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Liebe und Tod auf Utøya

Im Grunde genommen haben wieder alle Recht. Das Desaster, von dem wir aus Norwegen hören, wird von allen Seiten in Überschallgeschwindigkeit erklärt. Da waren zunächst diejenigen, die schon von einem islamistischen Hintergrund des Bombenanschlags und des Massenmordes sprachen, bevor man überhaupt wusste, was passiert war. Dann kamen die aus der Deckung, die natürlich wussten, dass es ein Rechter oder Neonazi war, der das alles verbrochen hatte. Letzteres erwies sich, wenn man es ohne Etiketten nicht erträgt, als die tatsächliche Meldung. Und wie bestellt bekamen wir alle Standardargumente, die in unzähligen anderen Fällen dieser Art bemüht werden, auch jetzt wieder zu hören: Der Mann verlustierte sich an Gewalt verherrlichenden Videospielen, er war in rechten Foren im Internet, er war Mitglied eines Schützenvereins und er hatte Zugang zu hochtechnischen Waffen. Die Industrie funktioniert. Wie ein Springteufel sprudeln die Argumente hervor, die Nachrichtensendungen überhäufen die Interessierten mit immer wieder denselben Bildern und Gesten. Nur kritische Fragen finden nicht statt. So funktionieren Diktaturen.

In diesem Fall allerdings wird in der nicht medialen Öffentlichkeit heftig diskutiert. Es geht dabei um die Frage, wie es sein kann, dass sich, wie auf der Insel Utøya geschehen, nahezu 600 Jugendliche an der Grenze des Erwachsenenaltes über 1 1/2 Stunden haben wie die Lämmer von einer einzigen Person haben abschlachten lassen, ohne auch nur für einen Moment auf den Gedanken gekommen zu sein, sich zu wehren. Das Risiko, nichts zu unternehmen, konnten sie bereits nach wenigen Minuten abschätzen, es war der sichere Tod. Etwas dagegen zu unternehmen, hätte dieses Risiko von vornherein dramatisch minimiert. Jedoch nichts von dem geschah und natürlich wird es unzählige Argumente dafür geben, dass nichts geschehen ist. Nur eben kein vernünftiges. Und nicht trotz, sondern wegen des jugendlichen Alters derer, die dort versammelt waren, ist die Tatsache eines nicht wenigstens aufgeblitzten Widerstandes die eigentliche Tragödie.

Das Wesen eines freien Menschen ist die Fähigkeit, seinen Willen zu erkennen und zu artikulieren, es ist das Vermögen, diesen Willen in einer größeren Situation einzuordnen und die Selbstachtung, auch in schwierigen Situationen für diesen Willen gegen Druck einzustehen. Auf Utøya wurde deutlich, dass diese Grundvoraussetzung von Freiheit bei vielen jungen Menschen in unserem Kulturraum nicht mehr auszumachen ist. Es ist das Resultat von vornehmlich nach Harmonie strebenden Entmündigungsideologien, die suggerieren, dass Wehrhaftigkeit und Selbsterhaltungstrieb militante, despektierliche Eigenschaften seien, die es zu bekämpfen gelte, komme da, was da wolle. Es ist die Krönung politischer Dekadenz, gegen die nun der politische Widerstand organisiert werden muss.

In ihrem Roman Liebe und Tod auf Bali schrieb Vicki Baum über den Widerstand des balinesischen Königshauses gegen die Unterwerfung unter das niederländische Kolonialjoch. Um ihre Unabhängigkeit zu wahren, zogen sie in den Kampf gegen die militärisch haushoch überlegenen Invasoren. Als sie feststellten, dass der Kampf nicht zu gewinnen war, stürzten sie sich kollektiv in ihre Dolche. Der Tod war ihnen genehmer als die Sklaverei. Das Buch sei allen empfohlen, die allzu gerne glauben, der Preis der Freiheit sei irgendwo ein für allemal bezahlt. Und es möge alle zum Nachdenken anregen, die der Auffassung sind, die Alimentierung großer Kompensationsindustrien, wie der der Traumatologie, der Integration, der Sozialhilfe und wie sie alle heißen, bewahrten jedes einzelne Individuum davor, für die Freiheit und das Leben kämpfen zu müssen.