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Wenn der Nachbar zum Feind wird

Es ist ein eigenartiges Phänomen. Da leben Menschen zusammen, vielleicht lieben sie sich sogar. Sie teilen die Wohnung oder sie leben im gleichen Haus, sie machen viel zusammen und sie denken, ohne den anderen wollten sie eigentlich nicht sein. Das geht Jahre so, es ist Vertrauen entstanden, die Bindungen sind vielfältig und alle Beteiligten glauben, sie gehörten sprichwörtlich zusammen wie der Wind und das Meer. Und dann, über Nacht, bringt ein politisches Ereignis den großen Schatten. Plötzlich, ohne dass sich etwas in den konkreten Beziehungen untereinander verändert hätte, bemerken die verschiedenen Interakteure einen gravierenden Unterschied, der eine ungeahnte Bedeutung bekommt.

Der Unterschied, den das politische Ereignis plötzlich deutlich macht, war vorher auch schon da. Nur spielte er im Bewusstsein der Interakteure keine Rolle. Sie beschränkten sich bei ihrem Handeln auf die konkreten Erfahrungen mit den anderen, und da war der Unterschied oft nicht einmal ein Thema gewesen. Und jetzt ist er da, der Unterschied im Glauben, in der Nationalität, in der Staatszugehörigkeit, in der Muttersprache oder schlichtweg im Brauchtum. Und schon ist sie da, die Kluft, über die keine Brücke mehr führt.

Der Balkankrieg war so ein Ereignis in der jüngeren Geschichte, in dem nach den ersten Verwerfungen der umstrittene Clash of Civilizations innerhalb vieler Familien virulent wurde. Da waren Bosnier mit Kroaten, Kroaten mit Serben und Serben mit Montenegrinern verheiratet, die wiederum im alten Jugoslawien wie selbstverständlich mit Slowenen verbandelt waren. Und kaum war der Hass gesät, ging ein Riss durch das ganze Land und er setzte sich fort bis in die Familien. Eine Tragödie ersten Ranges fand statt. Im Konflikt in Nordirland waren es Protestantismus und Katholizismus, die die kleinen sozialen Systeme zerstörten wie Massenvernichtungswaffen. In Belgien sind es Flamen und Wallonen, die immer wieder am Rand der nationalen Existenz tanzen, in Polen wurde der Antisemitismus in großem Maße wieder entdeckt, der Zwist zwischen Christentum und Islam polarisiert mittlerweile viele Gesellschaften und ihre sozialen Systeme und, da kann man sicher sein, der Riss zwischen Katalanen und Spaniern wird bereits in vielen Häusern und Straßen, wo sie aufeinander treffen, deutlich.

Die Liste ließe sich verlängern, bis in die Antike und darüber hinaus. Sie ist so lang, dass die Frage erlaubt ist, ob die Menschheit nicht über ein destruktives Gen mehr verfügt. Es ist das Gen, das die Zugehörigkeit zu einer weit abstrakteren und entfernteren Gruppe über das System stellt, zu dem er aufgrund eigener, unmittelbarer sozialer Erfahrung gehört. Der Appell aus der Internationale, dass uns kein höheres Wesen rette, galt nicht nur den Göttern, Kaisern und Tribunen, sondern genauso den Nationen, Religionen oder Ethnien. Und dennoch greifen sie ein in das, was den Menschen ausmacht, in die konkrete Erfahrung der eigenen Sozialisation.

Man stelle sich vor, die Konflikte, die durch unsere Nachrichten rauschen wie die Herbstblätter, sie würden nicht gespeist von all den Abtrünnigen, die entgegen ihrer konkreten sozialen Erfahrung plötzlich von den „höheren“ Geistern ihrer Nation, ihrer Religion oder ihrer was auch immer erfasst würden, sondern sie stünden fest zu dem, was sie konkret mit Menschen mit anderem Entwicklungshintergrund gelernt haben. Die Welt wäre weitaus friedlicher. Da stellt sich schon die Frage, wem die scheinbar großen Zugehörigkeiten, die jedes Band zerreißen, einen Nutzen bringen.