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Zum Umgang mit Druck

Es ist ein schleichender Prozess. Zuerst sind es nur Nuancen. Da wird eine Bemerkung gemacht, die ansonsten mit Beifall bedacht wird und plötzlich erscheint die Reaktion etwas frostig. Oder es werden Dinge in den Nachrichten gemeldet, die allein für sich nicht dramatischer sind als sonst, in der Summe aber ein anderes Gefühl hinterlassen. Manchmal sind es nur Gesten, manchmal eine schreckliche Begebenheit, manchmal scheint es aber auch als völlig normal. Egal, was es ist. Es unterscheidet sich nicht in allem von den sonstigen Begebenheiten, aber dennoch wirkt es anders und die Menschen beginnen, sich anders zu verhalten.

Das, wovon die Rede ist, ist das Phänomen ansteigenden des Drucks auf Mensch und Gesellschaft. Nicht, dass es Zeiten gäbe, in denen kein Druck herrschte. Das anzunehmen, ist eine durchaus gängige Illusion, die sich besonders gut verkaufen lässt, solange er weiter steigt. Dennoch gibt es unterschiedliche Druckzustände. Erhöhter Druck geht Richtung Grenze dessen, was die menschliche Seele, soziale Institutionen oder sonstige Organisationen zu ertragen oder auszuhalten in der Lage sind. Erhöhter Druck macht deutlich, dass es Grenzen gibt. Und die Erkenntnis, dass Grenzen überschritten werden könnten, führt zu einer dramatischen Erhöhung des Faktors Stress.

Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem der Druck die Grenzen seiner ihm zugehörigen Systeme erreicht hat. Es wird deutlich, dass etwas passieren wird. Entweder bricht das zu beobachtende System zusammen, oder es wird etwas unternommen, das den Zusammenbruch verhindern soll. Bei letzterem handelt es sich um eine Intervention, die gut durchdacht sein will. Es geht nämlich darum, ob das Einschreiten gegen den Druck, oder besser gesagt der generierte Gegendruck dazu geeignet ist, das betroffene System zu entlasten oder endgültig kollabieren zu lassen. Erzeugter Gegendruck in einem geschlossenen Raum kann zu einer Doppelbelastung der Grenzen und damit zum beschleunigten Zusammenbruch derselben führen. In diesem Fall wäre das Gegenteil von dem erreicht, was Motiv des erzeugten Gegendruckes war: das System zu entlasten.

Aber es existieren auch andere Techniken, mit einer Drucksituation umzugehen. Es besteht z.B. die Möglichkeit, das Phänomen als Erscheinung in eine andere Umwelt zu stellen. Wird das kreativ gehanhabt, kann sogar aus negativ erlebten, destruktiven Druck so etwas wie eine neue Energiezufuhr werden. Die Entwicklung einer Erscheinung in dem alten System kommt als Bedrohung, in einer neuen Umgebung kann sie als das Maß aller Lösungen begriffen werden.

Das, was auch Reframing genannt wird, d.h. eine Erscheinung, die zunächst negativ wirkt, in einen neuen, positiven Rahmen und Zusammenhang zu stellen, ist die produktive Variante des Umganges mit steigendem Druck. Dieser Umgang erfordert ein gewisses Maß an Kreativität und ein besonderes Maß an Toleranz gegenüber Phänomenen, die neu sind, zunächst befremdlich wirken und gegebenenfalls sogar bedrohlich sind in Bezug auf die Fähigkeit der bestehenden Institutionen, mit ihnen umzugehen.

Was sich hinter dem Beschriebenen auch verbirgt ist der Unterschied zwischen Problembeschreibung und der Entwicklung von Lösungsansätzen. Wer in der Problembeschreibung verharrt, dem gelingt es in der Regel nicht, das Phänomen in einen positiven Kontext zu verpflanzen. Wer hingegen in der Lage ist, in Lösungsansätzen zu denken, für den ist Druck sogar etwas, das bis ins Inspirative reicht. Momentan, in einer Situation, in der sich der Druck signifikant erhöht, ist genau zu beobachten, wer in produktiven und wer in destruktiven Kontexten verhaftet ist.

Deutsche Systeme und brasilianische Suggestion

Es existiert ein Phänomen in Deutschland, das bis in das tägliche Arbeitsleben reicht und weit in unsere Geschichte zurück geht. Es hängt zusammen mit dem Denken in großen Systemen, die alles erklären und – vermeintlich – keine Fragen mehr offen lassen. Es lässt sich verfolgen bis in die Religion und die verbissenen Kämpfe um sie, wird aber am deutlichsten bei Betrachtung der klassischen deutschen Philosophie. Ob Fichte oder Schelling, Kant oder Hegel, sie alle schufen komplexe, alles erklären wollende Systeme, die letztendlich so wuchtig wurden, dass ihnen kaum noch jemand folgen konnte. Was sie alle gemein hatten: auch wenn sie es reklamierten, sie gingen nicht vom Menschen, sondern immer von einem Gott oder einer Idee aus, die übermächtig war.

Heute treffen wir auf dieses Phänomen in den Niederungen des Arbeitslebens. Es wird ein Idealzustand proklamiert, und gemäß der Beschreibung werden dann Anforderungsprofile für die formuliert, die diesen Idealzustand erreichen sollen. Nicht die Potenziale der konkreten Menschen, sondern die Erfordernisse des Normativen bestimmen dann alle Aktivitäten, die folgen. Das geht so bis in die Teamentwicklung und geht meistens nicht gut aus. Übertreibt man dieses Vorgehen, dann entweicht jegliche menschliche Kreativität und es macht sich große Unsicherheit breit.

Bundestrainer Löw war bei dem bisherigen Turnierverlauf auf diesem Trip, zumindest solange, bis ihn der kollektive Aufschrei der Nation nach dem Spiel gegen Algerien selbst an seinem einsamen Strand erreicht hat. Er hatte sich den Idealzustand, seinen Idealzustand, skizziert und war dabei, die Potenziale der Einzelnen den restriktiven Anforderungen seines idealtypischen Systems zu opfern. Gegen Frankreich ließ er sich gnädig stimmen und setzte nicht nur die individuellen Ausnahmekönner dort ein, wo sie am besten sind, sondern er lockerte auch die teutonischen Variante des Tiki Taka, Ballbesitz und Kontrolle um jeden Preis, auch wenn das komplette Publikum in Ohnmacht fällt. Spiel wie Ergebnis überzeugten, die Frage, die bleibt: entscheidet er sich gegen Brasilien nun für das System oder das Potenzial und reagiert er ängstlich auf den Gegner, ein tödlicher Fehler bei der Letzten Europameisterschaft oder formuliert er Ziele entsprechend der Potenziale. Mit dieser Frage steht Löw nicht allein, er repräsentiert einen Diskurs, der uns alle betrifft.

Brasilien zeigte hingegen wieder einmal, wie sehr es getragen wird von dem Wunsch und dem unbedingten Willen einer ganzen Nation, letztendlich diese Trophäe im Land zu behalten. Das Diktum hat den Charakter des Spiels in diesem Land und in diesen Tagen völlig verändert, das schöne Spiel, das immer durch Kategorien wie Ästhetik und Artistik zu überzeugen wusste, ist einer brachialen Willenserklärung gewichen. Das Team von Kolumbien, geformt und instruiert von dem Fußballphilosophen José Pekerman, wurde einfach überrollt und seiner Gestaltungsmöglichkeiten beraubt. Es wurde schlichtweg mit Wucht und Emphase niedergerungen. Der suggestive Impetus der brasilianischen Nation scheint bis dato die stärkste Kraft des Turniers zu sein und wer das bezweifelt, der sehe sich noch einmal das Tor von David Luiz an, es war purer Wille und Voodoo zugleich. Die große Schattenseite des Spiels war der spanische Schiedsrichter, der durch seine Nachlässigkeit bei der Ahndung von gezielten Fouls die psychologische Möglichkeit der Inquisition Neymars erst schuf. Nach Logik der FIFA wird der Übeltäter Zuniga wahrscheinlich seine Karriere überdenken müssen und der Schiedsrichter geht mit einem verklausulierten schriftlichen Hinweis nach Hause.

Die Szene des wiederum amerikanischen Duells war nach dem Spiel, als der Voodoo-Schütze Luiz den zusammenbrechenden Rodriguez in den Arm nahm und tröstete und dabei von Marcelo unterstützt wurde. Wer aus den Favelas kommt, der kennt die Übermacht der Enttäuschung und den Schmerz, der daraus resultiert. Es bleibt bewegend.

Innovation und Konsolidierung

Die Frage ist  mindestens so alt wie das geschriebene Wort. Soziale Systeme verfügen über Statik wie Dynamik, Stabilität und Innovation, Konstruktion und Destruktion. Seit wir über eine Historiographie verfügen sind wir in der Lage, politische, soziale, wirtschaftliche oder Familiensysteme auf ihre Konsistenz hin zu analysieren. Das Interessante bei allem Erkenntniszuwachs ist das Handeln der Menschen, trotz dieses ungeheuren Studienmaterials immer wieder in die gleichen Fallen zu tappen: Die Überdehnung einer Komponente innerhalb eines Systems, das zumindest beides braucht. Auf längere Sicht, und wie der Inflationsbegriff es momentan so penetrant formuliert, nachhaltig existieren Systeme nur, wenn dem Wachstum die Erholung folgt, wenn der Sensualismus über ein Maß an Spiritualität verfügt, wenn der Revolution die Restauration wieder eine Phase der Regeneration verschafft.

Da das Problem eine antikes wie universelles ist und da die Unausgewogenheit in der profanen Praxis schnell erklärt ist, nämlich entweder durch kognitiv ungetrübtes Temperament oder durch partikulare Interessen, ist es auch kein Wunder, dass die Konzepte der philosophischen Welterklärung von den antiken Mustern der Autopoiesis über Sensualismus und Spiritualismus, Materialismus und Idealismus bis hin zu Objekt-Subjekt-Konstruktionen der Moderne reichen. Und ebenfalls kein Wunder, dass bis in die heutigen Managementtheorien nach der Stabilität von Systemen gesucht wird und dort mit Termini wie denen der Innovation und Resilienz gearbeitet wird.

Politische Parteien pflegen in der Regel, und das ist das Interessante, jeweils nur ein Wesensmerkmal der systemischen Interdependenz zu bedienen. Die einen schielen dabei auf das Votum der Innovatoren, die anderen eher auf das der Konsolidierer. Das politische System selbst allerdings kann nur funktionieren, wenn beide Systemelemente in ausreichendem Maße und wissentlich bedient werden. Auch das System Gesellschaft geht zugrunde, wenn das Bestehende immer weiter als politisches Ziel an sich stabilisiert wird oder auf der anderen Seite die Innovation exklusiv als ultima ratio über allem steht. Die Lösung, die dem politischen System für diesen Antagonismus vorschwebt, sind die Legislaturperioden, die in einem Intervall den Auftraggebern, d.h. dem Volk, die Chance geben, der Überdehnung des einen systemischen Aspekts durch einen Wechsel der politischen Mehrheit als Korrektiv entgegenzusetzen.

Historisch beanspruchten die beiden großen Volksparteien ein Sowohl-als-Auch zu sein, nicht im Sinne einer politischen Verwässerung, sondern im Sinne der Erfahrung im Umgang mit dem komplexen System der Politik. Das unterschied die beiden Volksparteien von dem Rest, der zumeist bestimmte, politisch durchaus relevante und notwendige, aber dennoch Teilaspekte zur Hauptprogrammatik erhob. In Zeiten der Dominanz jeweils einer Volkspartei herrschte auch der jeweilige Akzent vor, bei den Konservativen das Interesse des Unternehmertums und die Systemkonsolidierung, bei den Sozialdemokraten die Arbeitnehmerinteressen und die Systemveränderung.

Das Skurrile einer Großen Koalition liegt somit auf der Hand: Zwei Partner, die für sich reklamieren, den existenziellen Bedarf des gesamten Systems zu kennen und die sich lediglich in Bezug auf ihre jeweilige pressure group unterscheiden, sollen sich mit einem gemeinsamen Programm positionieren. Das kann funktionieren, wenn der Konsens über notwendige Prioritäten staatlichen Handelns groß ist. Und betrachtet man die jeweiligen Programme, so sind die Unterschiede nicht so groß. Bewegt eine derartige Koalition nichts, so kontaminiert sie den Begriff der Politik in einem ungeahnten Ausmaß. Setzt sie vieles um, dann muss sie sehr dirigistisch vorgehen, was nicht dem Zeitgeist entspräche. Es täte dem Land allerdings gut, und wer klagte dann noch, wenn der Konsolidierung um ihrer selbst willen endlich wieder einmal eine Phase der Innovation folgte?