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Inquisition als Dernier Cri

Journalistisch ist es wie ein üppiges Bacchanal. Was wäre bloß, gäbe es nicht in der Provinz einen Bischof, dessen Namen bis vor kurzem niemand kannte und der verantwortlich zu sein scheint für ein Bauvorhaben, dessen Preise explodieren. Nicht, dass es nicht Projekte dieser Art gäbe, gegen die der Sitz in Limburg wie eine Petitesse erscheint. Die Elb-Philharmonie zum Beispiel, der Stuttgarter Bahnhof oder, schlimmer noch, der Berliner Flughafen BER. Bei letzterem wird von mehr als eine Milliarde gesprochen, wobei keiner mehr so richtig zu wissen scheint, mit wieviel er veranschlagt wurde und wieviel er letztendlich kosten wird. Bis auf eine laue Polemik und der einen oder anderen Diskussion um Projekte, bei denen es um die direkte Verwendung von Steuergeldern geht, hielt sich die Berichterstattung bei den genannten weitaus skandalöseren Geschichten in bescheidenen Grenzen.

Bei dem etwas wie ein Maniak aussehenden kleinen Bischof von Limburg ist das anders. Der verstopft die News Ticker wie einen alten, maroden Siphon. So, als gäbe es keine tatsächlichen Probleme in unserer bewegten Welt, als verhandelten die Parteien nicht über eine neue Regierung, die sich mit den Auswirkungen der Weltfinanzkrise, den Lebensbedingungen im eigenen Land, den notwendigen Investitionen in die Zukunft, der europäischen Wirtschaft oder einer endlich einmal durchdachten Einwanderungspolitik wird befassen müssen, schwirmelt der Name Tebartz-van Elst wie eine Droge durch die medialen Hirne.

Dabei gehörte es immer zum Wesen des Katholizismus, dem Herrn und seinen Vertretern auf Erden den Prunk zu gönnen, der der großen Gemeinde der Gläubigen in ihrem irdischem Dasein verwehrt blieb. Nicht nur der römische Petersdom oder der zu Köln, in ganz Europa existieren Belege dieser großartigen Architektur, die dem Gedanken der Herrlichkeit folgte und die sich nicht an profanen Kategorien wie der der Zeit oder des Geldes orientierten. Irgend etwas hat sich wohl verändert in der Welt der Katholiken und in der der öffentlichen Meinung. Und, man sollte vielleicht und gar nicht so zynisch die Frage formulieren, ob sich das zentraleuropäische Christentum vom Urgedanken des Katholizismus weg bewegt und sich der protestantischen Kälte und Unduldsamkeit zuwendet?

Wenn es so ist, dann würde das in Deutschland niemanden besonders verwundern, denn es läge im Trend vom Wechsel der Bonner zur Berliner Republik. Verwunderlich ist nur, dass die Maßstäbe hinsichtlich der tatsächlichen Größenordnungen bei dem konkreten Fall des Limburger Bischofs und seiner geplanten Residenz gravierend verrückt wurden. Wieso, so die mehr als berechtigte und gerechte Frage, ist der öffentliche Diskurs nicht ähnlich aufgeregt bei den politisch auf den Weg gebrachten Projekten, die teils selbst ohne Zusatzwünsche hinsichtlich individuellen Luxus dermaßen aus dem Ruder gelaufen sind. Nirgendwo eine politische Konsequenz, kein Rücktritt, ein Stopp. Nichts, wonach die Journaille und der vermeintliche Zorn der Öffentlichkeit im Falle Tebartz-van Elst so dürstet, wurde jemals im Falle der politischen Dimension so hart gespielt.

Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei dem medialen Design abermals um eine Finte propagandistischer Logik handelt. Das Kalkül ist so alt wie einfach: Greife einen Fall auf, skandalisiere ihn und benenne einen Sündenbock. Etwas Wahres ist natürlich daran, denn so ganz wirsch wirkt dieser Sündenbock nicht. Die Frage sollte dennoch sein, wovon er ablenken soll. Das ist schäbig. Inquisition als Dernier Cri! Und das Volk? Es schreit „Kopf ab!“, geht nach Hause und legt sich ins Bett!

Macht, Intrige und tiefe Melancholie

Rom. Die zweite Staffel

Die zweite Staffel der Serie Roms greift den Faden nach Caesars Ermordung auf und führt in die Machtkämpfe, Wirren und Intrigen um die Nachfolge des großen Imperators. Es bilden sich kongeniale Konkurrenzpaare wie Marc Anton und Octavian, deren Gemeinsamkeit mit dem Niedergang des Brutus endet, wie Atia und Cleopatra, die eine eine virtuose Intrigantin, die andere eine trunkene Jongleurin der Macht selbst, aber auch die so unterschiedlichen Freunde Vorenus und Pullo.

Was sich bereits in der ersten Staffel angedeutet hat, wird in der zweiten eine richtige Stärke: Die Fähigkeit, die in den Büchern festgehaltene Weltgeschichte als Problemstellung des Alltags bei den kleinen Leuten erkennen zu können. Die Vorstellung, es gäbe auf der einen Seite die große Bühne der Mächtigen, deren Stück nichts mit dem des gemeinen Volkes zu tun hat, wird nachdrücklich verneint. Die Machtkämpfe und familiären Intrigen einer Atia, die Balance zwischen Eitelkeit und Staatsräson eines Cicero und die Nonchalance eines Marc Anton finden durchaus ihre Entsprechungen in der Berechnung, mit der die Sklavin die Liebe des Pullo zerstört, oder in der Staatsräson, die aus Vorenos Rede zugunsten der Ordnung auf dem Appenin hält oder der Libertinage, der sich die wohl erzogenen Töchter aus dem Quartier hingeben.

Das, was sich die große Geschichte nennt, verliert in der zweiten Staffel immer mehr an Bedeutung, die Niederlage des Brutus oder Mark Antons sind noch Zäsuren, die in der Handlung eine formale Funktion haben, das eigentlichen Sittengemälde des Großen Roms jener Zeit wird auf der Leinwand der Profanität gemalt. Die Wirkung ist stark, denn die Leere Abstraktion mancher Historiographie weicht zugunsten einer strukturalistischen Betrachtung der real existierenden Lebenswelt.

Wir sehen Graffitis an den Wänden der römischen Gassen, die in ihren politischen Aussagen beißender sind als das, was wir heute kennen. Wir erleben Geschäftsabsprachen, die die Modalitäten der Mafia, Camorra oder Ndrangheta vorwegnehmen, am ägyptischen Hof (sic!) bekommen wir in Form von Orgien und Drogenkonsum das zu sehen, was heutzutage oft als spät-römische Dekadenz diffamiert wird. Und wir sehen einen Nachrichtensprecher, der vor dem Forum steht und eine Ahnung davon vermittelt, wie groß die Rolle der Rhetorik war in einer Welt, in der die Botschafter noch nicht entleibt waren durch technische Medien, sprich die Botschaft noch etwas Humanes hatte, und nicht zu einer objektiven Größe ohne Grund mutiert war.

Das alles sind Gaumenschmäuse, die nur ein Vergleich mit tradierten filmischen Darstellungen Roms als historischem Paradigma zulässt. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes großes Kino, weil es dazu anregt, sich großer Geschichte philosophisch zu nähern, mit einem großen Verständnis für die alles beherrschende Rolle des Alltäglichen.

Universale Verhaltensmuster mit hohem Wiedererkennungswert

Rom. Die erste Staffel. Eine HBO-Produktion

Wenn ein neues Medium sich einen historiographisch tausendfach abgearbeiteten Stoff erneut vornimmt, so stellt sich die berechtigte Frage, was die Aufnehmenden damit bezwecken und die späteren Konsumenten davon haben können. Mit der ersten Staffel der HBO-Produktion unter dem Titel Rom ist das nicht anders. Sujet der zehnteiligen Fortsetzung ist die Zeit von Caesars kometenhaftem Aufstieg in der gallischen Provinz, seinem Zweckbündnis mit dem großen Feldherrn Pompeius, der die Stellung gegen die Republik in Rom hielt, bis Caesar zurückkehrte. Es geht weiter mit deren Zerwürfnis, welches den Untergang und Tod Pompeius nach sich zog, zu einer Stabilisierung von Caesars Tyrannei führte bis hin zu dessen Ermordung durch Senatoren wie seinen Ziehsohn Brutus. Das alles steht in Geschichtsbüchern und hätte durchaus dichter filmisch dargestellt werden können.

Dennoch ist es der Produktion zu danken, dass dieses nicht geschehen ist. Es wurde nämlich Wert darauf gelegt, die tatsächlichen Lebensverhältnisse sowohl der Pratrizier als auch der Plebejer so darzustellen, wie es die historische Forschung heute darstellbar macht. Zum einen wird dadurch Geschichte versinnlicht, was zu einem besseren Verständnis ihres tatsächlichen Verlaufes führt. Die Lebensverhältnisse auch von Randfiguren wie den beiden Soldaten Vorenus und Tullus verdeutlichen, dass die damalige imperiale Metropole alles andere als eine strahlende Stadt war, sondern dass Dreck und Krankheiten, Messer und Mord ebenso in den Straßen anzutreffen waren wie die eine oder andere Sänfte, in der die Macht spazieren getragen wurde. Bis hin zu derben Wandzeichnungen, die an das heutige Graffiti erinnern und einer frühen Illustration der Interpretation von Politik durch das einfache Volk zu werten ist, entsteht so ein Bild, das historisches Handeln vergleichbar macht.

Und so ist es dann alles gar nicht mehr so fern, was an tatsächlicher historischer Handlung erzählt wird. Die Intrigen um die Macht kommen einem genauso bekannt vor wie die Strategien ihrer Ergreifung und Bewahrung. Vom Auftragsmord, über die Bestechung bis hin zu Täuschung und Lobbyismus erscheinen dann viele Szenen der historischen Handlung als sehr modern.

Die Charakterisierung der politischen Protagonisten ist eine weitere Stärke der Produktion, weil sie auf die Reduktion auf das Klischee verzichtet und die Akteure so darstellt, wie das Leben nun einmal spielt: So ist der Tyrann Caesar alles andere als ein unsympathischer Mensch, hingegen der große Redner Cicero ein besserwisserischer Querulant, während sich der wuchtige und brutale Feldherr Pompeius als ein liebender Familienvater entpuppt, Brutus, der letztendlich das Messer zückt, bleibt bis zum Schluss ein Zweifler und die einst hingebungsvolle und kontrollierte Liebhaberin Servillia mutiert zu einer kalt berechnenden Rankünegöttin. Die in hohem Maße unterhaltende Produktion vermittelt so eine Vorstellung von Geschichte, in der die menschlichen Schwächen als eine große Macht dargestellt werden und die Schwarz-Weiß-Malerei keine Chance hat.