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Vom Prothesengott zum Prothesenspott?

Unter Anthropologen ist es mittlerweile unstrittig, dass der Homo Sapiens des Neolithikums in seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten dem Menschen der Moderne weit überlegen war. Die Notwendigkeit, ohne nennenswerte Instrumente in einer nicht kultivierten Umwelt überleben zu müssen, war eine große Herausforderung. Das, was unter dem Begriff des Sammlers und Jägers in die Epochenbezeichnung aufgenommen wurde, kennzeichnete das Wissen um das, was essbar und wo es zu finden war, und was wie erlegt werden musste. Dazu kam eine Menge gelerntes körperliches Geschick, Ausdauer und die Fähigkeit, sich ohne Hilfsmittel im eigenen Revier zu orientieren. Dazu dienten die Sterne wie die lokale Topographie und Gerüche. Fachleute könnten das alles noch spezifizieren, doch eines sollte bereits deutlich geworden sein: verglichen mit den Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser antiken Ausgabe des Menschen sind wir bemitleidenswert schlecht ausgestattet. 

Wenn es einzelne Ausgaben der Gattung gibt, die den beschrieben Vorfahren überlegen sind, dann hat das etwas mit der Fähigkeit der Spezialisierung zu tun. Bestimmte, intensiv antrainierte Fähigkeiten wie zum Beispiel im Sport, die zu absoluten Höchstleistungen verhelfen, widerlegen die These nicht, dass die allgemeine Befähigung abgenommen hat, mit Ausnahme des Geistes. Und das scheint der magische Zusammenhang der Entwicklungsgeschichte zu sein. Je mehr der Denkapparat an Befähigung dazugetan, desto geringer wurde die physische und auch die spirituelle Befähigung. Je größer die Sozialisationsanteile durch die Übermittlung kollektiven Wissens, desto geringer der Anteil unmittelbarer Erfahrung.

Die Ursache scheint in dem Umstand zu liegen, dass die erdachten Werkzeuge und Instrumente der direkten menschlichen Ausführung weit überlegen sind, ihre Benutzung jedoch dazu führt, dass die ureigenen menschlichen Fertigkeiten nicht mehr benötigt werden und absterben. Man denke nur an Formulierungen, die als bloße Metapher in unserem Wortschatz verblieben sind, die jedoch als einstige reale Möglichkeiten des Menschen existierten. Oder riecht heute tatsächlich noch irgendwer Gefahr?

Je komplexer in ihrer Funktionsweise und je leistungsstärker die Werkzeuge und Instrumente wurden, desto mächtiger fühlte sich der Mensch, die Formulierung Sigmund Freuds, der in diesem Zusammenhang von einem Prothesengott sprach, bringt es auf den Punkt. Es handelt sich um die Arroganz des Geistes gegenüber dem eignen Körper. Wohin diese Entwicklung geführt hat, lässt sich beobachten. Neben der sich vermehrenden Unfähigkeit von Kindern, die von Pädagogen wie Medizinern als dramatisch bezeichnet wird im Hinblick auf Mobilität, Ausdauer, Geschick und Orientierung machen sich als dessen Ausdruck so genannte Zivilisationskrankheiten breit, die, sollte kein Umdenken stattfinden, in der Lage sind, die Dimension von Epidemien anzunehmen. Es führt übrigens dazu, dass ganz findige Finanzspekulatoren heute in Insulin produzierende Unternehmen investieren. 

Auf der anderen Seite beschert das digitale Zeitalter, in dem der Schlüssel zu jeder Lebenslage in Algorithmen zu liegen scheint, die Befähigung vom Sofa, das versaut ist mit süßen Teilchen und Erdnüssen, ganze Fabriken am Laufen zu halten oder, noch schlimmer, ganze Armeen in Bewegung zu setzen. Der Preis ist nicht nur die Entwicklung eines Großteils der Menschen vom Subjekt zum Objekt, sondern auch seine weitere physische und spirituelle Verkümmerung. Böse formuliert, befinden wir uns mittlerweile auf der Leiste vom Prothesengott zum Prothesenspott. 

Alle Versuche, auf diesen kritischen Konnex hinzuweisen, werden abgetan oder regelrecht verfolgt. Wie immer, bei jeder technologischen Entwicklungsstufe, geht es um die Verfügungsgewalt und den Nutzen. Diese Technologie in den falschen Händen, und der Weg vom Homo Sapiens zur Amöbe ist nicht mehr weit.

Die längste Nacht

Kurz bevor der Schrei der Entlastung aus dem Resonanzkörper eines völlig überreizten Kollektivs erschallt, treffen bereits die nächsten Appelle ein. Waren es über die letzten Wochen die Aufforderungen, alles, was Sinn und alles, was keinen Sinn macht auf jeden Fall noch erledigen zu müssen, so sind es jetzt die Mahnungen zum Einhalten und Verharren in Stille. Ja, wer soll denn mit einem derartigen Tohuwabohu der psychischen und physischen Anspannung und Entspannung überhaupt noch klar kommen? Es ist, so scheint es, als wäre die kulturelle Vorgabe durch ihre Paarung mit dem Konsumismus zu einer idiotensicheren Anleitung zum Irrewerden gediehen.

Erst wird die Leistung über das mögliche Maß gesteigert, dann wird eine Energiezufuhr in Form opulenter Essen organisiert, die geruhsam mit einer kontinuierlichen Überdosis beschrieben werden kann und dann wird eine Ruhe verordnet, die nicht nur nach der gewaltigen Anspannung, sondern auch gar nicht mehr eingehalten werden kann. Der homo sapiens des digitalen Zeitalters hat es generell nicht mehr mit der kontemplativen Ruhe. Er beherrscht sie schlichtweg nicht mehr. Wenn nichts piept, blinkt oder summt, dann fühlt er sich abgetrennt vom Weltgeschehen und laboriert an einem ganz anderen Trauma.

Ja, werden viele sagen, die Kritik an dem, was hierzulande unter Weihnachten figuriert ist so alt wie das Fest selbst und die Verfälschung der Botschaft durch die wirtschaftlichen Begleitumstände einer verfleißigten Gesellschaft mussten schon immer kritisch gesehen werden. Stimmt, aber darum geht es nicht. Vielleicht sollten wir die archaischen Botschaften, die zu diesem Feste anstehen noch einmal freilegen und die religiös darüber gezogene Legende beiseite lassen. Ganz im Sinne strukturalistischer Deutung könnten wir dann zu Sichtweisen kommen, die dazu geeignet sind, positiv weiterentwickelt zu werden.

Heute ist der kürzeste Tag des Jahres, oder anders herum, es ist die längste Nacht. Die Natur hat gemäß ihrer alles in den Schatten stellenden Dominanz wie jedes Jahr unter Beweis gestellt, dass sie bestimmten Regeln folgt. Der Mensch der Moderne in seiner psychopathologischen Selbstherrlichkeit macht daraus genau das Gegenteil. Statt sich in der Nische der Nacht Gedanken über die eigene Nichtigkeit in einem viel bedeutenderem Ganzen zu machen, bläht er sich und sein Geschehen auf, als sei das Schauspiel reversibel. Ist es aber nicht, und deshalb führt der Hype vor Weihnachten auch nie zu einer wie auch immer gearteten Befriedigung. Denn trotz aller Versuche, dieses eine Mal alles in den Griff zu bekommen und zu dominieren, muss er schon im Januar wieder feststellen, dass seine Welt so profan wie vorher weiter geht.

Alles bleibt so wie es ist und der Versuch, der Natur die Macht zu entreißen entpuppt sich als Illusion. Die Geschichte mit dem Christkind, die sich der Abendländer bei diesem dreisten Unterfangen auch noch selbst erzählt, macht die Sache nur noch erbärmlicher. Der Mensch mit seinem Denken wird nunmal nicht zum Gott, da kann er machen, was er will. Was bleibt, nach dem Putsch gegen den großen Plan, das sind schlechte Blutwerte, Übergewicht und wahrscheinlich auch noch eine Beziehungskrise. Wie heroisch! Wäre es da nicht angebrachter, in Demut die Besonderheit dieser Zeit zu genießen, die langen Nächte zu nutzen, um sich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen anstatt unter artifizieller Beleuchtung und Beschallung durch schlechte Musik grelle Pakete durch die Nacht zu schleppen, um sie Menschen vor die Füße zu werfen, denen ein Händedruck oder eine Umarmung wesentlich lieber wäre? Dem Prothesengott geht es schlecht in diesen Tagen, er starrt verstörter denn je in die lange Nacht.

Auf Wallfahrt zum Big Tool

Von Sigmund Freud stammt der Terminus des Prothesengottes. Was er damit bezeichnen wollte und treffend bezeichnete war die Fähigkeit des Menschen, seinen Willen mit Hilfe von Instrumenten durchzusetzen. Zunächst mit einfachen Waffen und Werkzeugen bis hin zu immer höher entwickelten Instrumenten und Mitteln. Indem der Mensch sich diese Instrumente oder Prothesen zunutze machte, so Freud, desto mehr wachse ihm Macht zu, desto mehr unterliege er aber auch der Mystifikation, selbst die Quelle dieser Macht zu sein. Was Freud in dieser Dimension erahnte oder befürchtete, war ein daraus resultierendes irrationales Verhältnis der Menschen zu den sie anscheinend zu allem befähigenden Instrumenten.

Erkenntnistheoretisch später, aber folgerichtig standen dann die kritischen Philosophen Horkheimer und Adorno vor einem Schlüssel zur Deutung der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Faschismus mit seiner Vernichtungs- und Herrschaftsideologie. In den von ihnen verfassten Schriften Zur Kritik der instrumentellen Vernunft und der Dialektik der Aufklärung wiesen sie auf den Zusammenhang von Erkenntnis und Ermächtigung hin und machten deutlich, wie die instrumentelle Erhöhung den Menschen zu desaströsen Fieberphantasien führen kann.

Wer geglaubt hatte, mit den weltgeschichtlich unter großen Schmerzen errungenen Erkenntnissen sei der unkritische Umgang mit Werkzeugen und Maschinen zu ende gewesen und eine demütigere Beurteilung der menschlichen Existenz und ihrer Bedingungen eingezogen, der sollte bitter enttäuscht werden. Obwohl man ostentativ dem größten Exzess dieses Irrglaubens abschwor, führte die weitere Entwicklung der Gesellschaften zu einem Zustand, der den freudschen Terminus des Prothesengottes nunmehr wie eine amüsante Anekdote der Weltgeschichte anmuten lässt.

Die technische Entwicklung erlebte eine Revolutionierung nach der anderen, die Halbwertzeiten des technischen Wissens wurden immer kürzer und die Reflexion über das technisch Machbare und menschlich-gesellschaftlich Wünschenswerte wurde fast vollkommen verdrängt. Wer ein Einhalten, Betrachten und Bewerten in Form eines gesellschaftlichen Diskurses anmahnte, wurde der Rückständigkeit und Träumerei bezichtigt und die einzige Philosophie, die den jugendlichen Sturm und Drang noch befriedigte, war die ungehemmte Beschleunigung.

Am Ende dieser Entwicklung stehen wir heute Protagonisten gegenüber, die ihren Nihilismus hinter positivistischen Weltbildern verstecken, die runenhaft auf Sinnzusammenhänge verweisen, die vermeintlich der Chaostheorie entstammen könnten. Dahinter verbirgt sich schlichtweg die Unfähigkeit, soziale und politische Ziele jenseits ihrer Instrumentierung formulieren zu können. Da wundert es dann kaum noch, dass Ereignisse wie in Fukushima nur noch blankes Entsetzen auslösen. Eine Erklärung für den Wahn der Instrumentalisierung der Welt gelingt zumindest ihnen nicht mehr.