Die strikte Rekonstruktion von Ursache und Wirkung verhilft das eine oder andere mal zu sonderbaren Einsichten. Es hilft, die Trennlinie von Schein und Sein schärfer zu ziehen. Ein Beispiel dafür ist aktuell. Der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel empfängt den türkischen Außenminister bei sich zuhause in Goslar und spricht von einer Normalisierung des derzeit belasteten Verhältnisses zwischen Deutschland und der Türkei.
Um noch einmal in das vielleicht etwas ramponierte Gedächtnis zurückzurufen: Die Türkei hat, nach dem vermeintlichen Putschversuch vor zwei Jahren, einen rasanten Kurs auf einen totalitären Staat genommen. Die Unabhängigkeit der Justiz wurde liquidiert, die in Teilen freie Presse wurde zerschlagen, Armee wie Bildungsinstitutionen wurden gesäubert und Hunderttausende verschwanden ohne Prozess in Gefängnissen. Es wurden völkerrechtswidrige militärische Vorstöße auf syrisches Territorium unternommen und Bombardements auf kurdische Städte auf eigenem Territorium durchgeführt.
Als Vertreter der Bundesrepublik sich erlaubten, Kritik an diesem Kurs einer Faschisierung zu üben, begann das Regime Erdogans, deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger als Geiseln zu nehmen. So verschwanden vornehmlich türkischstämmige Journalisten mit deutschem Pass hinter Gittern. Das erregte hierzulande großes Aufsehen und erhitzte die Gemüter besonders. EU-gesteuerte Sanktionen führten dazu, dass sich die Türkei wirtschaftlich zunehmend auf einem nach unten zeigenden Kurs befinden. In diesem Kontext ist die eine oder andere Entlassung von widerrechtlich Inhaftierten zu sehen.
Nun wird gerade letzteres als ein Kurswechsel der Türkei von deutscher Seite gepriesen. Eine derartige Einschätzung ist eher als ein Indiz der Sinnestrübung als ein politischer Erfolg zu werten. Man kann und muss es andersherum sehen: Um die deutsche Seite wieder an den Verhandlungstisch zu bekommen, wurden deutsche Staatsbürger als Geiseln genommen. Deren Freilassung wird jetzt zu dem Preis einer Normalisierung des Verhältnisses vollzogen. Das heißt, der Kurs auf den Totalitarismus hat keine Relevanz mehr bei den deutsch-türkischen Beziehungen. Vielmehr scheint nun auch der Außenminister zu glauben, die Lösegeldzahlungen an ein totalitäres Regime seien eine besonders smarte politische Aktion. Und um das zu demonstrieren, lädt man einen der Geiselnehmer auch noch zu sich nach Hause ein.
Diese Geschichte fordert nahezu weitere Fragen heraus, deren Beantwortung nur in einem Orkan der Verzweiflung enden kann. Glaubt der Außenminister tatsächlich, die Türkei ändere ihren Kurs? Wenn ja, ist er ein Sicherheitsrisiko für alle Beteiligten. Sieht die mediale Öffentlichkeit die Angelegenheit genauso wie der Außenminister? Vieles spricht dafür, denn kritische Nachfragen blieben bis jetzt aus. Wenn das so ist, so erhärtet sich der Verdacht, dass die vierte Gewalt zu einem Regierungsorgan verkommen ist. Und, last not least, wie reagiert die türkische Community in Deutschland darauf? Was sagen die Erdogan-Unterstützer, und was seine Gegner? Momentan scheint beide Seiten die Leichenstarre zu beschleichen.
Was im Grunde in der öffentlichen Wahrnehmung als ein positives Zeichen für die Lernfähigkeit des türkischen Regimes gehalten wird, ist von seinem Kern her eine Kultivierung von Mafia-Methoden. Geiselnahme durch kriminelles Handeln, Verhandlungspartner werden an den Tisch gezwungen, die Art und Höhe der Zahlung bleibt im Verborgenen, politisch wird die Nötigung als Erfolg verkauft und der Delinquent in seinem Vorgehen bestärkt.
Die Naivität ist niederschmetternd. Bleibt abzuwarten, wann die nächsten Geiseln fällig sind. Und bleibt abzuwarten, welcher Preis dann gefordert wird.
