Die Ereignisse in Großbritannien mit den Unruhen in London und deren Fortsetzung in Manchester, Birmingham, Leeds und weiteren Zentren ehemaliger industrieller Wertschöpfung haben auf eine Entwicklung aufmerksam gemacht, die in den alten Zentren Europas fortschreitet und den Kontinent von seiner Bedeutung massiv bedroht. Besonders der britische Trend ist scharf konturiert: Das ehemalige Zentrum kapitalistischer Manufaktur und industrieller Produktion hat sich seit der Regentschaft von Margaret Thatcher mit der Brechstange in die post-industrielle Gesellschaft geschlagen. Statt einer geographisch dicht angesiedelten Verkettung von Wertschöpfungsprozessen hat man sich dem Handel an den Finanzmärkten verschrieben. Die City of London mit ihrer Unbezahlbarkeit und die systematische Vernichtung industrienahen Wohnraumes im Londoner East End dokumentieren den Trend deutlich auf dem Sozialatlas: Couponschneider rein, Proleten raus!
Analog zu der britischen Konzeption sind in vielen europäischen Zentren Stadtplanungsszenarien in der Realisierung. Es ist nicht überall so schamlos und dreist wie in London, von der Tendenz her aber verwandt: Man will das Geld zurück in die Zentren ziehen und die Arbeiterbevölkerung an den Rand, wenn möglich sogar ganz heraus drängen. Auch in der Bundesrepublik sind diese Konzepte keine Seltenheit und sie sind alle auf die gleiche Denkart zurückzuführen: Kreativität und Diversität eines neuen Mittelstandes, der sich von dem Gemeinwohlgedanken weit entfernt hat, ist die bevorzugte Zielgruppe, während die Working Class mit ihren Bildungs- und Beschäftigungsproblemen sowie ihrer geringen Kaufkraft nur stört. Das trifft nicht nur auf London und Paris, Brüssel und Hamburg, Rotterdam uns Paris zu, sondern äußert sich bis in die europäischen Urlaubsgebiete. Selbst der ehemals als El Dorado proletarischer Freizügigkeit gepriesene Ballermann auf Mallorca ist nun dem Design eines niederländischen Landschaftsarchitekten übertragen, um eine Oase mittelständischer Besinnlichkeit zu kreieren.
Wie es scheint, ist die Übersteigerung der plutokratischen Wertvorstellungen einem bösen Trugschluss unterlegen. Viele der durchaus entwickelten europäischen Regionen gehen von dem Irrglauben aus, die monetäre Umverteilung über Dienstleistung gleiche einem Prozess der Wertschöpfung. So böse kann es enden, wenn man den billigsten Ideologisierungen von Wirtschaftsmechanismen erliegt. Werte, so wird es wohl auch in Zukunft bleiben, werden nur geschaffen, wenn aus verschiedenen Grundstoffen vermittels menschlicher Arbeit neue, artifizielle Produkte entstehen, die sich zum Konsum eignen und auch nachgefragt werden. Wer dieses verkennt, treibt bereits mit Strömung auf der lehmigen Themse Richtung offenes Meer.
Gerade Großbritannien ist das beste Beispiel, um zu dokumentieren, wie man aus dem ehemaligen Zentrum industrieller Wertschöpfung ein Wolkenkuckucksheim von Couponschneidern machen kann. Die Folge sind Abwehrreaktionen derer, die traditionell die Werte geschaffen haben, und die nun keiner mehr sehen will. Ein Armutszeugnis, aber wie sollte es auch ohne Wertschöpfung anders sein?
