit lag er phänomenologisch richtig. Die Vorgehensweise in den Herzländern der Technologisierung und Industrialisierung ist zu einem Absolutismus der Zweckrationalität verkommen und dominiert das Denken wie nie. Die Wertrationalität, die determiniert, warum wir was wie machen, zurückgeführt auf Grundwerte, nach denen wir operieren, ist zu einer Randexistenz geworden, die allenfalls in therapeutischen Kontexten noch eine Relevanz besitzt.

Kommen wir zurück zu dem Diktum der Strategen aus dem Reich der Mitte und Tongking. Die Verblendung, die aus dem Zweckrationalismus entstiegen ist, macht es zunehmend schwer, in Kontexten zu agieren, in denen wesentliche Bestandteile von Wertrationalität Geltung behalten haben. Ob die geteilt werden oder nicht, ist dabei irrelevant. Man muss sie nur verstehen. Bewegt man sich jedoch nicht von dem Erklärungsmuster der Zweckrationalität weg, wird man sie nicht begreifen. Es gilt zu verstehen, dass die Welt der Zweckrationalität nicht überall auf der Welt die Attraktivität besitzt wie in unseren Breitengraden. Anscheinend wird diese Einsicht verweigert. Das verheißt nichts Gutes. Viele Schlachten. Viele Schlappen.

Scheinrationalität

Nahezu über Jahrzehnte wurden Begriffe wie Zweckrationalität und instrumentelle Vernunft als die Signatur eines technokratischen Zeitalters gebrandmarkt. Der erste stammte von Max Weber, der zweite von Max Horkheimer. Die Arbeit der beiden Geister in ihrer Sequenz umfasste nahezu ein Jahrhundert, der eine war ein Liberaler und der andere hatte marxistische Wurzeln. Beide hatten einen kritischen wie analytischen Blick und es muss wie eine Konkordanz unterschiedlicher Aufklärungsansätze wirken, dass beide den Zweck als das Dominante und Inhumane der kapitalistischen Wirtschaft beschrieben.

Der Vorteil der globalisierten Welt besteht in der Unmöglichkeit, eine ökonomisch und kulturell herausragende Wirkungsweise als für alle aussagekräftig zu bezeichnen. Dazu ist die Welt zu divers, auch wenn die Börsen den Anschein erwecken, als tickten die Zähluhren überall gleich. Agraische wie merkantile Ökonomien spielen nach wie vor gewichtige Rollen. Kategorien wie der Zweckrationalismus und die instrumentelle Vernunft sind zwar auch in diesen Produktionsweisen nicht völlig deplatziert, aber sie dominieren das Denken nicht so wie in der kapitalistischen Produktionsweise.

Phänomenal hingegen ist die Beobachtung, dass sich in den Zentren der hiesigen Ökonomie immer wieder Organisationen ausmachen lassen, denen die Zweckbestimmtheit ihres Handelns unwichtig ist. Das erstaunt, weil es eher einem Stammesfürsten in Afghanistan zugestanden wird als einem modernen Westler, der in metropolitaner Umgebung sein Auskommen sucht. Das Interessante an den Wertschöpfungsprozessen des Kapitalismus ist ihre Fähigkeit, Dinge, Prinzipien und sogar Appelle, die nicht ihrem Prinzip entsprechen und sogar gegen es gedacht sind, in den Kreis ihrer Wirkung zu ziehen und als belebendes Element der Produktions- und Vermarktungsstrategie zu etablieren.

Dada, jene Kunstform, die über den Schock das arrivierte bürgerliche Publikum zum Nachdenken über das Tollhaus der Zweckrationalität bewegen wollte, war eine der frühesten und prominentesten Protestgesten, die in der Mainstreamvermarktung endete. Es folgten viele Formen, vor allem in Kunst und Musik, über Ready Mades bis hin zum Punk, von der Abstraktion bis hin zur Dekonstruktion. Kein Attentat auf die exklusive Sinnstiftung durch die Wertschöpfung, die durchaus unabhängig von den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vonstattengehen kann, war zu verwegen, um nicht gleich wieder vom Verwertungsprinzip einkassiert worden zu sein.

Umso erstaunlicher wirkt es, dass die Selbstwahrnehmung der auf Schock ausgerichteten Gesten jedes Mal dem Schein der Pionierhaftigkeit und Authentizität nicht widerstehen können und ihre Extravaganz und Einzigartigkeit nach außen kommunizieren. Und die Gesellschaft scheint das Spiel gerne mitzuspielen, als hätte sie nicht alles schon unzählige Male erlebt. Vielleicht ist die Aufgabe des kritischen Bewusstseins gegenüber dem scheinbar Irrationalen so manchen Protestes nichts anderes als das tiefe Verlangen, irgendwann doch dem eisernen Prinzip der Verwertung entkommen zu können.

Begibt man sich in virtuelle Subkulturen, in denen Ideale ritualisiert sind, die schon kaum mehr zur Verwertung taugen, weil die Botschaften bereits x-mal vermarktet wurden, dann erlebt man Zeitgenossen, die sich mit einer Inbrunst der Scheinerzeugung widmen, als hätte Zweckrationalität wie instrumenteller Vernunft das letzte Stündchen bereits geschlagen. Es existieren Welten, in denen die Zweckrationalität durch eine Scheinrationalität ersetzt wurde. Erstere überlässt der letzteren die Autonomie so lange, wie es braucht, um in den Schoss des Mutterprinzips wieder zurückkehren zu können. Ein System, das seine Vitalität aus der feindlichen Geste zieht, scheint gegen alles gefeit zu sein.