Da sitzt sie nun, in ihrem großen Schloss, das die ungebildete und derbe Bevölkerung ihrer Hauptstadt so kaltherzig die Waschmaschine nennt. Seit zwölf Jahren leitet sie die Geschicke des Landes von hier aus. Und da sie keine Regentin blauen Blutes ist, sondern sich vom Volk immer wieder die Regentschaft auf Zeit bestätigen lassen muss, und weil ihr das mit ihrer Hausmacht alleine nie gelang, musste sie Allianzen schließen. Das tat sie, die kluge und kühle Frau, die alles betrachtet wie einen chemischen Prozess, und so ist sie erfolgreich gewesen.
Geerbt hatte sie die Regentschaft von einem König, der gerne an den vollen Tischen saß und es sich gut gehen ließ, und der dem Volk, vor allem dem armen, richtig in die Tasche gegriffen hatte. Als sie die Königin wurde, half ihr dabei die Hausmacht des alten Königs und brachte die vollen Kassen mit. Das Volk trägt die Schmach immer noch dem alten König nach. Seiner Nachfolgerin, die den Raub für sich nutzte, hielt man es nicht vor. So ungerecht ist die Welt. Sie gilt als die Fleisch gewordene Tugend und nicht als im Luxus schwimmender Parvenü.
Heute, an dem Tag, an dem sie wieder auf ihren Balkon gehen wird, um sich vom Volk die lautstarke Zustimmung zu holen, steht sie schon am frühen Morgen vor dem Spiegel und fragt den schlauen Geist, ob sie alles richtig gemacht hat. Und dabei lächelt sie wissend. Denn für sie, die aus dem kalten Reich der Wissenschaft kommt, gibt es kein richtig und falsch mehr. So zu denken, das hat sie sich abgewöhnt. Heute räsoniert sie nur noch darüber, ob sie damit durchkommt oder nicht. Und womit sie durchkommen soll, das sagen ihr auch einige befreundete Familien, die bestimmte Interessen haben. So wie es eben ist, in jedem Königreich, warum sollte es bei einer Königin anders sein?
Und, so vor dem Spiegel, da wird sie dankbar, dass sie immer noch dort steht. Nicht jede Entscheidung, die sie traf, war klug, und nicht alles, was sie machte, kam dem Volk zugute. Wie damals, als sie den Geldhändlern half, den ganzen Süden am Meer zu plündern und statt diese etwas zu schröpfen den armen Völkern dort den Rest gab. Oder als sie mithalf, im Osten einen Krieg vom Zaun zu brechen gegen das weite Land, das in einen anderen Kontinent führte. Da hatte sie sich den Hitzköpfen aus dem westlichen Weltmeer angeschlossen, wahrscheinlich aus einer kleinen menschlichen Schwäche, denn sie weiß genau, dass ein Krieg gegen das große Land im Osten noch nie gewonnen wurde. Oder, letztlich, als sie all die Wilden ins Land ließ, die vor einem Krieg flohen, den sie mittrug. Das war ein heikles Spiel, da hatte sie viel reden müssen, um die verärgerten Geister wieder zu beruhigen.
Aber, und noch einmal schaut sie in den Spiegel, hatte es ihr geschadet? Nein. Denn es gab immer Gruppen im Volke, die mit ihr sein wollten, um in die Waschmaschine zu kommen und an der Macht teilhaben zu können. Erst war es die Hausmacht des alten Königs, dann waren es die Freigeister vom niederen Fluss, die mit ihrem Prinzen an ihrer Seite die Zukunft verloren. Dann war es wieder die Hausmacht des alten Königs, die, obwohl sie fast niemand mehr mochte, weil sie schon an ihrer Seite war, sich wieder bewarb, anscheinend bis zum endgültigen Ende. Und die Erben des toten Prinzen vom niederen Fluss antichambrierten bereits wieder ebenso wie die Schildknappen, die die Front im Osten härten und die Brennstoffe erneuern wollten.
Die Königin lächelt. Denn sie weiß, an Hilfsangeboten, ihre Regentschaft zu verlängern, wird es auch diesmal nicht fehlen. Dass ihr niemand die Hand reichte, daran hat sie auch schon gedacht. Denn sie denkt an alles. Aber von denen, die sich drängen werden vor dem großen Tor, hat das noch noch niemand bedacht. Wären sie sich einig, wäre es vorbei mit der schon so langen Herrlichkeit in der Waschmaschine. Aber so ist es eben nicht. Aber das Träumen, das Träumen war noch nicht verboten, auch nicht im Reich der fettigen Süßspeisen, der schweren Biere, des vielen Regens und der finsteren Mienen. Mehr zu lachen, das wäre vielleicht der Schlüssel, aber wem fiele das ein, an einem so folgenschweren Tag.
