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Transparenz als Repression

Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft

Als der Obskurantismus die armen Erdengeister beherrschte, war der Ruf nach dem Licht nur folgerichtig. Die Aufklärung brachte Licht in das Dunkel, vor allem jenes, das dazu diente, Menschen zu beherrschen und zu versklaven. Was folgte, war die Zeit der Enthüllungen und mir der gewaltigen Verwissenschaftlichung des Denkens begann man zu glauben, alles erklären zu können. Auch die Rebellion gegen die Finsternis kann in ihr Gegenteil umschlagen, wenn sie zum Dogma führt und das Maß für das, was man den argen Weg der menschlichen Erkenntnis nennen müsste, verloren geht. Der in Seoul geborene Byung-Chul Han, seinerseits Professor für Philosophie und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, hat sich mit seiner Publikation namens Transparenzgesellschaft genau dieses Problems angenommen und in analytisch interessanter und argumentativ sehr anregender Weise eine Diskussion belebt, die an den Nerv der Zeit geht.

Byung-Chul Han widmet sich der Verkehrung der Aufklärung in ihr Gegenteil, nämlich der Entstehung der Transparenzgesellschaft, die ihrerseits das Resultat eines außer Rand und Band geratenen Positivismus ist. In dem er allen Kapiteln Überschriften widmet, die unsere momentane Gesellschaft kennzeichnen sollen, setzt er die Markierungen für seine letztendlich fundamentale Kritik: Positivgesellschaft, Ausstellungsgesellschaft, Evidenzesellschaft, Pornogesellschaft, Beschleunigungsgesellschaft, Intimgesellschaft, Informationsgesellschaft, Enthüllungsgesellschaft und Kontrollgesellschaft.

Die Argumentation ist einfach wie schlüssig. Die Dialektik der Aufklärung besteht in der Aufhebung ihrer eigenen Sprengkraft durch die Negation der Negation. Das hört sich für altmarxistische Kabbalisten recht vertraut an, ist aber dennoch auch eine Binsenweisheit: Indem die moderne Informations- und Kommunikationsgesellschaft ihr semantisches Fundament definiert hat in der Apotheose des Positiven und der Verteufelung allen Negativen, d.h. nicht Darstellbaren oder nur mit Mühe zu Deutenden, hat sie alle gesellschaftlichen Phänomene wie Akteure reduziert auf Ausstellungsstücke, die in keinen Dialog mit den Betrachtenden mehr gehen. Um es ganz deutlich und ohne Missverständnisse zu sagen: Die Zeit des historischen Subjektes ist vorbei. Wir haben es nur noch mit Objekten zu tun, die ausgestellt werden in einer Nacktheit, die jedes Geheimnis, alles Private und Intime ausschließt und jede Form der Inspiration vermissen lässt.

Da ist es nicht nur Byung-Chul Hans Polemik, die es nahelegt, dass die Ausstellung des vormals Privaten und Intimen im Zotenporno endet. Oder, noch schlimmer, der kollektive Schrei nach der totalen Transparenz ist das öffentliche Gelöbnis, keinem Menschen und keiner Institution mehr das Vertrauen schenken zu wollen oder zu können. Totale Transparenz als gesellschaftliches Postulat ist der Offenbarungseid für das soziale Vertrauen.

Das alles geht einher mit einer Steigerung des Tempos, einer Überdosis an Information und letztendlich einer maschinell elaborierten Kontrolle aller Akteure. Letzteres ist wenigstens konsistent und folgerichtig, denn wenn kein Vertrauen mehr da ist, hilft nur noch die totale Kontrolle. Insofern liefert Byung-Chul Han auch noch eine Anregung, die er expressis verbis nicht anspricht, die aber auf der Hand liegt. Inwiefern, so könnte man fragen, ist die Transparenzgesellschaft der des Obskurantismus der Vor-Aufklärung überlegen? Vielleicht liegt die Antwort in einem Segment, das so unglaublich ist, dass man gar nicht darüber nachdenken mag. Unsere Gegenwart kommt mit weniger physischen Folterinstrumenten aus, bietet dafür ein Sortiment an psychischen Abhängigkeiten auf, das historisch ohnegleichen ist.

Transparenzgesellschaft ist ein eminent wichtiges Buch, und wer es liest, kommt ohne Zweifel mächtig in Wallung.

Demoskopische Daten und psychedelische Drogen

Betrachtet man den restringierten Code, mit dem heutige Pressesprecher die Politik einer Regierung in die Welt kommunizieren, dann wundert gar nicht mehr, wie steril es wohl zugehen muss, in den Schaltzentralen der Gestaltung. Es liegt nicht am mangelnden Talent der Sprecher, denn die könnten sicherlich mehr, ließe man sie nur. Aber das Genre der Politik ist ein vorsichtiges geworden, es geht kaum noch darum, für eine Idee oder ein Konzept zu werben, sondern darum, das Profane möglichst unangreifbar zu machen. Fast kann man den Eindruck bekommen, als sei der Idealzustand des Regierens der Stillstand. Denn herrscht erstmal der, dann passiert auch nichts, was nicht vorhersehbar wäre.

Fast mit romantischer Wehmut tauchen da manchmal Erinnerungen auf an Zeiten, als der Kanzler Helmut Schmidt noch einen Regierungssprecher namens Klaus Bölling hatte, ein Bonvivant und Charmeur, der wortgewaltig die Projekte seines Kanzlers in Szene setzte, aneckte und provozierte und alles schuf, nur kein Gleichmaß und keine Langeweile. Und, obwohl er wohl einem der strengsten Chefs in der Republikgeschichte diente, besaß er noch die Freiheit, selbst zu denken und dieses auch kundzutun. Nach heutigen Maßstäben ein sofortiger Kündigungsgrund, das Resultat ist bekannt. Und besagter Klaus Bölling analysierte das Verhalten des Koalitionspartners Hans-Dietrich Genscher, der auf dem Wege war, einen Regierungswechsel vorzubereiten und die Koalition Richtung Christdemokraten zu verlassen: Er inhaliere demoskopische Daten wie psychedelische Drogen. Das, was Bölling in seiner so chevaleresken Art in die Mikrophone gespeist hatte, könnte man durchaus zu einem Forschungsansatz bei der Begutachtung der Funktionsweise späterer Politik ausweiten.

Bei der Betrachtung der Art und Weise, wie Politik sich im Alltag konstituiert, folgt sie nicht mehr einem Prinzip, das als gesichert galt und in der politischen Theorie auch als entweder zweckrationales oder wertrationales Handeln beschrieben wird. Entweder, man verfolgt einem bestimmten Zweck, den man erreichen will und infolge dessen sucht man Mittel und Wege des Handelns aus und wird aktiv, oder man handelt analog, weil man sich einem gewissen Wert verpflichtet fühlt. Das Inhalieren demoskopischer Daten hat jedoch dazu geführt, dass Politiker wie Parteiapparate darauf achten, wie sich nur die Artikulation eines Ansinnens auf die Bewertung der Politik durch die Wählerschaft auswirkt. Wenn die Signale positiv sind, kann man erstmal weiter machen, sind sie negativ, dann muss das Ansinnen korrigiert werden. Man kann diese Art der Funktionsweise von Politik nennen, wie man will, sei es das Prinzip Opportunismus, sei es das Prinzip Willenlosigkeit oder das Prinzip Vorsicht, jedenfalls mit gestaltenden Subjekten hat es relativ wenig zu tun.

Auf der einen Seite hat es durchaus Charme, an der Metapher der psychedelischen Droge Demoskopie weiter zu arbeiten, auf der anderen Seite ist der Prozess dieser Suchtsteuerung für das politische System, in dem wir leben, viel zu gefährlich geworden, als dass es zur polemischen Übung einlädt. Der einzige Beweggrund, die Inhalierer der demoskopischen Daten davon abzubringen, sich nur noch an Zeitgeist und Mainstream der Wählerschaft orientieren zu wollen, wären demoskopische Hinweise darauf, dass wir ein solches Verhalten für nicht akzeptabel halten und nicht daran denken, diese Fernsteuerung mit unserem Votum zu belohnen. Gute Politik erfordert handelnde Subjekte, die bei klarem Verstand sind und es in Kauf nehmen, gegen den Strom schwimmen zu müssen.

Rasender Stillstand

Wenn man den Slogans unseres Zeitgeistes Glauben schenken sollte, dann müsste eine der Überschriften, die unsere gegenwärtige Epoche charakterisieren sollten, auf jeden Fall das Wort Beschleunigung beinhalten. Das mit den Nachbetrachtungen bringt letztendlich nichts im Hinblick auf das Hier und Jetzt, sondern nur im Vergleich mit dem Vergangenen. All die post-modernen und post-heroischen Adjektive dienen der historischen Betrachtung. Heute, wenn wir vom Tempo sprechen, das alle Geschäftsprozesse ereilt hat, dann meinen wir natürlich nicht nur den Augenblick, sondern eine völlig neue Epoche, die auch noch vor uns liegt.

Sehen wir jedoch genauer hin, dann kommen wir nicht selten zu dem Schluss, dass sich hinter all dem Beschleunigungstamtam doch etwas anderes verbirgt. Ein zuverlässiges Indiz ist die tatsächliche und unbestechliche Beobachtung der Geschäftsprozesse, die das Leben bestimmen. Wie lange dauert es, um ein Brot zu kaufen, wie viel Zeit verbringe ich in einem Supermarkt, um einzukaufen. Wie lange dauert es beim Frisör, beim Tanken, beim Buchhändler, beim Erwerb einer Eintrittskarte am Schalter oder die Reparatur meines Fahrrads. Nicht, dass wir uns beschweren müssten über zu viel Zeit am falschen Ort, wenn es um die beschriebenen Geschäftsprozesse oder Dienstleistungen geht, aber beschleunigt, beschleunigt im Sinne eine in Nanosekunden zählenden hinterlegten Technologie sind sie nicht. Eher so wie früher, als es die elektronische Übermantelung des Lebens noch nicht gab.

Ja, so könnten die Vertreter der neuen Epochenbeschreibung sagen, die neue Technologie und ihre vereinigten Steuerungssysteme sind ja auch nicht beim Metzger oder Frisör, sondern in der der geistigen Arbeitswelt zu verorten, in den Büros, in denen neue Dienstleistungen erdacht und organisiert werden und in den Industriebetrieben, in denen die tatsächliche Wertschöpfung stattfindet. Letzteres stimmt sogar, aber leider nur exklusiv. Lediglich in der Industrieproduktion haben hochtechnische Verfahren zu einer immensen Zeitbeschleunigung beigetragen. In den anderen Branchen allerdings führte ihre Anwendung fast ausschließlich zu einer neuen Innovationsdichte, aber nicht zu einer Beschleunigung ihrer Anwendung.

Und in Verwaltung und Administration haben die vor allem aus den Compliance-Türmen derivierten Leitsysteme zu einer Ablösung der alten und Konstituierung einer neuen Bürokratie geführt, die viele derer, die sie bedienen müssen, mittlerweile in Angst und Schrecken versetzt. Nie war die Überwachung der einzelnen Arbeitsschritte perfekter und nie die Entmündigung der handelnden Subjekte und ihre Umwandlung in folgsame Objekte ausgefeilter.

Ausgehend von den administrativen Systemen als größtem Trümmerfeld der ausgelassenen Herrschaft von Standardsoftware muss das Gefühl kommen, das zunehmend die Gesellschaft generell ergreift und nicht ganz richtig zu einer Kurskorrektur geführt hat und noch führt. Zwar geben die Maschinensysteme einen immer engeren Zeittakt für die Befolgung und Erfüllung der einzelnen Arbeitsschritte vor, aber die akkumulierten Ergebnisse harren immer mehr der qualitativen Entscheidung. In dem die handelnden Subjekte immer mehr durch die Anwendung dieser Programme in folgende Objekte verwandelt werden, schwindet die Fähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu fällen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Das, was da zunehmend unter Stress geschieht, ist aber schon lange keine Beschleunigung mehr, obwohl das wachsende Herzklopfen so etwas suggeriert. Ganz im Gegenteil: Die Geschäftsprozesse, von denen wir in den administrativen Apparaten reden, werden zwischenzeitlich beschleunigt, um zum Zeitpunkt ihrer möglichen Fertigstellung in den Zustand der Erstarrung zu fallen: Dem des rasenden Stillstandes!