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Die Systemkrise der modernen Kommunikation

Mit der Durchdringung unserer Lebenswelten durch die Digitaltechnologien scheint es, als ob vieles der ursprünglich human inhärenten Fähigkeit, zu kommunizieren, ins Wanken geraten ist. Die Aufbereitung und der Transport von Informationen stellen kein Problem mehr da, die Fähigkeit, überall auf der Welt Informationen mittels technischer Geräte, die sich jedermann leisten kann, aufzunehmen und zu versenden hat zu einem Phänomen geführt, das euphemistisch Überfrachtung genannt werden kann. Jede oder jeder, die oder der über eine Emailadresse verfügt, kennt die Informationsfülle, die unaufgefordert auf sie oder ihn hereinströmt. Information, in früheren Zeiten die Grundnahrung ungerechter Herrschaft, verwandelt sich so zu einem Kontaminationsproblem in des Volkes Reihenbehausung.

Mit der zunehmenden Erosion von analytisch ausgerichteter Bildung kommt eine weitere Komponente zur Problemlage dazu. Für die Individuen wird es immer schwerer, Information nach ihrem relevanten Stellenwert zu selektieren. Für viele wird es immer komplizierter, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Es mangelt an einer scharfen Kontur der eigenen Interessenlage, einem Instrumentarium von Vergleich und Entscheidung und der Fähigkeit, sich zu trennen und zu der eigenen Entscheidung zu stehen.

Mit der Etablierung der Massendemokratien hat sich Herrschaft zunehmend mit den Insignien von Transparenz und Wissen legitimiert. Diese Art der Legitimation wurde erleichtert durch die Fähigkeit, zu überfrachten. So sind wir in der Lage, dass kaum jemandem mehr vorgeworfen werden kann, er hätte nicht informiert, sondern es immer unmöglicher wird, selbst nur das zu lesen, was von Belang sein könnte. Insofern haben die technischen Möglichkeiten der Informationstechnik dazu beigetragen, einen vitalen Legitimationsmechanismus der Massendemokratie ad absurdum zu führen.

Sorgte die Technologie für eine extravagante Komplexität, so trug die Psychologie zu einer Enthüllung wachsender Kompliziertheit des Kommunikationsprozesses bei. Das historisch mit der einfachen Technik etablierte Kommunikationsmodell von Sender – Kanal – Empfänger wurde zunehmend undurchschaubarer, als dass die versteckten Botschaften und Wahrnehmungen einen immer größeren Stellenwert einnahmen. Über die Verständlichkeit hinaus wurde das Wissen um den Offenbarungsgrad von Nachrichten, die nachrichtliche Definition der sozialen Beziehung der Kommunikanten und die manipulatorische Implikation einer Botschaft zunehmend thematisiert. Was früher in den kleinen Zirkeln der äsopischen Literatur Thema war, ging plötzlich alle an und trug in gehörigem Maße zur Verwirrung vieler bei.

Eine massenhafte Reaktion auf die wachsende Komplexität und Kompliziertheit von Information und Kommunikation ist zunehmender Verdruss und Misstrauen gegenüber hierarchisch gesetzten Sendern und deren Botschaften. Es ist an der Zeit, von einer Systemkrise der modernen Kommunikation zu sprechen.