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Zur Sprache zurück gefunden

Wolfgang Pohrt. Kapitalismus Forever. Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam

Er hat zur Sprache zurück gefunden. Einer der streitbarsten deutschen Publizisten, der seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder mit Eloquenz, Tiefsinn, analytischer Schärfe und beißendem Spott dem Mainstream wie dem Dogmatismus den Kampf angesagt hatte, stellte Mitte der neunziger Jahre fest, dass das alles keinen Sinn mehr ergab. Seiner Meinung nach vermochte er mit seinen Schriften nichts zu ändern. Nach Büchern, deren Titel die Komplexität seines Geistes dokumentieren, wie Theorie des Gebrauchwerts, Balzac. Der Geheimagent der Unzufriedenheit, Stammesbewusstsein, Kulturnation, Der Weg zur inneren Einheit, Borthers in Crime, Gewalt und Politik etc., verkündete er das Ende seiner Schreibtätigkeit. Knapp zehn Jahre später meldete er sich das erste Mal zurück, dann 2010 mit Gewalt und Politik und 2012 mit dem vorliegenden Kapitalismus Forever. Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam.

Wolfgang Pohrt wäre nicht Wolfgang Pohrt, wenn er nicht, zumal nach so langer Zeit, zu einem Generalangriff bliese, wie dem Titel zu entnehmen ist. Der als Marxist Sozialisierte und Profilierte verzichtet jedoch darauf, eine Ehrenrettung seiner historischen Standpunkte zu versuchen. Er rechnet brutal mit sich und der Welt ab und hinterlässt dabei seine ungeschminkte Wahrheit. Und dabei bekommen alle ihr Fett ab.

Pohrt zieht Bilanz und stellt – immer en passant, aber deutlich – fest, dass die Bildungsreform mit einer Massenverblödung endete, dass die Linke zu einem Zankverein in Filzpantoffeln wurde, dass die Frauenemanzipation das Kapital vom Arbeitskräftemangel befreit hat, dass es sich bei den Kämpfern gegen Stuttgart 21 um eine geriatrische Bewegung handelt, die weiß, warum sie „oben bleiben“ will, dass die Desaster-Voraussagen des Marxismus einfach nie eintreffen, dass das Kapital selbst in Denk- und Wirkungsweise dem Hirn eines Krokodils entspricht, dass das Christentum an Destruktivität dem Islam weit voraus ist und dass die Kolonialvölker aus der Globalisierung wahrscheinlich als Sieger hervorgehen.

Einzeln gesehen sind viele von Pohrts Thesen nicht unbedingt neu. In ihrer Summe und der Art der Decodierung jedoch wirken sie wie ein Volltreffer gleich nach Beginn der ersten Runde. Wie ein Boxer schlägt Pohrt mit unerbittlicher Präzision gleich mit einer Geraden auf den Solar Plexus, um danach noch einen Haken auf das Sprachzentrum zu setzen. Der Kontrast, den die in Kapitalismus Forever formulierten Gedanken schaffen, besteht einerseits in der Stringenz der Pohrtschen Argumentationslogik und andererseits in dem Nebel und Dunst der Konsenskultur, die durch das Opiat der Political Correctness geschaffen wurde. Wir sind es schlichtweg nicht mehr gewohnt, dass jemand Tacheles redet und den Konflikt geradezu provoziert. Das ist kein Zufall, sondern liegt in voller Absicht des Autors.

Neben den Themen, um die sich Wolfgang Pohrts Ausführungen drehen, die alle etwas mit zeitgenössischer Geschichte und Gesellschaftskritik zu tun haben, geht es auch um eine längst vergessene und auf den Black Lists der neuzeitlichen Inquisition stehende Diskursform. Der Autor entstammt einer Zeit, in der Polemik und Konflikt die gängige Form der kognitiven Auseinandersetzung waren. Das wirkte, historisch betrachtet, manchmal übertrieben, aber im Vergleich zu der weichgespülten Indoktrinierung unserer Tage, in der der geheuchelte Konsens die magenfreundliche Verpackung ausmacht, mit der das Manipulative in die Blutbahn geschickt wird, sind die Offenheit und das Unverblümte, mit der Wolfgang Pohrt seine Argumente führt wie ein heilsamer Schock, der den Verstand in voller Klarheit reinstalliert.

Das Pflaster von Paris

In Paris ist das Volk auf der Straße. Nichts Außergewöhnliches für dieses Pflaster. Seit dem untergehenden 18. Jahrhundert konnte die französische Metropole für sich reklamieren, nicht ein, sondern der Seismograph für die politischen Bewegungen Europas zu sein. Hier schrieen die verarmten städtischen Proletarier nach Brot und stürmten danach die Bastille, hier köpften sie Monarchen, Revolutionäre und Konterrevolutionäre, hier krönten sie Bürgerkönige und hier jagten sie Kollaborateure durch die Straßen und hier initiierten sie die letzte große Kulturrevolution gegen das etablierte Bürgertum. Paris war immer ein Pflaster, auf das die Vorboten von Revolution und Konterrevolution zuerst aufschlugen.

Die Hunderttausende, die am 27. Mai 2013 hier und heute auf der Straße waren, werden im ersten Reflex wohl eher mit der zeitgenössischen Vorstellung der Konterrevolution konnotiert. Auch wenn vieles dafür spricht, dass man sich nicht so sicher sein sollte. Isoliert betrachtet und rein faktisch handelt es sich um Proteste gegen die Legalisierung und gesetzliche Gleichstellung von Homo-Ehen mit denen Heterosexueller. Insofern läge auch die Bemerkung nahe, dass sich die Moral des Ancien Regimes erhöbe, um dagegen zu protestieren.

Was allerdings auffällt und von den unterschiedlichen Betrachtern berichtet wird, ist die politische und soziale Heterogenität derer, die da mit einer derartigen Vehemenz protestieren. Die ersten Deutungen schreiben es einem allgemeinen Protest gegen die Regierung des Sozialisten François Hollande, der mit einer rigorosen Symbolpolitik das Land tief zu spalten bereit sei. Angefangen von einer Reichenbesteuerung, die bis zu 75 Prozent geht und nichts beiträgt zur Sanierung der Staatsfinanzen, fortgesetzt über Arbeitsmarktgesetze, die keine Bürokratie der Welt wird umsetzen und kontrollieren können bis hin zu einer neuen Anti-Diskriminierungsgesetzgebung, die die Politische Korrektheit formalisiert und eben jener absoluten Gleichstellung von Homosexuellen bei der Eheschließung.

Letzteres, so ist zu vermuten, hat ein Fass zum Überlaufen gebracht, das in vielen Ländern Europas ebenso gut gefüllt ist: Das der politischen und gesetzlichen Festschreibung eines neuen Moralismus, der die Grundwerte von Freiheit und Gleichheit in der Lage ist außer Kraft zu setzen. Schon seit einigen Jahren fällt auf, dass die wachsende Liberalisierung der Politik der Gleichstellung, die sich dann zur Enttäuschung vieler sehr schnell in eine reglementierende und selbst diskriminierende Kraft verwandelt, neue politische Bewegungen hervorbringt, die offensichtlich genau das propagieren, was man eben gar nicht wollte: Hass und Intoleranz. Dass letzteres an der Verwandlung des Toleranzanspruchs in einen moralischen Rigorismus liegt, kann nicht mehr bezweifelt werden.

Gegen das, was sich heute auf den Straßen von Paris abspielt, sind die so genannten rechten politischen Strömungen in Europa eine Petitesse. Denn die Pariser Massenbewegung besteht eben nicht aus den klassisch verdächtigen Milieus der Ungebildeten, wirtschaftlich Erfolglosen und politisch Perspektivlosen. Hier hat sich zum Teil eine sehr erfolgreiche, aber nicht elitäre, eine sehr liberale, und nicht intolerante Bürgerschaft versammelt, um gegen das Ausmaß an Minoritätenrechten und Egalitarismus zu protestieren. Hier geht es auch um die nicht mehr hinzunehmende symbolische Bestrafung von Erfolg und die Bestrebungen, im orwellschen Sinne manche gleicher als gleich machen zu wollen. Hollande und seine Regierung zeichnen sich bis jetzt dadurch aus, die Empathie für das Gerechtigkeitsgefühl der Gesellschaft nicht zu besitzen. In den USA folgte dem Übermaß der Political Correctness aus der Clinton Ära das Kapitel Bush. In Europa ist noch alles offen, aber in Paris kann man schon mal spekulieren, wohin die Entwicklung zu treiben in der Lage ist.

Le jour de gloire est arrivé?

Mein Gott, hat sich die Welt verändert! Meistens denken wir dabei an die Technik, die Zeiten, als es noch keinen Anrufbeantworter, keine CD-Player, keine Holographie, keine Einheitliche Feldtheorie und keine virtuelle Realität gab. Zu der Realität, die wir vorfanden, gehörten Frauen, die Panik bekamen, wenn samstags der Fernseher kaputt war und der Mann nicht Sportschau gucken konnte und die montags, auch bei wolkigem Himmel, zum Einkaufen erschienen und dabei Sonnenbrillen trugen, weil sie Opfer ehelicher Gewalt geworden waren. Bankkonten durften sie später erst selbst eröffnen genauso wie sich entscheiden, ob sie arbeiten gingen oder nicht. Und als die erste Ministerin im Kabinett Adenauer erschien, redete er die Riege mit „meine Herren“ an. Auf den Protest der Ministerin, sie sei eine Dame, schrie dieser ziemlich echauffiert: „Hier sind Sie immer noch ein Herr!“

Seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich vieles getan und es geschah nicht von selbst. Frauen standen auf, um sich Rechte zu erkämpfen und Männer machten mit. Alles, was heute als die Errungenschaften der Frauenbewegungen gepriesen wird, wäre undenkbar ohne eine Generation von Männern, die mitmachten bei der Neudefinition der Rollen. Heute, rückblickend, wurden heftige und ebenso naive Diskussionen geführt. Bücher mit Titeln, die die heute Jungen eher befremdlich fänden, erhitzten die Gemüter, von der Funktion des Orgasmus in der spätkapitalistischen Gesellschaft, über Bornemanns Patriarchat bis zu Wesels Mythos vom Matriarchat. Der sexuellen Befreiung folgte so manche Prüderie und neben dem allmählichen Wandel der realen Lebenswelten hielten sich die Hard-Core-Ideologinnen, die dem eigenen Geschlecht nicht halfen, sondern einen Mühlstein nach dem anderen um den Hals hängten.

Heute, gut vierzig Jahre später, sind die verschiedenen Konturen immer noch sichtbar und vieles ist noch nicht erreicht. Vom Zeitgeist ist das Maskuline in der Defensive, was angesichts der anthropologischen Axiome verkraftbar, gesellschaftlich gesehen nicht glücklich ist. Aber das sind Petitessen angesichts der grandiosen Erfolge, trotz der Widerstände des Machismo und trotz der Inquisitorinnen im eigenen Lager. Erfrischend die Erkenntnis, das Dogmatismus und Inquisitorenlogik geschlechterunabhängig jeder Bewegung schaden und das Leichengift eines jeden Emanzipationsgedankens darstellen.

Vielleicht gehört auch zur Normalität, dass die Überhöhungen ein Ende finden. Deutschland wird an entscheidenden Stellen von Frauen dominiert, Angela Merkel, Liz Mohn und Hilde Springer mögen dafür stehen. Macht, ansonsten ein eindeutiges Signum für Erotik, scheint angesichts derartiger Konstellationen zuweilen das Gegenteil zu bewirken. Es ist gut, dass derartige Illusionen geplatzt sind, Frauen die sich mit der Macht einlassen, handeln so, wie Mächtige das immer getan haben, sonst wären sie nicht da, wo sie sind.

Lauscht man Dialogen der Jungen, dann erscheinen die jungen Frauen oft so wie vor vierzig Jahren die Männer, und bei den jungen Männern ist es nicht selten umgekehrt. Die Dominanz liegt bei den Frauen, und die Männer, sozialisiert in einer Welt, in der vieles im Fluss war, erscheinen oft als Vertreter der moderaten Belanglosigkeit. Da braucht man weder Dreispitz noch Messingfernrohr, um einen erneuten Wandel vorauszuahnen. Und das gehört vielleicht zu den Lehren eines halben Jahrhunderts der Rollenreflexion: Der Schlüssel für die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern liegt nicht in der Dominanz, sondern in der Autonomie beider. Diese Erkenntnis ist radikal und wird noch vieles revolutionieren. Vieles ist geschehen. Noch mehr muss verändert werden.