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Die Zukunft, der Terrorismus und ein Pakt mit dem Teufel

Politik ist immer mit dem Anspruch angetreten, die Gegenwart auszugestalten und die Weichen für die Zukunft zu stellen. „Und der Zukunft zugewandt“, wie es in der einstigen Hymne der DDR hieß, sollte Politik immer sein. Ist sie dies nicht, so ist sie bereits über dem Verfallsdatum. Denn das Kümmern und womöglich der Diskurs über die Phänomene der Vergangenheit ergibt nur dann Sinn, wenn daraus Lehren für die Zukunft gezogen werden. Das ist dann allerdings ein Prozess, der dadurch gekennzeichnet ist, dass alle Akteure wissen, worum es sich handelt: eine historische Betrachtung als Feld für das Lernen.

Die gegenwärtige Politik der Bundesregierung ist nicht nur in den Verdacht geraten, die Zukunft als Handlungs- und Gestaltungsfeld auszublenden, sondern sie widmet sich exzessiv wie ein Nostalgie-Club den Phänomenen der Vergangenheit. Angeführt und angetrieben von der bayerischen CSU wird mit der fragilen Ware der Toleranz ein tollkühnes Spiel getrieben, das aus der Vergangenheit schöpft und die Zukunft blockiert. Anhand der Flüchtlingszahlen aus dem vergangenen Jahr werden Horrorszenarien entworfen, die eine Invasion von Fremden biblischen Ausmaßes beinhalten und es wird um so genannte Obergrenzen gezockt, als sei dieser Prozess noch in vollem Gange und als gäbe es nicht einen anderen Richtwert, der in Form des politischen Asyls in der Verfassung stünde.

Längst hat diese Regierung einen Pakt mit dem türkischen Teufel geschlossen und damit dafür gesorgt, dass die aktuelle Immigration in überschaubaren Bahnen verläuft. Längst sind die Verfahren zur Erfassung wie Aufnahme von Hilfesuchenden professionalisiert und längst ist die Zeit angebrochen für Fragen, wie die, die bleiben, integriert werden sollen. Stattdessen inszeniert das Hasenherz Seehofer, der nachweislich in der Nacht des letzten Jahres, als die Grenze für die Wartenden in Ungarn geöffnet wurde, sein Hand Phone ausgeschaltet hat und vermutlich heftig atmend unter seinem rustikalen Eichenbett lag, ein Stück, das eines soll. Es soll Angst und Schrecken verbreiten und dafür sorgen, dass viele Bürger sich denen anvertrauen, die keine Vorstellung von der Zukunft haben.

In diesen Tagen wird sehr viel geredet, aus berufenem wie unberufenem Munde, und vor allem über Terrorismus. Die arme Zuhörerschaft ist dabei deshalb verwirrt, weil viel Terroristen überall lauern, aber andere, die genauso handeln, die Sicherheits- und Friedensstifter sein sollen. Ursache dafür ist das seltsame Narrativ von den doppelten Standards. Diejenigen, die nicht in „unserem“ Interessen handeln, sind die Terroristen und diejenigen, die auf unserer Seite sind, die dürfen töten und morden und sprengen was das Zeug hält. In solchen Zeiten ist es ratsam, sich dem Sinn der Begriffe zuzuwenden und sich nicht von den seichten Interpretatoren des Zeitgeistes die Sinne rauben zu lassen.

Terrorismus, so lesen wir in den Nachschlagewerken, die noch nicht vom Geist der doppelten Standards kontaminiert sind, Terrorismus ist das Verbreiten von Angst und Schrecken. Punkt. Wie dies geschieht, ist nicht zu spezifizieren. Ob dies mit Bomben oder mit Worten geschieht, ist gleichgültig, natürlich nicht für die Betroffenen, aber hinsichtlich der Wirkung. Das Ziel, mit Worten bei einer möglichst großen Gruppe Angst und Schrecken zu verbreiten, um sie dann zu einer Handlung zu treiben, die weder rational noch in ihrem Interesse ist, kann mit Fug und Recht als ein terroristischer Akt bezeichnet werden.

Wer zumindest der verbal ausgesprochenen Erkenntnis der Bundesregierung Folge leisten will, dass die Bekämpfung des Terrorismus eine wichtige Voraussetzung für die Fähigkeit steht, das Problem der Massenflucht auf der Welt in den Griff zu bekommen, der wende sich gegen die Teile in der Regierung, die das terroristische Handwerk täglich praktizieren!

Eine bedrückende Quintessenz

Robert Harris. The Ghost

Neu ist sie nicht, die Erkenntnis, dass Literatur durchaus imstande ist, Geschichte zu antizipieren. Dazu gehören allerdings Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die etwas mitbringen von der Fähigkeit, die der extravagante Tom Wolfe einmal als going into the dirt beschrieben hat. Genau er hatte die Erfahrung gemacht, als er in die verschiedenen, abstrusen und skurrilen Milieus der Stadt New York abtauchte, um aufzusagen, was er in dem Fortsetzungsroman Jahrmarkt der Eitelkeiten spann. Das Projekt wurde ein Welterfolg und viele Leser wunderten sich, dass später Dinge eintrafen, die vorher schon in einer Folge thematisiert waren.

Robert Harris ist Brite und nicht so ein Freak wie Tom Wolfe, aber das going into the dirt ist ihm bei einem Roman tatsächlich ganz besonders gelungen. Es handelt sich dabei um den Roman The Ghost, der Harris persönliche Abrechnung mit dem einstigen Freund und britischen Premierminister Tony Blair wurde. Erst bei der Lektüre wird hier vom Kontinent aus deutlich, wie viele Menschen und Weggefährten über den späteren Kurs des Erfolgspolitikers Tony Blair gelitten haben müssen. Vor allem unter dem, was dieser für sie bedeutet hatte und dem, was er später tat.

Anhand einer gut überlegten Story, die den Auftrag an einen Ghost Writer beinhaltet, an der Autobiographie weiterzuarbeiten, die ein anderer, der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war, begonnen hat, wird das politische Leben des mittlerweile nicht mehr amtierenden Premiers noch einmal Gegenstand der Handlung. Vor allem die Kapitel seiner aktiven Laufbahn, die sich um die Kooperation mit den befreundeten USA und deren Kampf gegen den Terrorismus drehen, werden zu einem von Konspiration, Seichtigkeit und Wahnvorstellungen dominierten Szenario, aus dem der ganze Irrsinn dieses von George W. Bush deklarierten Krieges spricht. So ist es kein Wunder, dass der arme Ghost Writer bei seinen Recherchen über immer mehr Widersprüchliches und Eigenartiges stolpert, bis er selbst in die nicht unberechtigte Phobie abgleitet, er selbst sei mit Leib und Leben bedroht.

In überzeugender Weise beschreibt Harris die Vorgehensweise der amerikanischen wie britischen Geheimdienste, die aus der Traumatisierung der Anschläge von 9/11 einen politischen Blankoscheck erhielten und loszogen, wie sie es sich immer einmal gewünscht haben. Und siehe da, die ehe lakonischen, nebensächlichen Beschreibungen von Abhöraktivitäten, Überwachungen, Bespitzelungen bis hin zu martialischen Verhörmethoden sind nahezu präzise Beschreibungen dessen, was heute die Öffentlichkeit in manchem demokratischen Land in Rage versetzt. Harris Roman stammt aus dem Jahr 2007, das nur nebenbei, und vielleicht als Note in den Journalen der politischen Entrüstung.

Sicher ist, dass Robert Harris ein Schriftsteller ist, der sehr gründlich recherchiert und dessen Recherchen sich nicht beschränken lassen auf den Besuch von Bibliotheken. Daher verwundert es nicht, dass vieles so realistisch herüber kommt, was uns heute bewegt. Das Absurde und Beunruhigende an diesem Roman ist, dass ein Szenario, welches vor sieben Jahren noch als eine aus politischer Enttäuschung skizzierte übertriebene Handlung zu interpretieren versucht wurde, heute nahezu als eine Dokumentation durchgehen könnte.

Das ist eine Note – und damit sind wir bereits bei der Klassifizierung – guter Literatur. Die Fähigkeit nämlich, Tendenzen, die bereits existieren, so zu zeichnen, dass sie eine Materialisierung in der Zukunft vorwegnehmen. Wenn es dann noch, wie bei Robert Harris nahezu garantiert, hoch spannend und in einer exakten Sprache geschieht, umso besser. Ein sehr guter Roman, aber eine bedrückende Quintessenz.

Rekruten aus Tunesien

Die Dramatik der Entwicklung muss deutlich werden! In Tunesien, dem Land, das mit seiner Jasmin Revolution das einleitete, was allgemein als Arabellion in die jüngsten Annalen einging, droht zu einem Rekrutierungshinterhof des arabischen Terrorismus zu werden. Das, was mit dem Wahlsieg der Ennahda-Partei zunächst nur den Islamophoben zugesprochen wurde, nämlich eine düstere Prognose für das Land, scheint leider immer mehr die einzukalkulierende Realität zu werden. Seit dem Mord an einem führenden Oppositionspolitiker und der längst überschrittenen Frist der mit der Formulierung eines Verfassungsvorschlags beauftragten Interimsregierung deutet sich eine schleichende Machtübernahme des radikalen Salafismus an. Tunesien, das traditionell weltlichste und laizistischste Land des Maghreb, liefert den saudisch-sunnitischen Untergrundorganisationen zunehmend Menschenmaterial.

Erst kürzlich erreichten uns Meldungen über identifizierte Leichen tunesischer Herkunft von aufständischen Radikalislamisten aus Syrien. Und Recherchen ergaben, dass sehr gezielt in Tunesien, vor allem in den ländlichen Gebieten, für islamistische Kriegsaufträge geworben wird. Die Dimension des Ganzen ist noch nicht identifiziert, aber sie dürfte bei weitem in einer anderen Sphäre liegen, als bisher angenommen. Dazu kommen Festnahmen von Tunesiern in Baden-Württemberg, die einen Terroranschlag in Deutschland vorbereitet haben sollen.

Tunesien, das als Referenzstück für die relativ friedliche Machtablösung der Autokraten stand, hat anscheinend einen hohen Preis bezahlt, um sich von einem Komplizen der westlichen Sicherheitspolitik, der innenpolitisch für Ruhe sorgte, zu lösen. Die Depots der Demütigung, die aus der jahrzehntelangen Unterdrückung Ben Alis resultierten und als nichts anderes als eine Schikane zur Beruhigung des übermächtigen Westens empfunden wurden, waren randvoll und führten zu den Traditionalisten. Die Muslimbewegungen im nordafrikanischen Raum stehen genau für diese Demütigungstraumata, die der Westen als eine Islamisierung liest. Zumeist haben sie mit dem Islam gar nicht so viel zu tun wie gedacht, aber warum sollten sie Dinge klarstellen, die der Westen nicht verstehen wird und die tatsächlichen Chauvinisten im arabischen Lager davon abhält, Geldströme fließen zu lassen?

Die Radikalisierung der vornehmlich arbeitslosen tunesischen jungen Männer führte sowohl zur Revolution als auch jetzt zur sunnitischen Mobilmachung und terroristischen Rekrutierung. Während sich die Broker des internationalen Terrorismus in Riad, Beirut und Damaskus die Hände reiben, sitzen die europäischen Länder, vor allem Großbritannien und Frankreich, in ihren geostrategischen Debattierclubs und legen die Hände in den Schoß. Da es nicht um spektakuläre Aktionen wie Luftwaffeneinsätze geht, ernten die Aufgaben, die sich aus einem tatsächlichen Demokratieverständnis erwüchsen, von diesen Strategen keinerlei Aufmerksamkeit.

Es existiert eine dringende Notwendigkeit, die bedrohte junge Demokratiebewegung Tunesiens zu unterstützen. Da geht es jetzt nicht um Fahnen und internationale Bündnisse, sondern um ganz konkrete, aber elementare Dinge eines funktionierenden Gemeinwesens. Wie arbeiten Kommunen, welche Aufgaben dürfen sie wahrnehmen, wie wird die Realisierung der notwendigen Arbeiten finanziert, d.h. welche Steuern dürfen erhoben werden, wer kann und darf die öffentlichen Dienstleistungen durchführen und wer organisiert ihre Aufsicht? Dieses und vieles mehr ist dringend zu lösen und genau in diesen Bereichen braucht das jetzige Tunesien nach der Diktatur praktische Unterstützung. Die laizistischen Beamten, die momentan Europa bereisen, attestieren Deutschland einen sehr positiven Status bei dieser Hilfe. Das überrascht nicht, denn die Entente-Mediterranée-Pläne eines Sarkozy hatten etwas von einem imperialen Delir, und die Luftwaffeneinsätze im benachbarten Libyen etwas Britisch-Nostalgisches. Endlich einmal eine Situation, in der die deutsche Position die vernünftigste war. Tunesien wird es nicht reichen, die Zukunft des Landes nimmt Reißaus!