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Stuttgart und die Lufthoheit

In politischen Kreisen kursierte für eine gewisse Zeit die Metapher, man müsse bei bestimmten Themen die Lufthoheit erobern, um mit den eigenen Vorstellungen dominieren zu können. Das Bild stammt aus dem Luftkrieg und beschreibt die Denkweise, die vorherrschte und in gewissen Kreisen noch herrscht. Grundsätzlich ist die Betrachtung aufschlussreich. Wer von den politischen Akteuren ist in der Lage, ein Thema so zu besetzen, dass die Interpretation eines Phänomens und die angebotenen Lösungsansätze eine Chance haben, eine politische Strategie vor der Bevölkerung zu legitimieren? Ein Beispiel aus dem realen Leben, das die Gemüter erhitzt und das noch einige Zeit eine Rolle spielen wird, sind die Ereignisse in Stuttgart.

Es ist wichtig, nicht gleich zu Beginn in der Wahl der Begriffe dem Fehler zu verfallen, sich dessen zu bedienen, um was bereits am Sprachhimmel gekämpft wird. Da sind bereits einige gefährliche Jäger zu identifizieren, ihre Namen reichen von Krawallnacht bis zu Stammbaumforschung. Beides sind Geschosse aus einem Propagandakrieg, die zwar die Lufthoheit herzustellen vermögen, aber nicht in der Lage sind, irgend ein Problem zu lösen. Übrigens ein Standardergebnis bei den vielen Kämpfen um die Lufthoheit. Zumeist setzen sich Vorgehensweisen durch, die ihrerseits viel Krawall auf der Erscheinungsebene machen, zum Kern, zum Wesen eines Problems jedoch nicht vordringen. Und wer das Problem nicht erfasst, der kommt auch zu keiner Lösung. Aber die formale Logik spielt in diesem Krieg um Worte keine Rolle.

Stuttgart also. Dort hat es an besagtem Wochenende gerauscht. Die Befragung der beteiligten Parteien, nennen wir sie Polizeikräfte und Jugendliche, schildern das Geschehen anders. Die einen sagen, sie hätten nach Routinen gehandelt, die anderen, sie seien provoziert worden und dann sei die Sache eskaliert. Es wäre ratsam, genau an dieser Stelle auf detaillierteren Schilderungen zu beharren. Die exakte Beschreibung ist die beste Versicherung gegen vorschnelles Urteil. Vielleicht nur ein Einwurf: Wenn das Vorgehen nach einer Routine, über deren Charakter hier gar gestritten werden soll, auch wenn es möglich wäre, wie kann es kommen, dass das Gewohnte plötzlich provoziert? Kann es sein, dass junge Menschen, zu deren Wesen es gehört, mit sehr viel Energie geladen durch die Welt schreiten, nach einem monatelangen Lockdown über einen Ladezustand verfügen, der nahezu ein Feld der Enthemmung herbeiruft? Und wäre es nicht sinnvoll, sich zu überlegen, wie diesem Zustand Abhilfe geschaffen werden kann? Wäre es nicht eine Frage der Solidarität mit den Jugendlichen, ihnen zu signalisieren, dass das alles nicht so einfach ist und man sich darüber austauschen müsse, wie damit umzugehen sei?

Der Kampf um die Lufthoheit hat, betrachtet man alleine dieses Beispiel, wieder einmal zu keinen guten Ergebnissen geführt. Die mit dem Begriff der Krawallnacht ins Rennen gingen, sind für ein Konzept, mit doppelter oder dreifacher Polizeipräsenz zu antworten. Und sie decken ein Vorgehen, dass in eine Richtung führt, die nahezu schauerlich wirkt: sie lassen überprüfen, ob man das Problem nicht mehrheitlich Immigranten anhängen kann. Die Konterattacke folgte prompt mit dem Begriff der Stammbaumforschung. Und sie saß, trägt aber nicht zur Lösung des Problems bei. 

Beide Positionen haben eine desaströs Richtung. Die eine führt in den Ausbau eines zunehmend im Ansehen gefährdeten Polizeiapparates, der, sollte er nicht imprägniert werden gegen den Rechtsextremismus, dabei ist, die gesellschaftliche Akzeptanz zu verlieren. Die andere in eine kollektive Denunzierung exekutiven Handelns als Nazihandwerk. Erstere wiederum diskreditiert die Befindlichkeit von Jugendlichen, die in irgendwelchen Arbeiterwohnregalen monatelang eingesperrt waren. Sie als kriminelle Zeitbombe zu betrachten, wird sie nicht zurückholen in einen erforderlichen Prozess der zivilen Auseinandersetzung. 

Eines ist sicher: Bleibt es bei der bellizistischen Vorstellung, man müsse mit scharfen Kampfbegriffen die Lufthoheit erobern, werden die Probleme weder richtig beschrieben, noch werden sie gelöst. Und es werden viele Stuttgarts folgen. Die Qualität der gegenwärtigen Diskussion deutet auf eine Spirale hin.

Paris an der Spree, Krakau an der Ruhr und der Balkan am Neckar

Wenn die Formulierung zutrifft, dann jetzt. So, als gäbe es kein Morgen mehr, wird hierzulande wieder einmal über die Einwanderung schwadroniert. Als wäre es nicht seit Jahrzehnten klar, dass unser geliebtes Germanistan im Herzen Europas mitten im Strom der Migrationszüge läge, wie es in der Vergangenheit nämlich auch schon immer war, mit mindestens zehn Nachbarn, mit einem Hin und Her von Ost nach West und von Süd nach Nord, mit ungeheuren Bereicherungen und gewaltigen Integrationsleistungen, kommen jetzt in der Diktion von irgendwelchen politischen Topfpflanzen die Zuwendungserschleicher aus Transsylvanien und der Walachei und frönen der Trunksucht und Völlerei auf unsere Kosten und schänden unsere Töchter.

Da stellt sich doch zu Recht die Frage nach Zurechnungsfähigkeit. Wie kann es sein, dass ein Zentrum der globalen Hochtechnologie, des Erfindergeistes und der Trendahnung bewohnt wird von zivilisationsfernen Horden, die die Ränder der Mittelgebirge säumen und tatsächlich mit der Routine demokratischer Wahlen vertraut sind und sich tatsächlich von derartigen Geschichten wie den gerade kursierenden beeinflussen lassen in ihrem Urteil über den Zustand und die Perspektive unseres Gemeinwesens. Da hilft es wenig, dass es immer so ist, d.h. diejenigen, die am weitesten weg wohnen von den Gebieten, wohin die Neuen kommen, sind diejenigen, die am heftigsten dagegen sind. Schön zu sehen im benachbarten Frankreich, wo es genauso funktioniert.

Die logische Folge wären die Organisatin eines neuen Massentourismus, der unter dem Slogan „Deutschland, das Treibhaus fremder Wurzeln“ fungieren könnte. Es sollten Busreisen vom bayrischen Wald ins Ruhrgebiet organisiert werden, wo allein der Besuch der Friedhöfe, auf deren Grabsteinen mehr polnische als deutsche Namen zu lesen sind, eine Ahnung davon geben könnte, wer das neue, industrialisierte Deutschland eigentlich mit aufgebaut hat. Man könnte entgegengesetzt von Meckpom mal eine Bahnfahrt in die Kurpfalz veranstalten, wo sehr schnell deutlich würde, wie groß der Einfluss der französischen, italienischen und flämischen Immigranten auf die frühe Aufklärung war. Oder man betriebe mit den vielen Radikalskeptikern aus dem Brandenburgischen einen kleinen Kurs zum Thema Quellenkunde, in dem man als einziges Studienobjekt das Telefonbuch von Berlin nähme, um darauf hinzuweisen, wie groß der hugenottische Einfluss auf das Fundament der heutigen Hauptstadt war. Oder man brächte eine Delegation von oberfränkischen Landbewohnern in den Großraum Stuttgart, um zu verdeutlichen, in welchem Konnex der Elan dieser Region mit den Menschen aus dem Balkan steht.

Derartige Aktionen initiierten zwar einen Lernprozess, der allerdings angesichts der Dringlichkeit der erforderlichen Immigration nicht gerecht würde, weil Lernen Zeit in Anspruch nimmt, die wir nicht mehr haben. Die Diskussionen um die Immigration in Deutschland ist ein Gradmesser für die Fähigkeit des hiesigen Gemeinwesens, Zukunft gestalten zu können. Die xenophobischen Aspekte der immer wiederkehrenden, immer rückwärtsgewandten und nie nach Möglichkeiten, sondern immer nach den Gefahren suchenden Auseinandersetzungen um die Frage, ob wir ein Einwanderungsland sind oder nicht, attestieren gleichzeitig das Verfallsdatum.

Wären da nicht diejenigen, die irgendwann aus Polen, Russland, Dänemark, Holland, Belgien, Frankreich, Italien, Spanien, Serbien, Kroatien, Griechenland, der Türkei, Tunesien, Marokko, Chile oder Vietnam kamen, die lange genug da sind, als dass irgendwer noch auf die Idee käme, bei ihnen von Migranten zu reden. Sie alle beweisen das Gegenteil dessen, was die volksverhetzende Propaganda suggeriert. Weil keinem mehr auffällt, dass sie es sind, über die wir reden.