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Gegen die systematischen Vereinfacher!

Die Radikalisierung der Politik ist längst im Alltag angekommen.Gestern war so ein Tag, an dem es wieder einmal deutlich wurde. Zuerst mittags, nahe meinem Büro liegt die Post, konnte ich einen Mann beobachten, der wutschnaubend aus dem Gebäude gestürmt kam und immer wieder vor sich hin schrie Vielen Dank, Frau Merkel, das hätten wir auch wieder geschafft. Ein Blick in das Gebäude klärte mich auf: Die Schalter waren mit dem Hinweis auf eine Betriebsversammlung geschlossen. Der brüllende Postkunde war verärgert, weil er sein Geschäft nicht erledigen konnte und inszeniert war das alles von Frau Merkel. Schön, wenn für manche die Welt so einfach ist, aber eben auch besorgniserregend, weil, egal gegen wen, der Begründungsaufwand für eine hoch emotionale Ablehnung gegen Null tendiert.

Danach hatte ich eine Besprechung. Es ging um Projekte, um Personal, natürlich um Geld und es ging um Organisation. Gegen Ende der Sitzung kam ich, ich weiß nicht mehr warum, mit meiner Nachbarin in eine Diskussion um die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten. Sie sitzt in einem Aufsichtsgremium und warf sich sehr für die Institution ins Zeug. Ich erwiderte, dass ich sehr verärgert sei über die Entwicklung dieses staatlich sanktionierten Monopols, weil die Qualität immer schlechter werde und handfest bestimmte Stimmungen erzeugt würden, die sehr wenig mit der tatsächlichen Interessenlage zu tun hätten.

Sie hingegen erzählte, was die Klagen, die neue Rechte gegen die Medien in astronomischer Zahl führten, für eine Reaktion bei den dortigen Redakteuren auslösten. Sie hätte selbst beobachtet, wie souverän auftretende Vertreter des Fachs mit zittrigen Händen am Tisch gesessen hätten, wenn ihnen die angeblichen Vergehen und die damit verknüpften juristischen Folgen vorgelesen worden wären. Und sie frage sich, was so etwas mit diesen Menschen macht, um zu schließen, sie würden beim nächsten Mal anders berichten und dem Druck nachgeben. Diese Argumente konnte ich nachvollziehen, meine Kritik an der politischen Ausrichtung der Berichterstattung generell nahm ich nicht zurück. Genauso wenig hielt ich es für sinnvoll, mich auf einen Vergleich mit privaten Kanälen einzulassen, die das alles noch viel schlechter machten.

Wir haben uns nicht geeinigt, aber wir hatten eine gute Diskussion. Wir haben uns gegenseitig zugehört und über kontroverse Themen wie den Balkan, Syrien und die Ukraine gestritten. Und wir waren uns einig, dass gerade diese Form der Kontroverse leider nicht mehr zu dem gehört, was die Gesellschaft beherrscht. Der Streit nach Regeln, der Diskurs mit dem Ziel der Klarheit, ist in dem ganzen Konsensbrei der vergangenen Jahre und Jahrzehnte außer Mode gekommen. Der Spaß an der Polemik, bei der die Beteiligten für eine gewisse Zeit die rhetorische Peitsche herausholen, um sich danach die Hand zu schütteln, existiert nicht mehr. Die Zeit, dass rhetorische Virtuosität beeindrucken kann, ist vorbei.

Die Reduktion politischer Begründung auf offensichtlichen Schwachsinn gehört, neben einer möglichen Demontage der staatlichen Institutionen, zu den größten Gefahren, mit denen wir in der Krise konfrontiert sind. Ersteres politisiert die staatlichen Organe, letzteres senkt die Hemmschwelle für destruktive Manöver. Beides ist etwas, das wir mittlerweile jeden Tag erleben können. Beides ist aber etwas, auf das wir aktiv reagieren können. Es ist schon lange an der Zeit, Position zu beziehen. Nicht unter Gleichgesinnten, sondern sondern auch und vor allem gegen die systematischen Vereinfacher.

Rhetorik ohne Wesen

Als der ob seiner Anlagen sehr viel versprechende Cicero von seinem Vater nach Griechenland geschickt wurde, um das Reden zu lernen, fuhr er dorthin mit der Zweckbestimmtheit eines Römers, der weiß, was er will. Er suchte die großen Rhetoriklehrer seiner Zeit auf und verschaffte sich einen Eindruck, indem er in den großen Rhetorikschulen jeweils einige Wochen hospitierte, bis er deren Wesen zu erkennen glaubte. Letztendlich war ihm die Griechische Schule zu manieriert und artifiziell, oder, wie Cicero das nannte, zu parfümiert. Als letzte Station suchte er sich Rhodos aus, wo der Römer Apollonius Molon eine renommierte Schule betrieb. Dort blieb er und war erstaunt über das, was Molon ihn lehrte. Als erstes stopfte dieser den schlaksigen Cicero mit Eiern und Sardinen voll und ließ ihn wochenlang Gewicht zulegen, dass er durch sportliche Aktivitäten in Muskulatur verwandelte. Er bestieg mit ihm Berge in der Mittagshitze und ließ ihn dabei erzählen, damit er seine Atmung kontrollierte, er stelle ihn vor die Meeresbrandung und ließ ihn schreien. Molon Verstand sein Handwerk. Der junge Cicero wurde zunehmend ungeduldiger und wollte wissen, wann er denn endlich lerne, gute Reden zu halten. Als Molon glaubte, der Zeitpunkt sei gekommen, erschien Cicero mit Aufzeichnungen, an denen er lange gefeilt hatte und wollte mit seiner ersten Rede seinen Lehrer beeindrucken. Doch dieser nahm ihm schlichtweg die Aufzeichnungen aus der Hand und warf sie weg. Molon nahm den entsetzten Cicero am Arm und ging mit ihm in eine Villa. Er forderte seinen Schüler auf, sich die Architektur und die Anordnung der Räume genau zu merken. Anhand dieser Architektur solle er im Kopf seine Rede konzipieren und sie dann frei halten.

Zumindest die Niederschriften von Ciceros Reden, die uns bis in die Schulen unserer heutigen Zeit verfolgen, lassen ahnen, wie außergewöhnlich die Disziplin der Rhetorik ausgebildet gewesen sein muss. Es handelte sich um eine Qualität, die bestach durch Klarheit, Ordnung, Maß, Physik, Logik, Vernunft, Anspruch, Nachdenklichkeit und Metaphorik. Und wohl dem, der die Gelegenheit hat, an dieser längst in die Vergessenheit geratenen Hohen Kunst durch die Literatur teilzuhaben. Und diesen Glücklichen sei geraten, sich die Reden derer genau anzuhören, die heute wie Cicero im politischen Geschäft sind und uns Menschen der Neuzeit zu werben und zu überzeugen suchen. Da verbleibt, bis auf wenige Ausnahmen, nicht viel von der Eigenschaft der Rede, nach der man dürstet und die durch ihre Qualität fasziniert. Stattdessen hagelt es Appelle an die niedrigen intellektuellen Instinkte, an das Phlegma und den Müßiggang. Unter dem Vorwand des Verständnisproblems wird das Auditorium zu einer dumpfen Masse abgewertet, der man nichts zumuten könne, weil sie es sonst nicht begreife. Dabei suchen die mäßigen Sprecher ihre Lauheit unter diesem Argument zu verbergen.

Der Bildungsgrad der Adressaten einer guten Rede steigt mit dem Anspruch. Und das Interesse am Subjekt steigert ihren Willen zuzuhören. Wer etwas Spannendes zu erzählen hat, dem hören die Menschen zu. Und wer das auch noch gut macht, dem hören sie noch lieber zu. Das Volk ist nicht die Ursache für eine Rhetorik ohne Wesen.