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Eine Sternstunde des Jazz

Weather Report. Live in Offenbach 1978

Auch wenn alle Studentinnen und Studenten von Musikhochschulen, deren Professoren vom Fusion geprägt sind und die sich in Eis konserviert haben, um die Zeit stillstehen zu lassen, fluchen: Es gab eine Zeit, da war Fusion eine Wohltat, weil es das Genre überhaupt war, das sich öffnete, um frischen Wind in den Jazz und die musikalische Entwicklung insgesamt hereinzulassen. Die Band Weather Report, ihrerseits von ehemaligen Mitgliedern einer Miles Davis Formation gegründet, war eine artistisch geniale und spirituell revolutionäre Formation. Joe Zawinul (Keyboard) und Wayne Shorter (Tenorsaxophon) als Gründungsmitglieder bildeten von 1970 an das Skelett eines oft wechselnden Ensembles, zu dem Mitte der siebziger Jahre noch der legendäre Jaco Pastorius (Bass) und Peter Erskine (Drums) stießen. Die Hochphase der Band, die tiefe Spuren in der neueren Geschichte des Jazz hinterließ, kann als von 1976 bis 1985, ihrem Ende, angesetzt werden. In dieser Zeit fand das Konzert in Offenbach statt, dessen Mitschnitt heute als die Dokumentation einer Sternstunde des Jazz angesehen werden muss.

Auf zwei CDs mit insgesamt 18 Titeln erleben die Hörer mit Black Market und Scarlet Woman einen schleppenden Beginn, was insofern schade ist, als dass Black Market eine derartig sensationelle Rezeption erlebte, dass man das Stück in einer dynamischeren Erinnerung haben möchte. Schließlich wirkte das Stück auf den afrikanischen Kontinent zurück und war sogar über 20 Jahre hin die Erkennungsmelodie von Radio Dakar im Senegal gewesen. Aber spätestens bei The Pursuit of the Woman with the Feathered Hat bekommt man mit dem wuchtig intonierten, melodiös-rhythmisierten Bass eines Jaco Pastorius eine historische Lektion über die mögliche Leichtigkeit radikaler Veränderungen. Bei River People, wie die meisten Songs der Playlist heute ein Evergreen in der Diskographie von Innovatoren, sind Band wie Publikum bereits auf Betriebtemperatur und Skurrilität wie Dynamik der Arrangements werden deutlich.

Bei Delores/Portrait of Tracy/ Third Stone from the Sun präsentiert Weather Report einen Medley aus dem Inspirationsdepot eines Wayne Shorters, eines Jaco Pastorius und eines Jimi Hendrix und macht allein damit deutlich, dass sie zeitgenössisch mit zu dem Edelsten gehörten, was das Genre zu bieten hatte. Das Fest wird fortgesetzt mit In A Silent Way und Teen Town, steuert auf Zawinuls Welthit Birdland zu, in dem das große Erbe des Bebop in die damalige Gegenwart gezogen und der Eindruck einer funktionierenden Tradition suggeriert wird. Und mit Elegant People und Badia/ Boogie Woogie Waltz wird der Eindruck gleich wieder mit der Selbstverständlichkeit einer revolutionären Aktion ins Experimentelle außer Kraft gesetzt.

Die Aufnahmen sind in einer guten Qualität und bescheren uns die grandiose Stimmung, die diese Ausnahmeband in der Lage war zu vermitteln, und zwar mit ungewohnten Weisen, verstörenden Interpretationsmustern und schriller Intonation!