Maxim Biller. Sechs Koffer
In besseren Zeiten der deutschen Literatur tat sich die Rezeption nicht so schwer mit einem Enfant terrible. Da hat man es verkraftet, dass es derb zuging, das Tabus gebrochen wurden und dass das Mittel des Schocks, des kulturellen, sozialen Schocks, bewusst zur Textur eines modernen Romans gehörte. Aber wir leben nicht in besseren Zeiten. Die neue Inquisition, die sich im Geistesleben breit gemacht hat, macht es allen schwer, die es mit der Wahrheit ernst meinen. Denn die Wahrheit, dass sollten sich die Freunde der Literatur wie des Lebens ständig vor Augen führen, die Wahrheit ist eine derbe, zuweilen schmutzige Erscheinung.
Maxim Biller ist so ein Enfant terrible der deutschen Literatur. Denn erstens kann er famos erzählen, was vielen seiner Kollegen leider nicht mehr so gut gelingt, und zweitens ist er ein Trüffelschwein beim Finden der eher schmuddeligen Wahrheit. Und so ist sein literarischer Weg gezeichnet von einem tatsächlichen Verbot des frühen Romans „Esra“ bis hin zum Kollektiventsetzen über seine Autobiographie „Biographie“ und ein böses Nachrülpsen zu „Sechs Koffer“, seinem jüngsten Roman. Dass der aschige Beigeschmack der deutschen Rezeption etwas mit seinem Judentum zu tun hat, wird kollektiv geleugnet, was den Verdacht zu einem wichtigen Indiz macht.
In „Sechs Koffer“ erzählt Biller aus dem familiären Nähkästchen. Da geht es um die Exekution des Tate, des Familienoberhauptes, durch die sowjetischen Behörden, nachdem dieser der Schwarzgeschäfte überführt wurde. Von den drei Söhnen des Hingerichteten bis zu deren Frauen erfährt die Leserschaft einiges über die jeweilige eigene Lebensgeschichte und den Blick auf den Tod des Patriarchen. Pro Perspektive steht ein Koffer und pro Koffer eine andere Version darüber, wie sich alles zugetragen haben dürfte.
Da geht es von Moskau nach Prag, von Prag nach Hamburg und von Zürich nach Montreal und London. Immer wieder wird spekuliert und immer wieder dominiert das Verdachtsmoment eines kolossalen Verrats. Da vermischt sich das Dasein des jüdischen Bildungsbürgertums mit seiner nahezu unerfüllbaren ForderAAung nach Überleben, da geht es um den Mammon Geld und die Liebe zueinander, die immer wieder von der Skepsis aufgebrochen wird, dass die Opfer auch Täter sein könnten. Und das in einer Konsequenz, die das Bild einer Welt mit einer wie auch immer gearteten, aber sinnvollen Ordnung einstürzen lässt.
Maxim Biller lässt es zu, dass das Judentum die Form dieser Unrast auf Heimatsuche ist, er lässt es aber nicht zu, dass es sich bei diesem Phänomen um ein exklusiv jüdisches handelt. Das große Verdienst und das leider nicht sehr oft gelüftete Geheimnis des Romans ist die Botschaft, dass das ewige Exil an den Nerven nagt, dass das Exil im Grunde immer Elend bedeutet, weil es die Existenz zwischen die Mühlsteine des dominierenden Fremden wirft und kontinuierlich den Zweifel sät.
Was Biller da über seine Familie erzählt, kann als eine nahezu stereotype Story aus den Zeiten gelten, die heute zunehmend mit dem Terminus der nomadischen Welt bezeichnet werden müssen. Da irren die Menschen über den Planeten, sie finden auch überall ein Zuhause, zuweilen reüssieren sie sogar wirtschaftlich, aber es bleibt eine Leere hinsichtlich der eigenen Identität. Und diese Leere wird nicht selten gefüllt von bösem Verdacht und haltloser Unterstellung. Biller schenkt uns mit „Sechs Koffer“ keine Gewissheiten. Das wäre angesichts der komplizierten Situation auch unangemessen.
