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Kann der Wandel verstetigt werden?

Es reicht nicht aus, die Guillotine zu schmieren und das Personal auszuwechseln. Abgeschlagene und neu installierte Köpfe garantieren nicht unbedingt das neue Denken. Die Frage, wie der Wandel festgehalten werden kann, bewegt seit je die Gemüter. Was ist erforderlich, um das Neue auf Dauer zu implementieren? Eine Revolution ist ein Paradigmenwechsel. Es werden die Grundlagen des Denkens, der damit verbundenen Logik und die entscheidenden Bewertungen für gesellschaftliches Handeln verändert. Die Frage, wie das, was programmatisch gefordert wird, über die stürmischen Tage des Umschwungs hinweg gerettet werden kann, ist es wert, genauer betrachtet zu werden. Denn es ist klar, dass ein Machtwechsel alleine die beabsichtigte Veränderung nicht zu sichern vermag. Wenn es um neues Denken und eine neue Ethik geht, dann muss sich menschliches Verhalten ändern. Geschieht dieses nicht, dann sind Restaurationserscheinungen die Folge, wie sie so treffend in George Orwells Roman Die Farm der Tiere beschrieben wurden. Die Bezeichnungen und Erscheinungsformen haben sich geändert, aber die Wirkungsmechanismen sind die gleichen geblieben.

Die Verstetigung des Wandels ist folglich nur durch eine sehr konsequente Vitalisierung von Verhaltensmustern zu erreichen. Nur, wenn das neue Denken vorgelebt wird und wenn das Vorleben entsprechend im sozialen Vergleich gelobt wird, sind die Voraussetzungen für einen gegeben, der die Voraussetzung für einen tatsächlichen Wandel ist. Eine Organisation, die sich mit der Abbildung einer neuen Struktur und personeller Neubesetzungen der geschaffenen Funktionen begnügt, wird sehr schnell die alten Verhältnisse unter neuem Namen wieder herstellen. Eine Organisation, die nie neuen Strukturen dazu benutzt, um das neue Verhalten in ihnen zu üben und permanent zu überprüfen, hat hingegen die Voraussetzung für einen Wandel in Denken und Verhalten geschaffen. Das Scheitern im Neuen, die kritische Reflexion dieses Scheiterns und die erneute Erprobung der korrigierten Vorgehensweise ermöglichen einen Erkenntniszuwachs, der der neuen Organisation und den neuen Zielen zu Gute kommt. Allerdings nur dann, wenn das temporäre Scheitern als eine Notwendigkeit auf dem Weg zu Verbesserung kommuniziert wird.

Die Lernprozesse des Wandels müssen dem neuen Denken, der neuen Sittenlehre und den neuen Verhaltensmustern verpflichtet sein. Folglich sind die zu initiierenden Lernprozesse mit einem sehr hohen pädagogischen und didaktischen Aufwand verbunden. Auch die Art und Weise, wie das Neue vermittelt wird, muss sich von den Gepflogenheiten der Vermittlung des Althergebrachten unterscheiden. In einem System, das davon ausgeht, dass die einzelnen Glieder des Ganzen ein hohes Maß an Autonomie genießen, ist es erforderlich, dass auch die Lernprozesse in der Umgebung großer Unabhängigkeit stattfinden. Der ständige, dringende und penetrante Wunsch der Technokraten, die Lernprozesse genau monitoren und kontrollieren zu wollen, korrespondiert nicht mit der Freiheit, die Gestaltung voraussetzt.

Die Lerninhalte sind anders, die Methoden sind neu und die Zeiträume zur Internalisierung des Gelernten sind länger als diejenigen, die zur Verinnerlichung des bereits Bekannten, Eingeübten erforderlich sind. Sind diese Erkenntnisse auch nicht sonderlich aufregend, so sind für die tradierte technokratische Betrachtungsweise dennoch neu. Für die Technokratie ist die Angelegenheit des Wandels mit der Übertragung der Macht erledigt. Die tatsächliche Verstetigung des Wandels vollzieht sich jedoch nur durch langanhaltende, langwierige und intensive Lernprozesse mit ihrer eigenen Pädagogik. Ihre Dimensionen erstrecken sich auf Inhalte, Methodologie und Verhalten. Und einer Reflexion des Prozesses selbst., d.h. die Reflexion des Wandels findet in einer Kategorie der zweiten Ordnung statt. Auch das ist neu und löst großes Unbehagen aus.

Das Spiel mit den Tempi

Die zunehmend schnellere Taktung der Lebensumstände führt zu einer Art Atemlosigkeit in der Reflexion. Die Zeiträume, denen wir uns bei der Betrachtung des Existenziellen widmen, werden immer kleiner, wir drohen abzusinken unter den Horizont von Amöben. Es ist kein Zufall, wie oft die verbriefte Konversation zwischen Tschou En-Lai und Henry Kissinger wiederholt wird. Auf Kissingers Frage, wie der chinesische Außenminister die Wirkungen der Französischen Revolution auf Individuum und Gesellschaft einschätze, antwortete dieser, gerade mal 200 Jahre nach dem Ereignis sei es viel zu früh, darüber zu urteilen. Ein solches Statement gilt im heutigen Dauertrommelfeuer von Trash-Informationen als skurriler Standpunkt oder einfach nur crazy. Das Gegenteil scheint jedoch der Fall zu sein. In einer Zeit, in der Termini wie der der Nachhaltigkeit bis zum Erbrechen auf jede noch so profane Erscheinung appliziert werden, kann der Verweis auf größere Dimensionen, gerade in der Zeit, doch nicht so weit hergeholt sein.

Die Frage, die gestellt werden müsste, ist die, ob wir noch in der Lage wären, genau das mit unserer heutigen Momentaufnahme zu machen, was zu den Grundübungen einer jeden systemischen Beratung gehört. Stellt euch vor, ihr lebt im Jahr 2050 und blickt auf euer Leben im September 2014 zurück. Wie würdet ihr das beschreiben, und was hat sich getan? Wahrscheinlich finge das Elend schon genau da an, weil viele nicht einmal in der Lage wären, sich emotional dieser Aufgabe zu stellen, weil sie nicht aushielten, das, was als unsere Existenz als so leuchtend beschreiben wird, vielleicht als ein Trugbild zu enthüllen. Eine ausgemachte Sinnkrise wäre die Folge.

Die schnelle Taktung ist nicht nur eine Folge der Innovationsdichte, sondern auch die beste Strategie der Vermeidung. Wer keine Zeit hat, der muss auch nicht nachdenken. Die Sachzwänge verhindern die existenzielle Reflexion. Nicht, dass das bloße Denken alle Probleme lösen würde. Aber das Denken in anderen Dimensionen schon. Wer weiß, dass er stirbt und dennoch an eine Zeit jenseits des eigenen Egos denkt, der kommt zu Ergebnissen, die plötzlich das Dasein im Hier und Heute mächtig entspannen. Aber auch das wird als Gefahr gesehen, denn zu Recht ist alles, was die Omnipotenz des Augenblicks negiert, eine Aufforderung zum Ungehorsam gegenüber der Gravitation des Alltags.

Ein Cargo der Kritischen Theorie war die Erkenntnis, dass wissenschaftlich nachgewiesene und technisch machbare Verfahren und Umstände die große Gefahr in sich bergen, dass die Menschen, die sie anwenden, weder die historische Erfahrung noch die soziale Kompetenz haben, um die Dimension ihres Handelns abzuschätzen. Der Preis dafür sind verheerende Schäden, die in der Geschichte natürlich immer erst im Nachhinein bilanziert werden können. Das wird sich nicht ändern. Was aber veränderbar ist, ist die Erweiterung der zeitlichen Dimension bei der Abschätzung dessen, was wir heute tun. Wer in Jahrhunderten denkt, erweist sich selbst und der Menschheit einen großen Dienst.

Hochfrequenz und schnelle Taktung sind Phänomene, die bei technischen Prozessen wie bei politischen Revolutionen adäquate Mittel sind, um zum Ziel zu kommen. Das Spiel mit den Tempi, die Auszeit, die Weitung des Horizontes sind hingegen Dimensionen, die von denen beherrscht werden müssen, die davon ausgehen, ihre eigenen Handlungen bewusst zu gestalten. Wer diese Metiers nicht kennt und sie nicht erlernt, bleibt getrieben. Wer den Wettlauf mit der Zeit glorifiziert, ist einer grandiosen Täuschung unterlegen.

Brennende Archive

Dass der Umgang mit Massendaten im Zeitalter der digitalen Kommunikation zu einem zentralen Thema geworden ist, sollte nicht verwundern. Nie wurde mehr kommuniziert, und zwar aus der Eigendynamik, die die technische Möglichkeit erzeugt und nicht durch den Zuwachs von Essenz. Und nie wurde mehr gespeichert. Große Mengen profaner Interaktionen liegen in den Archiven. Und es stellt sich natürlich die Frage, wer nutzt was, d.h. ist das Wissen um die konkreten Inhalte der Kommunikation klassifizierbar als Herrschaftswissen. Letzteres sollte für Aufregung sorgen, alles andere gehört wohl zum schönen Schein des Feuilletons.

Seltsam analog zu der Entwicklung der technischen Möglichkeiten hat sich eine Rasanz im Sinne der Datenproduktion durch die Einzelnen herausgebildet. Fleißig werden Informationen von den Individuen herausgehauen, auf die Märkte der sozialen Netzwerke, der Foren und der Blogs, und mancher Leser stellt sich die Frage nach der jeweiligen Relevanz. Geht man mit Empathie an dieses Phänomen, so kommt man sicherlich zu der Erkenntnis, dass der Wille zur Mitteilung korrespondiert mit einem Prozess der Vereinsamung. Wir saugen zunehmend an digitalen statt an humanen Brüsten und letztendlich müssen wir feststellen, dass dieses nicht zu unserer Zweckbestimmung taugt und uns auch nicht gut tut.

Auf der anderen Seite braust ein Orkan der Entrüstung auf, wenn erfahren wird, dass Geheime Dienste proportional zum trivialen Output an Interaktionen die Überwachung ebendieser erhöhen. Das scheint nicht konsistent zu sein, ist aber auch egal. Denn die Öffentlichkeit im digital-medialen Zeitalter hat der Ratio wahrscheinlich mehr abgeschworen als in allen vorherigen Epochen seit der Renaissance. Da heißt es Ruhe bewahren, sonst ist die Urteilskraft in tödlicher Gefahr.

Denn noch irrationaler ist die Entstehung einer so genannten politischen Opposition, die eben aus den Produktionszusammenhängen der wirklichen oder vermeintlichen Repressionsmaschinen selber stammen. Ihr politisches Credo liegt in der totalen Transparenz. Gut, wem man nicht traut, der soll sich ausziehen, nur, wer sind sie, die selbst den Strom mit produzieren und ihn nun kollektivieren wollen? Was gewinnt eine Gesellschaft, die alle Informationen erhält, wenn sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, die keine Alternative kennt, Opposition zu organisieren als den professionellen Kommunikatoren und Propagandisten eine Regieanweisung für einen neuen Schauprozess zu geben? Wahrscheinlich, so das Kalkül der IT-Nerds mit politischem Sendungsbewusstsein, sollte man ihnen den Auftrag geben, den Dissens zwischen politischer Kommunikation und tatsächlichen Handlungen für die Masse zu handeln. Angesichts der zumeist systemimmanenten Sozialisation und völligen Unbedarftheit dieser Protagonisten im politischen Diskurs dürfte die Prognose nicht übertrieben sein, dass die Gesellschaft es relativ schnell mit Parvenüs zu tun hat, deren Abgehobenheit von den wirklichen Dingen alles übertrifft, worüber schon immer großer Unmut besteht.

Alle Revolutionen in der bisherigen Geschichte wussten um die Brisanz von Herrschaftswissen. Je nach Zeitalter und der sozialen Gruppe der Revolutionäre selbst beinhalten alle Lehren, die aus erfolgreichen Umstürzen gezogen werden konnten, dass es notwendig ist, sehr schnell Herr des archivierten Wissens zu werden. Ja. Aber es war immer Bestandteil einer Gesamtstrategie, die das Herrschaftswissen, die bewaffneten Organe, das Bildungswesen und die Medien umfasste. Die Offenlegung der Archive allein wird nichts bewirken. Das wussten auch die spanischen Anarchisten in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Wenn sie im Bürgerkrieg gegen Franco einen Ort einnahmen, erledigten sie zwei Dinge immer sofort: Sie erschossen den Bürgermeister und den Pfarrer und verbrannten das Archiv. Und dann fing die eigentliche Arbeit erst an.