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Taubenzüchten

Gestern traf ich einen alten Bekannten aus dem Ruhrgebiet auf der Straße. Als ich ihn fragte, wie es ihm ginge, antwortete er mir, eigentlich würde er am liebsten damit beginnen, Tauben zu züchten. Da hätte man etwas zu tun, man könnte ganz analog die täglichen Arbeiten verrichten, die Täubchen mit Potenzial auswählen und sie mit den ersten Flügen auf eine große Karriere vorbereiten. Und sonntags mit dem Fernglas auf dem Dach stehen und warten, bis sie zurück in den Schlag kämen. Ihnen den Ring abnehmen und damit ins Vereinslokal laufen, den Preis einheimsen und noch ein oder zwei kleine Wachölderchen trinken. Das wäre schön, machte Sinn und würde vor allem den ganzen Irrsinn, mit dem man täglich konfrontiert ist, ausblenden.

Ich wusste sofort, was er meinte. Als ich ihn fragte, ob es einen besonderen Anlass gäbe, der ihn zu dem gezeigten Verdruss triebe, verneinte er. Wenn du die Summe dessen, was da die Schlagzeilen füllt im Sinn hast, dann ja. Jedes Detail hingegen ist so absurd, dass der Aufwand der Aufregung nicht lohnt. Alles ist Missbrauch, Gefahr und Niedertracht. Andererseits ist alles auch trivial und nicht durchdacht. Hör sie dir an, wie sie sich aufbrezeln. Zu Themen ohne Relevanz. Egal, was du nimmst, es ist absurd. Da will ein Tik-Tok-Model aus dem Ruhrgebiet raus, weil da nichts los ist und der Fußballer, der das Geld nach Hause bringt, nimmt das noch ernst. Da rebellieren die Menschen im Iran unter Lebensgefahr und ein Schah-Zögling gibt in Washington in einem Fünf-Sterne-Hotel eine Pressekonferenz und erteilt den Verzweifelten und Todesmutigen noch Ratschläge. Während es hier wiederum reicht, dass man als Experte gilt, wenn man nur in Teheran geboren ist. Oder in Kiew. Oder sonst wo. Und hier wie in der EU kennt man nur noch Sanktionen. Gegen andere Länder und jetzt auch gegen Landsleute, weil sie eine andere Meinung vertreten als die kriegsgeile Meute. Und jeden Tag gehen 1000 Arbeitsplätze verloren und 50 Betriebe melden Insolvenz an. Und im Radio hörst du jeden Tag irgendeine Statistik, die alles aussagt, nur keine gesellschaftliche Relevanz besitzt. Da wird ein Land militärisch angegriffen, das dortige Staatsoberhaupt und seine Frau entführt, in einem fremden Land vor Gericht gestellt, die Frau im Gesicht grün und blau, und irgendwelche Trümmerhirne mit einem politischen Mandat reden davon, dass die Lage zu komplex sei, als dass man dazu eine klare Position vertreten könne. Und hier gibt es genügend Weichhirne, die das auch noch gut finden. Ich könnte, so der Bekannte weiter, bis zu unserem gemeinsamen Erfrieren hier auf der Straße weiter erzählen. Aber ich denke mir, du bist im Bilde.

Das war ich und wir dachten beide noch an einen anderen Bekannten, dem vor Jahrzehnten der ganze Irrsinn Zuviel geworden war und der nach einem erstklassig abgeschlossenen Studium und hervorragenden Berufsaussichten nach Schottland ausgewandert war und dort Schafe gezüchtet hatte. Den hatte es später aber noch weiter getrieben. Er lebt jetzt in der Wüste von Nevada und macht dort psychedelische Musik. Ja, so unser Fazit, auch eine Möglichkeit. Da ist mir die Idee mit dem Taubenzüchten allerdings lieber, schloss mein Bekannter. Und wir verabschiedeten uns gar nicht einmal so schlechter Laune.

Da ich weder Tauben züchte noch etwas am Hut mit psychedelischer Musik habe, ging ich später am Tag mit meinem Hund in den Wald. Auch das tat gut. Jeder so, wie er denkt. Nur nicht so, wie es ist.  

Taubenzüchten

Alte Katzen, wild wie eh und je

Guru Guru. Electric Cats

Bestimmte Bands erscheinen nie in den Charts und dennoch bilden sie bestimmte Epochen mehr als die viel beachteten. Sie erscheinen wie aus dem Nichts, um mit ihren ersten Signalen zu verstören, sie setzen neue Trends und bleiben ihrer Linie treu. Die Band Guru Guru um den Schweizer Schlagzeuger Mani Neumeier ist ein solcher Fall. Sie wurde 1968 gegründet und verstörte vom ersten Auftritt an das Publikum. Das liegt natürlich an ihrem Repertoire, das von immer neuen, andersartigen, bizarren und frivolen Inspirationen lebt. Mani Neumeier war es, der früh nach Bali reiste, um dort mit Gamelan-Orchestern zu experimentieren. Von dort stammt auch der Name, Guru-Guru ist im Javanischen, das starke Wurzeln im Sanskrit hat, der Plural von Lehrer. Die Band lebt bis heute in Finkenbach im Odenwald und die jährlichen Open-Air-Festivals dort haben wie die Band selbst seit Jahrzehnten Kult-Charakter.

Heute, nach 45 Jahren Bandexistenz, erscheint das insgesamt 30. Album mit dem Titel Electric Cats. Damit hat die Band, durch die unzählige verwegene wie exzentrische Mitglieder wie durch einen Durchlauferhitzer gegangen sind, ein Fazit gezogen, das der alten Linie treu bleibt: Experimentell und gegen den Mainstream, musikalisch exzellent, rockig, psychedelisch und immer auf dem Korridor zur Weltmusik. Dafür sorgen neben Mani Neumeier wieder einmal Roland Schaefer, der seine eigenen Akzente mit dem indischen Blasinstrument, dem Nadaswaram setzt, Hans Reffert, der Lucifer an der Gitarre, der immer wieder bizarre Schleifen durch den Electric Blues zieht, die Gäste Ax Genrich und Helmut Hattler sowie Peter Kühnstedt, der den Bass aus dem Industriezeitalter gerettet hat.

Die einzelnen Stücke sind eine Referenz an den eigenen musikalischen Reichtum. Return Of The Platypus ist eine Kurzrevue über die eigene Entwicklung des originär in der Geschichte der Band verhafteten Rock, der Titelsong, Electric Cats, verzaubert durch seine psychedelischen Eskapaden und verrät etwas über das mentale Konzept von Guru Guru, Rock `N`Roll Machine knallt auf die wurmstichigen Ohren eines jeden Altrockers, Sweet Orbit erinnert an die bewusstseinsverändernden Experimente, Afghani weist auf die Affinität zu asiatischen Erzählweisen hin, A Trip To Gurustan transportiert Jazzelemente in die narrativen Muster von Nomaden, Drumoroto2 zeigt, wie der in Japan mit soviel Respekt verehrte King Of Drums, Mani Neumeier, entlang der Hendrix-Riffs Hans Refferts trotz der überschrittenen 70 mühelos wandern kann, African Beauty vermittelt den unbekümmerten Groove aus der Wiege des Blues, Psylo wirkt wie eine böse Erinnerung an die Magic Mushrooms aus dem Odenwald und Little Figatree, der letzte Song, schafft einen Zugang zu der großartigen Infantilität dieser Musiker, ohne die nie etwas wirklich Neues entstehen könnte, und natürlich souffliert diese Botschaft das Nadaswaram.

Guru Guru haben mit ihrem 30. Album unter Beweis gestellt, dass sie nach wie vor einen Weg gehen, der sich um keine Trends schert. Da werden Traditionen dazu benutzt, um sie einmal anders zu denken und auszuprobieren, wohin das alles führen kann, wenn die Weisen nicht festgeschrieben sind. Das ist vielleicht mutiger denn je, denn als die Band 1968 entstand, wartete die ganze Welt auf kulturelle Veränderungen und arrangierte sich mit den Schocks, die das Neue verursachte. Heute ist das Neue wie der Schock verpönt, für Guru Guru ist beides nach wie vor nichts als ein notwendiger Auftakt.