Schlagwort-Archive: Stefan Zweig

Fundstück: Das exakte Uhrwerk der Macht

Stefan Zweig. Joseph Fouché 

Stefan Zweig, der Intellektuelle aus dem jüdischen Bildungsbürgertum im Wien der Jahrhundertwende, hatte, im Verhältnis zu dem, was heute nachgewiesen werden kann, ein nahezu enzyklopädisches Wissen. Er war zuhause in den Wissenschaften wie in den Künsten und natürlich nahm er Teil an jener Revolution, die mit dem Namen Sigmund Freud verbunden ist und die das junge Wien in seinen Bann zog. Aufgrund der sehr stark psychoanalytisch geprägten Sichtweise auf menschliches Handeln konnte sich Stefan Zweig als einer der Schriftsteller etablieren, die sich immer wieder mit historischen Figuren beschäftigten, – Magellan, Erasmus von Rotterdam, Maria Stuart, Balzac, Dostojewski, Nietzsche – ohne die plumpe zeitgenössische Bewertung der Ereignisse als Schablone zu verwenden. Stefan Zweig zeichnete diese Charaktere in ihrer eigenen Widersprüchlichkeit, in ihrem Kampf zwischen Verlangen und Vernunft und nicht selten in ihrer ihnen eigenen Tragik.

Mit Joseph Fouché griff sich Stefan Zweig allerdings eine Persönlichkeit aus den Annalen der Geschichte heraus, die nicht hätte brisanter sein können. Denn Joseph Fouché war der Politiker der Moderne par excellence, dem alles Negative, was mit dem Spiel mit der Macht zu tun hat, bereits angeheftet war. Er galt und gilt bis heute als die Inkarnation macchiavellischer Betriebsamkeit auf dem Feld der Regierungsgeschäfte. Und da er zumeist das Ressort des Polizeiministers innehatte, galt er als die Schlange der Geheimen Dienste an sich.

Und die historischen Fakten sprechen ihre eigene Sprache. Auch aus heutiger, gerade aus heutiger Sicht ist die berufliche Biographe der realen Figur Joseph Fouché eine Undenkbarkeit. Während der französischen Revolution war er flammender Republikaner und für die menschenverachtenden Strafaktionen gegen die Stadt Lyon verantwortlich, in Paris gewann er den Machtkampf gegen Robespierre, den dieser mit der Guillotine bezahlte, er verhalf dem Direktorium zur Macht und stützte Napoleon, der ihm folgen sollte, gegen dasselbe. Er war am Sturz Napoleons beteiligt und verhalf einem Bourbonen König wieder auf den Thron. Zwischen diesen politisch wahnwitzigen Wechseln war immer wieder ein kleines Exil, bis seine Stunde erneut schlug. Joseph Fouché war das, was heute vielleicht als ein magisches Stehaufmännchen bezeichnet werden müsste, hätte sich nicht alles in einer gewaltigen, von Blut getränkten geschichtlichen Phase Frankreichs und Europas abgespielt.

Stefan Zweig gelingt es, die widersprüchlichen Linien in der Persönlichkeit Fouchés zum Sprechen zu bringen. Er zeichnet einen Charakter nach, der auf das Erringen, den Erhalt und die Mehrung von Macht fokussiert ist. Fouché selbst, als eine kleine, schmallippige und blasse Gestalt nicht dazu gemacht, Massen zu begeistern, wählt den Weg des Apparates, der akribischen Arbeit, des Terrors durch das Detail. Im Vergleich zu den großen Volkstribunen und Rednern seiner Zeit, wie Danton, wie Robespierre, wie Napoleon, bleibt ihm kein anderer Weg als ihnen zu folgen als wichtiges, als nützliches, als aber auch immer lästiges Instrument zum Umgang mit der Macht.

Stefan Zweigs Fouché ist aber auch eine wunderbare Studie eben des Robespierre und des Napoleon, als charakterliche Antipoden zu dem exakten Uhrwerk der Macht, das Fouché geschaffen hat. Mit der Reduktion der historischen Giganten auf ein menschliches Maß der Motive entzaubert Stefan Zeig die Geschichte und ist damit auf brillante Art aufklärerisch und kurzweilig zugleich.

Das Fragile des Ideals

Stefan Zweig, Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Studiengänge, Stipendien, Stiftungen und Bildungseinrichtungen sind nach ihm benannt. Er gilt vielen als der Europäer par excellence. Und dennoch, wenn man nach zu seinem Leben und Werk fragt, bekommt man meistens keine Antwort. Die Rede ist von Erasmus von Rotterdam, einem Bankart zwischen Priesteramt und bedürftiger Magd, der in die Obhut katholischer Erziehung gegeben wurde, der dort, in den heutigen Niederlanden, neben vielem anderen das Lateinische lernte, um dann auf eine Wanderschaft durch Europa zu gehen und auf Latein begann, der Lingua Franca der gebildeten Stände im damaligen Europa, ein groß angelegtes Bild des Humanismus der Renaissance zu zeichnen. Erasmus von Rotterdam war der Intellektuelle am Vorabend einer neuen Zerrüttung in Europa schlechthin, sein geistiger Einfluss war lange Zeit immens und er zerbrach später an den praktischen, machtpolitischen Fragen der Zeit.

Stefan Zweig, der metaphernreiche Analytiker menschlicher Psyche, griff sich Erasmus von Rotterdam als Stoff, weil er von der Vision, die durch Erasmus gezeichnet worden war und der menschlichen Schwäche, die damit korrespondierte, fasziniert war. Zweigs Titel, „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ ist daher folgerichtig und trifft den Kern.

In seinen Schriften, die in Paris, London, Basel und Freiburg entstanden, greift Erasmus zum Mittel des Humors, um die bestehende Regierungsform Gottes in den Organen der Kirche zu karikieren und erzielt damit phänomenale Wirkung. In von ihm geschriebenen Kolloquien, ganz nach Vorbild der Antike, arbeitet er an den aktuellen Fragen der Zeit und entwirft so im Positiven ein Bild des Humanismus, wie es vor ihm niemand getan hatte. Es entsteht ein Bild einer durch ethische Festigkeit geprägten Sittlichkeit, die für den Europäischen Raum Geltung beansprucht und die jenseits der existierenden Institutionen der Macht entwickelt wird. 

Die Schriften des Erasmus, wir reden von einem Zeitraum von 1466 bis 1536, verbreiten sich in atemberaubenden Ausmaß und die Resonanz in den Kreisen derer, die um die Notwendigkeit einer neuen Ära wissen, ist überwältigend. Aber, und das ist der Kernsatz aus der Zweig´schen Analyse, Erasmus hat die Rechnung ohne die Bauern gemacht. Als Luther die Bühne betritt und die Kirchenkritik mit der sozialen Lage der Bauern verbindet und die Texte durch die Nutzung des Deutschen einem größeren Kreis zugänglich macht, stellt sich die Frage nach Macht und politischer Relevanz. Erasmus hatte für einen kleinen Kreis geschrieben und den politischen Fragen wollte und konnte er sich nicht stellen.

Luther, die auf Erasmus zuging und dessen Ideenwelt ohne die Schriften des Erasmus nicht in dieser Form entwickelt worden wären, ist enttäuscht von dessen Zurückhaltung gegenüber den notwendigen praktischen Folgen. Und der Papst, dessen Prunkwelt durch die aufziehende Reformation ins Wanken geraten ist, wendet sich ebenso an Erasmus und bietet ihm Amt und Würde. Auch er möchte sich mit dem großen Namen schmücken, und auch er bekommt die kalte Schulter des Erasmus gezeigt.

Doch, wie Zweig es mit einer sehr bildhaften Sprache unterstreicht, in Zeiten des Wandels ist kein Platz für den idealistischen Geist, der in der Studierstube residiert. Erasmus Ruf leidet, weil er nicht Partei ergreift. Was bleibt, ist ein monumentales Werk in exzellentem Latein, das als die Geburtsstunde des europäischen Humanismus bezeichnet werden kann, das aber auch gezeigt hat, wie fragil es ist, wenn die soziale Frage sich Geltung verschafft. 

Das exakte Uhrwerk der Macht

Stefan Zweig. Joseph Fouché

Stefan Zweig, der Intellektuelle aus dem jüdischen Bildungsbürgertum im Wien der Jahrhundertwende, hatte, im Verhältnis zu dem, was heute nachgewiesen werden kann, ein nahezu enzyklopädisches Wissen. Er war zuhause in den Wissenschaften wie in den Künsten und natürlich nahm er Teil an jener Revolution, die mit dem Namen Sigmund Freud verbunden ist und die das junge Wien in seinen Bann zog. Aufgrund der sehr stark psychoanalytisch geprägten Sichtweise auf menschliches Handeln konnte sich Stefan Zweig als einer der Schriftsteller etablieren, die sich immer wieder mit historischen Figuren beschäftigten, – Magellan, Erasmus von Rotterdam, Maria Stuart, Balzac, Dostojewski, Nietzsche – ohne die plumpe zeitgenössische Bewertung der Ereignisse als Schablone zu verwenden. Stefan Zweig zeichnete diese Charaktere in ihrer eigenen Widersprüchlichkeit, in ihrem Kampf zwischen Verlangen und Vernunft und nicht selten in ihrer ihnen eigenen Tragik.

Mit Joseph Fouché griff sich Stefan Zweig allerdings eine Persönlichkeit aus den Annalen der Geschichte heraus, die nicht hätte brisanter sein können. Denn Joseph Fouché war der Politiker der Moderne par excellence, dem alles Negative, was mit dem Spiel mit der Macht zu tun hat, bereits angeheftet war. Er galt und gilt bis heute als die Inkarnation macchiavellischer Betriebsamkeit auf dem Feld der Regierungsgeschäfte. Und da er zumeist das Ressort des Polizeiministers innehatte, galt er als die Schlange der Geheimen Dienste an sich.

Und die historischen Fakten sprechen ihre eigene Sprache. Auch aus heutiger, gerade aus heutiger Sicht ist die berufliche Biographe der realen Figur Joseph Fouché eine Undenkbarkeit. Während der französischen Revolution war er flammender Republikaner und für die menschenverachtenden Strafaktionen gegen die Stadt Lyon verantwortlich, in Paris gewann er den Machtkampf gegen Robespierre, den dieser mit der Guillotine bezahlte, er verhalf dem Direktorium zur Macht und stützte Napoleon, der ihm folgen sollte, gegen dasselbe. Er war am Sturz Napoleons beteiligt und verhalf einem Bourbonen König wieder auf den Thron. Zwischen diesen politisch wahnwitzigen Wechseln war immer wieder ein kleines Exil, bis seine Stunde erneut schlug. Joseph Fouché war das, was heute vielleicht als ein magisches Stehaufmännchen bezeichnet werden müsste, hätte sich nicht alles in einer gewaltigen, von Blut getränkten geschichtlichen Phase Frankreichs und Europas abgespielt.

Stefan Zweig gelingt es, die widersprüchlichen Linien in der Persönlichkeit Fouchés zum Sprechen zu bringen. Er zeichnet einen Charakter nach, der auf das Erringen, den Erhalt und die Mehrung von Macht fokussiert ist. Fouché selbst, als eine kleine, schmallippige und blasse Gestalt nicht dazu gemacht, Massen zu begeistern, wählt den Weg des Apparates, der akribischen Arbeit, des Terrors durch das Detail. Im Vergleich zu den großen Volkstribunen und Rednern seiner Zeit, wie Danton, wie Robespierre, wie Napoleon, bleibt ihm kein anderer Weg als ihnen zu folgen als wichtiges, als nützliches, als aber auch immer lästiges Instrument zum Umgang mit der Macht.

Stefan Zweigs Fouché ist aber auch eine wunderbare Studie eben des Robespierre und des Napoleon, als charakterliche Antipoden zu dem exakten Uhrwerk der Macht, das Fouché geschaffen hat. Mit der Reduktion der historischen Giganten auf ein menschliches Maß der Motive der entzaubert Stefan Zeig die Geschichte und ist damit auf brillante Art aufklärerisch und kurzweilig zugleich.