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Eine ökologische Kanaille

Ludwig Klages. Mensch und Erde

Die historische Bewertung der Romantik hat ihrerseits eine bewegte Geschichte. Galt sie in einer ersten Welle der Interpretation als eine rückwärts gewandte, die heile Welt im Idyll suchende Periode, wurde sie später, ganz im Sinne dialektischer Deutung, als eine Protestation gegen den radikalen, auch destruktiven Fortschrittsglauben decodifiziert. Für beides findet man sicherlich gute Argumente und es es ist zweifelsohne richtig, beide Blickrichtungen zur Würdigung der Romantik gelten zu lassen. Wenn es einen Autor gibt, der zwiespältiger und zwielichtiger das Rätsel nicht unübersichtlicher machen könnte, dann ist dies zweifelsohne Ludwig Klages.

Auf der Feier zum 100. Jahrestag der so genannten Völkerschlacht bei Leipzig hielt Ludwig Klages 1913 eine viel beachtete und unter frenetischem Applaus entgegen genommene Rede mit dem Titel Mensch und Erde. In dieser appellierte er nicht nur an die Romantik als Ort der Besinnung in einer Zeit des voran treibenden industriellen Fortschritts, sondern er entwarf auch ein Szenario einer im ökologischen Gleichgewicht stehenden Welt. Sehr blumig in der Sprache, aber unmissverständlich in der Sache entlarvte er das Paradigma des Fortschritts als eine Metapher für den destruktiven Utilitarismus, der dabei sei, die Natur systematisch zu zerstören und den Menschen immer weiter unter einer technokratischen Logik zu versklaven. Eben aufgrund dieser Thesen wird Mensch und Erde zunehmend oft als eines der ersten und wichtigsten frühen ökologischen Pamphlete wieder entdeckt.

Soweit, so gut, könnte man sagen, wäre da nicht das gesamte Wirken Ludwig Klages, dass sich liest wie eine Typologie des ununiformierten Faschismus. Bereits in der Münchner Boheme profilierte sich Klages als Antisemit und Schwulenhasser und später, als die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, machte er im Berliner Wissenschaftsapparat eine kometenhafte Karriere, die, wie sollte es anders sein, auf der Woge der Arisierung des deutschen Geistes ritt und durch Intrige und Ausgrenzung brillierte.

Obwohl die Biographie an sich sich nicht immer das geschriebene Wort per se diskreditiert, haben wir es hier mit einem besonders ekelhaften und anstößigen Feld des real gelebten Lebens zu tun. Es liefert ein nicht zu vernachlässigendes Argument für die Frage, inwieweit eine Zukunftskonzeption, die Attraktivität ausstrahlen soll, nicht zumindest eine gewisse Authentizität des Autors voraussetzen sollte, um ernst genommen werden zu können. In diesem Abgleich täte man der Romantik selbst bei der ersten Version ihrer historischen Einordnung, einer tiefen Sehnsucht nach der in der Vergangenheit gelegenen Harmonie, schweres Unrecht. Die Lokalisierung des Idylls, in dem die Waage zwischen Mensch und Natur gegeben ist, kann, soll diese Vision eine Relevanz besitzen, nur in der Zukunft liegen.

Und damit wären wir auch bei der politischen Bedeutung des Textes in der heutigen Diskussion. Das Beunruhigende liegt in der Aktualität des Verhältnisses von politischer Praxis und politischer Programmatik. Klages Vision wurde praktisch ausgefüllt mit der Parteinahme für die größte bis dahin gekannte Destruktionsmaschine menschlicher Existenz wie natürlicher Potenziale. Insofern liegt der Gedanke nahe, ob nicht viele, die eine ökologische Programmatik favorisieren, nicht oft historisch zu unbelastet alles in ihr eigenes Argumentationsarsenal mit aufnehmen, was sich ihnen bietet. Das führt zu einem verhängnisvollen Selbstverständnis und zu einem hoch explosiven Gemisch in der Konsistenz des politischen Ideals. Die Päderastendebatte hat dies jüngst manifestiert. Klages wäre wieder so eine Nummer. Er selbst war allenfalls eine ökologische Kanaille. Man sollte immer ganz genau hinschauen, und zuweilen auch davon lassen.

Revolutionäre Romantik

Lou Reed. New York

Was für ein Leben! Lou Reed, der Jude aus Brooklyn, der sich immer gegen das Etablierte gewehrt hat und dessen Vita prall ist von Affronts gegen die herrschende Moral, auch Lou Reed hatte seine Loyalitäten. Der Mann, der mit seinem Ready Made einer Band, Velvet Underground, die damaligen Produktionsschleifen und Hörgewohnheiten revolutionierte und nicht umsonst in dieser Phase mit Andy Warhol kommunizierte, hatte das Establishment, wie man es damals sagte, restlos satt. Schon in seiner frühen Jugend mit Elektroschocks gegen seine Bisexualität behandelt, behielt er das frühe, schmerzhafte Stigma zeit seines Lebens. Viele Alben zieren heute seinen ungewöhnlichen Weg, grandiose Kombinationen sind darauf zu finden, von besagtem Velvet Underground zu Walk On The Wild Side, seiner Referenz an den literarischen Underground des William Burroughs, über The Raven, einem Reflex auf Edgar Alan Poe, an dem sich Cracks wie Ornette Coleman und David Bowie beteiligten bis hin zu seinem letzten Oeuvre, bevor die Spenderleber den Dienst verweigerte, eine Kooperation mit Metallica. Und doch: Ein Album ist seine Romantik, da wird der Rebell weich, ja sentimental, auch wenn er die Weisen wie einen derben Garagenrock inszeniert.

Mit dem Album New York formte Lou Reed der einzigen Liebe, der er zeitlebens treu bleiben sollte, einen Epitaph, der auch nach seinem eigenen Tod weiter den Nerv der Stadt trifft und treffen wird. Und obwohl seine Gitarrenriffs der spröden Form des Rocks, der für ihn so charakteristisch ist treu bleiben und obwohl die Texte dieser großartigen Stücke den Dreck und den Existenzkampf dieser Metropole zum Thema haben, leuchtet durch sie hindurch etwas sehr Menschliches, das nicht frei ist von einer starken emotionalen Bindung. Ob in Romeo Had Juliette, dem Strip-Off jeglicher Romantisierung von Liebe, oder Dirty Boulevard, der Hymne auf die nie erlöschende Hoffnung, sei sie auch noch so illusionär, Lou Reed gelingt hier etwas, das einzigartig ist. Das Mitgefühl und die Solidarität für diejenigen, die sich in dem Dschungel New York ein Recht auf Selbstbestimmung erkämpfen, findet im rasenden Rock und der unverblümten Sprache eine stimmliche Wärme, die alles verkehrt.

Und als hätte er sich alles programmatisch erdacht, folgt dem emotionalen Bekenntnis für die Underdogs das Pamphlet der Revolte. Mit There Is No Time fegt Lou Reed die ganze Propaganda des Mainstreams aus dem Augiasstall der Saturiertheit, er entlarvt die schönen Worte der Verfassungen, die Rituale der Nation, die Kriege, die Bekenntnisse zu Natur- und Menschenrechten, den Eskapismus und den Triumphalismus. Aus der störrischen Romantik einer metropolitanen Lebenselite erwächst ein nahezu anarchistischer Aktionismus, der allerdings apellativen Charakter behält. There is a time for Action because the future´s in Reach. This is the time.

“Ein Akkord reicht völlig aus. Zwei sind Angeberei. Und drei sind Jazz.“ Was machen wir nur ohne Lou Reed, der mit seiner spröden Logik Dinge auf den Punkt bringen konnte wie kein anderer? In der Komplexität der Metropole New York hatte dieser Outcast und Underdog gelernt, wie man seine Energie, seine Selbstbestimmung und seine Würde behält. Das Album New York ist der Schlüsseltext zu diesem Erfolg, der einen hohen Preis erforderte. Aber scheitern tun wir alle. Auch das wusste Lou Reed wie kein anderer. Und auch das kann man in voller Schönheit hören.