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Dummdreiste Geschichten als Running Gags

Bereits im letzten Jahr erzählte mir eine Frau, die sich zusammen mit ihrem Mann für einige Zeit in Kiew aufgehalten hatte, von ihren dortigen Gesprächen und Erfahrungen. Quasi nebenbei war ihr aufgefallen, dass die immer noch von den meisten Ukrainern benutzte Sprache das Russische sei, und es war zu registrieren, dass es eine offizielle Darstellung des Zustandes im Krieg gab und sie andererseits in vielen Gesprächen jenseits des Protokolls und mit denen, denen in der Regel niemand ein Mikrophon vor das Gesicht halte, ganz andere Geschichten zum Vorschein kamen. Dass nämlich die Bevölkerung kriegsmüde sei, dass alle Angst hätten, dass noch die letzten wehrfähigen Männer aufgespürt und in den Fleischwolf geworfen würden, obwohl alle wüssten, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen sei und dass der Wunsch nach Frieden bei allen an erster Stelle stehe. Auf die Frage der hier zitierten Frau, warum man denn dann nicht zum Ausdruck bringe, dass Schluss sein müsse mit dem Wahnsinn, sei sie jedesmal mit der Gegenfrage konfrontiert worden: Wann hört ihr denn endlich auf, Waffen zu liefern?

Diese Geschichte, die, wenn man den Verlauf dieses Krieges einigermaßen verfolgt hat, nichts Unerwartetes beinhaltet, fiel mir heute morgen wieder ein, als in den Nachrichten vermeldet wurde, dass Saboteure versucht hätten, Anschläge auf Waffentransporte aus Deutschland zu verüben und bei den Planungen verhaftet worden seien.  Bei den drei Festgenommenen handele es sich um ukrainische Staatsbürger. Und, wie sollte es anders ein, es wurde umgehend der Verdacht geäußert, dass sie durch den russischen Geheimdienst beauftragt worden seien, derartige Sabotage zu betreiben.

Für alle, die es noch nicht wissen: in der aktuellen bundesrepublikanischen Gesellschaft fungieren derartige Meldungen mittlerweile als Running Gags. Und da es nicht aufhört, quasi täglich mit irgendwelchen Fantasiegeschichten aufzuwarten, um die abstrusen Feindbilder des eigenen, maßgeblich von der Waffenindustrie instrumentalisierten politischen Personals fortzuschreiben, stellen sich, oberflächlich betrachtet, zwei Fragen.

Die erste widmet sich der Vermutung, ob die bundesrepublikanische Propaganda mittlerweile Weltklasseniveau erreicht hat? Und die sich anschließende wäre die, inwieweit es sich bei dem deutschen Publikum um das global manipulationsaffinste, oder, um es brutal zu formulieren, das dümmste auf diesem Planeten handelt?

Zur Beruhigung der verirrten Leserschaft, seien die Antworten gleich gegeben:  Die Flachheit und Idiotie der Propaganda ist mitnichten auf Weltniveau, sondern sie dokumentiert nichts anderes als den mentalen Verfall aller Organe, die sich diesem nichtswürdigen Geschäft verschrieben haben. Und das deutsche Publikum hat, jenseits der offiziell geäußerten Statements, die Armseligkeit des Dargebotenen längst durchschaut und treibt es auf dem Hof des populären Humors längst vor sich her. 

Natürlich, verehrte Informationskoryphäen, auch wenn es Ukrainer sind, so steckt dahinter doch der Russe. Das Beruhigende an diesen hirnrissigen Geschichten, denen nur noch die politisierte Waffenlobby bereit ist zu folgen, ist die Analogie zu der jeweiligen Atmosphäre, die vorherrscht, bevor ganze Kartenhäuser einstürzen und ganz reale Kassenzettel auf den Tisch gelegt werden. Dann bleibt kein Auge trocken. So ist es jedesmal. Auch jetzt. Verzagen Sie nicht! Am Lohntag wird sich zeigen, wer gebummelt hat!    

Dummdreiste Geschichten als Running Gags

Tägliche Nachrichten existieren nicht mehr

Manche Kategorien sind überflüssig geworden. So etwas wie tägliche Nachrichten existieren nicht mehr. Kennzeichnete man das, was in den Journalen gemeldet wird, entweder als irrelevanten Trash oder als nächstes Schreckgespenst auf dem Weg in die Tiefe, läge man wahrscheinlich gar nicht so falsch. Es wird immer mehr zum Rätsel, welcher Geist die Nachrichtenredaktionen treibt, wenn sie sich überlegen, womit sie den Plebs am nächsten Morgen überraschen wollen. Das ist immer ein Bündel Ideologie, wenn politisch gravierende Ereignisse mit der ätzenden Schicht der Doppelmoral überzogen werden. Und da ist das Belanglose im Superlativ, wenn es um die Insolvenz eines Briefmarkensammlers im fernen Panama geht. Der Eindruck soll erweckt werden, dass die abgedunkelten Leuchttürme des Journalismus alles im Blick hätten.

Filtert man den belanglosen Unsinn heraus, der immer dazugehört, um alles nicht allzu schlimm erscheinen zu lassen, dann ist das Substrat eine tödliche Mischung. In jeder Hinsicht. Kriege sind hierzulande Normalität geworden, unabhängig davon, wer sie anzettelt. Immer dabei ist die Devise. Und die Rolle in diesem Spiel der ethischen Verkommenheit wird dann die Übernahme von Verantwortung genannt. Verantwortung, ernst genommen, ergreifen sie eigenartigerweise im Alltag, in der Routine nicht. Entscheidungen, die notwendig sind, werden nicht getroffen. Da macht man sich einen schlanken Fuß. Geht es allerdings um ein globales Inferno, das man dabei ist mit zu entfachen, entdecken diese Hasenherzen plötzlich das große Wort.

Und diejenigen, die in einer Art mentalen Betäubung den ganzen Unsinn über sich ergehen lassen, ohne aufzustehen und zu rebellieren, werden vermutlich erst dann zu Verstand kommen, wenn der Stellungsbefehl für sie selbst oder ihre Kinder ins Haus schneit. Dann geht es nicht mehr um die Gurgel irgendwelcher Ukrainer oder Russen im vermutet fernen und Palästinenser wie Israelis und Libanesen im so genannten Nahen Osten, sondern um das eigene Fell. Ist der Brief mit der Einladung für den Fleischwolf jedoch erst einmal im Haus, wird es zu spät sein. Dann kommt die Rechnung für das große Mundwerk am Ring des Geschehens ohne Möglichkeit der Verweigerung. Bestellt haben das andere, fragen Sie sie im Ernstfall bitte nochmal nach ihrer Verantwortung.

Die Gewöhnung an die täglichen Unmöglichkeiten, an den ganzen Irrsinn der öffentlichen Argumentation, mit ihren ausstaffierten und geschminkten Sprachautomaten, die in einem Friseursalon gut unterbracht wären, aber nicht an der Rädern des Weltgeschehens, versetzt das Publikum auf Sicht in den Zustand der eigenen Unzurechnungsfähigkeit. Und wir sind kurz davor, dass diese Phase erreicht ist. Mit dem propagandistischen Großprojekt, das seit einem halben Jahrzehnt läuft und das den demokratischen Konsens der Vorzeit mittlerweile zu extremistischen Verschwörungstheorien deklariert hat, wird ein wahrhaftes Gemetzel gut vorbereitet sein. 

Sollte es zur eigenen Kriegsbeteiligung kommen, mache man sich keine Illusionen: Konventionell militärisch sind die Russen in den sprichwörtlichen 15 Minuten auf dem Kurfürstendamm. Die post-heroische eigene Truppe wird es mitnichten richten können. Und atomar steht das Großmaul leer da. Denn der Verbündete denkt zunächst einmal an sich. Übrigens wie alle vernunftbegabten Wesen. Im Nachhinein, wenn es ein solches geben wird, wird man zu der. Auffassung gelangen, dass etwas mehr Demut in der internationalen Politik einem Konstrukt wie Deutschland und der EU ganz gut zu Gesicht gestanden hätte.  Aber zunächst das Gemetzel. Am Steuer steht bekanntlich eine Bombentruppe, die das Ziel nicht verfehlen wird! 

Fundstück: Die Olympiade und die Propaganda

Alle vier Jahre hallen irgendwo im Äther die bedeutungsvollen Worte, dass sich die Jugend der Welt träfe, um sich in fairem Wettkampf zu messen. So schön die olympische Idee auch sein mag, so verlogen ist sie im Kontext mit den Veranstaltungen, die sich in der Neuzeit Olympiaden nennen. Sie sind, um es gleich einmal auf einen provokativen Punkt zu bringen, ein Showroom der jeweiligen Leistungsfähigkeit: in puncto Mensch als Produktionsfaktor, in puncto maschinell-wissenschaftlichen Equipments und in puncto Organisationskompetenz des Standortes. Auch das ist sehr interessant, nur sollte man eine andere Perspektive wählen, um auch das genießen zu können.

Es waren die Deutschen, die zu den drei obigen Faktoren noch etwas anderes hinzufügten, das heute ebenso nicht mehr weg zu denken ist, nämlich die Propaganda. Heute nennt man das Marketing und Kommunikation, vom Wesen und der Qualität allerdings bleibt es Propaganda. Die olympischen Spiele von 1936 in Berlin waren für die Nationalsozialisten die Gelegenheit, sich der Welt als ein modernes, junges und begeisterungsfähiges Land zu präsentieren, während die Folterkeller und Gefängnisse bereits prall gefüllt waren mit Oppositionellen jeder Couleur und der rassistische Wahn schon große Teile der Intelligenz nahezu in den Irrsinn getrieben hatte. Dennoch drangen frohe Botschaften aus Berlin in die damals freie Welt und das Debakel der späteren Appeasement-Politik gegenüber Hitler wäre ohne Olympiade sicherlich weniger wahrscheinlich gewesen.

Neben den Registern, die heute, im Jetzt, von den jeweiligen Ländern gezogen werden, um das Land international gut darzustellen, existiert auch eine mediale Rezeption im Rest der Welt. Die Gretchenfrage lautet in diesem Kontext: Welche propagandistischen Fragmente nimmt man bereitwillig auf und wo konzipiert man eine Gegenpropaganda und verrät damit seine eigene, teils desolat totalitäre Position? Die jüngere olympische Geschichte ist reich an Beispielen und das, was sich hier in Deutschland, im Land der Blaupause olympischer Propaganda so abspielte und abspielt, ist schon ein wonniges Programm, nämlich oberflächlich, reaktionär und von Ressentiments getränkt.

Australien war so ein Fall, wo alle Hemmungen fielen, als man das Land als ein Eldorado für Freigeister und Individualisten darstellte, und die lieben Aussies als possierliche Zeitgenossen ohne mit einer Silbe zu erwähnen, dass es sich dort um die weißeste Gesellschaft auf unserem Planeten handelt, mit einer repressiven Politik gegenüber Minderheiten und einem Herrschaftszynismus ohnegleichen. Griechenland wurde zelebriert als ein Coming Home der olympischen Idee, ohne bis heute ein Wort darüber zu verlieren, dass die damit verbundene Verschuldung des Landes den Grundstein für die heutige Schuldknechtschaft gelegt hat. Die USA sind natürlich immer eine Projektionsfläche für die eigenen Vorurteile und die Bewunderung durch das Mittelmaß, China war das typisch Totalitäre, das wir, natürlich, hier ja gar nicht kennen. Großbritannien war großartig bis zum Tränensturz, obwohl sehr klar war, dass das Land sich durch sein Einschwören auf den Finanzkapitalmarkt und den Abschied vom Proletariat bereits auf ein russisches Roulette vorbereitet hat.

Und nun Russland selbst, das bei der Eröffnungsfeier eine ähnlich narrative Dramaturgie bezüglich der eigenen Geschichte gewählt hat wie vor zwei Jahren London, Russland entpuppt sich natürlich als die dämonische, kolossal rückständige Gesellschaft, die es immer war. Natürlich kann man kritisieren, alle Länder, denn alle haben Probleme und Fehler, und Russland ist ein besonders schwerer Fall, aber es wird dennoch Propaganda, wenn die eigene Glaubwürdigkeit der Strapaze des Vergleichs nicht standhält. Russland als Vielvölkerstaat zu kritisieren, mit einer Diversität, zu der hier nicht einmal die Phantasie ausreicht, wenn selbst 100.000 Immigranten aus Bulgarien zum mentalen Supergau führen, ist lächerlich.

8. Februar 2014