Medial kompakt kommt sie nun daher. Eine neue Welle der Vergangenheitsbewältigung und Kriegserklärung. Auf den vielen Beipackzetteln des Dreiteilers Unsere Väter, unsere Mütter ist immer wieder davon die Rede, dass jetzt die Zeit für eine Aufarbeitung begonnen habe. Das ist insofern makaber, als dass die vielen Täter und Opfer fast alle tot sind. Nun treten die Söhne und Töchter derer an, die an der Front waren oder den Krieg von seiner Kehrseite zuhause erlebt haben, und erklären wiederum ihren Töchtern und Söhnen den Krieg. Die jetzt Sprechenden sind also die Vermittler dessen, was ihnen selbst aufgrund der Traumatisierung der direkt Beteiligten nicht vermittelt wurde. Diejenigen, die dieser Generation zuzurechnen sind, sollten sich vergegenwärtigen, dass sie heftig protestiert haben gegen das Schweigen vor allem der Väter.
Die Erkenntnisse, die um den Film herum medial vermittelt werden, sind, wenn es gut läuft, so neu nicht: Die bestialischen Taten der Aggressoren, das allmähliche Um-Sich-Greifen des Unrechts auf allen Seiten, die Bestialisierung der Opfer und das Scheitern der Täter. Wer Eltern hatte, die dabei waren und zuhause gut zugehört hat, der wird es längst wissen, wiewohl er oder sie es nicht selbst erlebt hat. Natürlich haben sie erzählt, immer und immer wieder, und es hat sie nicht losgelassen, weil sie mehr erlebt hatten, als ein Menschenleben verkraften kann. Und es hat erklärt, warum sie in bestimmten Situationen danach so gehandelt haben, wie sie es taten.
Das Trauma Krieg und die Frage der eigenen Schuld macht den Weg der Adenauer-Republik genauso plausibel wie den der DDR. Hier sprach man nicht darüber und machte mit vielen alten Netzwerken weiter, dort erhielt man eine Generalamnestie, wenn man den neuen Staat unterstützte. Verlogen war beides und aufgearbeitet ist wenig. Während die einen mit erstauntem Blick das Unsägliche, wie Bloch es einmal so treffend formulierte, zum ersten Mal aus der Perspektive einer gesicherten Dekadenz zur Kenntnis nehmen, sind alle Versuche, die ideologischen wie strukturellen Erbanteile des heutigen Deutschland aus der Epoche des Faschismus freizulegen und zu entlarven, einer Tabuisierung und Ignoranz ausgesetzt, die ihresgleichen sucht und große Zweifel zulässt, ob irgendetwas an der Zeit sein könnte, geschweige denn die Aufarbeitung von Faschismus und Krieg. Wie selbstverständlich wird heute noch von Kinderbetreuung geredet, obwohl der Begriff vor Nationalsozialismus trieft und auch die Daseinsfürsorge ist bis tief in die Sozialdemokratie sakrosankt, auch wenn sie in den Ideologiezentren der NSDAP geboren wurde. Selbst in der DDR wimmelte es von Regelungen und „Errungenschaften“ aus dem nationalsozialistischen Volksstaat, erdacht, um die Volksgemeinschaft für die Plünderungen im Rest der Welt für sich einzunehmen.
Es wäre schön, wenn irgendwann einmal eine Diskussion einsetzte, die es ermöglichte, die Selbstkritik und Selbstreflexion derer, die die Diskussion dann führen werden, an den Anfang zu setzen und sich zu fragen, was man denn adaptiert hat aus der Zeit, über die man jetzt wohl gesättigt urteilt. Das Schicksal derer, die als Täter loszogen und als Opfer endeten oder als Opfer begannen und als Täter verzweifelten ist zu komplex, als dass es das Urteil der Unwissenden ertrüge. Was Täter wie Opfer auszeichnete, war die Fähigkeit, trotz des Unfassbaren, dass sie erlebten, in der Lage gewesen zu sein, ein Gemeinwesen zu gestalten und wieder Verantwortung zu übernehmen. Diese Fähigkeit war gigantisch. Ihr emotionales Scheitern dagegen logisch.
