Manchmal führt das Unbewusste eben doch hervorragend Regie. Gerade in der letzten Zeit musste ich immer wieder an eine Episode zurück denken, die einige Jahre zurückliegt. Wir spielten damals mit unserer Band irgendwo auf einem Sommerfest an der französischen Grenze. Mitglieder der Band kannten die Veranstalter aus früheren Zeiten. Als wir aufbauten, sah ich, wie einer jemandem den Weg zu mir wies. Dieser näherte sich und fragte, ob ich der und der aus der und der Stadt sei. Als ich bejahte, stellte er sich vor und erzählte mir, dass er vor Jahren dort gearbeitet hatte und fragte mich, ob es den ehemaligen Boxer, der in der Stadt einen Legendenstatus hatte, noch gebe und wie es ihm ginge. Er hätte gehört, ich würde ihn kennen und hätte Kontakt zu ihm. Als ich auch das bejahte, hellte sich seine Miene auf. Dann, so der Mann, muss ich Ihnen etwas erzählen.
Vorneweg ist zu sagen, dass der besagte Boxer aus den ärmsten Verhältnissen der Stadt kam und aufgrund seiner Herkunft und Hautfarbe in der damaligen Sprache als Besatzungskind galt. Er war nicht nur ein erfolgreicher Boxer gewesen, sondern hatte auch alle Attribute bestätigt, die als Bestätigung des Satzes gelten konnten, dass man einen Boxer aus dem Ghetto holen könne, aber niemals das Ghetto aus einem Boxer. Sprich, er galt als schillernde Figur. Er verkehrte im Milieu, war im Gefängnis gewesen, hatte dort Kontakt zu deklarierten Staatsfeinden gehabt und hatte aus dem Knast heraus sogar Titel geholt.
Der Mann, der sich mir dort auf dem Sommerfest vorstellte, erzählte mir, dass er in der Stadt zu den Hochzeiten der Karriere des Boxers als Sozialarbeiter in einem von der Stadt betriebenen Club gearbeitet habe, der in dem Viertel lag, aus dem der Boxer kam. Du kannst dir denken, fuhr er fort, nachdem wir beim Du angekommen waren, was da los war. Das so genannte Strandgut der Gesellschaft tauchte dort immer wieder einmal auf, wenn ein bisschen Hoffnung auf eine sichere Zuflucht aufschimmerte. Dass es auch da zuweilen wild herging, war normal. Alkoholkonsum, Revierkämpfe, Dominanzgehabe und Kräftemessen war an der Tagesordnung. Und als Sozialarbeiter war es eine ständige, heikle Aufgabe, dort auf der Gratwanderung von Vertrauensbildung und Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung zu bestehen. Als er, wie so oft, einem sehr renitenten Zeitgenossen, der sich wie eine Wildsau aufgeführt habe, ein befristetes Zutrittsverbot ausgesprochen hatte, drohte ihm dieser, mit dem besagten Boxer zurückzukehren und ihm dann zu zeigen, wer hier das Sagen habe.
Und tatsächlich, so der Mann, sei eines Abends die Tür aufgegangen und der besagte Boxer sei zusammen mit dem von ihm mit einem zeitweiligen Verbot belegten Jugendlichen erschienen. In einem weißen Anzug, mit einem Cowboyhut und an jeder Seite mit einer Blondine im Arm. Da sei ihm ganz anders geworden und er hätte gedacht, dass es dann wohl für ihn gewesen wäre.
Zu seiner Verwunderung sei der Boxer allerdings zunächst an die Bar gegangen, hätte mit allen Umstehenden aufgeräumt geplaudert, die eine oder andere Runde geschmissen und sei erst nach einer gewissen Zeit auf ihn zugekommen. Nun, sagte er, bist du der, der hier den Laden unter Kontrolle hält und für Ordnung sorgt und auch manchmal hart durchgreift? Der Spannung kaum standhaltend, bejahte der Mann die ihm gestellte Frage und erwartete das Schlimmste. Und was passierte? Der Boxer zog den Hut und zollte ihm Respekt. Mein lieber Mann, das ist eine sehr herausfordernde Aufgabe. Alle Achtung!
Die Verblüffung des Sozialarbeiters korrespondierte mit der des von ihm verwiesenen Deliquenten, der nicht fassen konnte, was da so eben geschehen war. Da war ganz plötzlich eine ganz andere Allianz entstanden, als von ihm gedacht. Der Sozialarbeiter und der Boxer aus dem Ghetto hatten einen Aspekt im Blick, der dem anderen verborgen blieb.
Und der Mann, der mir die Geschichte erzählte, immer wieder von Lachen und Bewunderung unterbrochen, betonte, in seinem Berufsleben wäre das ein Highlight gewesen. Und ich solle nicht vergessen, den Boxer zu grüßen.
