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Licht durch Klang

Michael Wollny Trio. Nachtfahrten

Natürlich ist es absurd, bei einem Siebenunddreißigjährigen noch den Begriff „Wunderkind“ in den Mund zu nehmen. Aber etwas, das sich besonders in dieser Produktion zeigt, legt den Terminus dennoch nahe. Die als Wunderkinder in der Musik bezeichneten vereinen in sich Eigenschaften, die in dieser Komplexität nur bei dieser Erscheinung zu finden sind. Da geht es natürlich immer um die schon existierenden technischen Fertigkeiten, aber es geht auch um die unbefangene Inspiration, den Mut etwas Unkonventionelles auszuprobieren und eine gewisse Frivolität bei der Ausführung. Michael Wollny ist so einer, auch wenn er lange kein Unbekannter mehr ist und sich längst in der Welt des Jazz einen Namen gemacht hat. Wollny, dessen bisherige Alben mit Titeln daher kommen, als handele es sich um seltene Schriften aus der Heidelberger Romantik, hat mit seinem neuesten Album „Nachtfahrten“ vierzehn Stücke vorgelegt, die den Begriff in vielerlei Hinsicht durchdenken.Dem Trio mit Christian Weber (Bass) und Eric Schaefer (Drums) ist ein Werk gelungen, das vieles durchbricht, zu dem traditionelle Jazz-Trios in der Lage sind.

Nachtfahrten ist eine Sammlung von Stücken, die sich nicht nur allesamt, auch in der direkten Folge, hören lassen, ohne zu ermüden. Wie Exerzitien, die sich um das Dasein drehen, philosophiert Wollny an seinem Flügel. Da ist soviel Neues, das zunächst nur mit der Negation beschrieben werden kann. Nein, keine Melodien, die dann mit eloquenten Interpretationen um- und unterspült werden, sondern jedes Kompositum ist eine eigene Annäherung an das Wesentliche. Erst tastend, probierend, bis eine melodische Figur entsteht, um sie sogleich wieder zu verwerfen und nach der nächsten, neuen, noch gelungeneren zu suchen. Das alles aber mit der Ruhe, dem Selbstvertrauen und der Gewissheit, dass es wieder gelingen wird, dass es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt, im Prozess der Schöpfung.

Das Michael Wollny Trio demonstriert mit Nachtfahrten den Doppelcharakter der Romantik. Sie, die lange als die Abkehr von der realen Welt geschmäht wurde, war und ist tatsächlich eine Abkehr von der realen, technisch kalten Welt der Machbarkeit. In dieser Abkehr schlummert aber auch etwas Revolutionäres, das mit voller Kraft die Suche nach der Schönheit fortsetzt. Dieser Prozess ist in Nachtfahrten dokumentiert. Längst nicht alles offenbart sich bei ersten Hören, das Werk ist das Medium eines sich wiederholenden Prozesses der Erkenntnis. Sie leuchtet in der Nacht, ohne das Licht bemühen zu müssen, es ist der reine Klang.

Und wenn es eines schnellen Beweises bedürfte, dann wäre es das letzte Stück dieser Sammlung, das dem Album seinen Titel gab: Nachtfahrten. Mit ihm schließt der Prozess und er offenbart auf kolossale Weise den Prozess des Schaffens. Untermalt von einem unheilvollen Rhythmus, der sich anhört wie die Totentrommel auf dem Weg zum Schafott, werden die Entwicklungslinien der menschlichen Irrungen und Wirrungen kartiert. Es ist die Offenlegung des Prinzips von Ordnung und Kreativität, wie es deutlicher nicht machbar zu sein scheint. Beides gehört zusammen, beides zerstört und beides schafft die Schönheit. Genug der Worte!

Eine Anamnese der Revolution

Die Schriftsteller, die der Nationalsozialismus ins Exil katapultiert hatte und die sich als politischer Teil der deutschen Kultur verstanden, versuchten, aus der erzwungenen Distanz das Drama zu erklären. Heinrich Mann wählte mit seinem üppigen Roman über Henri IV. die Geschichte, Lion Feuchtwanger schilderte in einer Trilogie, „Erfolg, Die Geschwister Oppermann, Exil“, das Abgleiten der Weimarer Republik und auch Oskar Maria Graf sprach in seinem Rückblick „Gelächter von außen“ Weimar die Rolle als Vorbereitung des Desasters zu. Alfred Döblin, der Arzt, ging weiter zurück. Er befasste sich bereits 1937 im Pariser und später im amerikanischen Exil mit der Tragödie des I. Weltkrieges und seines komplexen Endes. In den Jahren 1939 – 1950 erschien die Tetralogie „November 1918. Eine deutsche Revolution“. Döblin akzentuierte das Debakel von Beginn an anders. Das Scheitern der deutschen Revolution war für ihn das Muster, aus dem alles, was folgte, erklärt werden konnte.

Der erste Band der Tetralogie, „Bürger und Soldaten“, beschreibt das Kriegsende aus der Perspektive eines kleinen Ortes im Elsass, aus der benachbarten Großstadt Straßburg und von ersten Streifzügen nach Berlin. Alfred Döblin ist der deutsche Schriftsteller seiner Zeit, der wie kein anderer die Perspektiven der handelnden Personen wechselt und in derm wirren Strudel der Ereignisse ein Panoptikum entstehen lässt, das die Leserschaft erst einmal verkraften muss. Der Prozess des Lesens selbst ist eine Etüde, um die Komplexität des Beschriebenen erfassen zu können. Schnell sind die Wechsel in der Erzählung, und introspektiv wird das Empfinden der Handelnden erforscht. Döblins Schreibweise gleicht einer Anamnese, die zu erkunden sucht, wo die Augenblicke in der Geschichte der Individuen zu suchen sind, die die verhängnisvolle Entwicklung einleiteten.

Das Bild, das Döblin über die Novembertage 1918 in den genannten Orten entstehen lässt, ist weit ab von Eindeutigkeit. Im Elsass selbst sind die Widersprüche nicht minder groß als im Kiel der aufständischen Matrosen oder im Berlin des fliehenden Kaisers. Nur gemächlicher geht es zu. Aber da sind die so genannten Altdeutschen, die für die letzten fünfzig Jahre der elsässischen Zugehörigkeit zu Deutschland stehen, aber die als Bürgerinnen und Bürger Straßburgs nicht schlechter waren als ihre frankophonen Nachbarn. Da sind die Statthalter des deutschen Kaiserreichs, die als Bürokraten und Militärs ein anderes Bild abgeben und in ihrer Borniertheit abstoßen und da sind die Soldaten, die sich verbrüdern und die Last des Krieg einfach nur abwerfen wollen. Den Altdeutschen stehen französisch-nationalistische Konservative gegenüber, die ihrerseits für keinen Neuanfang stehen. Und dennoch, die Uhr tickt in den letzten Kriegs- und ersten Friedenstagen zu schnell, als dass eine besonnen Überlegung über die Zukunft eine Chance gehabt hätte.

Anders da die erzählerischen Stippvisiten nach Berlin, wo sich die aristokratische Herrschaft aus dem Staub gemacht hat und es das Vakuum zu füllen gilt. Massen, die Karl Liebknecht folgen, Schieber, die aus der Not Geld, Gangster, die sich die Revolution zu nutze und politische Spekulanten, die Akteure zu Marionetten machen. Es deutet sich das Berliner Chaos bereits an, in dem nur die abgebrühtesten Zeitgenossen eine Chance haben werden, um die bevorstehenden Stürme zu überstehen.

Alfred Döblins erster Band über den November 1918 ist, trotz der geschilderten Tragödie, ein wohl tuender Roman, da er in seiner Komplexität und Tiefe immer wieder neue Dimensionen erschließt und das Tor zu trivialen Erklärungen versperrt.    

Innovation und soziale Kohorten

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie sich die siebziger oder achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts auf die allgemeinen Lebensbedingungen ausgewirkt haben, ist es ratsam, sich Filme aus dieser Zeit anzuschauen. Dabei sticht einiges ins Auge: insgesamt geht alles langsamer, es wird unablässig geraucht und getrunken und so etwas wie einen politisch korrekten Code scheint es nicht zu geben. Es gab anscheinend weniger Stereotypie und weniger affirmative Einstellungen zum herrschenden System. Alles war dunkler, schmutziger und weniger komfortabel. Und, eigenartigerweise, viele derjenigen, die sich an diese Zeiten erinnern können, möchten das Rad nicht zurück drehen. Letzteres zeugt davon, dass wir es zumindest in Teilen mit einer Generation zu tun haben, die aus dem Raster fällt.

Zumeist werden Generationen in der Retrospektive nostalgisch. Alles, was sie erlebt haben, erscheint Ihnen aus der Ferne revolutionär, es erforderte eine geniale wie mutige Jugend. Im Gegensatz zur Gegenwart war alles besser, was in der zynischen Formulierung zusammengefasst werden kann, dass früher alles besser war, selbst die Zukunft. Entsprechend verklärt und unkritisch ist der Blick.

Die Generation, die die siebziger und achtziger Jahre als ihre Jugend definiert, ist aus heutiger Sicht in ihrer Wahrnehmung jener Zeit tief gespalten. Während der eine Teil, der sich zu einem etablierten Mittelstand im Laufe der Jahrzehnte gemausert hat und den politischen Mainstream kontrolliert, fest davon überzeugt ist, die Geschichte in eine goldene Zeit gewendet zu haben, hat der Teil, der eine kritische Distanz zu der eigenen Existenzform hat wahren können, eine sehr reflexive Sicht. Nach ihm war sowohl die beschriebene wie die darauf folgende Zeit ein Prozess der Irrungen und Lernprozesse.

Umso erklärlicher ist es, dass ein und die selbe Generation von allen anderen wahr genommen wird als eine von Triumphalismus und Defätismus zu gleich getriebene und letztendlich als volatil und instabil begriffen wird. Zur Beruhigung muss gesagt werden, dass diejenigen einer Generation, denen die soziale Etablierung gelingt, immer zur Festschreibung der eigenen Verhältnisse tendieren und die Underdogs der Revolution treu bleiben. Zum anderen ist der Riss durch eine einzige Generation selten so tief wie der durch die hier beschriebene. Die Ursache liegt in ihren sehr unterschiedlichen Lernkapiteln und der gewaltigen Innovation aller Lebensbereiche, die mit ihr in Verbindung gebracht werden müssen.

Eine relativ alte Erkenntnis der Soziologie besagt, dass die Kluft, die zwischen der selbst erlebten Sozialisation und dem tatsächlichen Hier und Heute liegt, die Dimension der eigenen Irritation bestimmt. Aus dem Blickwinkel der folgenden Generationen ist das ein epistemologischer Glücksfall. Die nämlich relativ geringe Irritation bei den per se nicht zu den Gewinnern Gehörenden zeugt von einer gewachsenen Kritikfähigkeit bei immens rätselhaften Innovationsprozessen. Das ist neu und ermutigend. Der Umstand, dass die Profiteure des Wandels zu aggressiven, wehrhaften Apologeten des Status Quo mutiert sind, sollte nicht über das tatsächlich vorhandene Lernpotenzial in der Gesellschaft hinwegtäuschen. Wenn man so will, ist das vieles auf dem Weg zum Guten, wäre da nicht die wachsende Unfähigkeit, in historischen Dimensionen zu denken. Diesem Defizit muss das Augenmerk derer gelten, die die Korridore zum totalitären Denken wie den damit verbundenen Folterkellern des freien Geistes bereits identifiziert haben. Denn nur der historische Bezug lehrt das wahre Maß der Veränderung. Es ist mit der Weisheit verbunden, dass alles nicht an die Existenz einzelner Individuen gebunden ist.