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Tun, was getan werden muss!

Wer nicht bis drei zählen kann, tut sich bereits mit der Vier sehr schwer. Und wenn es bei der Vier bereits aufgehört hat, dann braucht man sich über so etwas wie einen Analogieschluss keine Gedanken mehr zu machen. Das Dilemma, dass daher kommt wie ein alberner, arroganter Zynismus, liegt nicht tiefer, sondern es ist jedermann geläufig. Außer denen, die für die Außendarstellung dieser Gesellschaft glauben verantwortlich zu sein. Die meinen, wenn sie alles, was unter der Drei passiert, für das Gesamte ausgeben, dann würde jeder Unsinn geschluckt. 

Ist aber nicht so. Der ganze Befall dieser Branche zeigte sich wieder einmal an der Berichterstattung über die Treibjagd gegen Julian Assange. Nachdem die britische Ministerin mit dem eigenartigen Namen dessen Auslieferung an die USA genehmigt hatte, musste die selbst ernannte und schon lange gekaperte freie Presse natürlich darüber berichten. Das tat sie, und zwar so, als gäbe es eine neue Übersetzung für E-Räder. Sehr technisch, auf die Fakten beschränkt, neutral, so, wie es sich eigentlich gehört. Dass mit USA gegen Assange das eigene Grundrecht auf freie Berichterstattung liquidiert wird, das kam allerdings den wenigsten in den Sinn. Und nach einer Stunde verschwanden die Meldungen bereits wieder aus den Online-Portalen. Es gab viel Wichtigeres zu berichten, versteht sich.

In den nach wie vor falsch bezeichneten sozialen Medien gab es einige Stimmen, die sich für Julian Assange einsetzten. Die Kommentare, die man dazu las, dokumentierten sehr gut das Spektrum der zur Verfügung stehenden Mathematik. Viele beherrschten sie und setzten sich für die Pressefreiheit und den Inhaftierten ein. Sehr beeindruckend waren allerdings auch die Kommentare einiger Grüner, die die Offenlegung von amerikanischen Kriegsverbrechen durch Wikileaks als anti-amerikanische Hetze bezeichneten. Und ebenso beachtlich war der Einwand eines prominenten CDU-Mitglieds, das zu bedenken gab, wer Staatsgeheimnisse preisgebe, würde überall auf der Welt dafür bestraft. Für alle, die es noch nicht gemerkt haben: es existiert zumindest eine artikulierte Mehrheit, die unverblümt davon ausgeht, dass wir mittlerweile in einem autoritären Staat leben. Die Gestaltungsfraktion für diesen Weg ist allerdings Schwarz-Grün. 

Die Festbeleuchtung für dieses Ereignis wird bereits in Nordrhein-Westfalen erprobt. Zwischen der  flächendeckenden Installation liegt allerdings noch ein frostiger Winter. Dieser kann dafür sorgen, dass die Vertreter des amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes in der jetzigen Bundesregierung mit ihrem bellizistischen und energetisch selbstmörderischen Kurs durch eine frierende und darbende Bevölkerung davon gejagt werden. 

Dass ausgerechnet der sozialdemokratische Kanzler derweil alles unternimmt, um die sich abzeichnenden Notstände zu verhindern, kommt wieder einmal einer Ironie der Geschichte gleich. Sollte er Erfolg haben mit seiner von allen Seiten der Presse gescholtenen Politik, bewahrt er diejenigen in der Regierung, die nicht bis drei zählen können und durch den Reiz der Macht über Nacht komplett korrumpiert waren, vor der Demission und dem möglichen Barrikaden-Tod. 

Um noch einmal auf das Problem mit der einfachen Mathematik zurückzukommen: Es mehren sich die Stimmen, die glauben, dass die Misere eine flächendeckende ist. Zumindest was die eigenen Recherchen bei denen, die den Laden am Laufen halten, anbetrifft, unterliegt diese Einschätzung dem Trug, der durch die mediale Überpräsenz von Scharlatanen und Dilettanten aus dem politischen wie journalistischen Gewerbe erzeugt wird. Ja, auch das hat System. Denn wer sich von morgens bis abends dieses Panoptikum ansehen muss, ist in seiner psychischen Gesundheit extrem gefährdet.

Mein Rat: Einfach bis drei zählen und tun, was getan werden muss! 

Das Absingen schmutziger Lieder aus der Ferne

Marshall McLuhans zentrale Botschaft sei noch einmal auf den Prüfstand gelegt: Das Medium ist die Botschaft! Vieles spricht dafür und wenn dem so ist, dann trifft das genauso auf die sozialen Medien zu. Die Faszination, die sie ausüben, ist die nahezu banale Bedienung und die Überwindung von Raum und Zeit. So können nicht nur tatsächliche, sozial unmittelbar entstandene Kontakte gehalten und gepflegt, sondern auch zufällige, artifizielle Beziehungen hergestellt werden. Plötzlich sind die einzelnen Teilnehmer nicht mehr angewiesen auf die Möglichkeiten wie Barrieren einer direkten Begegnung. Ein feuchter Händedruck, olfaktorische Penetranz, ein unsicher Blick oder eine quäkende Stimme, das alles belastet nicht mehr bei der Kontaktaufnahme und es verlangt ganz andere Fähigkeiten, die eine oder andere individuelle Malaise in der virtuellen Welt zu dechiffrieren.

Das Eigentliche, worüber jedoch reflektiert werden muss, das ist die Reduktion der sozialen Komplexität, die das soziale Medium herstellt. Da geht es schlicht um binäre Entscheidungen über Profanes. Mögen oder Nicht-Mögen. Da stellt jemand ein Bild von einem Essen auf seinen Account, und schon reagieren die Freundinnen und Freunde darauf mit einem Mögen oder Nicht-Mögen. Im direkten sozialen Kontakt wäre eine solche Disposition zweifelhaft. Wer fragt schon, wenn ihm sein Essen serviert wird, die sich in der Nähe befindlichen Menschen, ob ihnen das gefällt, was er auf dem Teller hat? Zumindest würden einige Umstehende ihr Befremden zum Ausdruck bringen. Die Reihe lässt sich fortsetzen, zum Beispiel das Posten von Selfies. In der direkten sozialen Konfrontation wäre das Risiko, eine Debatte über die eigene Eitelkeit auszulösen, viel zu groß.

Doch die eigentliche Veränderung, die durch die sozialen Medien erfolgt, ist die Veränderung des Diskurses in eine Abfrage reflexartiger Zustimmung oder Ablehnung. Durch die Reduktion von Komplexität auf Mögen oder Nicht-Mögen verschwindet die Auseinandersetzung um komplexere Lebensperspektiven nicht nur aus den Köpfen, sondern es sinkt auch die Fähigkeit, dieses zu tun. Diejenigen, die mit den sozialen Medien, deren Fähigkeit, die einzelnen Mitglieder mikroskopisch auszuspionieren hier nicht betrachtet werden soll, aufwachsen, haben in einem echten Dialog, der nicht nur aus einem sozialen Konsens besteht, keine Chance. Wer die Möglichkeit des Widerstandes gegen die eigene Meinung oder den eigenen Standpunkt nicht kennt, der hat auch nicht gelernt, um ein Thema in verschiedenen Variationen zu kreisen, die Perspektive zu verändern und, das wohl wichtigste, sozialem Druck standzuhalten.

Die sozialen Medien sollen damit nicht verdammt werden. Sie sind nicht mehr wegzudenken. Aber sie sollten mit ihrer verheerenden Wirkung auf die Diskursfähigkeit der ganzen Gesellschaft nicht unterschätzt werden. Ein Indiz für die Unterlassung kritischer Sicht und die Ergreifung notwendiger Maßnahmen dagegen ist das tatsächliche Schwinden kontroverser Betrachtungen. Genauer gesagt, die unterschiedlichen Standpunkte verschwinden nicht, aber die Fähigkeit, sich in einer harten, aber sozial akzeptablen Form darüber auseinanderzusetzen. Mit der Abnahme der Fähigkeit, sich sozialem Druck zu stellen und die eigenen Motive freizulegen und offen zu verteidigen, ist die Fähigkeit der Diskreditierung und Diffamierung gestiegen. Um es deutlich auszudrücken: Das Absingen der berühmten schmutzigen Lieder aus der Ferne ist der neue Weltsport geworden, während der Streit mit dem vis-a-vis kaum noch beherrscht wird. Das gilt im Privaten wie in der Öffentlichkeit, das betrifft den berühmten kleinen Mann wie den Amtsträger. Und das wirkt schlimmer als militärisches Equipment. Das kommt zur Geltung, wenn der Diskurs misslungen ist.