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Klimabewegung: Stillstand!

Was sind die Geiseln der Menschheit im beginnenden 21. Jahrhundert? Da ist der in einer nie zuvor existierenden Weise ausgetragene Kampf von Reich gegen Arm. Die Besitzverhältnisse und die ihnen innewohnenden Triebkräfte, die Maximierung von Gewinn durch Markwachstum, haben nicht nur zunehmend Milliarden von Menschen in die Verelendung getrieben, sondern auch durch die Absurdität von Lieferketten auf der anderen Seite eine Ressourcenverschwendung sondergleichen hervorgebracht. Da ist die Zuspitzung des Konkurrenzkampfes durch Kriege um Einflussgebiete und Rohstoffe, die zunehmend das Zeug haben, aus lokalen globale kriegerische Auseinandersetzungen zu provozieren. Da ist der in diesem Zusammenhang zu erwähnende Versuch, die weitgehend im 20. Jahrhundert dekolonisierte Welt von neuem zu kolonisieren. Und da ist der mit den genannten Faktoren direkt zusammenhängende Trend, die globalen klimatischen Verhältnisse in eine Richtung zu entwickeln, dass die humane Besiedlung des Planeten auf Sicht einem Ende zutreibt.

Können die genannten Erscheinungen voneinander getrennt werden? Nein. Denn alles hängt mit allem zusammen. Man kann nicht gegen den Klimawandel sein, ohne sich mit den Produktionsverhältnissen und ihrer Logik, ohne die Verschwendung hier und die mangelnde Möglichkeit zu ökologischem Verhalten dort zu betrachten. Genauso wenig kann die rabiate Bergung von Ressourcen davon getrennt werden und ohne die verheerende Wirkung von Kriegen damit zu verknüpfen. Der Konnex von Produktion, Rohstoff, Ausbeutung, Zerstörung und Vernichtung ist offensichtlich. Wer die Welt verändern will, kann davor die Augen nicht verschließen.

Umso enttäuschender ist die Erkenntnis, dass die Bewegung gegen den Klimawandel in den Metropolen der so genannten Ersten Welt genau damit begann und in dieser Position verharrt. Seit den ersten Demonstrationen im letzten Jahr hat sich anscheinend in der Analyse der Verhältnisse aus dieser Bewegung heraus nichts getan. Der groß angekündigte Klimastreik in der letzten Woche wirkte wie ein Remake der ersten Tage. Nach dem Winter, dem Corona-Lockdown im Frühjahr und einem anscheinend sorgenfrei gestalteten Sommer kamen die gleiche Parolen wie in den Anfängen zu Vorschein. Die Kritik aus den eigenen Reihen, dass es sich immer noch um einen Protest aus einem saturierten Milieu handelt, scheint sich leider zu bewahrheiten. Es ist schon ein starkes Stück, dass eine Bewegung, die Dynamik versprach, in der Analyse auf der Stelle tritt. Abgesehen von den unsäglichen Spaltungsparolen, bei denen die älteren Generationen ins Visier genommen werden, ist der Verweis auf die im eigenen Sozialmilieu präferierten Konsumgewohnheiten eine armselige Offerte. Der Vorwurf an die Gesellschaft, seit dem letzten Sommer hätte sich leider nichts getan, trifft auf die eigene Bewegung ebenso zu. Eine Weiterentwicklung der Analyse hat nicht stattgefunden.

Kürzlich veröffentlichte ein Mitglied der Bewegung seine Kritik, in dem er auf die Milieubezogenheit hinwies, seine eigenen Erfahrungen in anderen sozialen Welten schilderte und daraus genau die Schlussfolgerungen zog, die eigentlich auf der Hand liegen: die Kluft zwischen Arm und Reich, die aus dem Produktionssystem resultierende Wachstumsideologie, die Kluft zwischen Stadt und Land und die Verwüstungen durch Kriege. Er bewies, dass es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, den Horizont zu erweitern. Eher enttäuscht verwies er darauf, dass es wohl den Protagonisten darum geht, die eigenen Karriereaussichten innerhalb des kritisierten Systems zu verbessern. 

Eben jenen Aspekt griff der Grünen-Politiker Robert Habeck auf, indem er anbot, aussichtsreiche Listenplätze seiner Partei den Protagonisten der Bewegung bei der nächsten Bundestagswahl zur Verfügung zu stellen. Geht doch! Die Karriere winkt, die Bewegung weilt im Stillstand.   

Schlittern in die Agonie?

Immer öfter werde ich mit einem Phänomen konfrontiert, das, so bilde ich mir ein, vor 20, 30 Jahren eher eine Seltenheit darstellte, heute aber nahezu zu einem Standard avanciert ist. Es geht darum, dass sich Menschen, bevor sie einem Vorschlag oder einer Idee zustimmen, genau nach allem erkundigen, was in diesem Kontext an Klärungsmöglichkeit in Frage kommen könnte. Um es konkret zu machen: Neulich kam eine Mitarbeiterin zu mir, die mir mitteilte, sie wolle sich woandershin bewerben, weil sie glaube, es sei jetzt die Zeit für eine neue Herausforderung. Nach einem Gespräch sicherte ich ihr meine Unterstützung zu. Bei der Bekanntgabe dieser Entscheidung wurde ich nahezu mit Fragen der anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überfallen, wer denn dann den Job der Gehenden mache, wie das organisiert werde, wie die Fristen seien, wer wo sitze, ob die Teams sich änderten etc. etc. 

Es ist ein Beispiel, und ich könnte sehr viele aus dem alltäglichen Leben anführen. Selbstverständlich sind die Fragen, mit denen ich im Nachhinein konfrontiert wurde und die ich auch im Kopf hatte, alle relevant. Aber dennoch irritiert mich diese Denkweise, weil ich immer wieder erlebe, dass sie bei der Erörterung einer einfachen Frage zu einer Komplexität aufgeblasen werden, die verhindert, dass überhaupt Entscheidungen getroffen werden. Denn diese Konsequenz, das Erzeugen eines mulmigen Gefühls gegenüber einer immer komplexer werdenden Aufgabe, erlebe ich täglich. Sie führt, so meine These, zu Passivität und Stillstand.

Und in diesem Kontext mag ich gar nicht den Bogen spannen zu der aktuellen Politik, die eben diese Befindlichkeit zu einem politischen Argument formt, das als Antwort gedacht ist an viele Formen der Kritik. Wir kennen das: die Welt ist zu komplex geworden für einfache Antworten. Natürlich steckt auch immer ein Gran Wahrheit darin. Nur ist anzumahnen, dass Akteuere, die mitten im Geschehen stecken, in der Lage sein müssen, ihr Tun mit einfachen Worten und jedermann verständlich erklären zu können. Sind sie dazu nicht in der Lage, sind sie deplatziert, tun sie es nicht, auch wenn sie es können, verdienen sie kein Vertrauen. Die Phrase, dass die Welt zu komplex geworden ist, um einfache Antworten zu geben, ist in vielen Fällen eine Nebelkerze, um schlechte Politik zu kaschieren.

Das Erzeugen von Komplexität, bevor, sagen wir, eine einfache Kausalität dargestellt wird, entspringt jedoch in erster Linie, in der einfachen Lebenspraxis aller, der Furcht vor Entscheidung. Komplexität macht es schwer, einfache Entscheidungen zu treffen. Deshalb, so meine Beobachtung, gehen doch eine Reihe von Akteuren mit durchaus Zufriedenheit ausstrahlenden Gesichtern aus stundenlangen Sitzungen, in denen man sich gegenseitig klar gemacht hat, wie komplex und kompliziert das alles ist und folglich keine Entscheidung getroffen wurde. Da funktioniert die Reflexion des Komplexen bestens als Mittel, um den Stillstand zu wahren.

Da wir es, so meine These, mit einem in der Mentalität verwurzelten Massenphänomen zu tun haben, ist zu befürchten, dass die hiesige Gesellschaft momentan nicht dazu in der Lage ist, die Entscheidungen zu treffen, die aufgrund der rasanten machtpolitischen Veränderungen auf dem Planeten erforderlich wären. Und dann kommt noch der Hinweis, dass die Entscheidungen, die in anderen Ländern aufgrund der veränderten Lage getroffen wurden, die reine Katastrophe bedeuteten. Dann lieber keine Entscheidung? Schlittert da ein großes Kollektiv in die Agonie?