Schlagwort-Archive: Trump

Nachwuchs aus dem Hause Clinton

Ronan Farrow. Das Ende der Diplomatie

Es ist Kritik mitten aus dem System. Auch, wenn es sich um einen dreißigjährigen Novizen handelt, der Autor des Buches ist Sohn von Mia Farrow und Woody Allen, also schon von Natur Mitglied des Ostküstenestablishments, war an der Yale Law School, promoviert derzeit an der Oxford University. Während der Amtszeit von Präsident Obama arbeitete er als Berater im Außenministerium unter Hillary Clinton. Und mit dieser Information ist der Schlüssel für sein voluminöses Buch übermittelt, das Ronan Farrow folgendermaßen genannt hat: Das Ende der Diplomatie. Warum der Wandel der amerikanischen Außenpolitik so gefährlich ist.

Die Kernaussage des Buches lässt sich schnell zusammenfassen. Sie besagt, dass seit dem 11. September 2001 eine Verschiebung innerhalb der amerikanischen Außenpolitik stattgefunden hat. Und zwar weg vom Einfluss der klassischen, in strategischen Dimensionen operierenden Diplomatie und hin zu einem vordergründig von taktischen Erwägungen geprägten Einfluss des Militärs. Sprich, das Wort des Außenministeriums hat zunehmend an Gewicht verloren, während gleichzeitig der Rat aus dem Pentagon dem Weißen Haus weitaus wichtiger wurde. Farrow belegt diese These in unzähligen Beispielen. Zwei hätten allerdings genügt, um das zu illustrieren, was alle Welt täglich beobachtet. Und die von Farrow dargestellten Prototypen der notwendigen Diplomatie würden, excuse me, Sir, in den klassischen Schulen der einstigen europäischen Blüte dieses auch dort aussterbenden Genres mit Pauken und Trompeten durchgefallen sein.

Die Vereinigten Staaten sind zu dem Imperium mutiert, das seine letzten Schlachten um die Weltherrschaft vorbereitet. Dass dabei eine Vision verloren gegangen ist, die in guten Zeiten, nach gewonnen Kriegen gegen Monarchen und Diktatoren, mit Menschenrechten und Demokratie daherkam, ist, historisch gesehen, nur folgerichtig.

Das eigentlich interessante an dem Buch Das Ende der Diplomatie ist die Darstellung einer geraden Linie der kritisierten Entwicklung von Bush über Obama zu Trump. Letzterer als Klimax anti-diplomatischen Denkens hatte in Obama einen Vorläufer, der die Vorherrschaft militärischer Konzeptionen in der amerikanischen Außenpolitik nicht durchbrochen hat. Das ist ein neuer Aspekt in der Darstellung aus dem System selbst heraus. Farrow versäumt es natürlich nicht, die Geschehnisse so darzustellen, als dass Hillary Clinton als Außenministerin unter Präsident Obama die einzige gewesen ist, die eine andere Meinung vertrat und die gerne mehr auf Diplomatie als auf das Militär gesetzt hätte. Diese Aussage klingt ein wenig befremdlich, wenn man sich an ihre Säbel rasselden Statements in Bezug auf Libyen oder Russland erinnert. 

Letztendlich handelt es sich bei dieser Darstellung um eine letzte Empfehlung Hillary Clintons an die Weltöffentlichkeit. So, als hätte sich mit ihrer Präsidentschaft die Welt zum Besseren gewendet und alles wäre gut geworden. Der noch jungen Karriere des Autors wird es nutzen, der entscheidenden Frage, wie sich der wankende, strategisch überdehnte Gigant im Angesicht mit einem Showdown mit China aufstellen soll, spielt in dem Buch nicht die geringste Rolle. Mit dem Ansinnen, diese Frage klären zu wollen, war Obama angetreten und kläglich gescheitert. Bei der Mentorin des fleißigen Schreiber und bei diesem selbst findet sie gar nicht erst statt. Und, um auf den Titel zurückzukommen, wie eine den Herausforderungen der globalisierten Welt begegnende Diplomatie aussehen müsste, darüber wird kein Wort verloren.

Viel Papier um nichts!

Zwei Buddies

Die unterschiedliche Wahrnehmung hierzulande hat dazu beigetragen, dass eine sehr deutliche Analogie nicht erkannt wurde und diese Erkenntnis nun, da sie sich aufdrängt, verstörend wirkt. Die Rede ist von den Herren Trump und Macron, die sich gegenwärtig in Washington treffen und sich ständig in den Armen liegen. Während Macron dabei eher etwas unbeholfen und verschämt wirkt, suhlt sich Trump nahezu in der angedeuteten Intimität zweier sehr verwandter Seelen. He´s my real Buddy, heißt es da folgerichtig bei Trump. Und falsch liegt er damit nicht.

Wenn jemand dafür steht, dass er es dem politischen Establishment und der Nomenklatura seines Landes so richtig besorgt hat, dann Donald Trump. Ein Tycoon aus der Baubranche, der auch schon mal in einer Oben-Ohne-Bar einen Deal aushandelt, der eine TV-Serie hat, in der er heuert und feuert, wie es ihm beliebt, der egomanisch durch das soziale Gefüge braust und keine Rücksicht auf irgendwen nimmt, ein solcher Charakter hat es geschafft, alle anderen im politischen Spiel an die Wand zu drücken und in das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu gelangen. Alle, die das vor drei bis vier Jahren prognostiziert hätten, wären heute unter ärztlicher Beobachtung. Wären da nicht die unzähligen, furchtbaren Enttäuschungen gegenüber dem politischen System und seinen Vertretern im eigenen Land.

Und wenn es jemanden gibt, der es seinem politischen Gegner noch ganz anders besorgt hat als Trump, dann ist es eben dieser Macron. Doch ganz im Gegensatz zu dem Raubein und Banausen Trump gilt Macron als ein humanistisch gebildeter Mensch, der die hohe Form der Rede wie des Umgangs perfekt beherrscht. Doch trotz seiner gewählten Umgangsform ist auch er, wie Trump, ein Vertreter des liberalen Wirtschaftens und jede Form staatlicher Regulierung ist ihm ein Dorn im Auge. Und im Gegensatz zu Trump, der den Durchmarsch lediglich in bestimmten Gremien gemacht hat, was allerdings zum Machtgewinn reichte, hat Macron das gesamte politische System Frankreichs auf einen Schlag komplett ausgehebelt. Mit Macrons Wahlsieg wurde das komplette politische Personal in Frankreich über Nacht ausgewechselt. Es herrschen die Laien. 

Die alte Analogie zwischen beiden Ländern, auf die sich die beiden Präsidenten bei dem jetzigen Treffen berufen, hat tatsächlich einen aktuellen Anlass. Zuerst fand die Revolution in Amerika statt, bevor sie nach Frankreich kam. Und was in Amerika als eine natürliche Folge der Gegebenheiten erschien, war in Frankreich selbst ein brutaler, konsequenter Akt, der einer ganzen Generation die Existenz kostete. Und so war es auch mit Trump und Macron.

Von der Verlaufsform her existiert tatsächlich eine Parallele. Nur von der Wirkung ist es konträr. Beide, Trump wie Macron, stehen für Wirtschaftsliberalismus hier und Schutzzölle dort, für Einmischung überall in der Welt, wenn es um Ressourcen wie Infrastruktur geht und für das praktische Bekenntnis zu kriegerischen Handlungen, wenn der Zugriff auf Ressourcen gefährdet ist oder sich die Chancen der Konkurrenten zu verbessern drohen. 

Warum die deutschen Eliten Herrn Trump so hassen, lässt sich schnell entschlüsseln, wenn man betrachtet, wie sehr dieser auf das Ressentiment der Proletarier setzt. Und warum sie im Gegensatz dazu den Herrn Macron so lieben, ist in seiner vermeintlichen Eleganz und Gewandtheit zu suchen. So sind sie nun einmal, die Deutschen, bei denen das schöne Sprichwort diese Einschätzung zu beglaubigen scheint, dass die Welt vornehm zugrunde ginge. Das wird sie auch tun, mit Buddies wie diesen!

 

Bei Uncle Sam ist Remmidemmi

Jetzt werden alle sagen, sie hätten es gewusst. Mit Donald Trump käme das Chaos und mit dem Chaos die Gefahr. Die Bemerkung ist zwar richtig, aber sie ist dennoch falsch. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass eine Präsidentin Clinton Nordkorea bei Fortsetzung der Raketenversuche nicht mit einer Intervention gedroht hätte. Und es mehr als unwahrscheinlich, dass eine Präsidentin Clinton nicht einem der Hauptlieferanten des so lebenswichtigen Öls, Venezuela, gedroht hätte, wenn seine politische Entwicklung diese Aufgabe in Frage stellen könnte. Und es ist mehr als unwahrscheinlich, dass eine Präsidentin Clinton es hätte verhindern können, dass der rechtsradikale Mob in Charlottesville in voller Montur erscheint, wenn die Statue eines General Lee, der im amerikanischen Bürgerkrieg für die Verteidigung der Sklaverei stand, auf Beschluss des Gemeinderats aus Stadtpark entfernt wird.

Vieles spricht dafür, dass die Mühe erforderlich ist, die gegenwärtige Befindlichkeit des Imperiums als Ganzes zu betrachten als sich an der primitiven Reduzierung auf die Figur Donald Trumps zu beteiligen. Was in diesem Kontext an Plattitüden verbreitet wird, ist ein Ausweis hoher Unterschätzung politischer Komplexität, um es einmal ganz vorsichtig auszudrücken. Die immer wieder karikierte Person des US-Präsidenten bedient alle Impulse, die zur Klamotte erforderlich sind. Und gerade darin besteht die Gefahr. Das Imperium bringt gegenwärtig alles mit, um unterschätzt zu werden. Eine sehr gute Voraussetzung, um richtig loszuschlagen und die eigene Position strategisch zu stärken.

Dass die Hörner, die in der Regel zum Krieg blasen, auch hier in den Werkstätten des großen Aggressors gestimmt wurden, macht die Sache nicht leichter. Nordkorea, ein Land, das keine spontanen Impulse der Sympathie ausstrahlt, hat jedoch seit dem Bürgerkrieg und der Teilung des Landes im Jahr 1951 und von einigen kleinen Grenzzwischenfällen einmal abgesehen, kein einziges Land der Erde angegriffen oder bedroht. Bei den USA werden von Experten, die sich mit derartigen Statistiken befassen, Ziffern zwischen 45 und 50 von den USA ausgehenden massiven Kriegshandlungen genannt. Nordkoreas Friedensangebot, welches es nicht einmal in die Nachrichten schafft, offeriert, sofort die Raketenprogramme einstellen zu wollen, sollten keine militärischen Manöver mehr zwischen den USA und Südkorea unternommen werden und die Zeichnung eines Friedensvertrags. Die Reaktion der USA, man könne Nordkorea nicht trauen, kommt in dieser Hinsicht von den Richtigen.

Es geht um die US-Strategie, im pazifischen Raum keinen Jota vor China zurückzuweichen, weil die nächste Schlacht um die Weltvorherrschaft mit dem Reich der Mitte geschlagen werden wird. Darum geht es. Aber so kann es kommen, bei einer allzu schlichten Reduzierung der Geschichte auf Personen, dann geht der Irre aus Pjöngjang auf den Irren aus Washington los. Da kann schnell der Gedanke kommen, doch froh sein, dass in Berlin nur Schlafmützen sitzen, sonst wäre man noch beteiligt.

Dass die Wahl Donald Tumps ein neues Zeitalter im Imperium markieren würde, ist das Einzige, was unzweifelhaft über allen Sichtweisen steht. Seine Rolle ist die, den de-personalisierten und de-nationalisierten Charakter des globalen Finanzkapitalismus auszublenden und Amerika, das von den Untaten dieser Couponschneider genauso geschreddert wurde und wird wie andere Teile dieser Welt, dass Amerika diesem Finanzkapitalismus wie in den guten alten Zeiten wieder ein amerikanisches Gesicht verleiht, das auch noch in der Lage ist, dem Publikum etwas von Werten und von Gut und Böse zu erzählen. Selbstverständlich wird dieser Versuch scheitern – unter Umständen nicht bei ARD und ZDF. In Charlottesville zeigt sich, was noch alles zu erwarten ist, an inneren Verwerfungen allein. Und nicht nur dort. Aber wie immer, bei Uncle Sam fängt meistens alles an.