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Zur Korrelation von Meldung und Tat

Das Phänomen ist bekannt. Irgendwo ereignet sich etwas, das jenseits des Gewohnten erscheint. Dann wird der Fokus auf das vermeintlich Neue gerichtet. In der Kommunikationsgesellschaft stürzen sich die Medien auf das Ereignis. In ihrer Konkurrenz um den ersten Platz in der Aufdeckung des Sensationellen beginnen sie mit der medialen Produktion. Da es sich um vermeintliches Neuland handelt, wird versucht, aus allen möglichen Perspektiven die Geschichte zu beleuchten. Aufgrund mangelnder Expertise schlägt die Stunde der selbst ernannten Experten, die ihrerseits mit der Deutung des neuen Phänomens beginnen.

Momentan sind die Sensoren auf scharf gestellt. Bei allem, was auf der Welt geschieht, egal in welchem entlegenen Winkel, jede Verzweiflungstat wird in den Fokus gerückt und sie wird in ein weltweites Netz terroristischer Verdichtung fabuliert. Seltsamerweise steht diese Art von Berichterstattung in keiner Relation zu den seit Jahren ignorierten tatsächlichen Terroranschlägen in anderen Teilen der Welt, die nicht zum westlichen Kulturkreis zählen. Auch das ein seltsames Phänomen.

Bei dem vermeintlichen Expertentum stellt sich nicht selten heraus, dass eine gewisse Scharlatanerie im Spiel ist. Diejenigen, die die Chance sehen, sich als Experten vermarkten zu können, nehmen jede Gelegenheit wahr, um ihre Sicht der Dinge an den Mann zu bringen. Die Geschichte von einem Ehepaar, das einmal auf den Philippinen entführt war, ist so eine grausame wie die der jungen Ukrainerin von der Universität Münster, die seit ihrem vierten Lebensjahr in der Bundesrepublik lebt und bei dem Konflikt im Jahr 2014 in keiner Talkshow fehlte. Und unvergessen ist der seit vierzig Jahren in Deutschland lebende tunesische Teppichhändler aus Köln, der den arabischen Frühling erklärte. Das Gleiche erleben die Medien nun mit den so genannten Terrorismusexperten.

Nun, bei der gegenwärtigen Situation, sind es zumeist einzelne, vereinsamte und beklagenswerte Individuen, die den Hype, der um bestimmte Anschläge gemacht wird, für sich nutzen. Entweder sie ordnen bereits begangene Verzweiflungstaten noch schnell dem neuen Phänomen zu oder fühlen sich dazu ermutigt, bereits geplante Taten unter dieser Chiffre zu vermarkten. Die Publizität ist ihnen sicher. Was dann noch fehlt und natürlich ebenfalls eintritt, ist das Räsonnement aus bestimmten Kreisen der Politik, die nun anregen, das inflationäre Anwachsen terroristischer Akte dazu zu nutzen, die Gesetze zu verschärfen und den staatlichen Apparat aufzurüsten. Letzteres ist ein bereits seit Jahrzehnten eingeübter Reflex, der vor allem darauf abzielt, beim verunsicherten Publikum zu punkten. Fest steht, dass bisher die gesetzlichen Verschärfungen bis heute keinerlei Anschläge verhindert hatten. Wichtiger wäre es, die bestehenden Gesetze anzuwenden und die staatlichen Organe funktionsfähig zu halten. Bei beidem hapert es jedoch seit langem.

Dass die Verdichtung des Terrorismus ausgerechnet im Sommerloch stattfindet, ist ebenfalls kein Zufall. In den Hundstagen war die Nachrichtenproduktion der Massenmedien noch nie zimperlich. Jedes Vorkommnis, mag es individuell noch so tragisch oder entsetzlich sein, wird missbraucht, um einen Rummel zu veranstalten, der außer viel Nebel noch etwas anderes hinterlässt: eine große Verunsicherung und eine wachsende Verängstigung derjenigen, die sich diese Sondersendungsorgien aufgrund des verregneten Sommers anschauen. Terror bedeutet Angst und Schrecken verbreiten. Das machen genug auf diesem Planeten und es wäre an der Zeit, mit dem zu antworten, was Angst und Schrecken bekämpft. Es handelt sich dabei um Wissen, das die Spekulation vertreibt und Konsequenz, was das Handeln betrifft. Auf diesen beiden Feldern tut sich wenig. Wer hysterisiert, wird zum Bestandteil des Terrors.

Wirre Sätze, Desaster im Kopf

Klare Sätze und klare Gesetze. In der politischen Sprache kommt die Wahrheit zum Vorschein. Das Wort, so Heinrich Heine, geht der Tat voraus. Und der Gedanke, so die kantianische Prämisse, der Gedanke geht dem Wort voraus. Dreht man das Kausalverhältnis um, so lautet das Ergebnis: Die Klarheit der Sprache ist ein Ausdruck der Klarheit des Gedankens. Oder schlimmer: Je wirrer die Sätze und Aussagen, desto größer das Desaster im Kopf. Diesen Zusammenhang vor Augen, liest sich vieles leichter. In vielerlei Hinsicht. Und es wird noch einfacher. Die Floskel entpuppt sich entweder als Armut des zu transportierenden Gedankens oder als Merkposten des Unbewussten. Aber das erhöht bei der Betrachtung bereits wieder die Komplexität, was hier vermieden werden soll.

„Zunächst einmal möchte ich mich bei denen bedanken, die sich in den letzten Monaten, Wochen und Tagen unermüdlich für die Ziele unseres Wahlkampfes eingesetzt haben. Ohne sie wäre das nicht möglich gewesen. Und ja, es war nicht leicht und wir haben es uns nicht einfach gemacht. Und ja, das Ergebnis des heutigen Abends ist zwar nicht das, was wir erwartet haben, aber m Vergleich zu den Mitkonkurrenten hätte es noch schlimmer kommen können und insofern stehen wir ganz gut da. Was das Erreichen und Umsetzen unserer Ziele anbetrifft, so kommt es jetzt darauf an, auszutarieren, mit wem der anderen, für die Regierung notwendigen Partnern, wir das meiste werden praktisch umsetzen können. Das wird ein sehr intensiver Prozess sein, bei dem wir uns nicht werden zeitlich unter Druck setzen lassen…“

Wir alle kennen die Diktion. Auf ihren Gehalt reduziert, besagt der obige Absatz folgendes Essenzielles: Wir sind unterstützt worden. Wir haben nicht das erreicht, was wir wollten. Allein können wir nichts ausrichten. Schluss. Punkt. Das Resultat befriedigt niemanden, weder denjenigen, der es verkündet, noch diejenigen, die es hören. Insofern sollte es so kurz wie möglich gefasst werden. Und dann stellt sich die Frage, wie es weiter gehen soll. Und das ist sehr spannend.

Wir kennen die zitierten Sätze nahezu auswendig. Auch der hier angeführte ging so aus dem Kopf aufs Papier. Warum? Weil wir ihn 1000mal gehört haben und er zu den Standards nach Wahlen gehört. Wenn das aber der Standard ist, dann stellt sich die Frage, warum bringen Wahlen keine Ergebnisse mehr, die etwas bewirken? Schlicht und einfach. Wenn die Frage beantwortet wäre, wären wir weiter.

Eine kurze Frage, also eine kurze Antwort. Oder zwei, mehr aber nicht. Möglichkeit Eins: Keine Partei ist in der Lage, mit dem eigenen Programm und den eigenen Akteuren die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler für sich zu gewinnen. Möglichkeit Zwei: Das Volk ist so zerbröselt, dass es keine Interessen mehr findet, die den Bedarf einer Mehrheit zum Ausdruck bringt. Möglichkeit Drei: Beides trifft zu. Das sind verheerende Optionen. Dann ist entweder das Volk zu klein für den großen Staat oder das Volk zu groß für den kleinen Staat. Oder noch schlimmer: Beides. Ein zu großes Volk ist zu kleinkariert und ein kleiner Staat maßt sich viel zu Großes an. Als Perspektive ziemlich kompliziert. Und furchtbar.

Der Gedanke geht dem Wort voraus. Das Wort geht der Tat voraus. Klingt sehr einfach. Ist aber auch verwirrend. Dann lieber doch lange und komplizierte Sätze? Das wären wir gewohnt. Ist dann zwar nicht klarer, aber geschmeidiger. Oder?