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Es ist, wie es ist!

Jedes Spiel hat seine Regeln. Und wenn diese gelten, dann heißt es in kritischen Momenten: Es ist, wie es ist. Doch was geschieht, wenn deutlich wird, dass weder das Spiel noch dessen Regeln an Bedeutung verlieren? Dann ist es anders, aber, und damit können sich viele nicht abfinden, es ist trotzdem, wie es ist. Auch wenn das Spiel nicht mehr gespielt wird. Ob das eine komplexe Situation ist, sei dahin gestellt. Weil die Erkenntnis bleibt, dass die Verhältnisse, so wie wir sie vorfinden, so sind, wie sie sind. Wem das zu profan ist, der hat sich bereits einen Vorsprung erarbeitet, weil sich das allgegenwärtige Lamento über den Verlust der Gewissheiten auf das Vergangene konzentriert. Das, werte Freundinnen und Freunde, ist verlorene Zeit.

Was bleibt, ist die Frage, ob, angesichts der veränderten Situation, alles, was bisher galt, über Bord geworfen werden muss, weil jetzt alles anders wird? Oder, ob es nicht ratsam ist, das, was sich bewährt hat, zu erhalten und mit in die neue Zeit zu nehmen? Und das, was nicht mehr in die erwünschte Zukunft passt, stattdessen in die historischen Archive zu verfrachten? Darum nämlich geht es zumeist. Es bleibt niemandem erspart, die Welt, die sich vor uns ausbreitet, selbst mit gestalten zu wollen oder sich dem zu ergeben, was anscheinend nicht mehr zu ändern ist.

Da existiert seit der Moderne die Vorstellung, dass Fortschritt immer das Allheilmittel ist und das Bewahren eine einfältige Nostalgie. Oder anders herum. Alles, was da kommt und unbekannt ist, sei des Teufels und alles, was auf dem großen Müllhaufen der menschlichen Existenz liegt, müsse gerettet werden. Beide Positionen, exklusiv für sich, sind wenig hilfreich. Sie führen ins Verderben. Wichtig ist und bleibt, sich dessen bewusst zu sein, dass Menschen zumindest die menschliche Geschichte machen. Also müssen Menschen auch die Entscheidung darüber treffen, wie sie das, was vor ihnen liegt, gestalten wollen. Subjekt – Objekt, dieses Begriffspaar, ist der Kompass, an dem wir uns orientieren sollten. Und wenn wir Subjekte bleiben und nicht zu verdinglichten Monstren werden wollen, müssen wir selbst bestimmen, wohin die Reise gehen soll.

Was wollen wir mitnehmen, und was wollen wir verlieren? Das ist die Aufgabe, der wir uns stellen müssen, wenn wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir uns die Muße erlauben, das Dasein noch einmal von einem bestimmten Punkt aus zu reflektieren. Der ist jetzt, heute wie morgen, gegeben. Wir sollten den Zeitpunkt nutzen, zu entscheiden, ob die zukünftige Geschichtsschreibung von uns als Objekten oder Subjekten berichten wird. Wer sich nicht entscheidet, und alles so weiter laufen lässt, wie es sich momentan entwickelt, hat sich für die Kategorie Objekt entschieden und damit – sein letztes Kapitel selbst geschrieben.

Und für alle, die das mit dem Subjekt ernst meinen, bricht eine spannende Zeit an, die vieles von ihnen verlangt: die Reflexion des Geschehenen, die Entwicklung einer Vorstellung davon, wie das Zukünftige aussehen soll und ein Plan davon, wie das Erstrebte erreicht werden kann. Nicht einfach, aber fordernd, nicht bequem, aber inspirierend. 

Insofern ist der Angelpunkt, an dem wir uns befinden, ein aufregender Standort. Wer standhalten will, schrieb Adorno, darf nicht verharren in leerem Entsetzen. Und manchmal, schrieb Walter Benjamin, kann Revolution auch bedeuten, die Notbremse zu ziehen. Und wer sich fragt, wie das alles zusammenpassen mag, der hat die Schwelle zu Zukunft bereits überschritten. Und, so schrieb uns Bertolt Brecht ins Pflichtheft, Wut alleine hilft nicht. So etwas muss praktische Folgen haben! 

Bewahren Sie die Ruhe, besinnen Sie sich Ihrer Kraft, und nähren Sie Ihre Zuversicht!  

Adorno: Kapitalkonzentration, Propagandamedien und autoritärer Charakter

Momentan liegt in nahezu jeder Buchhandlung, die etwas auf sich und die Tradition des Gewerbes hält, ein kleines Buch aus, das wie aktuelle Saisonware angeboten wird. Es handelt sich um einen Vortrag, den Theodor W. Adorno im Jahr 1967 vor Wiener Studenten gehalten hat. Titel: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ob er selbst zu Lebzeiten einer derartigen Publikation zugestimmt hätte, erscheint fraglich. Erstens sah er wie kein anderer den Unterschied zwischen einer niedergeschriebenen Textur und dem damit verbundenen Prozess der bewussten Gestaltung und dem gesprochenen Wort. Doch davon einmal abgesehen, ist die Originalität durch vorliegende Tonaufnahmen gesichert. Adorno hat wirklich gesprochen.

Was den Text aufgrund des Vortragscharakters ausmacht, ist seine problemlose Lesbarkeit, was bei den geschriebenen Adorno-Texten nicht immer gegeben ist. Abgesehen davon ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht zufällig. Historisch hatte sich Adorno 1967 mit seiner ganzen Erfahrung des Exils und der Erforschung des autoritären Charakters im Rahmen des Instituts für Sozialforschung in den USA im Rücken Gedanken zum Wiedererstarken der NPD gemacht und den Wiener Studenten diese Gedanken präsentiert.

1:1-Analogien sind historisch zumeist irreführend und nicht gegeben, obwohl Vieles dazu einlädt. Auch das betont er in dem Vortrag. Was Adorno jedoch an Gedanken formuliert, sollte in dem konkreten heutigen Kontext unbedingt eine Rolle spielen. Denn die Ausführungen zeigen, wie grundfalsch manche Annahmen im Kampf gegen den Rechtsradikalismus heute sind. 

Bevor Adorno zu den Techniken und psychosozialen Grundlagen des Faschismus zu sprechen kommt, betont er die ökonomisch-soziologische Dimension. Solange, so Adorno, die Tendenz des Kapitalismus die Kapitalkonzentration sei und die damit verbundene regelmäßige Zerstörung der mittleren Schichten vor sich gehe, bestehe nicht nur theoretisch ein gravierender Widerspruch zwischen Demokratietheorie und wirklicher Machtkonzentration, sondern werde die Existenzangst immer wieder Untergangsphantasien produzieren, denen die Betroffenen mit einfachen Lösungsmodellen begegneten. An dieser realpolitischen Konstante hat sich bis heute nichts geändert. Also ist über die Kapitalkonzentration und das, was die groteske Aufteilung des gesellschaftlichen Reichtums betrifft, unbedingt zu reden, wenn es um den neuen Rechtsradikalismus geht. 

Eine andere, bedeutende Botschaft aus Adornos Vortrag ist der Verweis auf die Techniken der rechtsradikalen Propaganda. Es handelt sich dabei um eine neue, moderne Erkenntnis, die für die Reflexion des Kommunikationszeitalters a jour ist: Es kommt gar nicht auf die  Inhalte und ihre logische Konsistenz an, sondern auf die Art der Vermittlung. Da hört man Marshall McLuhans Satz, dass das Medium die Botschaft ist, sehr deutlich heraus. Insofern ginge es, wenn wir über den Kampf gegen den Rechtsradikalismus reden, nicht um inhaltliche Widerlegung seiner einfachen und durchsichtigen Botschaften, sondern um die Zerschlagung seiner Übertragungsmedien. 

Der dritte Komplex von Adornos Aussagen betrifft die psychosozialen Muster, die dem Prototyp des Rechtsradikalen entsprechen. Dabei rät er, sich statt der diskursiven Auseinandersetzung mit den politischen Aussagen des Rechtsradikalismus zu widmen, den autoritären Charakter ihrer Vertreterinnen und Vertreter zu thematisieren. Darzulegen, was an Unemanzipiertem, an Ängstlichem und an Illusorischem diesem Typus zugrunde liegt. Eine Diskussion darüber führe zu den Angstquellen und unbewältigten Traumata, die ein Bild der Hilfsbedürftigkeit herstellten und eine daraus abgeleitete politische Programmatik als abwegig demaskiert.

Auf den wenigen Seiten, um die es hier geht, liefert der Vertreter der kritischen Theorie auch nach mehr als einem halben Jahrhundert essenziell mehr als der heute gesellschaftlich eingespielte Betroffenheitsgestus angesichts der realen Gefahr hergibt. Die Hinweise sollten praktische Folgen haben. Und die Agenda muss bestehen aus den Themen der Reichtumsverteilung, der Verhinderung medialer Propaganda und der Dechiffrierung des autoritären Charakters bei denen, die sich dem Rechtsradikalismus zugetan fühlen.  

Allen sei das Buch empfohlen und die Botschaften ans Herz gelegt.