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Unter Verschluss: Hosen runter und Karten auf den Tisch!

Ein Urteil ohne ausreichende Faktenlage ist nicht nur heikel. Es ist unverantwortlich. Daher ist es unabdingbar, alle für ein Urteil wichtigen Informationen zu bekommen, oder, falls das nicht von wem auch immer gewährleistet wird, sie sich selbst zu holen. In bestimmten Kontexten ist das schwierig, was die Aufgabe aber nicht nivelliert. Manchmal ist es aber auch nicht möglich, weil einiges, das eine größere politische Brisanz besitzt, unter Verschluss ist. Wenn das der Fall ist, sind die Türen zu vielfältigen Spekulationen weit offen. Es ist eine entscheidende Frage, wie diejenigen, die über den Zugang zu brisanten Informationen entscheiden, von denen denken, die sie ihnen verwehren. In Demokratien ist die Entscheidung, wichtige Informationen unter Verschluss zu halten, in der Regel eine Verachtung des Plebs. Selbstverständlich existieren manchmal Umstände, die als Gefahr in Verzug bezeichnet werden, dann kann man Informationssperren vertreten. Aber nur dann. Ansonsten, wie es bei einem beliebten Kartenspiel so schön heißt: Hosen runter und Karten auf den Tisch!

Wovon redet der Mann? Von so manchem brisanten Fall in der Geschichte. Vom Mord an John F. Kennedy zum Beispiel. Oder vom Tod eines Uwe Barschel.  Oder von den Panama Files. Oder von den Dokumenten aus der Ukraine vom Maidan aus dem Jahr 2008. Oder von dem Friedensvertrag, der wenige Monate nach der russischen Invasion zwischen der Ukraine und Russland ausgehandelt war und den der Brite Boris Johnson durch seine Intervention verhindert hat. Oder von den Kenntnissen über die Sprengung von Nord Stream II. Oder, nun, ganz aktuell, von den Epstein Files. Die Liste ist lang. Und weil sie so lang ist, ist sie ein Symptom über den Zustand der Demokratie.

Und wenn die in der Verantwortung stehenden Eliten sich nicht anders zu helfen wissen, als sich auf Korruption, Erpressung, Nötigung, Missbrauch, Mord und Betrug hinter verschossenen Türen einzulassen und gleichzeitig davon ausgehen, dass diese Faktizität den Auftraggebern, dem so genannten Souverän, nicht zuzumuten ist, dann ist eine gänzlich andere Diskussion zu führen. Dann wäre die Zeit gekommen, um den guten alten Machiavelli wieder aus dem Regal zu holen und sich anzusehen, wie das freie Spiel der Kräfte funktioniert und wie die Illusion von den Werten befreiend zerstört und das Momentum des nackten Interesses wieder in den Mittelpunkt gestellt werden kann, oder muss.

Vieles von dem, was wir momentan erleben, spricht dafür, dass die Prozesse, die unsichtbar und unter Verschluss sind, eine weitaus wichtigere Rolle spielen, als die vielen Meldungen der Belanglosigkeit, der Mystifikation und des profanen Klatsches, mit dem wir täglich durch die medialen Organe der Macht malträtiert werden. Jeder Mensch, der über ein Minimum an praktischem Hausverstand verfügt und einen Zugang zu den Grundsätzen der formalen Logik besitzt, weiß um den Unsinn, der da verbreitet wird. Und, das nur nebenbei, diejenigen, die sich aus Bequemlichkeit oder Feigheit damit zufrieden geben, sind ein weiteres Argument gegen diese pervertierte Form von demokratischem Schauspiel.

Letztendlich sind Informationssperren oder der gezielte Einsatz von informationellen Bruchstücken der Humus für jede Form der Verschwörungstheorie.  Und da schließt sich wieder so ein Kreis der demagogischen Absurdität: Je mehr verschleiert wird, desto schlimmer geht es in den Gehirnen derer zu, die man täuschen oder besänftigen will. Der Umgang mit den Epstein Files sind ein wuchtiger Beleg. 

Unter Verschluss: Hosen runter und Karten auf den Tisch!

Presse: Im Rausch der Tiefe

Es ist kein Widerspruch, einerseits zu prognostizieren, dass die deutsche und europäische Außenpolitik einmal Stoff für viele Tragödien liefern wird, und andererseits trotz allem auch die Anlässe für Komödien zahlreich gegeben sind. Jeder Tag bietet neue Überraschungen, die in diese Kategorie gehören. Heute zum Beispiel prescht der französische Präsident, dem für lange Zeit zumindest in außenpolitischen Belangen ein gewisses Augenmaß hat zugebilligt werden können, mit dem Vorschlag vor, NATO-Soldaten zu schicken, um die Ukraine vor der absehbaren Niederlage zu retten. Schüsse von NATO-Soldaten auf russisches Kampfpersonal hätten die Rote Linie eines offenen Konfliktes dann überschritten. Vielleicht sollten die Berater des französischen Donald Trump ihm doch noch einmal die Biographie Napoleons in die Hand drücken. Oder auch nicht. Was soll’s, wir sind im Rausch. Und zwar dem der Tiefe.

Andererseits, und wesentlich niedlicher, sind solche Geschichten wie der nahezu flächendeckende europäische Protest der Bauern gegen die EU-Agrarpolitik. Letztere waren ja noch vor kurzem hier in Deutschland von unserem kritischen Journalismus als ein von Rechtsextremen unterwandertes Trojanisches Pferd identifiziert worden. Wenn das in Belgien, den Niederlanden, in Spanien und Frankreich sowie in Polen auch der Fall ist, dann stünden wir auf der Schwelle eines neuen, all-europäischen Faschismus. 

Analog sind die Geschichten zu werten, die ebenfalls die Gemüter erhitzen. Nawalny, dessen Tod, wie immer auch er geschah, tragisch ist, hat sich durch sein Wirken und seine politischen Aussagen zu allem bekannt, was als nationalistisch und rassistisch zu bewerten ist. Er gilt jedoch, nur weil er sich gegen den russischen Präsidenten Putin gewendet hat, als Kämpfer für die Freiheit und liberale Demokratie. Julian Assange, der als Journalist amerikanische Kriegsverbrechen aufgedeckt hat, wird vom freien Westen, d.h. zunächst Schweden, dann Großbritannien und selbstverständlich den USA verfolgt, seiner Freiheit beraubt und im wahren Sinne des Wortes totgeschwiegen. 

Und Onkel Joe Biden, der sich als Demokrat sich auf Seiten der us-amerikanischen Gewerkschaften fühlte, wird nun, laut unseren kritischen Rechercheuren mit einer muslimischen Unterwanderung der Gewerkschaft der amerikanischen Automobilarbeiter konfrontiert, weil die das Vorgehen Israels im Gaza-Streifen anprangern. So schnell kann es gehen. Weder Palästina noch Israel, weder Völkerrecht noch Verhältnismäßigkeit stehen zur politischen Debatte, sondern jeder, der wie in diesem Konflikt eine andere Sicht auf den Konflikt hat, wird nicht nur des Antisemitismus, sondern auch des militanten Islamismus verdächtigt. Der Joe ist jetzt übrigens sauer und weigert sich, mit den Gewerkschaftern noch zu sprechen. Dumm, dass die noch das Wahlrecht beanspruchen dürfen.

Letzteres ist noch so ein Baustein, an dem der immer autokratischer werdende Westen basteln muss. Wer sich einen Überblick verschaffen will, wie die Reste der bürgerlichen Demokratie Schritt für Schritt geschreddert werden sollen, sehe sich die Vorhaben an, die die Bundesinnenministerin in ihrem Tornister herumträgt. Selbstverständlich, so die Funke-Mediengruppe, die Springers und das Redaktionsnetzwerk Deutschland und wie die Kamarilla des Staatsmonopols namens Meinung sich sonst noch nennt, um die Demokratie zu retten. Ja, was denn sonst? 

Das Gift der Verschwörung scheint zur Betrübnis der ihrerseits verschworenen Gemeinschaft um sich gegriffen zu haben. Und die Einschätzung eines begnadeten Prognostikers, dessen Name nicht genannt werden soll, scheint sich zu bewahrheiten: erst kommt die Angst und die damit verbundene Lähmung, dann folgt das laute Lachen und zum Schluss kommt die große Explosion. Was dann noch übrig bleibt, vermag allerdings niemand zu sagen.

Verschwörungstheorie und Ambiguitätstoleranz

Kürzlich hielt ein von mir sehr geschätzter Psychiater in kleiner Runde ein Referat über das Thema „Verschwörungstheorie“. Obwohl ich ein wenig befürchtet hatte, dass das durchaus wichtige Thema und verbreitete Phänomen unter seinem inflationären Gebrauch in den Sozialen Medien und in der Politik leiden würde, war dieses nicht der Fall. Der Mann wollte der Sache sowohl phänomenologisch als auch neurologisch und medizinisch auf den Grund gehen und landete bei seinem Exkurs zunächst – wen sollte es wundern – bei der Komplexität der Welt. Das ist eine seriös zu nehmende Feststellung, auch wenn sie im politischen Exkurs sehr oft als Totschlag-Argument bemüht wird, wenn andere, nicht konforme Deutungen artikuliert werden. Was aber dann folgte, quasi als mental zu nennende Bedingung und Strategie, um in einer komplexen Welt bestehen zu können, in der nicht jedes Phänomen gleich erklärt werden kann, war die Ambiguitätstoleranz.

Bei der Ambiguität handelt es sich um nebeneinander existierende Phänomene, die nicht unbedingt konkordant miteinander sind, die in ihrer Ko-Existenz verstören können und nicht zueinander passen.  Diesen disparaten Zustand tolerieren zu können, ist nicht nur hohe Kunst, sondern auch eine Grundvorraussetzung, um in derartigen Situationen bestehen zu können. 

So ist es kein Wunder, dass diese Ambiguitätstoleranz zu einer der wichtigsten Kernkompetenzen für auszusuchendes Führungspersonal ist. Jemand, der nicht in der Lage ist, bei einer größeren Anzahl von Unwägbarkeiten kühlen Kopf zu bewahren und sich trotz brennender Probleme nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, die vernünftige, tragfähige Entscheidungen erfordert, fällt durch das Raster bei der Auswahl von geeignetem Führungspersonal.

Eine Assoziation ging mir bei dieser Stelle nicht aus dem Kopf: Wie kann eine materialistische, technokratische Welt, in der permanent gemessen, gewogen und gezählt wird, wie sie wir hier im Westen repräsentieren, gegen die z.B. asiatische Fähigkeit, in der das Balancieren zwischen unterschiedlichen, sich widersprechenden Optionen von Kindesbeinen an zu den täglichen Übungen gehört, jemals ohne die Anwendung von Gewalt bestehen? Sieht man sich den Verkehr zwischen den unterschiedlichen Kulturen der Betrachtungsweise an, der in Form der Außenpolitik geregelt wird, dann offenbart sich das ganze Debakel. Seitens des Westens Drohungen, Ultimaten und Sanktionen, von Ambiguitätstoleranz keine Spur, es sei denn ein kurzfristiger Vorteil drängt sich auf. Von der anderen Seite des Tisches wird das genau registriert und es hat zu dem Abstieg geführt, der momentan weltweit zu spüren ist.

Und andererseits, bei der Betrachtung der hiesigen Akteure, die so gern mit dem Argument der Komplexität daherkommen: wer von ihnen weist ihrerseits oder seinerseits die Voraussetzung einer eigenen Kompetenz von Ambiguitätstoleranz auf? Wer in einem Handlungsrahmen unterwegs ist, der mit dem berühmten „There is no Alternative“ beschrieben ist, sollte das Wort Ambiguität erst gar nicht in den Mund nehmen. So grotesk es erscheint, sind diejenigen, die auf die Komplexität der Phänomene verweisen, selbst in keiner Weise dazu geeignet, mit ihr umzugehen. 

Insofern ist der psychologische und psychiatrische Blick auf das Phänomen der Verschwörungstheorie ein wichtiger Beitrag, um das gegenwärtige Handeln im politischen Diskurs einordnen zu können. Der Vorwurf, es handele sich bei anderen Deutungsversuchen um eine krankheitsbedingte Vorgehensweise, entstammt nicht selten aus einer längst pathologisch identifizierten Bestimmtheit. Oder ganz einfach ausgedrückt: wer selbst nicht in der Lage ist, ohne Gewaltausbrüche mit Unwägbarkeiten umzugehen, sollte seine eigene Unfähigkeit nicht auf andere projizieren. Im politischen Diskurs ist es um die Ambiguitätstoleranz schlecht bestellt.