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Gesetzt den Fall

Man kann sich wundern, man kann sich aufregen, aber alles nützt nichts. Es ist deutlich geworden, dass wenig bis keine Anstrengungen unternommen werden, um zu erklären, warum die Wahl von Donald Trump hier in der Republik ein Entsetzen ausgelöst hat, wie es bei keiner Wahl eines US-amerikanischen Präsidenten vorher der Fall war. Die emotionalen Aufreger, oder genauer gesagt, die Äußerungen, die dazu geführt haben, sind zum Teil aus dem Kontext gerissen oder sie sind schlicht nicht zu vermitteln. Was auffällt, ist die Abstinenz gegenüber einer Recherche, was dieser neue Präsident eigentlich will. Selbst der nahezu gesamte mediale Apparat betont immer wieder, man wisse nicht, was eigentlich die Agenda sei. Das ist Unsinn. Einerseits hätte es genügend Möglichkeiten gegeben, dieses herauszufinden. Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Guilani zum Beispiel, der ein sehr enger Vertrauter Trumps ist, gilt als ein auch der Presse gegenüber sehr mitteilsamer Mensch. Ihn zu fragen, wäre naheliegend gewesen. Aber wozu die ganze Mühe, wenn das Urteil bereits feststeht? Und es scheint festzustehen, dass die herrschenden Kreise auch hier, in der Bundesrepublik, den Kurs, den es bereits gibt, überhaupt nicht goutieren. Da ist es bequemer, gleich auf Skandale zu reduzieren und nach Pawlowscher Manier zu diskreditieren.

In seiner durch hiesige Berichterstattung auf neunzig Sekunden reduzierten Pressekonferenz hat Trump eigentlich einiges darüber gesagt und zum Teil wiederholt, wie er sich die Zukunft vorstellt. Interessant ist dabei vor allen Dingen das, was Europa und Deutschland betrifft. Trump selbst nannte z.B. die Zahl von 96 Millionen Amerikanern, die eine Arbeit suchten. Das ist eine andere Hausnummer als die offiziellen Statistiken verlauten lassen. Trumps Plan ist es, die USA als Produktionsstandort wieder zu etablieren. Wertschöpfung per se hat sich als das einzige Mittel erwiesen, das in der Lage ist, eine Gesellschaft gegen irrlichtende Finanzspekulationen einigermaßen zu immunisieren. Da ist ein Vergleich durchaus förderlich: Genau die Länder, in denen die eigenen Wertschöpfungsanteile sehr hoch sind, wie zum Beispiel die Bundesrepublik, haben die 2008 ausgelöste Krise noch am besten überstanden.

Die Mittel, mit denen Trump das erreichen will, sind alles andere als zimperlich und widersprechen der Ideologie des freien Welthandels. Da wird von Zöllen geredet, vor allem auch gegen jene, die im Ausland produzieren lassen, aber den Binnenmarkt bedienen wollen. Das trifft natürlich auch Länder wie die Bundesrepublik, die sich hauptsächlich über den Export definieren. Wenn dann noch die Ankündigung, wie geschehen, hinzu kommt, die militärische Präsenz seitens der USA in der Welt drastisch zu reduzieren, dann bedeutet das ein signifikantes Ansteigen der Kosten für die bisherigen Nutznießer. Es heißt, die militärischen und geostrategischen Vorteile, von denen der bundesrepublikanische Export in der Vergangenheit profitiert haben, wären mit einem Male dahin. Und selbiges heißt eine enorme Steigerung der Kosten, trotzdem der Verlust von Standortvorteilen und ein Absinken der Exportquoten, was wiederum zu größeren Verteilungskämpfen innerhalb des Landes führen wird. Das sind Perspektiven, die viele im politischen Lager mächtig schrecken.

Es handelt sich dabei nur um einen Aspekt, aber der wiegt bereits schwer. Und allein diese Position ist für Trump bereits lebensgefährlich, weil sie auch den Interessen des militärisch-industriellen Komplexes innerhalb der USA widerspricht. Gesetzt den Fall, Trump überlebt die nächsten Monate und vielleicht sogar Jahre und gesetzt den Fall, er hält allein an dieser Position fest, wird sich sehr vieles ändern, vor allem für die, die im Windschatten der USA gesegelt sind. Eine andere Frage ist die, ob die Re-Nationalisierung der Wirtschaft trotz eines international arbeitenden wissenschaftlich-technischen Fortschritts überhaupt möglich ist. Aber das sind die Fragen, die interessieren sollten. Sie sind wichtiger als ein Eliten-Knigge.

Von den Schlachthöfen Chicagos zum iPad auf dem Balkon

Der erste Mai als institutionalisierter Kampftag der Arbeiterklasse war bereits Ausdruck der Stärke derer, die sich für das Recht auf Arbeit und auf die Rechte derer, die arbeiten, gleichsam einsetzten. Vor allem die europäische Arbeiterklasse in den Industriehochburgen war eine Macht, an der sich nicht mehr vorbei agieren ließ. Zumindest nicht wirtschaftlich. In den entscheidenden historischen Momenten blieb die große politische Qualität aus, die Parteien, die eng mit den Arbeitergewerkschaften liiert waren, ließen sich im Kampf der Imperialismen gegeneinander ausspielen. Aber die wirtschaftliche Macht blieb bis zu den ersten massiven Krisen des Industrialismus erhalten.

Vor allem die letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts haben die Welt der Arbeit massiv verändert. Das, was unter den Begriffen von Digitalisierung und Globalisierung verstanden wird, hat die Grundform von Lohnarbeit und Kapital nicht abgeschafft. Immer noch existieren die Besitzer von Produktionsmitteln und immer noch gibt es die Armee derer, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft und dieses auch tun. Was sich in exponierter Form in der Welt der Arbeit verändert hat, ist ihr Wandel vom fassbaren kollektiver Charakter zum gefühlten Individualismus und in vielen Fällen hat sich die erfahrbare Gegenständlichkeit der Arbeit verabschiedet. Es müssen nicht mehr alle, die an ein und demselben Produktionsprozess beteiligt sind, dieses in ein und demselben Gebäude verrichten. Und es wird immer schwieriger, die Komplexität des Gesamtzusammenhangs auch der Perspektive der Interessen derer, die daran beteiligt sind, zu identifizieren.

Vor allem seit der Jahrtausendwende liegen gesicherte und massenhafte Erkenntnisse darüber vor, was die digitalisierte und globalisierte Arbeit ohne eine neue Form der Interessenvertretung derer, die sie vollziehen, bewirkt. Die Möglichkeit, den tatsächlichen Anteil des Individuums am Prozess der Wertschöpfung zu ermitteln, wird immer geringer und der Prozess der Entfremdung, d.h. der Sinn- und Identitätsverlust im Prozess der Arbeit wird signifikant größer, was sich an der Explosion psychosomatischer Erkrankungen zeigt. Zudem hat die Verteilung des Reichtums eine Dimension angenommen, die vor wenigen Jahrzehnten noch dem Genre des Science Fiction zugeschrieben worden wäre. Das stehen sich die diplomierten jungen Armen in der Kreativwirtschaft und die börsennotierten ehemaligen Startups von Facebook, Paypal und Google brutal gegenüber.

Die Notwendigkeit der Organisation von Arbeit aus der Perspektive ihrer klassischen Interessen ist größer denn je. Das, was als die große Stunde des Individualismus und der Unabhängigkeit verkauft wird, entpuppt sich ökonomisch noch jedesmal als ein ungleicher Kampf um die Durchsetzung der Interessen. Die Schimäre der individuellen Freiheit im Kontext der digitalisierten Wertschöpfung ist das erste, was in einem solchen Prozess der Neuorientierung zerstört werden muss. Jede Form der Wertschöpfung hat bis dato immer noch die Möglichkeit in sich getragen, den Anteil der Arbeit am Prozess der Wertschöpfung zu quantifizieren. Zwar existieren Zeiterfassungssysteme, aber es existieren keine synchronisierten Systeme hinsichtlich der Entstehungsgeschichte und der Wertanteile von extrem arbeitsteiligen Produkten.

Die entscheidende Frage ist nicht die mangelnde technische Möglichkeit, den modernen Formen der Arbeit zu ihrem Recht zu verhelfen. Die entscheidende Frage ist das Bewusstsein derer, die sich ihrerseits als Anbieter von Arbeit in dem Wertschöpfungsprozess befinden. Fühlen sie sich wie freie Unternehmerinnen oder Unternehmer, auch wenn sie 60 Stunden in der Woche arbeiten zu einem Entgelt, das jeder tatsächlichen Relation spottet oder begreifen sie sich als Mitglieder eines Kollektivs, dass der nahezu absoluten Dominanz entgegensteht? Wann beginnen diese Menschen Apps zu programmieren, die die Interessen der Arbeit vergegenständlichen? Es sei die These erlaubt: Alle Malaisen dieser unbefriedigenden Welt resultieren aus dem Rückgang der Interessenvertretung der tatsächlich Produktiven.

Neue Standards der Trivialität

Symbolisches ist wichtig. Wenn die Zeichen nicht stimmen, dann wird der Sinn schnell hinterfragt. Existieren allerdings nur die Zeichen und dahinter verbirgt sich keine Substanz, dann ist nicht nur Skepsis angebracht, sondern vielmehr eine Aktion, die die Symbolik als Mystifikation entlarvt. Wer mit Symbolik hausieren geht, ohne sie mit Taten zu untermauern, dem blüht das Schicksal des Scharlatans. 

Heute war so ein Tag, an dem Verwunderung wie Kritik angebracht ist. Es war der deutsche Diversity-Tag, gefeiert in der ganzen Republik, mit Unterstützung der Bundesregierung. Die Veranstaltungen dazu hatten unterschiedliche Qualität und nicht alle entsprachen einer Agenda, die keine ist. Das Gros dieser Events erschöpfte sich allerdings in einer trivialen Dimension. Von Gemeinsam einen Kuchen backen bis hin zu Wir malen ein Bild. Gut, wer gerne werkelt, hatte hier sein Feld. Wer allerdings das Thema der Vielfalt ernst nimmt und aus dieser Perspektive die Frage stellte, welche Lebensaspekte bei dieser Vorstellung eine Rolle spielen, wurde bitter enttäuscht.

Als Ergebnis der Phase der Globalisierung, in der sich unsere Gesellschaft befindet, ist es nur zu logisch, dass eine wachsende Migration zu verbuchen ist und sich eine Vielfalt der Lebenskonzepte entwickelt hat, die in den alten, relativ stabilen traditionellen nationalstaatlichen Vorstellungen keinen Platz mehr hat. Die existenzielle Frage ist die, ob die sprühende Vielfalt als ein Problem, d.h. eine Bedrohung der traditionellen Ordnung oder als Chance der Entwicklung neuer gesellschaftlicher Dynamik begriffen wird. Letzteres erfordert allerdings ein Umdenken, das viele fest gefügte Weltbilder zum Einsturz bringt. Da kann es nicht um Schubladen mit Aufschriften wie Gender, sexuelle Orientierung, Religion oder Ethnie gehen, sondern es bedeutet den Abschied auch von den Denkformen, die im traditionellen Status gereift sind. Die Normen der Vergangenheit passen nicht zu den Möglichkeiten einer vielfältigen Zukunft.

Einmal ganz abgesehen von der Trivialität vieler Events, ist es ebenfalls absurd, mit einem neuen Beauftragtenwesen, in dem einzelne Aspekte von Unterschieden in alte Strukturen zementiert werden, den Aspekt zu bedienen. Was vonnöten ist, sind neue Formen des praktischen Handelns und qualitativ andere Entscheidungen. So lange Strukturen geschaffen und alte Verhaltensformen perpetuiert werden, ändert sich nichts. 

Unsere Gesellschaft zeichnet sich durch ein hohes Maß an Dokumentation aus. Das kann von Vorteil sein, aber auch zu einer dramatischen Verengung des Blickfeldes führen. So sind die Arsenale gespickt von Normen, die antiquiert sind, aber immer noch zur Anwendung kommen. Wäre die Perspektive der Vielfalt ernst gemeint, so müssten diese Normen in historische Archive wandern und ersetzt werden durch Formen der Potenzialanalyse. Die Reaktionen auf dieses Ansinnen jedoch lösen Reflexe aus, die den Verdacht aufkommen lassen, dass es nicht sonderlich erwünscht ist. Die Killerargumente bei der Entwicklung von Systemen, die es zulassen, Fähigkeiten von Menschen zu dokumentieren, um sie produktiv kombinieren zu können, sind aus der Dunkelkammer des Datenschutzes. Letzterer schützt in diesem Falle nicht, sondern er verhindert Produktivität und Wertschöpfung. Wenn die Vielfalt sich allerdings nicht in der Wertschöpfung entwickeln kann, dann wird sie nie Wertschätzung erfahren und ist im Grunde nicht gewollt.

Unter diesem Aspekt war der heutige Tag der Vielfalt eine schöne folkloristische Veranstaltung, die wieder einmal gezeigt hat, wie nett es doch ist, sich für alle sichtbar für dieses Thema einzusetzen, ohne die Verhältnisse tatsächlich ändern zu wollen. Geschaffen wurde ein neuer Standard der Trivialität, der davon lebt, Vielfalt in ein traditionelles Korsett zu zwängen. Die Struktur bleibt die alte, der Geist ist tot.