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Das Wiegenlied des Ressentiments

Kaum ein Anschlag von islamistischer Hand erfährt nicht den erklärenden Chor von Kritikern am Westen aus dem Westen. Spätestens seit dem 11. September 2001 sollte uns bewusst sein, dass neben dem Hass der Terroristen eine ähnliche Emotion aus dem eigenen Lager existiert. Dieser Hass bezieht sich auf die Arroganz der Macht und des Geldes, auf die Ressourcengier des westlichen Industrialismus und die Rechtsbeugung im eigenen System. Manchmal kommt sogar großes Verständnis in diesen Kreisen auf für die Aktionen der Terroristen.

Dass es Kritik an dem eigenen System und seinen Unglaubwürdigkeiten gibt, ist eine gute Sache. Nur dann, wenn es eine kritische Reflexion der eigenen Welt gibt, kann man sie verbessern. In dem Fall von Brunnenvergiftern zu sprechen, wäre eine Ausgrenzung und zudem eine unzulässige Dummheit. Worauf wir achten sollten ist die Vermeidung eines unkritischen Lagerdenkens. Wer die westlich-kapitalistische Hegemonie in ihren Ausartungen kritisiert, sollte die Konsequenz besitzen, die despotisch-tyrannischen Erscheinungsformen der Politik der anderen Seite nicht plötzlich zu glorifizieren oder billigend in Kauf zu nehmen.

Wenn wir uns nicht nur kritisch mit uns selbst, sondern auch ehrlich mit der islamisch dominierten Welt auseinandersetzen wollen, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass es in der Regel einer maßlosen Heuchelei gleicht, wie wir uns der anderen Hemisphäre nähern. Der schlimmste Vorwurf, den man dem Westen aus Sicht von Muslimen machen kann, ist der der Arroganz. Und es ist zu fragen, ob nicht gerade die linke oder vermeintlich emanzipatorische Kritik am eigenen System strotzt vor Ignoranz, was das Schicksal der Muslime betrifft.

Die indonesische Regierung, ihrerseits Repräsentantin von mehr als 200 Millionen Muslimen, ist derweil dabei, indonesische Gastarbeiterinnen im Königreich Saudi Arabien freizukaufen, da ihnen ansonsten der Kopf abgeschlagen wird. Derzeit sitzen 28 Indonesierinnen in saudischen Todeszellen, ca. 1000 liegen in irgendwelchen Kerkern ohne Anklage. Das Schicksal von Indonesierinnen, die nach Saudi Arabien gehen, um ihre Familien im eigenen Land durchzubringen, ist das von Haushälterinnen bei reichen saudischen Familien. In der Regel werden sie dort vom Hausherrn vergewaltigt. Werden sie schwanger, werden sie gesteinigt, wehren sie sich gegen den Übergriff, werden sie nach Scharia-Auslegung zum Tode durch Köpfen verurteilt. Die indonesische Regierung hat aufgrund jahrelanger Vergehen gegen die Menschenrechte gegen indonesische Staatsbürger ab dem 1. August dieses Jahres ein Ausreise- und Arbeitsverbot für die eigenen Staatsbürger im Königreich Saudi-Arabien verfügt.

Aus muslimischer Binnensicht sind die Aufreger im Westen, z.B. ob der Frauenfußball nun toll ist oder nicht oder ob es ein Verstoß gegen die Menschenrechte darstellt, dass Frauen in Saudi-Arabien keinen Führerschein machen dürfen, oder ein Außenminister Westerwelle in China die Menschenrechte anmahnt ein deutliches Indiz dafür, dass man die Probleme der islamischen Welt nicht sieht. Diese Ignoranz der sonst so Kritischen ist es, die das Ressentiment entstehen lässt!