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Social Media und politische Opposition

Es ist eine alte Tradition: Sobald neue Medien das Leben zu durchdringen beginnen, werden ihnen Wunderdinge nachgesagt. Ihre Dimension geht dann immer schnell in die Bildung, die Selbstbestimmung und letztendlich die Emanzipation. Das war mit dem Radio so, dann mit dem Fernsehen, es folgte der Computer an sich und jetzt sind es Social Media. In der ersten Stufe wird dafür geworben, die Hardware zu vertreiben und zu nutzen, um Informationen und Bildung verbreiten zu können. Dafür werden ungeheure, staatlich subventionierte Summen aufgewendet. Wenn das Equipment dann in jedem Haushalt steht, warten die anfangs so euphorisierten Investoren vergeblich auf das große Bildungsergebnis: Es folgt zumeist kultureller Trash und Indoktrination pur.

Heute, nachdem die Hardware längst in den Industrienationen des Alten Europa zum Standard geworden ist und jeder ein Handy oder Blackberry besitzt, haben sich auf dieser Grundlage die so genannten Social Media Bahn gebrochen. Fast alle bewegen sich auf Portalen wie facebook und prompt entstand ein neues Branding: die Generation facebook ward geboren. Vor allem in Ländern mit autoritären oder gar autokratischen Regimes wird immer dann in den hiesigen Medien gerne von dieser Generation berichtet, wenn sich eine Opposition herausbildet und dem Schurkenstaat die Stirn bietet. Da ist es dann die Generation facebook, die sich nichts mehr bieten lässt, der man keine Informationen mehr vorenthalten kann und die Dank des via Internet freien Zugangs zu Informationen nicht mehr ideologisch verblendet werden kann. Das mag auch in den arabischen Ländern in der jüngeren Vergangenheit zugetroffen haben, in China wirkt es nicht, denn da funkt der Staat schon mal in die Kabel- und Satelliteninfrastruktur und verhindert die freie Kommunikation.

Und im Herzen der ach so freien Welt, in der Londoner Downing Street, da überlegte der britische Premier Cameron, ob er nicht auch, wie seine chinesischen Amtskollegen, während der Krawalle der letzten Wochen, die Netze zu blockieren, um den freien Fluss der Daten zu unterbrechen. Das gepriesene Phänomen der freien Informationswelt verlor ihren Wert mitten in der westlichen Welt und angesichts der schweren Ausschreitungen protestierten unsere Korrespondenten gegen die Versuche der britischen Regierung, den Datenfluss zu unterbrechen, überhaupt nicht wie bei ähnlichen Situationen in der arabischen Welt.

Und wieder haben wir etwas gelernt: Die Ideologie, die sich hinter dem Begriff der Generation facebook verbirgt, hat einen affirmativen Charakter, d.h. sie greift nur dann, wenn die Subversion in das eigene Weltbild passt. Richtet sie sich gegen die lausigen Zeiterscheinungen in der eigenen Lebenswelt, dann haben wir es plötzlich mit Schurken im eigenen Lager zu tun. dann sind nicht mehr die Regierenden die Verbrecher, sondern die Regierten. Massenarbeitslosigkeit, Ausgrenzung, Kriminalisierung, das alles sind Signets für die Ungerechtigkeit von Schurkenstaaten. Und die Diffamierung des Widerstandes dagegen ist plumpe Propaganda und von Aufklärung Lichtjahre entfernt.