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Der Positivismus und das Schulgeheimnis

Alles, was ist, ist vernünftig. Mit diesem Satz legte Hegel, ohne es zu wissen, aber vielleicht mit dem Anflug einer Ahnung, den Grundstein für den Positivismus, der sich aus der Verwissenschaftlichung und Technisierung der Welt herauswühlte und zum Mantra unserer Tage gedieh. Heute könnte dieser Hegelsche Satz, der ihm selbst unter seinen Anhängern den schweren Vorwurf des staatstragenden Philosophen eintrug, noch um eine Sequenz erweitert werden, sofern er die Logik des Positivismus fortführen sollte. Er hieße dann: je mehr etwas ist, desto vernünftiger ist es. Allen, denen sich jetzt der Magen umdreht, sei gesagt, dass diese Reaktion eher für ihren Verstand und ihr politisches Bewusstsein als gegen beides spricht. Der dogmatische Trieb, alles Existierende nicht nur zu legitimieren, sondern es auch noch als das Erstrebenswerte zu legitimieren, ist an Trivialität kaum zu überbieten.

Der Positivismus, so wie er heute kolportiert wird, ist der Triumph des Profanen über eine wie auch immer geartete strategisch orientierte Zweckvorstellung über die Zukunft. Er legitimiert jeden Dreck, weil seine numerische Häufigkeit sich selbst genügt. Wohl dem, der sich darauf einrichten kann, denn der lebt in einer Welt, die nichts zu wünschen übrig lässt. Die Kritik an Hegel, es handele sich um einen staatstragenden Satz, ist allerdings für den ausgewachsenen Positivismus eine zu seichte, weil sie das Wesen des positivistischen Mantras nicht im Geringsten beschreibt. Dieses Mantra kann nicht staatstragend sein, weil es funktionierende Staatswesen vernichtet, und es ist auch nicht konservativ, weil es Werte nicht kennt und folglich auch nicht erhalten kann. Das Einzige, wozu dieses Mantra geeignet ist, bleibt die Umdeutung der Welt aus einer Verbesserungswürdigkeit in eine Endzweckaufnahme derselben. Die Schlechtigkeit erhält ihre Legitimität, weil sie ist. So einfach und so erbärmlich ist das.

Und ja, es existiert eine Kritik an dieser Denkweise. Es ist eine Kritik, die aus einer romantischen Seele entspringt, die aber deshalb nicht verachtet werden soll. Es ist die Kritik an der raubtierhaften Verwertung des Existenziellen an sich, an der Wegwerfmentalität gegenüber Natur und Mensch, an der Technokratisierung und der Wachstumsideologie. Das Gegen-Mantra zu dem des Positivismus entstammt der ökologischen Reformbewegung und sein Repetitum ist das der Nachhaltigkeit. Dem Raubtier wird das zarte, über die Generationen herausragende, weil langfristig gedachte und gepflegte Pflänzchen entgegengesetzt. Die verbale Inflation des Begriffes der Nachhaltigkeit illustriert das große Bedürfnis nach einem Gegenplan gegen die Zerstörung und Verschwendung eines Systems, das sich mit dem Positivismus so gut beschreiben lässt. Angesichts der sich immer wieder auf moralische Kategorien zurückziehenden Programmatik rückt das Lager um den Terminus der Nachhaltigkeit jedoch in die Nähe religiöser Abwendung. Aus einem romantisierenden Mantra entsteht nun mal kein politisches Programm, allenfalls Nischen für Privilegierte.

Hegel hatte seinen berühmten Satz, dass alles, was sei, auch vernünftig sei, bereits in seiner Antrittsvorlesung in Berlin den dürstenden Studenten vor ihre knirschenden Schreibfedern geworfen. Das war nicht das, was sie von dem Schwaben erwartet hatten und es folgten fruchtbare Jahre eines Streites, der letztendlich den Weg ebnete, der schon vor der Etablierung des Positivismus dessen Überwindung abzeichnete. Es waren die so genannten Junghegelianer, die ihren Meister vor sich hertrieben, bis er ihn aussprach, jenen Satz, der danach als das Schulgeheimnis der Hegelschen Philosophie von Universität zu Universität und dann, allmählich auf alle Plätze der politischen Reflexion gleich einem Kassiber geschmuggelt wurde. Es war der ebenso schlichte Satz: Alles, was vernünftig ist, muss sein! So einfach kann die Erkenntnis sein, gerade und eben auch in den Zeiten des Positivismus.

Die Renaissance des Empiriokritizismus

Die Geschichte ist ein Rondo. Ganz wie die musikalische Figur aus der Renaissance scheint so einiges zu funktionieren. Immer, wenn es sich um den Lauf der Dinge dreht, und immer, wenn es um die Erkenntnis über die Welt geht, treten bestimmte Analogien auf, die mehr dem menschlichen Grundmuster zu entspringen scheinen als dem Zeitgeist. Das ist so zu beobachten bei Staatsformen, das ist so zu beobachten bei bestimmten Regierungsstilen. Es ist aber auch so, wenn es um bestimmte Moden geht, sei es bei der Kleidung und dem sozialen Verhalten, sei es bei Modellen der Welterklärung. Es ist spannend. Denn bei der historischen Betrachtung öffnen sich plötzlich Perspektiven, die bei der Erklärung der Gegenwart behilflich sein können.

Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hatte in vielerlei Hinsicht die Genetik für große Ereignisse. Dass sie in dem bis dato desaströsesten Krieg aller Zeiten aufgehen sollte, war nicht von Anfang an sicher. In der Kunst wirkte noch das Fin de Siècle nach, eine Art Endzeitstimmung, die bereits suggerierte, dass so viel Anfang noch nie vorher war. Das ging bis zu Dada, einer radikalen Form des Avantgardismus, die vor allem mit der Zerstörung des Ganzen und der Etablierung des Schocks arbeitete. Die Kunst, so könnte man sagen, kam der folgenden Apokalypse emotional sehr nahe. In der politischen Theorie erhob sich mit aller Macht der sozialdemokratische Korporatismus, der sich seinerseits vor einer Art Endkampf mit der ständischen Gesellschaft befand. Und in der Philosophie schwankte die Welt der Erkenntnis zwischen den neuen Gewissheiten des Materialismus und der zunehmend an Verve gewinnenden Teleologie des Individuums.

Gerade letzteres ist sehr erhellend. Die in dieser Zeit sehr gefeierte Theorie des Empiriokritizismus war genau die passende Antwort auf die Moderne, den mit ihr einhergehenden Industrialismus und das Bedürfnis nach kollektiven Lebensmodellen. Es war die erst große Überhebung des Individuums als Endzweck der Geschichte. Der Lehrsatz des Empiriokritizismus, seinerseits die Mutter aller bis heute folgenden positivistischen Ansätze, ist die einfache Feststellung, dass sich die vergegenständlichte Welt nur da abspielt, wo wir sie als Individuum wahrnehmen können. Alles, was außerhalb dieser Wahrnehmung stattfindet, findet gar nicht statt und ist Illusion. Dass es ausgerechnet Lenin war, der dieser Erscheinung des Zeitgeistes ein ganzes Buch widmete und seine Vertreter Mach und Avenarius regelecht mit seiner Feder sezierte, wundert da nicht mehr. Materialismus und Empiriokritizismus hieß das Buch, und damit war alles gesagt.

Nun, der Empiriokritizismus ist in Form des zeitgenössischen Positivismus bereits wieder seit langem en vogue. Und die Kernaussage ist bereits seit Dekaden formuliert: Die Welt existiert nur dort, wo meine Vorstellung ist. Und wo ich nicht bin, da ist kein Sein. Das erkennen wir sofort als die große Daseinsphilosophie des Couponschneiders, der nicht mehr aktiv in die Gestaltung der Welt eingreift, sondern sich nur noch an ihrer Aufteilung zu schaffen macht. Es ist die Theorie einer erneuten Individualisierung, in der Termini wie aktive Gestaltung und Verantwortung keine Bedeutung mehr haben. Prognostisch gesehen wird es interessant werden, wenn es um die Ereignisse geht, die dieser teleologischen Stimmung, die die Renaissance des Empiriokritizismus ausdrückt, folgen werden. Wird es wieder nur mit einer historischen Tabula rasa gehen? Ist der Krieg die Vorbedingung einer neuen Sinnstiftung nach der individualistischen Übersteigerung des gesellschaftlichen Seins? Die Kritik der positivistischen Weltsicht wäre ein guter Einstieg in die Verneinung der Frage.