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Wie der amerikanische Blues importiert wurde

The Rolling Stones. On Air

Ja, es ist nicht die Musik von heute. Und ja, es ist deutlich, dass die Rolling Stones mit ihrem Album On Air, das zum 1. Dezember erscheint, im Weihnachtsgeschäft noch ein kleines Plus mehr machen wollen. Doch jenseits der Geschäftsgebaren stellt sich die Frage, warum eine Band von Weltruhm und mit unzähligen Gold- und Platinalben genau die Songs zusammenstellt, die ihre Anfänge dokumentieren. Und die zeigen, dass diese Anfänge wenig genial waren, dass sie holprig waren und dass sie aus heutiger Sicht nicht mehr dazu in der Lage sind, zu inspirieren.

On Air heißt dieses Album deshalb, weil es auf 2 CDs insgesamt 32 Songs zusammenfasst, die im Zeitraum von 1963 bis 1965 über verschiedene Radiosender ausgestrahlt wurden. Die Stücke sind quasi das Material, mit dem sie bekannt wurden. Aus heutiger Sicht hätten die Stones mit diesem Programm sehr schnell die Bezeichnung einer reinen Coverband am Hals, aus der sie nicht mehr so schnell herauskämen.

Zu Beginn der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren die Bedingungen andere. Eine zunehmend gegen die Traditionen der Generationen, die den letzten Weltkrieg verursacht hatten, rebellierende Jugend suchte nach Ausdrucksformen, die ihren neuen Lebensformen Ausdruck gab, mit denen sie sich identifizieren konnte. Die Stones in England waren längst nicht die einzige, später aber wohl die prominenteste Rock- und Popband, die zu Beginn ihrer Bandgeschichte alles coverte, was sie aus den USA zu fassen bekamen. Dazu gehörte vor allem das Material des Rhythm & Blues und des Electric Blues aus Chicago. Und so waren es die Tunes der Schwarzen, die ihre eigenen Stücke modernisiert hatten, die in die europäischen Ohren kamen und so das Beet bestellten, auf dem später eine durchaus eigene Gattung wuchs.

On Air ist daher ein sehr eindringliches Dokument. Es ist eine Band zu hören, die sich begeistert daran macht, Stücke aus der amerikanischen Blues-Szene handgemacht für ein, für ihr europäisches Publikum zu präparieren. Das eine oder andere Stück aus der eigenen, später weltbekannten Jagger-Richards-Feder schleicht sich zwar bereits ein, aber dort wird deutlich, dass es noch ein weiter Weg zum Ruhm sein würde. Die anderen, in den USA zu diesem Zeitpunkt bereits als Klassiker gehandelten Stücke kommen von den Rolling Stones, ach ja, der Name und die Metapher sind, wie wir wissen, auch einem amerikanischen Song entnommen, durchaus frisch und überzeugend.

Wer sich mit dieser Geschichte des musikalischen Imports nach Europa nicht befasst hat, wird sich bei denen Titeln, die die Stones zu dieser Zeit gespielt haben, die Augen reiben. Manche der amerikanischen Klassiker haben über die Stones den Weg für den schwarzen Blues nach Europa geöffnet. Ein Jahrzehnt später kamen sie, die Dinosaurier wie Muddy Waters, Bo Diddley oder Howlin Wolf auf Europas Bühnen und berauschten ein begeistertes Publikum mit den Originalen. Da spielten die Stones schon ihre eigenen Stücke und füllten Säle und Stadien, die wesentlich größer waren als die Auftrittsorte derer, die die Musik erfunden hatten.

On Air ist keine Sensation, sonder ein Dokument. Eine junge Band spielt Hits aus einem anderen Kontinent. Und versetzt den eigenen in große Bewegung.