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Valentin und die Romantik

Eines muss man dem amerikanisch-angelsächsischen Kapitalismus lassen: In Sachen kultureller Hegemonie ist er unschlagbar. Das bezieht sich auf die Möglichkeiten, alle erdenklichen Anlässe aus dem eigenen Kulturkreis zu vermarkten. Und es bezieht sich auf die Fähigkeit, die Anlässe aus der eigenen Bezugswelt sogar in andere, fernere Kosmen zu exportieren. Die besten Beispiele sind Halloween und der heute wieder bis zum Erbrechen angemahnte Valentinstag. Beide Ereignisse hatten in der zentraleuropäischen Welt vor zwei bis drei Jahrzehnten noch keinerlei Stellenwert, heute glaubt zumindest die jüngste Generation, beides hätte es schon immer gegeben und sieht den Spuk Festen wie Weihnachten und Ostern ebenbürtig. Alles hat zwar mit dem Glauben zu tun, und, ehrlich gesagt, jenseits des Glaubens sogar mit einem sehr archaischen Animismus, aber wenn es darum geht, die Kassen klingeln zu lassen, dann ist dem amerikanisch-angelsächsischen Kapitalismus alles Recht.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass das produktive Höchststadium des Kapitalismus eher teutonisch-japanisch geprägt ist, böse Zungen behaupten sogar, dass es den Briten nie gelungen sein, von der Manufaktur bis zur seriellen Industrieproduktion zu kommen. Und auch der amerikanische Kapitalismus kann bis auf den militärisch industriellen Komplex, der hoch subventioniert wird, nicht in Konkurrenz zu den zwei Warenschmieden des Weltkapitalismus treten. Ganz im Gegenteil, mit Hilfe der kulturellen Hegemonie hat man es sogar vermocht,  Qualitätsstandards wie z.B. die DIN (Deutsche Industrie Norm) durch niedrigere wie ISO zu ersetzen. Aufgrund der politischen Überlegenheit gaben die entwickelteren Produktionsstätten nach und verschrotteten die eigenen Maßstäbe.

Die merkantil überlegene amerikanisch-angelsächsische Variante des Kapitalismus trieb die produktiv überlegeneren Systeme in die Defensive und sorgte für die psychologische Dominanz der schwächeren Ökonomie. An Tagen wie dem heutigen Valentinstag lässt sich ablesen, wie konkret der Verkauf einer romantischen Regung werden kann: Wieviel Schoko- oder Pralinenprdukte mehr verkauft, wie viele Blumen die Läden verließen, wie viele Juweliere Sondereinnahmen verbuchten oder wie viele Gastronomen mit besonders ausgestatteten Menus Erfolg hatten.

Und es sei zusätzlich ein kleiner Verweis auf die Romantik erlaubt. Litt diese ziemlich lange unter dem Schicksal, aus der tiefen Abneigung gegen Aufklärung und Fortschritt entstanden und damit reaktionär zu sein, so gewann im Laufe der Jahre auch die Interpretation Gewicht, die in der Verklärtheit und dem schnörkeligen Irrationalismus der Romantik auch eine Art des Protestes lag. Des Protestes gegen die soziale Kälte des Kapitalismus und des Protestes gegen die Logik der Verwertung.

Insofern läge die strikte Deutung nahe, dass sich wahre Romantik in unseren Tagen daran ablesen ließe, inwieweit diejenigen, die sie unbedingt zelebrieren wollten, dem Konsum den Rücken kehrten und sich zwar wollüstig, aber in ökonomischer Askese einander zuwendeten, um die wahre Kerze des Begehrens kräftig flackern zu lassen.

Aber machen wir uns nichts vor. Keine semantische Sau, und sei sie auch noch so mager, die nicht durch das Dorf des Konsums getrieben würde, um dem schnöden Mammon zu huldigen. Und wieder einmal zeigt sich, dass die Lehre von der reinen Ökonomie niemals alleine ausreichen wird, um dem terroristischen Merkantilismus das Handwerk zu legen. Dazu bedarf es einer konsequent unromantischen Einstellung an Tagen wie heute und handfester Gesten in der ersten Novembernacht.