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Massenpsychologie

Wilhelm Reich, der Verfolgte und später in seinem Exil Belächelte war es, der sich dezidiert der Fragestellung widmete, welche psychischen Wirkungsformen es waren, die dem Faschismus eine Massenbasis gaben. In seinem Buch Die Massenpychologie des Faschismus ging er methodisch und pedantisch vor: Er ließ nichts aus, was nicht betrachtenswert gewesen wäre. Von der militärischen Hierarchie und ihren Ritualen bis zu den Uniformen, vom Marschrhythmus bis zu den Marschformationen betrachtete er die Inszenierung eines totalitären Systems als psychologisch wirksamen Gesamtkunstwerk, das von seiner Wirkung her den Sexus wie den Todestrieb mobilisierte. Wilhelm Reich wurde bekanntermaßen in seinem amerikanischen Exil zu einem gefährlichen Sonderling. Dennoch hat er der Nachwelt manch wichtiges Werk zurück gelassen, das bis heute lesenswert ist. Die Massenpsychologie des Faschismus steht in verstaubten Regalen.

Obwohl die westliche Welt nach dem II. Weltkrieg vor allem über die USA und dem dortigen Einfluss der Psychoanalyse einer umfassenden Psychologisierung ihrer Deutungssysteme unterlag, ist eine Aktualisierung der Psychologie der gängigen Formen von Herrschaft ausgeblieben. Das mag zum einen daran liegen, dass die verschiedenen Ausprägungen der Demokratie, die sich über den Westen legen, nichts mit einem totalitären System gemein haben. Zum anderen ist die Kritik an den gegenwärtigen Daseinsformen von Herrschaft nach Auflösung der bipolaren Weltaufteilung 1990 nahezu verstummt.

In diesem Kontext ist es interessant, dass die gesamte Organisationsberatung nahezu flächendeckend auf therapeutische Ansätze zurückgreift, die allesamt aus der Begutachtung des Individuums stammen und Massenphänomene ignorieren. Bei näherer Betrachtung unserer Deutungsmuster fällt auf, dass weder in der Arbeitswelt noch im politischen Orkus umfassende Studien oder auch nur kritische Extrakte bekannt sind, die sich mit der Psychologie der Masse beschäftigen. Das ist bemerkenswert, weil es große Aufschlüsse über die Wirkungsweise von Arbeit und Politik geben könnte. Der Grund liegt wahrscheinlich in dem Trugschluss, dass die Masse als solches nur in totalitären Regimes eine Rolle spielt.

Betrachtet man die Veranstaltungen in unserem Alltag, in der Masse wirkt, dann wird deutlich, wie wichtig eine derartige Betrachtung ist. Ob in Fußballstadien, auf Volksfesten oder im virtuellen Raum des Internets, das Auftreten der Masse hat nirgendwo die Aura einer aufklärerischen und kritischen Instanz. Die Wirkungsweise ist zumeist eine eher raue, rohe, zumeist arm an Sinn und unreflektiert. Auch die viel beschworene Sphäre des Internets ist alles andere als kritisch und emanzipatorisch. Bei Ansicht bestimmter Foren politischen Inhalts wäre wahrscheinlich selbst ein Wilhelm Reich davon überzeugt, als herrschten noch die Rutenträger.

Und natürlich existieren im Verborgenen haargenaue Studien über psychologische Wirkungen auf die Masse. Nur sind diese nicht Gegenstand eines öffentlichen Diskurses. Sowohl bei der Werbung als auch bei der Vermittlung politischer Botschaften geht es nie ohne psychologische Consultants. Das Heer der Berater war wohl nie größer als heute. Umso mehr ist es erforderlich, die Rezeptionsmechanismen der Masse zu analysieren. Die Frage, die sich mit dieser Notwendigkeit verbindet ist die nach dem kritischen Potenzial in der psychologischen Wissenschaft. Manchmal scheint es, als sei dieses von der Consultingblase absorbiert und die „Spannung“, die mit jedem Honorarauftrag erzeugt wird genügt, um jede Form der Kritik zu verhindern. Das gilt natürlich auch für andere Wissenschaften. Da passt das Wort eines früheren Lehrers, der die Rolle der Germanisten im Dritten Reich folgendermaßen beschrieb: Sie haben mit den Wölfen geheult, um als Hunde zu überleben!