Stefan Zweig. Magellan. Der Mann und seine Tat
Dass der Autor Stefan Zweig aus Wien stammte, dort zum wohl situierten Bürgertum gehörte und nahezu natürlich über exquisite Kenntnisse der von Sigmund Freud entwickelten Psychoanalyse verfügte, erklärt sich, so abgegriffen die Formulierung klingt, nahezu von selbst. Dass der Autor Stefan Zweig die Psychoanalyse zu einem wesentlichen Instrument seines leiterarischen Schaffens machte und das bis heute kaum thematisiert wurde, ist hingegen ein Kuriosum. Seine Werke, vor allem die vielen, in denen er sich historischen Figuren widmete, die komponiert aus psychoanalytischen Skizzen und kulturhistorischen Betrachtungen waren, sind in ihrer Lektüre sehr bereichernd. Sie haben den Blick auf und in die Persönlichkeit, um die es geht, und sie verweisen auf kulturkritische Überlegungen, die in dem Feld zwischen Person und Situation jonglieren. Maria Stuart, Erasmus von Rotterdam, Montaigne, Balzac, Nietzsche, Dostojewski, Fouché, Marie Antoinette, Amerigo, Hölderlin, Kleist, sie alle haben von Zweigs Methode profitiert. Und Magellan.
Zweigs Erzählung über den portugiesischen Seefahrer, der kurz nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus den direkten Weg nach Indien über den Westen suchte und dem es gelang, im Süden des amerikanischen Kontinents über die nach ihm bekannte Magellanstraße den Zugang zum pazifischen Ozean und damit zu den heute indonesischen Gewürzinseln, den Molukken zu finden, ist eine Hommage an den Menschen als Suchenden.
Zweigs Magellan ist eines seiner sehr gelungenen Werke, weil es vieles in einem umfasst, und das in einer sehr gedrungenen Form. Da wird die Leserschaft zunächst orientiert über die Ökonomie des frühen sechzehnten Jahrhunderts und die Auswirkung der orientalischen Gewürze auf die Zahlungsweise, denn plötzlich ist nicht mehr Gold das allgemeine Äquivalent, sondern Gewürze, weil sie wesentlich wertvoller sind und den höchsten Wert auf geringem Raum konzentrieren.
Es folgt eine Passage über die um die Weltherrschaft kämpfenden Mächte, dass sind Venedig, die Niederlande, Spanien und Portugal. Vor allem Portugal und Spanien liegen als Seefahrermächte in einem heißen Konkurrenzkampf, wobei das kleine Portugal den strategisch überdehnteren Eindruck macht. Und dann taucht Magellan auf, der unter portugiesischer Flagge bereits über den Ostweg die Gewürzinseln gesehen hat. Er schlägt seinem König, dem portugiesischen, die Expedition über den Westen vor, gewinnt aber nicht dessen Ohr. Beschimpft und enttäuscht begibt sich dieser ins benachbarte Spanien und findet dort Gehör.
Die Expedition selbst ist von Zweig glänzend erzählt. Er beschreibt einen von seiner Idee überzeugten Kapitän, der seine Rolle spielt, der gar nicht so genau weiß, wo der Zugang des Pazifiks eigentlich ist, dessen Karte sich spätestens am Rio de la Plata als falsch erweist, der immer weiter herunter bis ins eiskalte Patagonien fahren lässt, der Meutereien und Fahnenflucht übersteht und dem es tatsächlich gelingt, mit einer stark dezimierten, ausgehungerten Mannschaft zuerst die Philippinen zu entdecken, wo er tragisch, nein komisch selbst das Leben verliert, und dessen Schiff dann doch noch zu den Molukken navigiert wird.
Das Resümee dieser grandiosen geographischen und welthistorisch wichtigen Erkenntnis ist der Stoff, aus dem Zweig die Widersprüchlichkeiten der Menschheit präzise formt. Seine Reflexion erzählt, dass die große Erkenntnis nicht selten auf einem gravierenden Irrtum beruht, dass die Geschichte immer die belohnt, die zum Schluss zufällig in der ersten Reihe stehen und nicht diejenigen, die alles strategisch gesehen und hart erarbeitet haben. Und wir erfahren, dass vieles wichtig, nein unabdingbar ist zu wissen, aber praktisch dann doch keine Relevanz besitzt.
Wer Geschichte leuchten sehen will, der lese Zweigs Magellan.
