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Über das Warten

Von Zeit zu Zeit geht mir das Zusammentreffen mit einem alten Bekannten durch den Kopf, den ich irgendwann auf einem Bahnhof dieser Republik traf. Auf meine Frage hin, was er denn ausgerechnet dort treibe, antwortete er mir ohne Umschweife: Das Wo ist gleichgültig, ich stelle mich dem Warten. Oder um genau zu sein, ich übe mich darin.

Damals, in Eile, ging ich mit einem Stirnrunzeln schnell weiter und dachte darüber nach, wie schräg dieser Bekannte oft an die Dinge heran ging. Erst mit der Zeit bildete ich mir die Meinung, dass der schräge Zugang auf bestimmte Dinge nicht selten sehr produktiv enden kann. Das scheinbar Absurde birgt oft eine Prise Genialität und das allzu Rationale fördert oft eine Stumpfheit zutage, die erschrecken kann.

Was das Warten anbetrifft, so haben wir es zumindest mit drei Hauptkategorien zu tun, die der Reflexion würdig sind. Während es sich bei der ersten Art um die wohl profanste handelt. Es ist das Warten auf etwas Drittes, auf eine konkrete Ankunft oder ein konkretes Ereignis. Außer dass wir es sind, die warten, haben wir aber mit dem Fortgang des weiteren Geschehens weiter nichts oder nur wenig zu tun. Es ist das Warten eines Objektes auf andere Subjekte. Nennen wir es passives Warten, das uns nicht weiter interessieren soll.

Bei der zweiten Kategorie, die ich oft in Asien antraf, handelt es sich um das so genannte dynamische Warten. Damit wird ein Zustand bezeichnet, indem alles getan wird, um in einer bestimmten Situation, die noch nicht eingetreten ist, handlungsfähig sein zu können. Die Entscheidung, ob die Situation eintreten wird, ist noch nicht gefallen, aber die Wahrscheinlichkeit und der Wille, dass es so kommen wird, ist sehr stark ausgeprägt. Aufgrund dessen wird der Fall vorbereitet, wo das spekulierte Szenario greift. Alle, die proaktiv sein wollen, müssen des dynamischen Wartens mächtig sein. 

Und die dritte Kategorie bezeichnet eine Konstellation, in der es ziemlich sicher ist, dass etwas eintritt. Die davon betroffenen Akteure haben bereits einen Plan und eine Choreographie für den Moment. In der Regel wissen sie bereits genau, was zu tun ist, wenn der Fall eintritt und sie beschäftigen sich in der verbliebenen Zeit bis zum Casus X mit lockeren Übungen, um nicht doch im letzten Zeitpunkt kalt erwischt werden zu können. Diese Form des Wartens wird treffend mit dem souveränen Warten beschrieben.

Von den genannten drei Arten des Wartens ist entspricht die erste am ehesten dem Bild, das wir uns umgangssprachlich von dem Phänomen machen. Es ist die passive Form des Wartens, die Degradierung des Subjektes zum Objekt. Die Kategorien 2 und 3, das dynamische wie das souveräne Warten, gehören exklusiv dem Subjekt. Diejenigen, die es gewohnt sind, Prozesse zu gestalten und zu handeln, sind nicht davor gefeit, immer wieder einmal ins Stocken zu geraten und warten zu müssen, aber sie nutzen diese Zeit, um sich für den folgenden Zustand der Beschleunigung und Gestaltung handlungsfähig zu machen. 

Die Übung, die sich daraus für das Leben ableitet, ist die genaue Beobachtung von Individuen, Organisationen und Staaten, was sie machen, wenn es zum Stillstand kommt. Sehr schnell wird offenbar, ob wir es mit Subjekten oder Objekten, mit Gestaltern oder Gestalteten zu tun haben. Auch das Warten verschafft der Diagnostik erkenntnisreiche Zugänge. 

Die Tabuisierung von Leistung

Es gehört zu den Kuriosa unserer Zeit. Während erneut ein Streit aufflammt über den Kapitalismus und seine destruktiven Kräfte, scheint das, was ihn groß und mächtig gemacht hat, auch von Seiten seiner Befürworter gar nicht mehr geschätzt zu werden. Die Entfesselung der Produktivkräfte hatte Karl Marx, der scharfsinnigste und schärfste Kritiker dieses Wirtschaftssystems das genannt, was der aufkommende Kapitalismus zustande brachte. Keine Ökonomie vor ihm hatte vermocht, die Produktivität der Menschen so zu mobilisieren und diese auch noch in einem nie gekannten Maß zu organisieren und zu konzentrieren. Dem zugrunde lag und liegt der Gedanke von Leistung und Wertschöpfung. Beides Attribute, die man sich angesichts der zeitgenössischen Entwicklungen näher ansehen sollte.

Kapital, so skizzierte Marx in seinem gleichnamigen, voluminösen Werk, ist ein Prozess. Nicht Wert an sich, oder gar zu verwechseln mit Geld, dem allgemeinen Äquivalent, wie er es nannte. Nein, Kapital ist der Prozess der Wertschöpfung, d.h. der Synergie von Rohstoffen, Ideen und menschlicher Leistung unter Zuhilfenahme von Technik und Instrumenten. In diesem Prozess entstehen neue Werte, die sich von der Summe der verausgabten substanziell unterscheiden.

Die menschliche Leistung ist das Zentrale, um das es gehen sollte, aber genau sie ist es, die zunehmend tabuisiert oder verballhornt wird. Die niederländischen Protestanten wussten es schon immer: Es gibt keinen edleren Treibstoff für die menschliche Motivation als den Erfolg. Grundlage des Erfolges ist vor allem, nehmen wir einmal die Lotterie und die Finanzspekulation aus, die eigene Leistung. Und genau da wird dem Kapitalismus als produktivem System von zwei Seiten der Kampf angesagt. Zum einen von einer Ideologie der Passivität, einer korporierten Vorstellung davon, dass Menschen, die sich in einer Wertschöpfungskette befinden, per se schon bemitleidenswert wären. Dieser Ideologie geht es schon lange nicht mehr um Bedingungen, die es ermöglichen, Leistung gemäß eigener Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erbringen. Ihr ist das Faktum, dass Leistung aufgrund abgeschlossener Vertragsbedingungen zu erbringen ist, bereits ein Dorn im Auge.

Die andere Unterhöhlung der Leistung wird aus den vermeintlichen Hochburgen des Kapitalismus selbst betrieben. Die Börse, einst ein Markt für die Suche nach Investitionen mit guter Prognose, ist zu einem zunehmend wachsenden Anteil zu einem Forum geworden, dass wohl am treffendsten mit dem Begriff des Casino-Kapitalismus beschrieben worden ist. Um im Jargon zu bleiben: Die größten Assets des Kapitalismus, Leistung und Investition in Leistung sind genau dort, wo sie organisiert und gehandelt werden sollen, zu einem Tabu geworden. Es geht immer wieder so weit, dass intakte Wertschöpfungsprozesse von dort aus vernichtet und das luzide Beispiel von Leistung und ihrer Macht zerstört wird. Der Kapitalismus schändet sich an der Börse quasi in der eigenen Kirche.

Das profane Alltagsleben ist wie immer ein Spiegel dessen, was in den Konstruktionsbüros von Wirtschaft und Staat ersonnen wird. Insofern ist es kein Zufall, dass genau in der Zeit, in der die Grundlagen der Leistung multipel unterminiert werden, auch dort zunehmend von Achtsamkeit und Wertschätzung gesprochen wird. Es drückt ein tiefes Verlangen aus für etwas, dass nicht mehr stattfindet. Der beste Schutz sind allerdings nicht salbungsvolle Rituale und Gesten, sondern die Möglichkeiten zu erstreiten, auch dort, in der eigenen Tagespraxis, Leistungen erbringen zu können, die für das sie erbringende Individuum selbst und für andere von Wert sind. Das ist qualitativ eine andere Geschichte. Und sie zu realisieren, erfordert oft radikale Schritte.

Die ödipale Aversion gegen den Staat

Es ist schon eigenartig: Deutschland, der Kontinent der staatlichen Organisation, wird in seinem politischen Handeln von einer Aversion geprägt, die nirgendwo sonst in diesem Maß zum Vorschein kommt. Das Land, das seit der späten, lang ersehnten und überfälligen Nationenbildung zu einem Staatswesen kam, machte dann so ernst, dass daraus für viele gleich eine Bedrohung wurde. Der Staat, schon im frühen Stadium mit dem Attribut des Vaters versehen, wurde für die einen die für alles sorgende Instanz, für die anderen das Synonym für Gängelung und Bevormundung.

Otto von Bismarck, der eiserne Kanzler und Fürst mit dem historischen Weitblick, verstaatlichte den von der mächtigsten Sozialdemokratie der damaligen Welt artikulierten Emanzipationsgedanken und gemeindete alles ein, was in freier, nicht staatlicher Assoziation auch hätte geschehen können. Die Sozialgesetzgebung jedoch integrierte die Koalitionsformen der Arbeiterbewegung in das fein abgestimmte Räderwerk der ehemals preußischen Bürokratie und zog ihnen damit die Zähne.

Daraus entstand bereits früh eine Ambivalenz im Volk, das teils stolz, teils erschreckt auf den staatlichen Wohltäter reagierte. Die in deutschen Landen etablierte dirigistische Administration führte selbst dazu, dass ein Revolutionär wie Lenin eine Theorie entwickelte, die ihm zwar taktisch von Nutzen war, die spätere revolutionäre Bewegung im Rest der Welt jedoch in die tödliche Irre führte. Er beschrieb die Verstaatlichung aller Leistungen als eine nahezu geniale Vorstufe für die Sozialisierung im Sinne der sozialen Emanzipation, ohne darüber zu reflektieren, dass ein staatlicher, kapitalistisch sozialisierter und hierarchischer Apparat die Dinge in dieser WWelt vielleicht anders ordnet als es eine Assoziation von Freien täte.

Die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus war dann auch ein Grund dafür, dass es mit der deutschen Revolution für immer vorbei war. Die Vorstellung, ein Gemeinwesen anders organisieren zu können als mit strengen Hierarchien, absoluten Verallgemeinerungen und universalem Bestandsdenken verdrängte die Phantasie. Den einen, die eine starke Autorität nicht missen wollten, war es recht und ein Segen, den anderen die Zumutung schlechthin.

So organisieren und diskutieren wir in diesem Land zumeist in dem Spannungsfeld zwischen staatlichem Absolutismus und Anarchie, die einen sehen das Übel in zuwenig, die anderen in zuviel des staatlichen Zugriffs. Was den einen der positive Begriff des Vaters Staat ist, ist den anderen die ödipale Aufforderung, denselben zu meucheln, wo es nur geht.

Die Belastung der Diskussion durch die historischen Markierungen von Kaiserreich, Weimarer Republik, Faschismus, BRD und DDR verstellen den Blick für neue Organisationsformen für den gesellschaftlichen Wandel. Und wie in dem Spiel, in welchem die Akteure wie von Teufels Hand getrieben ausgerechnet dann zum falschen Mittel greifen, wenn sie eine Möglichkeit haben, eine neue Situation zu schaffen, setzen wir genau dann auf den Staat, wenn es angemessen wäre auf die Freiheit zu setzen und dann auf die Freiheit, wenn ein kollektiver Ordnungswille vonnöten wäre. Um diesen Circulus vitiosus verlassen zu können, wäre es erforderlich, die Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, ihre Entscheidungen aufgrund einer tiefen Reflexion über ihr individuelles Handeln und dessen Auswirkungen auf das Ganze zu treffen. Doch da setzt das politisch handelnde Establishment auf den Akt der Bevormundung und sät weiter den Keim der ödipalen Aversion gegen den Staat.