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Und der Zukunft zugewandt? Frühjahr 1990/Schluss/9

9. Schnittstellen aus den Germania-Filmstudios

Schnitt: Ein ondulierter, schwäbelnder jung-dynamischer Wirtschaftsminister tritt in obligatorischer Boss-Konfektion ans Pult der Eröffnungsfeier der Interieur-Messe Ambiente zu Frankfurt am Main und beklagt sich in larmoyantem Ton über die Undankbarkeit der DDR-Regierung im Hinblick auf eine in Aussicht gestellte Währungsunion. In verzweifeltem Unverständnis schüttelt der Wirtschaftsminister den Kopf, dass man drüben nicht begreife, dass die D-Mark, stabilste Währung der Welt, nicht als Erlösung von allem Übel und Lösung aller unbeantworteten Fragen verstanden wird.

Schnitt: Ein glatzköpfiger, mit seiner exaltierten Großkotzigkeit und ob seiner politischen Vergangenheit an einen dubiosen Barbesitzer erinnernder NATO-Generalsekretär mit einer geschenkten Villa in Florida sitzt, im legeren Nadelstreifen von Boss, in seinem Brüsseler Arbeitszimmer, posiert vor der Taschenbuchausgabe der Fischer Weltgeschichte und kommentiert die Entwicklung der Deutschland-Frage aus seiner ihm eigenen NATO-Perspektive. Auf die Frage des Journalisten, was er zu der von vielen Deutschen hüben wie drüben erhobenen Forderung denke, nach einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten alle fremden Truppen abzuziehen, bleibt er keine Erwiderung schuldig. Ja, so der NATO-Gigolo, das sei ganz hervorragend, auch er trete für den sofortigen Abzug aller fremden Truppen vom heutigen Territorium der DDR ein.

Schnitt: Ein großer, graublonder Ex-Minister der Finanzen, heute der der Verteidigung, Schuhgröße 48, steht, im Gegensatz zu den Zeiten der Kieler Affäre, lässig eine Hand in der Tasche seines großzügig geschnittenen Anzuges der Firma Müller-Wipperfürth, in irgendeinem Foyer und züngelt mit holsteinischem Akzent seine Vorstellung ins immer präsente Auditorium, er könne sich gut vorstellen, dass nach Auflösung der Nationalen Volksarmee die Bundeswehr auf dem Gebiet der DDR stationiert sei und operiere.

Schnitt: In einem Interview vor seiner Stuttgarter Staatskanzlei rät der mondäne Ministerpräsident des mittelständischen Baden-Württemberg, ehemals Amtmann in Bietigheim-Bissingen und Mitarbeiter der Neuen Heimat, in braunen Boss-Zwirn gehüllt, der Regierung der DDR, es sei endlich Zeit, bedingungslos zu kapitulieren. Notabene! Seine ansonsten übliche Metaphorik aus der Hightech-Terminologie bleibt zunächst in der Mottenkiste.

Schnitt: Der einhundertdreißig Kilogramm schwere Bundeskanzler ist überall präsent, redet von der Sicherheit aller Beteiligten, der UdSSR, Polens, der Tschechoslowakei und der westlichen Staaten sowieso, garantiert die Sparguthaben in der DDR, die Renten, die Arbeitsplätze, spricht von Soforthilfen für die DDR und macht – nichts. Wartet, etwas unruhig an seinem im Maßatelier Blacona zu Ludwigshafen geschneiderten Anzug auf den Offenbarungseid unserer Brüder und Schwestern im Osten.

Schnitt: Der dienstälteste und weitgereisteste Außenminister der Welt, der vom Hallenser zum Wuppertaler avancierte Hans-Dietrich Genscher, teilt seinen westlichen Amtskollegen bei einem Treffen in Ottawa in der Lounge seines Hotels mit, man werde bei den deutsch-deutschen Einigungsgesprächen die vier Siegermächte beteiligen. Über Grenzfragen werde erst nach der Großfusion nachgedacht. 

Schnitt: Antje Vollmer, die Pastorin aus Brackwede und prominente Sprecherin der Grünen, erklärt fragenden Journalisten mit bebender Stimme, der immer noch beängstigende Zustrom von Übersiedlern aus der DDR in die Bundesrepublik sei nicht mehr auf eine zu späte Vereinigung zurückzuführen, sondern, ganz im Gegenteil, die Furcht vor Rechtlosigkeit und Ausplünderung im Osten und die Flucht auf eine Insel minimaler Rechtssicherheit. Die Strickjacke von Hagemeyer fügt sich farblich in den bedrückenden Zustand ihrer Sichtweise ein.

Schnitt: Gorbatschow-Berater Portugalow, Deutschland-Experte, der sich nicht zufällig in Bonn aufhält, steht der deutschen Presse Rede und Antwort. Er erscheint in einem zigarrenfarbigen  Zweireiher aus feinstem Leningrader Stoff und pariert jede Frage in brillantestem Deutsch. Auf die, welche seine Einschätzung der Politik der Bundesregierung einfordert, liefert er ein gestochenes Bild. Die Bundesregierung, so Portugalow, komme ihm vor wie jemand, der einen Sechser im Lotto gehabt hätte und dann mit dem Gewinn in die Spielbank nach Baden-Baden fahre und dort die gesamte Summe aufs Spiel setze. 

Und der Zukunft zugewandt? Texte aus dem Herbst 1989/8

8. Die Zeit drängt

Die Maske fällt. Der gute Onkel aus dem Westen beginnt sein wahres Gesicht zu zeigen. Jetzt, wo es darum ginge, die laute Propaganda durch Taten zu verifizieren, wird deutlich, dass Hilfsangebote an die DDR seitens der BRD nur in Form von Junktims dargeboten werden. Wenn Kredite gegeben werden sollen, dann hat dies und das zu geschehen, natürlich Privatisierung, natürlich Währungsreform nach bestimmten Vorgaben, und es wird sich noch vieles finden, um den Aufkauf der DDR vorzubereiten und sie politisch zu demütigen. Es wird noch festzustellen sein, und zwar sehr viel schneller als von vielen angenommen, dass die Rudimente der ehemaligen SED-Autokratie größere Interessenkongruenzen mit dem BRD-Kapital aufweisen als angenommen, die Volksbewegung der DDR den Plänen des westlichen Finanzkapitals hingegen diametral entgegensteht.

Das ebenso in der Agonie liegende , staatsmonopolistische Regime in der Tschechoslowakei versucht, die Totenglocke mit dem Schlagstock zum Schweigen zu bringen. Auf der Demonstration vom 17. November wurden Teilnehmer totgeschlagen, der uniformierte Mob sprang für die abgehalfterten Bürokraten in die Bresche. Sie werden die Macht des Volkes nicht mehr bändigen, jeder Schlag auf das Haupt eines Demonstranten wird nur die Wucht der Gegenbewegung erhöhen. 

Die Berichterstattung der BRD-Medien über die Ereignisse des 17. November zu Prag wäre sicherlich nicht schlecht, wenn da nicht noch ein die Funktion derselben enthüllendes Ereignis im eigenen Land wäre. In derselben Nacht, in der in Prag mehrere Menschen wegen ihres Freiheitswillens zu Tode geprügelt wurden, gab es in Göttingen ein ähnliches Opfer. Eine vierundzwanzigjährige Studentin, die in Auseinandersetzungen mit seit langer Zeit in dieser Region ihr Unwesen treibenden Faschisten verwickelt war, wurde von herbeieilenden Polizisten eingekesselt. Ihr blieb nur eine Fluchtschneise, nämlich der Weg über eine stark befahrene Straße, auf welcher sie von einem Fahrzeug erfasst wurde und ums Leben kam. Die nach Osten kritische Presse, der Funk und das Fernsehen notierten diesen politischen Skandal, der die Deckung von aufkommendem Faschismus durch staatliche Institutionen wieder einmal deutlich machte, lediglich en passent, als handele es sich um ein entwendetes Fahrrad,

Die Ereignisse in den als osteuropäisch bezeichneten Staaten beginnen für das herrschende Offizierscasino der politischen Macht die Funktion des Sandmännchens einzunehmen. Die Position dieser Gesellschaft wird täglich deutlicher. Es ist an der Zeit, den Weg der DDR-Rebellen durch eine Aktivierung der hiesigen Attacken auf die Politik der Bundesregierung zu eskortieren. Gelingt dies nicht, werden wir hier noch zu büßen haben, dass unsere Brüder und Schwestern im Osten den Mut hatten, aufzustehen und zu kämpfen…

Und der Zukunft zugewandt? Texte aus dem Herbst 1989/7

7. Laboratorium Deutschland

Dass es sich beim Menschen um ein soziales Wesen handelt, gilt als anthropo-historisches Axiom. So weit unser kollektives Gedächtnis reicht, war der Mensch als Gattungswesen in sozialen Verbänden assoziiert. Abhängig von Beschaffenheit, Rechtsverhältnissen und dem Niveau der Produktivkräfte, unterlag die soziale Organisation der menschlichen Sozialordnungen einem ständig beschleunigten Prozess der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung.

Historisch betrachtet ist es sinnvoll, diese Entwicklung in verschiedene Klassifizierungen zu fassen. Nomadisierende Stämme, sesshafte Agrar- und Jagdgesellschaften, Manufaktur und Handel betreibende Gesellschaftsformationen, imperiale Raubgesellschaften bis zur Herausbildung komplexer Nationalstaaten, die in ihrem Facettenreichtum auch diachron den Platz für historisch unterschiedliche Produktionsweisen bieten. Es ist keine Frage, dass die moderne Nationalstaatlichkeit als historischer Entwicklungsstufe den Globus spätestens seit der Französischen Revolution bis zum heutigen Tag am meisten in Atem gehalten hat. Sie wurde von den Akteuren der sozialrevolutionären Umgestaltung der modernen Massengesellschaften zumindest als günstige Vorbedingung für ihr Unterfangen rezipiert.

Durch ihre geographische Begrenztheit, ethnische Besonderheiten und der daraus zumeist folgenden identischen Sprachsphäre, der dadurch wiederum charakteristischen Produktionsweise, der sozialen Organisationsform und ihrer kreativen Reflexion im künstlerischen, philosophischen und politischen Bereich, bildeten sich historische Formationen, die allgemein als Nationalstaaten und/oder als Kulturnationen bezeichnet werden. 

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht…“ Meinte Heine mit dieser Bemerkung das reaktionäre, despotische, imperialistische Deutschland, dessen Triebe noch bis in unsere Zeit hineinreichen, so muss die nächtliche Unruhe in Anbetracht der Ereignisse in der DDR neu, quasi als produktive Unruhe, gedeutet werden. Natürlich können vierzig kurze Jahre die Sozialisation der deutschen Nation nicht annullieren. Natürlich gibt es immer noch die deutsche Sprache, die Kultur, die Philosophie. Aber, und dies ist entscheidend, es gibt zwei souveräne deutsche Staaten und es existieren in beiden Majoritäten, die eine Wiedervereinigung ad hoc ablehnen.

Die Brisanz der deutschen Entwicklung hat ihre Wurzeln in dem Auflösungsprozess zwei verschiedener teil-nationalstaatlicher Systeme, deren Besonderheit allerdings nur darin besteht, dass beide in der Tradition systemaren Hegemonialstrebens stehen. Durch die Internationalisierung der Ökonomie muss weltweit zumindest eine Aufweichung der Nationalstaaten konstatiert werden. Das Postulat nach einem deutschen Einheitsstaat zu diesem Zeitpunkt hingegen ist deplatzierte Romantik in einem irreversiblen Prozess. 

Die historische Chance, die sich in Deutschland zur Zeit wie in einem Experimental-Laboratorium bietet, ist der Aufbau einer konkordanten Demokratie, in denen Besitz- und Rechtsverhältnisse zur Debatte stehen, deren Lösung aber nicht durch gewalttätige Intervention herbeigeführt wird. Es kann und muss danach gesucht werden, wie die Internationalisierung der Gesellschaft, respektive die Auflösung antiquierter Nationalstaatlichkeit begangen und wie die Liquidation staatlicher Organisationsgewalt betrieben werden kann. Die Stunde frei assoziierter Individuen könnte zu schlagen beginnen…