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Der politische Witz in Zeiten der Inquisition

Es wäre eine sehr verkürzte und nur zu einem Bruchteil zutreffende Erklärung, den Niedergang des Humors in der Politik auf den in Berlin und Washington herrschenden Protestantismus zurückzuführen. Eine solche Deutung würde zwar so manchem Nostalgiker des rheinischen Bonns oder der zuweilen barock wirkenden Pfalz ins Kalkül passen. Aber es ist dennoch Unsinn, weil in früheren Zeiten vor allem in der Politik so manche Typen vertreten waren, die aus protestantischem Hause kamen und mit Esprit und Witz nahezu funkelten.

Wichtig ist jedoch die Beobachtung, dass seit einiger Zeit der Witz in der Politik ebenso zurück gegangen ist wie der Lachen über die Politik. Das ist insofern bemerkenswert, als dass beides Politik wie Volk immer als begleitende Erscheinung ausgemacht hat. Über alle Zeiten galt der Witz als hohes Gut politischer Kultur. Das geht zurück bis in die Antike und wurde immer nur dann unterbrochen, wenn brutale Diktaturen den Prozess der Zivilisation unterbrachen. Dann wurde der Humor auf Seiten der Mächtigen durch Zynismus ersetzt und das Volk hatte in Gleichnisse und Parabeln zu flüchten, um den Dissens noch zum Ausdruck bringen zu können.

Der Zeitpunkt, an dem sich das Lachen hierzulande aus der Politik verabschiedet hat, fällt mit dem Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung und dem folgenden Umzug der Regierung nach Berlin zusammen, ist aber nicht die Ursache. Doch seit dieser Zeit machte sich, in Bezug auf das eigene politische System, eine Art Triumphalismus breit, der sich nach und nach zu einem Überlegenheitsgefühl entwickelte, das sich mit den Ideen von einer neuen Lebensweise paarte, die vieles von dem in sich trug, was die vielen, unterschiedlichen und pittoresken Reformbewegungen der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts bereits vorgelebt hatten. Aus der inneren Überzeugung erwuchs ein todernstes Bekehrungsbewusstsein, das bis heute vieles von dem Moralismus in sich trägt, der sich jeden Tag im Sprachgebrauch der Politik manifestiert.

Moralismus und ein sich immer weiter entwickelnder Kodex des politisch Korrekten haben zu einem Mechanismus geführt, der seit der Heiligen Inquisition in allen Aspekten zwar bekannt, dessen Wirkung durch die Erkenntnis dennoch nicht außer Kraft gesetzt ist. Das in der Politik etablierte Sendungsbewusstsein hat sich gepaart mit der Angst in großen Teilen der Bevölkerung, etwas zu formulieren, das nicht mit dem politisch Korrekten korrespondiert. Es dreht sich nicht mehr um eine politisch andere Meinung, sondern um ein verfolgenswertes falsches Weltbild, das sich in dem Dissens zur herrschenden Politik vermuten lässt.

Es wäre eine empirische Untersuchung wert, wann es begonnen hat, das Verschwinden des politischen Witzes, der Karikierung von Politik in der Bevölkerung und der humoristischen Überzeichnung bestehender Politik. Fest steht, dass diese zum Prozess der Zivilisation gehörenden Phänomene nahezu ausgestorben sind und wir uns, um bei der historischen Einordnung zu bleiben, in einem Zeitraum befinden, der nicht zu diesem Prozess dazugehört, sondern ihn unterbricht. Wenn es nichts mehr zu lachen gibt, dann herrscht ein inquisitorischer Extremismus.

Da ist es kein Wunder, aber bezeichnend, dass ausgerechnet das politische Kabarett das letzte Refugium ist, in dem politischer Dissens formuliert werden kann. Allerdings auch dort ohne das Lachen. Ganz im Gegenteil. Das zeitgenössische politische Kabarett ist eine Wohltat, weil dort noch Tacheles geredet werden kann. Ganz ohne Humor. Ganz ohne Lachen. Das hat, zumindest in dieser Phase der Geschichte, die zeitgenössische Inquisition durch Angst und Schrecken einkassiert.

Inquisition als Dernier Cri

Journalistisch ist es wie ein üppiges Bacchanal. Was wäre bloß, gäbe es nicht in der Provinz einen Bischof, dessen Namen bis vor kurzem niemand kannte und der verantwortlich zu sein scheint für ein Bauvorhaben, dessen Preise explodieren. Nicht, dass es nicht Projekte dieser Art gäbe, gegen die der Sitz in Limburg wie eine Petitesse erscheint. Die Elb-Philharmonie zum Beispiel, der Stuttgarter Bahnhof oder, schlimmer noch, der Berliner Flughafen BER. Bei letzterem wird von mehr als eine Milliarde gesprochen, wobei keiner mehr so richtig zu wissen scheint, mit wieviel er veranschlagt wurde und wieviel er letztendlich kosten wird. Bis auf eine laue Polemik und der einen oder anderen Diskussion um Projekte, bei denen es um die direkte Verwendung von Steuergeldern geht, hielt sich die Berichterstattung bei den genannten weitaus skandalöseren Geschichten in bescheidenen Grenzen.

Bei dem etwas wie ein Maniak aussehenden kleinen Bischof von Limburg ist das anders. Der verstopft die News Ticker wie einen alten, maroden Siphon. So, als gäbe es keine tatsächlichen Probleme in unserer bewegten Welt, als verhandelten die Parteien nicht über eine neue Regierung, die sich mit den Auswirkungen der Weltfinanzkrise, den Lebensbedingungen im eigenen Land, den notwendigen Investitionen in die Zukunft, der europäischen Wirtschaft oder einer endlich einmal durchdachten Einwanderungspolitik wird befassen müssen, schwirmelt der Name Tebartz-van Elst wie eine Droge durch die medialen Hirne.

Dabei gehörte es immer zum Wesen des Katholizismus, dem Herrn und seinen Vertretern auf Erden den Prunk zu gönnen, der der großen Gemeinde der Gläubigen in ihrem irdischem Dasein verwehrt blieb. Nicht nur der römische Petersdom oder der zu Köln, in ganz Europa existieren Belege dieser großartigen Architektur, die dem Gedanken der Herrlichkeit folgte und die sich nicht an profanen Kategorien wie der der Zeit oder des Geldes orientierten. Irgend etwas hat sich wohl verändert in der Welt der Katholiken und in der der öffentlichen Meinung. Und, man sollte vielleicht und gar nicht so zynisch die Frage formulieren, ob sich das zentraleuropäische Christentum vom Urgedanken des Katholizismus weg bewegt und sich der protestantischen Kälte und Unduldsamkeit zuwendet?

Wenn es so ist, dann würde das in Deutschland niemanden besonders verwundern, denn es läge im Trend vom Wechsel der Bonner zur Berliner Republik. Verwunderlich ist nur, dass die Maßstäbe hinsichtlich der tatsächlichen Größenordnungen bei dem konkreten Fall des Limburger Bischofs und seiner geplanten Residenz gravierend verrückt wurden. Wieso, so die mehr als berechtigte und gerechte Frage, ist der öffentliche Diskurs nicht ähnlich aufgeregt bei den politisch auf den Weg gebrachten Projekten, die teils selbst ohne Zusatzwünsche hinsichtlich individuellen Luxus dermaßen aus dem Ruder gelaufen sind. Nirgendwo eine politische Konsequenz, kein Rücktritt, ein Stopp. Nichts, wonach die Journaille und der vermeintliche Zorn der Öffentlichkeit im Falle Tebartz-van Elst so dürstet, wurde jemals im Falle der politischen Dimension so hart gespielt.

Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei dem medialen Design abermals um eine Finte propagandistischer Logik handelt. Das Kalkül ist so alt wie einfach: Greife einen Fall auf, skandalisiere ihn und benenne einen Sündenbock. Etwas Wahres ist natürlich daran, denn so ganz wirsch wirkt dieser Sündenbock nicht. Die Frage sollte dennoch sein, wovon er ablenken soll. Das ist schäbig. Inquisition als Dernier Cri! Und das Volk? Es schreit „Kopf ab!“, geht nach Hause und legt sich ins Bett!